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Junges Theater

Vor einem Bild rumstehen ist nicht weiter schwer, denkt sich Dave, der seinen Job als Rausschmeißer in einem Nachtclub gekündigt hat. Manchmal bricht eben die Wut aus ihm raus über all die Blödmänner, die den Streit suchen, den er eigentlich vermeiden will. Solide Arbeitszeiten in einem Museum, wo kein Blut fließt, bekommen auch dem Familienleben besser als die langen Clubnächte. Realist ist Hornbys Kunstneuling schließlich auch. So ohne Ausbildung und irgendwelche besonderen Qualifikationen sind die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt ja ziemlich beschränkt. Und ob das nun Kunst ist, was die Leute betrachten, die da durch die Gänge latschen, kann ihm auch ziemlich egal sein, solange sie die verabredeten Verhaltensregeln einhalten.

Der frisch geschulte Wächter, der jetzt einen NippleJesus vor den Attacken einer aufgebrachten Öffentlichkeit schützen soll, sieht das allerdings schon bald ganz anders. Dass dieses Jesusportrait aus unzähligen Brustwarzen collagiert wurde, ist zwar nicht ok. Aber das ist schließlich von weitem gar nicht zu erkennen. Dave ist ziemlich einfallsreich, wenn es darum geht, diese spekulierenden Voyeure mit ihrer moralischen Empörung auf Distanz zu halten. Auch die Künstlerin hat es ihm angetan, weil sie so gar nicht den Eindruck macht, als ob sie mit dem Bild eine provokante Freak-Show im Sinn gehabt hat und ihm gegenüber so liebenswürdig auftritt. Er gerät in eine böse, fast schon hinterlistige Falle mit seinen Beobachtungen und schließlich auch mit seinen Fäusten.

Nick Hornbys Figur ist selten um einen Spruch verlegen, wenn es um einen wenig spekulativen Lebensalltag geht und auch, weil er mit seiner Einschätzung der Ausstellungsbesucher und des Galeristen, der Pressemeute und dem Aufgebot an Selbstdarstellern selten danebenliegt. Das gibt Sympathiepunkte, die Daves impulsive, manchmal ziemlich wütende Seite immer wieder verblassen auch lassen. In der Inszenierung von Maik Priebe überwiegt allerdings der zornige Underdog, der von seiner Umgebung einfach wahrgenommen werden und nicht all die ignoranten Attitüden mit sich allein ausmachen möchte. Auch Michael Johannes Mayer betont diese Seite der Figur, deren Verletzlichkeit sich zwar in Worten mitteilt, dies aber fast immer mit diesem rauen Unterton, als ob er nur darauf wartet, dass demnächst wieder jemand Alarmstimmung macht und das an ihm auslässt.

Sein Nick stellt nicht nur fest dass es ohne akademische Altlasten möglich ist, mit einem Kunstwerk ins Gespräch zu kommen. Auch was Vorbehalte über diesen NippleJesus angeht, und wie Mehrheitsmeinungen hier mal wieder dem gerade opportunen Trend folgen, registriert sie auch ein aufmerksamer Chronist, dessen fast schon süffisant anmutende Kommentare sich nicht immer mit der Angry-Young-Man-Stimmung vertragen.

Dennoch ist dieser Theaterabend ein willkommenes Startup ganz im Sinne des Kunsthauses. Das möchte seine Besucher:innen ja nicht nur mit dem Innenleben des Gebäudes und der Ausstellung mit den Arbeiten von Rony Horn vertraut machen, sondern die Galerieräume auch mit Stücken, Texten und Musik bespielen. Nick Hornbys Dave geht seinen vermeintlichen „Scheißjob“ ja doch eher offen an, auch wenn er sich mit den Umständen erst mal anfreunden muss. Und mit ihm gibt Michael Johannes Mayer seinem Publikum dann unmittelbar unterhaltsam zu denken. Da die Aufführung nur für 10 Zuschauer:innen gedacht ist, entwickelt sich im Bühnenraum mit dieser Rony Horn Werkschau eine Atmosphäre, bei der der Schauspieler jeden einzelnen Theatergast in ein Gespräch verwickelt. Wenn es dann um die Frage geht, was von der Kunstszene zu halten ist, wenn es um spektakuläre Events geht, wie spekulativ dann nicht nur die Reaktionen ausfallen und was das alles noch mit der Liebe zur Kunst zu tun hat, punktet NippleJesus vom Feinsten.orn Wderkschau

 NippleJesus von Nick Hornby hatte am 11. Juni im Kunsthaus Göttingen Premiere. Zwölf weitere Vorstellungen stehen bis zum 21. Juli noch auf dem Spielplan des Jungen Theaters.

 

 

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