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Moringen

»Der schönste Tag« – komisch ironisch verspielt und so schön schräg

Andächtig flanieren und lauschen ist offenbar bei diesem Theaterspaziergang mit dem Moringer Bürgertheater interkulturell nicht vorgesehen Denn jetzt holt die Inszenierung der Stillen Hunde mit den Texten von Stefan Dehler erst recht Schwung. Selbst Kenner der Grimmschen Märchenwelt müssen sich in dieser wunderbar ironisch Textcollage über liebessehnsüchtige Paare und seltsame Begegnungen mächtig sputen, weil keine Episode den vertrauten Verlauf nimmt. Da können nicht mal der Fischer und seine Frau ihr klassisches Duell um Glück und Wohlstand und noch mehr lukratives Glück ausfechten, weil der Angler (Mohamad Dalil) am Parkteich einen schweigenden Fisch in seinem Eimer hat und sich einfach über seinen Fang freut. Den wird auch die Frau (Ina Rath) nicht zum Sprechen bringen, die mit ihren gut situierten Verhältnissen hadert, weil es sonst nichts zu nörgeln gibt, und sich mit keiner Glücksvision zufrieden geben mag, über die ihr der Angler mit einem weisen Lächeln zu denken gibt.

Zu einer wetterwendischen Begegnung kommt es auf einer Wiese, an die sich der viel beschworene schönste Tag anschließen könnte. Bei Sonnenschein lässt sich natürlich wunderbar schmachten – aber eben auch bei Regen. Leider kann der Engel (Marthe Zieker) die Wettervorlieben des Paares (Grecia Álvarez Martinez und Mohamad Dalil) nicht harmonisch beflügeln und auch die Teufelin (Valeria Valesco Serrano) ist ratlos, ob diese Geschichte eher sonnige oder regnerische Aussichten verspricht. Das entscheidet am Ende die Gießkanne des Regenmachers, der abwechselnd auf zwei Stehleitern dafür sorgt, dass Zwei nicht zueinander finden, wie sie jetzt unter ihren Regenschirmen verharren. Auch die Beutejagd von Mutter und Tochter (Julia und Hanna Bonkewitz) bringt nicht die erwartete Belohnung im seidenen Kescher. Vielleicht war es ja doch nur eine Unke mit ekeligen Warzen, die sich jetzt im Uferschlamm des Baches verbirgt und nicht der verwunschene Märchenprinz mit reichlich Grundbesitz. der bei dem Gezeter der Beiden vermutlich lieber ungeküsst in seiner Froschperspektive verweilt.

Für dieses Theaterabenteuer im Grünen haben die Stillen Hunde auch eine edle Tafelrunde mit Leinen, Kristall und Kerzenschein angerichtet. Der Gast (Lionardo Velasco Hurtado) möchte seine nächste Eroberung kulinarisch betören und so reimen sich der erste und der zweite Koch (LasseTimpe und Mathias Prellberg) das Menü mit sportlichem Ehrgeiz zusammen. Bratpfannen sind einfach die besseren Tennisschläger, wenn die Suppenkasperverse mit dem richtigen Reimanschluss gekontert werden. Der ein oder andere Vers wandert dann zwar ins aus oder landet am Netz. Aber so elegant angeschnitten und vergnüglich falsch gekontert hat vermutlich noch niemand das Lied Ich wollt‘ ich wär‘ ein Huhn vernommen, wie auf der Baumwiese in historischer Parklandschaft. 

Sogar einen Shakespeare Abstecher gönnen die Moringer Theatermacher ihrem mobilen Publikum am Teichufer am Ehrenmal. Schließlich hält die Braut weiterhin nach dem passenden Kandidaten für den schönsten Tag Ausschau und solange sich der schönste Tag nicht abzeichnet, ist wie bei Hamlet noch immer etwas faul ist im Staate Dänemark. Da machen sich Königin Gertrud (Gerda Mickan) und ihre erste Hofdame (Ellen Deilke) in edler Gewandung mit klassischen Versen über die unglücklich verliebten Ophelia ans Werk. Aber damit stürzen sie vor allem den ermittelnden Kommissar (Klaus Henne) in wunderbar turbulente Irrungen und Wirrungen, was die vermeintliche Wasserleiche und ihre mörderische Verwandtschaft angehen, während sein Assistent (Nasir Safi“) unverdrossen weiter in seinem Schlauchboot paddelt.

Mit feinsten feisten Zutaten unterhalten die drei Hexen (Heike Müller Otte, Elke Knoblauch und Elfriede Gebhard-Pahmeier) ihr Publikum auf der Friedhofswiese. Sie müssen schließlich einen Traumprinzen zusammenbrauen, damit die verlassene Braut endlich unter eine glückliche Haube kommt. Es brodelt munter in der Männerküche, wo ein königlicher Held (Ahmad Dalil) mit Schwert und Krone unter Einsatz von Schweineaugen und dem Hirn einer Maus zusammengebraut wird. Das Urteil „taugt nichts“, ereilt auch den akademischen Kandidaten, das millionenschwere Exemplar wird mit einem weiteren Pistolenschluss spontan vollstreckt. Bei dem letzten Bewerber versagt es sogar den Hexen fast die Sprache. „Hallo! Du bist so schön. Heirate mich“. Sie rätseln noch ein bisschen, ob der vielleicht vom Himmel gefallen sei, wie eine Gestalt, die es eigentlich nur im Märchen gibt und nicht in einemTheaterstück, in dem so viele romantische Träume mit Witz und Ironie und noch mehr Spielfreude vergnüglich geschreddert werden. Für den schönsten Tag und für einen der schönsten Theaterspaziergänge in diesem Theatersommer.

Unter dem Titel "Der schönste Tag" lädt das Ensemble des Moringer Bürgertheaters an vier Tagen im Juli zu insgesamt 24 geführte Parkrundgängen mit szenischen Präsentationen ein.
Ein entlaufener Bräutigam, ein sprechender Fisch, wetterfühlige Liebende, märchenhaftes Jagdpech, reimende Köche, irgendetwas Faules im Staate Dänemark, Hexensud und vieles andere mehr sind die Zutaten der Minidramen, die das Ensemble an verschiedenen Schauplätzen unter freiem Himmel zeigt.

Die Rundgänge, die im Abstand von 20 Minuten beginnen und etwa 70 Minuten dauern, haben ihren Startpunkt am Rathaus Moringen.

Die nächsten Termine: 
Samstag, 17. Juli 2021
19.00 / 19.20 / 19.40 / 20.00 / 20.20 / 20.40 Uhr
Sonntag, 18. Juli 2021
11.00 / 11.20 / 11.40 / 12.00 / 12.20 / 12.40 Uhr
Weitere Termine können noch folgen.
Weitere Informationen auf www.moringen.de

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