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Deutsches Theater

Es ist kein sympathischer Zeitzeuge, der jetzt in Nahaufnahmen mit seinen Erinnerungssplittern kämpft. Er verwehrt sich gegen den Opferstatus und gegen alles, was ihm jetzt möglicherweise an mitleidiger Betroffenheit zugemutet werden könnte, wenn er von den alltäglichen Brutalitäten berichtet und die Angst vor den Schmerzen, die größer war als die Furcht vor dem Tod. Die junge Interviewerin, die ihn und seine Vergangenheit verstehen und die Aufnahmen später dokumentarisch verarbeiten will, hat es nicht leicht. Sie möchte die richtigen Fragen stellen über das, was der Mann mit der eingebrannten Nummer 70033 erinnert und trotzdem ihrem Gegenüber nicht zu viel zumuten. Der spottet über ihre Kamera, die als Erinnerungsmaschine bereits einen Aussetzer hatte. Dass er das doch schon erzählt habe, herrscht er sie bei einer Nachfrage an und dass sie gefälligst geduldig sein soll, wenn seine Chronik mal wieder einen Umweg nimmt, um sich an die unausgesprochenen Ablagerungen von Auschwitz heran zu tasten. Manchmal hat es den Anschein, als möchte er sie provozieren, was an menschlich Unzumutbarem sie überhaupt aushält, so wie er es erlebt hat.

Immer wieder verweilen die Kameraaufnahmen in der Atmosphäre einer tristen Umgebung. Bei der Teekanne auf dem alten Tisch, den eingetrübten Fenstern oder der Kochnische. Manchmal huscht Anna Paula Muth wie ein Schatten durch die Bilder, weil ihre Figur zugleich die Erinnerung an die Aufnahmen betrachtet und wie sehr ihre aufmerksame und dennoch vorsichtige Haltung damals fast zerbrach. Nach der Vorstellung berichtet Peter Wortsman von den Alpträumen, die ihn nach den Interviews noch lange gequält haben. Es ist auch seine Geschichte, die Regisseur Kevin Barz in die Filmbühnenfassung des Monologes einfließen lässt. Der sah ursprünglich keinen fragenden Chronisten vorsah sondern nur die Chronik von Stimmen, die jetzt auf dem tätowierten Mann lasten.

Eingebrannt wie die Häftlingsnummer haben sich die Tritte, die der Mithäftling in der Kolonne bekam, damit der Aufseher nicht auf seinen Schwächeanfall reagierte, um ihn aus einer Laune heraus zu Tode zu prügeln. Es galt, mit der Masse zu verschmelzen und sich unsichtbar zu machen im Lageralltag, egal ob es um Leichentransporte ging, eine schwärende Wunde, die Anlass genug für einen Schießbefehl gewesen wäre oder diese Momente von Glück. Damals war noch Leben in diesem tätowierten Mann, der heimlich in die Morgensonne lächelte und ebenso heimlich seine Freundin im KZ-Lazarett liebte und mit diesen Erinnerungssplittern seine Chronistin erneut verunsichert. Die mag jetzt auch keine Suppe mit ihm löffeln, wenn er vom Heißjunger eines jungen Häftlings erzählt, der nicht mehr leben mochte, der die heimlichen Brotvorräteverschlungen hatte und Selbstmord beging. 

Gerade noch war Paul Wennings Gesicht in Großaufnahme zu sehen und wie die Kamera über die Gesichtszüge gleitet, als ob auch sie zum Sprechen zu bringen wären über den Moment, als der tätowierte Mann kein Mitleid mehr empfinden konnte. Dann blickt die Gestalt am Fenster zurück in die eisige Kälte, in der sie fast erfroren einen Aufseher um eine tödliche Kugel bat, stattdessen von dessen Hund fast zerfleischt wurde, um auch deshalb Auschwitz überleben, um dann als „beschädigte Ware“ nur noch zu existieren.

Die Gestalt, die jetzt eine gestreifte Uniform aus dem Schrank holt, wirft noch einen Blick zurück in die Hölle auf einen schwer misshandelten Körper und einen masochistischen Aufseher, den es am Heiligen Abend nach einem blutigen Inferno gelüstet. Was immer jetzt die Kamera aufzeichnet, das Geständnis des tätowierten Mannes über seine ebenso blutige Rache oder dann den undurchdringlichen Blick mit der Feststellung, „Sie haben wohl genug?“, sie hat auch Anna Paula Muth im Blick. Die Anspannung in ihrem Gesicht mit den zitternden Lippen und den Augen, die nichts mehr sehen wollen und keinen Ausweg finden zeigen die Videoaufnahmen von Johannes Wagner in Großaufnahme. Fast scheint es, als ob sich darin die Stimmung des Publikums spiegelt, das diese Chronik eines zerstörten Lebens bis in die letzte Konsequenz zu spüren bekommt, um sie auch in allen Konsequenzen zu begreifen. Noch einmal melden sich die Stimmen zu Wort und wieder mit diesem Knistern, das am Ende noch ein letzter Satz aus diesem Chor der Stimmen durchdringen muss. „Es ist unglaublich, wie lange der Mensch braucht zum Sterben.“ 

 »Der tätowierte Mann« von Peter Wortsman in der Inszenierung von Kevin Bartz hatte am 8. Oktober 2021 Premiere im Deutschen Theater Göttingen. Weitere Vorstellungen stehen am 14. Oktober, am 10. Sowie am 24. November 2021 auf dem Spielplan.


Hören Sie im Theaterpodcast Szenenwechsel Gespräche mit Tina Fibiger und Peter Wortsman sowie Kevin Bartz.

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