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GSO

Den Abend eröffnete er zuvor mit einer erneuten Reverenz des GSO an die vom Krieg verheerte Ukraine: mit dem überaus zarten „Gebet für die Ukraine“ des aus Kiew stammenden Komponisten Walentyn Sylwestrow (Jahrgang 1937), der jüngst aus seiner Heimat geflohen ist. In einem Interview mit der Deutschen Welle hat Sylwestrow vor wenigen Tagen formuliert: „Das Gesicht Russlands ist nicht Putin, sondern die russische Kultur.“ Ein ähnlicher Gedanke mag auch den Besuchern des GSO-Konzerts mit durchweg russischer Musik durch den Kopf gegangen sein.

Sehen und hören Sie hier das Gebet für die Ukraine, gespielt von den Bamberger Symphonikern.

Nach diesem zutiefst bewegenden Beginn betrat Pianist Alexander Krichel das Podium, der zuletzt im November einen Solo-Abend in der Universitätsaula gegeben hat und dabei erzählte, er sei zum achten Mal in Göttingen. Also war sein Solo beim GSO am Sonnabend bereits das neunte Gastspiel. Aber seiner überdrüssig dürfte niemand geworden sein.  Rachmaninows Rhapsodie über ein Thema von Paganini ist veritables Virtuosenfutter. Wer diesen Brocken bewältigen will, braucht Finger aus Stahl, die aber auch ganz schwerelos über die Tasten fliegen können müssen, die gewaltige Akkorde meißeln, kaskadengleich vom Diskant in den Bass hinabstürzen und anschließend gleich wieder emporschäumen, die unendlich zarte Kantilenen aussingen, feine Tupfen in das Tutti-Gewebe des Orchesters setzen, dann wieder dem gepanzerten Blech kraftvoll Paroli bieten.

All das gehört zum Rüstzeug Krichels mit einer staunenswerten Selbstverständlichkeit. Gewiss ist dieser Part auch für ihn anstrengend, der Umstand, dass er auf den tosenden Applaus nicht mit einer Zugabe reagierte (was soll man da denn noch draufsetzen??), mag auf ein gewisses Bedürfnis nach Ruhe hindeuten. Das aber ist nach einer derart herkulischen Leistung nachzuvollziehen.

Milton passte auf wie ein Luchs, um das Orchester auf die Krichelschen Rubati einzuschwören. Ja er ahnte bisweilen schon vorher, dass gleich ein Accelerando folgen sollte, dass eine Schlussphrase nicht nur eine leichte, sondern eine etwas nachdrücklichere Dehnung erfahren werde. Dadurch war das Zusammenspiel zwischen Tutti und Solo ungemein eng verzahnt, Dirigent wie Pianist zogen an einem Strang. Und es schien, als stecke Krichels Virtuosität auch die Orchestermusiker an, die ihren Part sehr punktgenau und mit großer Ausdruckskraft bewältigten. Wenn Musiker derart schwelgen, wird’s dem Hörer manchmal eng in der Brust vor lauter Schönheit.

Dem ersten Rausch folgte mit Rimski-Korsakows Scheherazade der zweite auf dem Fuß. Wunderbar markante Züge verliehen die GSO-Musiker den Märchengestalten, dem wütenden König, der schlauen, phantasiebegabten Wesirstochter Scheherazade, den wilden Wogen des Meeres, das mit dem Zauberschiff Sindbads nicht eben zimperlich umgeht, den Späßen des Prinzen Kalender – die Musik quillt ebenso von Geschichten über, wie es Scheherazade Nacht für Nacht dem König vorführt. Es gab in diesem herrlich farbigen Bilderbogen, über dessen Palette Nicholas Milton souverän gebot, eine Fülle von bravourösen Einzelleistungen. An erster Stelle muss hier Seayoung Kim genannt werden – stellenweise ist diese symphonische Suite ein verkapptes Violinkonzert. Mit edlem, schönem Ton, der einer Prinzessin wahrhaft würdig ist, gestaltete sie ihre solistischen Einwürfe, gab der Musik eine dezente Süße und Wärme, die unmittelbar zu Herzen geht. Ähnlich schwelgen (wenn auch nicht so ausgedehnt) durfte Solocellist Jaromir Kostka, den Prinzen Kalender zeichnete Ömür Kazil mit Witz und Virtuosität, Manfred Hadaschik begann sein klangschönes Klarinettensolo mit einem unerhört zarten Pianissimo,  Matthias Weiss vermochte mit seiner Oboe ebenso wie Bettina Bormuth mit ihrer Flöte die Hörer zu bezaubern. Die Blechbläser gaben dem musikalischen Geschehen majestätische Wucht und Tiefe, das reich besetzte Schlagzeug setzte hier machtvolle, dort duftig-leise Akzente. Dass es nur ein einziges Mal in der Hörnergruppe eine winzige Unsauberkeit in der Intonation gab, lässt sich in diesem Umfeld mühelos verzeihen. Nicht vergessen sei, was die Streichertutti an orientalischen Klangteppichen einbrachten. Beinahe hätten sie zu fliegen begonnen.

Am Ende klatschten sich die Zuhörer in den erstmals nicht ausgedünnten Sitzreihen schier die Hände wund. Es war ein grandioser Abend, ein Rausch, der süchtig machen darf, ohne verboten zu sein. Wie schön.

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