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Literarisches Zentrum

»Eine Formalie in Kiew«

Auch der hat etwas mit der Nabelschnur zu tun, in die er sich immer wieder verheddert, wenn es um seine Eltern geht und wie sie sich mit ihrer Geschichte verschanzen. Frech und lakonisch kommentiert er seine Befreiungsversuche, die natürlich auch weh tun. Manchmal hat sein Ich-Erzähler einfach nur die Schnauze voll von der Frage, was macht das alles noch mit mir, wenn ich die Lage der Dinge und der Ereignisse jetzt betrachte. Im Literarischen Zentrum betrachtet Dmitrij Kapitelmann zunächst seine Lage als Schriftsteller, der mit seiner Formalie in Kiew nicht auf Lesereise gehen kann und wie gern er sein eigenes Buch atmen hört mit dem Publikum zusammen, um es auf Lesungen erst wirklich kennen zu lernen.

NDR Kultur Redakteurin Claudia Christoffersen hatte für die literarische Begegnung den Ball geschickt ins Feld geworfen und die Zuschauer zu einer Art „Geisterlesung“ begrüßt. So spontan, lakonisch und wortgewandt, wie ihr realer Gast aus Leipzig erklärt, dass er in diesem pandemischen Alltag seinen Beruf nicht mehr spüre, überträgt sich dann auch das Gespräch aus Kamera- und Bildschirmperspektive. Sei es mit einem kurzen Statement über Wladimir Putins strategische Pläne für die Krim und vor allem dann, wenn der Autor sich wieder in die Rolle des aufmerksamen Beobachters begibt, der im Laden seiner Eltern an der Kasse sitzt, wo es zu jeder russische Spezialität ein bisschen Lebensgeschichte der Kundschaft gibt. Wie viel Zeit er habe, fragt Kapitelmann, dessen Vorrat an Alltagsbeobachtungen von Menschen vermutlich ebenso unerschöpflich ist, wie sein erzählerisches Credo, in seinen Romanen ein Stück Leben abzubilden.

Es ist immer auch ein nachdenkliches Vergnügen, wenn er jetzt aus dem ersten Kapitel seines Romans liest und seinen Ich-Erzähler in absurde Situationen mit wunderbar vieldeutigen Wortschöpfungen verwickelt. Von den privaten Motiven für die Reise nach Kiew wird später die Rede sein, nach den bürokratischen Ursachen. Schuld ist natürlich auch Frau Kunze, die Sachbearbeiterin bei der Ausländerbehörde, bei der der „steuerpünktliche“ und „anpassungspatriotische“ Bewerber um einen deutschen Pass vorstellig wird. Der muss sich nun trotz manierlicher Aktenlage die existenzielle Frage stellen „wie ist man in Kiew korrekt korrupt?“, um nicht in ein bürokratisches Nirwana zu geraten. Da der Flug nach Kiew Verspätung hat, gönnt Kapitelmann seinem Reisenden neben familiären Ratschlägen und Warnungen gern noch ein paar pointierte Anmerkungen über seine deutschen und ukrainischen Landsleute, die sich entweder nervös empören oder ganz entspannt sinnieren, ob sie statt eines Fluges vielleicht versehentlich ein Busfahrt nach Kiew gebucht haben.

Mit der Frage von Claudia Christophersen, wer da gerade spricht, der Autor oder der Ich-Erzähler, ist der Schriftsteller schon lange vertraut. Der Roman ist Teil seiner Geschichte und seiner Erfahrungswelt, die ihr literarisches Eigenleben entwickelt hat. Er berichtet von einem „befreienden Prozess der Selbstdistanzierung durch Selbstbetrachtung“, wenn er etwas aus einer verwirrenden Realität herausstellen und akzentuieren kann „Ich bin auch stolz, dass in meinem Buch echter Dreck und echtes Blut mit drin ist“.

So echt wie die vollgepisste Katzentreppe ist auch die Entfremdung von der Mutter, die sich mitsamt ihrer tierischen Menagerie verschanzt hat, und ebenso echt wie das bürokratische Labyrinth in Kiew, wo der Erzähler die amtliche Bestätigung für seine Geburt in einem sorgfältig vernähten Päckchen bekommt. Er hat die korrekte Korruption und das so genannte Entbanken schon ganz gut im Griff, wenn der alarmierende Anruf aus Deutschland kommt. Der Vater ist schwer erkrankt und will sich unbedingt in seiner alten Heimatstadt behandeln lassen, egal wie desolat die medizinischen Verhältnisse dort sind. Bei ihm hat der Anpassungspatriotismus nicht funktioniert, auch nicht bei den letzten monatlichen Beiträgen für die Krankenversicherung.

Der Autor weiß natürlich, was in seinem Alter Ego Dima vorgeht, der im Roman an dieser schwierigen Familienbeziehung laboriert, dabei in Streit gerät und wütend wird, auch wenn er seine literarische Anamnese nicht begründen kann. „Wenn ich das wüsste, müsste ich nicht darüber schreiben“ sagt Kapitelmann und blickt versonnen auf drei schwierige Lebensläufe, die jetzt literarisch miteinander hadern. „Mit wem soll ich mich denn streiten, wenn nicht mit den Menschen, die ich liebe? Der Bewerber um den deutschen Pass kann wiederum seine Entscheidung leicht begründen und warum der Schriftsteller mit Wohnsitz im Bundesland Sachsen sich lieber nicht durch einen ukrainischen Pass angreifbar fühlen möchte und mit deutschem Amtssigel auch leichter die Flucht ergreifen könnte.

Es gibt noch einen weiteren Abstecher nach Kiew und nach der Ankunft des Vaters mit der Diagnose Schlaganfall. Der Erzähler weiß nicht, was ihm mehr zu schaffen macht, das ausufernde Grinsen des Kranken, die Visite der Ärztin, deren dünne Arme ihn an zwei sommersprossige Spritzen denken lassen oder die Angst, dass selbst die korrekteste Korruption keinen Heilerfolg verspricht.

Der Autor wiederum weiß, dass es sich um eines der traurigsten Kapitel in seinem Roman handelt und dies auf ein tragisches Finale deutet. Dem widerspricht Dmitrij Kapitelmann besonders gern, wenn er sich im Literarischen Zentrum von seinem Online Publikum mit den Worten verabschiedet. „Die schönste Passage, die ich je geschrieben habe, kommt zum Schluss.“   

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