passend zum Artikel

Willkommen!
Um alle Funktionen zu nutzen, loggen Sie sich bitte ein.
Passwort vergessen?
Registrieren Sie sich hier neu

kulturbuero plus

Junges Theater

Die Häppchen sind angerichtet, der Pokal frisch poliert, und die Lichterkette leuchtet angemessen bunt. Heribert ist bei der jährlichen Vereinssitzung einstimmig wiedergewählt worden. Jan Reinartz macht in der Rolle des stolzen Vereinsvorsitzenden keinen Hehl aus der Tatsache, dass er Entscheidungen gern kurz und bündig abhakt, ohne großes Palaver. Den Bau des neuen Vereinsheims. den gastronomischen Sparringspartner oder Absprachen mit kommunalen Betrieben. So deckelt er auch Michael Johannes Mayer als stellvertretenden Vorsitzender Matthias, der jetzt gern mit ausführlichen Bauplänen und besonders mit seiner Powerpoint-Präsentation punkten möchte. Kapazitäten für 50 Würste hat der SX 3010, zwei getrennte Ebenen und einen Pizzastein. Und bei 15 Koteletts reicht es immerhin noch für 30 Würste. Anders als Melanie hat er dabei natürlich nicht daran gedacht, dass sich Schweinefleisch für Erol als gläubigem Muslim verbietet und sogar die dunstige Nachbarschaft von klassischer Bratwurst und türkischer Knoblauchwurst.

Vielleicht tut es ja für ihn der alte Vereinsgrill oder das angestaubte Modell, das Heribert auf seinem Dachboden lagert.

Erol wiegelt ab, zunächst noch ganz entspannt. Götz Lautenberg demonstriert vor allem Gelassenheit auf seinem Platz unter den Zuschauern, während in einer weiteren Zuschauerreihe Fabienne Baumann als Melanie insistiert und von Ehemann Torsten launige Verstärkung bekommt. Jens Tramsen hat ausreichend provokante Zwischenrufe auf Lager, wenn jetzt über Grillkäse und vegane Alternativen diskutiert wird, über Alis Wurst und Türken-Charity, nationale Mentalitäten, Migrationshintergründe, Toleranzgebote und freie Rostkapazitäten. 

Es ist längst an der Zeit, aus der Rolle zu fallen, was allen Beteiligten an diesem satirischen Match von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob ohne Anspruch auf political correctness gelingt. Auch die berüchtigte Empörungsformel, „das wird man ja wohl mal sagen dürfen“ wird in dem Szenario der Comedy-Autoren von „Heute-Show“ und „Extra3“ ausgiebig zitiert. Sie kommt in Melanies Gutmenschen-Empörtheit ebenso zum Ausdruck wie in den rechtspopulistischen Ausbrüchen von Matthias, den demonstrativen Machtposen von Heribert und den boshaften Anmerkungen von Torsten.

An Erol scheint das Gebräu an Meinungen und Vorurteilen mit all den rassistischen Zwischentönen abzuprallen. Schließlich wird ja vor allem über ihn, seine Stellung und seine Rechte gestritten wird und nicht mit ihm oder was er davon hält. Seine pointierten Konter über die ein oder andere Wissenslücke im interkulturellen Schlagabtauch bleiben ohne Wirkung – erst recht, wenn jetzt auch noch alte und akute Animositäten kursieren, Rücktritte verkündet werden und Austritte und das Wutbürgerquartett seine Sau durch das Vereinsdorf getrieben hat.

Die Zuschauer:innen dürfen abstimmen, ob Erol einen eigenen Grill bekommt und sind mehrheitlich dafür. Das Aufgebot an satirisch überspitzen Parteilichkeiten, mit all den Bösartigkeiten, die in den Sprüchen, den Kalauern und den verbalen Kränkungen lauert, gibt natürlich auch zu denken, selbst wenn das wütende Vereinsbürgerquartett nicht allzu viel über die Motive seiner Figuren preisgibt. In den empörten Mienen und den aufgebrachten Gesten spiegeln sich typische Verhaltensmuster im verbalen Schlagabtausch. Auf eine Provokation folgt die nächste, die mit reichlich emotionalem Aufruhr vorgeführt wird, bis sich irgendwann das verbale Arsenal erschöpft. Dann liegen alle witzigen, befremdenden und unappetitlichen Extrawürste auf dem Theatergrill und brutzeln munter vor sich hin. 

»Extrawurst« von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob hatte am 8. Juli 2022 Premiere im Jungen Theater Göttingen.

Mehr zu diesem Thema:

Kommentare powered by CComment

passend zum Artikel

Liebe Leserin, lieber Leser,

schön, dass Sie hier sind - und schön, dass Sie dieser Artikel interessiert.

Wussten Sie, dass die Autorinnen und Autoren des Kulturbüros für ihre Arbeit bezahlt werden? Das werden sie - genauso wie die Kolleginnen und Kollegen, die die vielen Termine in den Kulturkalender eintragen.

Vielleicht verstehen Sie, dass wir diese Inhalte nicht allen kostenlos zugänglich machen können. Wir sind auf bezahlte Zugänge (Abonnements) angewiesen - eigentlich wie alle, die Produkte und Dienstleistungen anbieten, für ihre Angebote Geld verlangen müssen.

Wenn Sie ein solches Abonnement (nur 5 Euro im Monat oder 50 Euro pro Jahr) abschließen möchten, brauchen Sie nur

hier

zu klicken. Alternativ können Sie für nur 1,20 Euro einen Tageszugang einrichten, um diesen Artikel ganz zu lesen.

Vielen Dank!

Wenn Sie bereits einen Zugang haben, können Sie sich hier einloggen und weiterlesen.

Wenn Sie bereits einen Zugang haben, können Sie sich hier einloggen und weiterlesen.