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Literarisches Zentrum

Nachdem das Stimmengewirr der Zuhörer:innen, die sich zahlreich im Literaturhaus in der Nikolaistraße eingefunden haben, abebbt und  es dunkel wird im Zuschauerraum, während sich die Scheinwerfer auf die Bühne richten, erscheinen dort Fabian Saul, Schriftsteller, Komponist, Redakteur und zeitweiliger Wegbegleiter von Senthuran Varatharajah und der Autor selbst. Charismatisch, belesen und äußerst gebildet zieht Varatharajah die Zuhörer:innen in der Lesung von Textauszügen aus seinem Roman in seinen Bann. Im Gespräch mit Fabian Saul loten beide Männer die Dimensionen Senthurans Roman »Rot (Hunger)« ebenso aus wie den Prozess, die Implikationen des Schreibens, Formen und Möglichkeiten von Kommunikation.

Drei Möglichkeiten der Kommunikation, des Sprechens erklärt Varatharajah, der seinen Roman nicht als an ein bestimmtes Publikum gerichtet wissen will. Zunächst das Sprechen mit anderen Personen, welches von außen, dem Gesprächspartner, der Zuhörerschaft wahrgenommen wird, zum anderen die Wahrnehmung der eigenen Stimme innerhalb des Gesprächs, die so kein anderer wahrnimmt und drittens die innere Stimme, die unhörbar uns begleitet und für Senthuran wohl den Aspekt des Göttlichen besitzt oder vielleicht dem sokratischen Daimonion gleicht. Der Roman wiederum gehört dem Leser, zu dem er spricht.

Der Akt des Schreibens gleicht für Varatharajah einer Selbstoffenbarung, in welcher der Schreibende anderen Menschen mit offenen Händen als Bittender gegenübertritt, mit der Bitte nach Akzeptanz, Annahme, vielleicht Verständnis und Erkennen. Wir können unser Wesen nicht in der Sprache vermitteln.

Und dies ist die Schwäche der Sprache, dass es ihr nicht gelingt, die Grenze des Körpers zu überwinden oder aufzuheben. Die Verlassenheit, die Senthuran Varatharajah als Ausgangspunkt für das Schreiben seines Romans benennt, die Unmöglichkeit einem anderen Menschen tatsächlich schrankenlos nah zu sein, beruht auf der Grenze, die unser Körper darstellt. Aus diesem Umstand resultiert ein Hunger, welcher sich in der Sprache der Liebe zum Teil in kannibalistischen Wendungen Ausdruck bahnt, wie „ich habe Dich zum Fressen gern“, „ich will Dich mit Haut und Haaren.“ Der Wunsch, den anderen zu verschlingen, sich den anderen einzuverleiben um eins zu sein.

Dieser Wunsch oder Hunger begegnet dem Leser im Roman in der Geschichte, die wir als die des „Kannibalen von Rotenburg“ kennen. Der Tötung und Verspeisung von Teilen  Bernd Brandes‘ durch Armin Meiwes, die auf einer zwischen den beiden getroffenen Übereinkunft dieses Vorganges beruhte. Armin Meiwes trägt die Konsequenzen eines Vorgangs, dem Brandes zuvor zugestimmt hatte. Der Autor betrachtet auf dieser Grundlage den Fall wertfrei und zeichnet ihn anhand von Auszügen aus Chatnachrichten von Brandes und Meiwes, die im Roman als A und B bezeichnet werden nach. Gründe des Wunsches nach Verschmelzung und Einswerdung, der Vorstellung des Nicht-mehr-verlassen-Werdens, der Aufgabe und des Entfliehens des eigenen Körpers, um Teil eines Anderen zu werden, scheinen auf und verleihen dem Tathergang eine andere Dimension. Es erscheint eine von Zartheit und Zerbrechlichkeit geprägte, liebevolle Intimität zwischen Meiwes und Brandes. Die Protokolle zeigen auch, dass Brandes nicht lediglich Opfer war, sondern auf der Tat bestand und dabei der von Meiwes beabsichtigten Kennenlernphase von sieben Tagen mit einer Dringlichkeit seines Wunsches getötet zu werden begegnete, die die Tat viel unmittelbarer nach dem Treffen am Kassler Bahnhof nach sich zog. Unter dem weiter gefassten Moralbegriff von Varatharajah wird die Tat als Folge von gemeinsam getroffenen Entscheidungen zweier Männer zu einem legitimierten Akt der Liebe.

Die zweite Liebesgeschichte, die Senthuran Varatharajah in seinem Buch mit der Geschichte von A und B verwebt, ist die Geschichte einer Trennung von einem geliebten Menschen, der trotz seiner Abwesenheit, wie der Autor betont, immer bei uns ist, weil er Teil von uns geworden ist, Teile des anderen bei uns bleiben selbst über dessen Tod hinaus. Diese zweite Geschichte ist geprägt von Erinnerungen, Assoziationen und einer tiefen Sehnsucht. Man schmeckt hier die Verlassenheit als Hunger, der nicht gestillt werden kann. Eine tiefrote Seite trennt die beiden Buchteile und symbolisiert die Liebe und, wie Varatharajah sagt, auch eine Wunde, die sich nicht mehr schließt. Das Fehlen des geliebten Menschen als Schnitt im Daumen, das viele Blut Bernd Brandes.

Der Trennung geht eine Verbindung voraus, die einer Trennung folgt, der eine Verbindung vorausging – und so weiter. Trennung und Verbindung können, so Senthuran  Varatharajah, nicht voneinander getrennt betrachtet werden, befinden sich im ständigen Wechsel des Werdens und Vergehens und aus dem Grund der Einheit von Trennung und Verbindung folgt das Buch in seiner Schriftform nicht den beschränkenden Regeln der Silbentrennung. Es bricht dadurch unsere Lesegewohnheiten und zwingt am Zeilenende auch oft, ohne Pause oder Abstand über den Zeilenrand hinaus weiterzulesen, damit Worte vollständig werden.

Stilistisch und formal besitzt das Buch eine große Eigenwilligkeit. Was manche Leser als störend empfinden mögen, betrachte ich als belebend, aber auch als Irritation, die dem Buch Tiefe verleiht. Die Kette der assoziativen Satzverbindung erscheint jedoch oft als rätselhaft kryptisch, was wieder verweist auf den Leser, der Zugang zu dem Geschriebenen findet oder auch nicht, wobei mir als theologisch unbewandertem Menschen auch Bedeutungsaspekte entgehen mögen.

Der Autor beschreibt ausführlich den Akt des Schreibens, welches die Regeln der Kommunikation , die er als Reduktion der Sprache versteht, überschreitet und aufgeht in der Vervielfachung der Sprache, die lyrisches, ein auf Assoziationen und Erinnerungsbildern basiertes, inneres Schreiben ermöglicht. Senthuran Varatharajah erklärt auch, dass das Schreiben eines Buches seine Hingabe als Autor fordert, uneingeschränkt, mit Haut und Haaren und er sich nicht entziehen kann, den Worten, mit denen er ringen, sie zu Papier bringen muss, ein Werk zu schaffen durch all diese Worte hindurch, die keine Gnade gewähren , die geschrieben werden wollen.

Stilistisch folgt er dabei der Monotonie kirchlicher Liturgie, die Anklänge des Gebets, des Gesangs enthält. Die ästhetische Erfahrung wird so überhöht zu einer mystischen, die Sätze formuliert mit poetischer Akribie. Fordert das Buch vom Autor eine bedingungslose Hingabe, so fordert es von uns als Leser Offenheit, nicht dem Lesen, sondern dem Suchen, Schmecken und Erfahren zwischen den Zeilen. Menschen mit theologischer Vorbildung kann dieses Buch anempfohlen werden, um tieferen Einblick in Bedeutungsdimensionen zu erlangen, die mir verschlossen bleiben.

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