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GSO

Wie alte Bekannte begrüßten sich GSO-Dirigent Nicholas Milton und sein Publikum am Freitag Abend in der Lokhalle. „Hallo!“ – „Hallo!“, tönte es Milton entgegen, sobald er das Mikrophon in die Hand nahm. Die Beziehung der Göttinger zu ihrem Chefdirigenten ist eine herzliche – Milton hat es in seinen Jahren beim Göttinger Sinfonieorchester geschafft, die Distanz zwischen Bühne und Publikum abzubauen. Er hat eine eingeschworene Gemeinschaft aller auch mit den Musikern geschaffen, denen er immer wieder ein Gesicht gibt. An diesem Konzertabend hob er zum Beispiel die Soloflötistin des Orchesters mit Namen und Sonderapplaus hervor, nachdem er sich augenzwinkernd dafür entschuldigte, sie nach dem Klavierkonzert von Edward Grieg im Applaus vergessen zu haben. Doch der Ernst, die Sorge war ihm anzumerken: „Wir wissen nicht, wann wir uns wiedersehen“, verabschiedete er das Publikum am Ende des Programms, es ist der Tag der Meldung der neuen Virusvariante B.1.1.529. So war die Aufmerksamkeit im Publikum hoch und der Genuss der Live-Musik erschien einmal mehr wie ein kostbares, nicht selbstverständliches Gut. 

Die Dankbarkeit für die Musik sprach auch aus der jungen Pianistin Elisabeth Brauß, deren Darbietung des Grieg-Klavierkonzerts keine Wünsche offenließ. Wild und tragisch, dann wieder nostalgisch verträumt bietet dieses Klavierkonzert die ganze Palette pianistischer Ausdrucksmöglichkeiten, mit denen Brauß brillieren konnte. Mit bestechender Präzision markierte sie Akzente in den perlenden Läufen und Figuren, gestaltete jede virtuose Passage als frei empfundene sprechende Phrase. Im Tempo fand sie so perfekt kalkulierte Übergänge von Vorwärtsdrängen und Zurückhalten, dass der Gesamtklang im Zusammenspiel mit dem Orchester stets aus einem Guss war.  Dabei bereitete es ihr besondere Freude, die großen Kontraste in dem Stück klanglich auszukosten: Die wuchtigen Akkorde des Eingangsthemas im ersten Satz standen gegen die innerliche Melodie des Seitenthemas, das eine melancholische Insel im wilden Fluss des dramatischen Satzes bildet. 

Und bei aller Freude der Pianistin an dem leidenschaftlich-tragischen Gestus, den großen virtuosen Akkordläufen und rhythmisch peitschenden Tanzrhythmen – sie beeindruckte besonders in den stillen Momenten, in denen sie die Kunst des Tasten-Streichelns und der glitzernden Glissandi zu subtilster Vollendung brachte. Schade nur, dass diese poetischen Ruhepunkte teilweise im Orchester, vor allem im Horn, nicht gut disponiert beantwortet wurden. 

Angesichts des begeisterten Publikums teilte die gerührte Pianistin noch eine Preziose als Zugabe: In Sergei Prokofiews Prélude aus den Klavierstücken op. 12 konnte sie nochmals die Feinheit ihres Spiels beweisen. Wie sie dabei zwischen freischwebender Klangwolke und exakt mechanischer Attacke umschaltete, bewies erneut ihre hohe musikalische und technische Könnerschaft.

Das Orchester schloss an das beliebte Werk von Grieg die ebenso beliebte 7. Sinfonie von Antonín Dvořák an. Gemeinsam ist beiden Werken das Gefühl drohenden schicksalhaften Unheils, die Unentrinnbarkeit der dramatischen Zuspitzungen und leidenschaftlichen Ausbrüche. Dvořáks Themen erinnern in dieser Sinfonie besonders stark an Brahms und seine tragisch pochenden sinfonischen Wendungen, doch eingekleidet in Dvořáks unverwechselbare böhmische Tonsprache. Milton hielt das Energieniveau hoch, trieb die Musiker stets nach vorne, suchte auch in den wenigen positiven Passagen nach dem Drängenden und gestaltete die triumphierenden Dur-Themen wie gehetzt von dem sie verfolgenden, unvermeidlichen d-Moll, in dessen düstere Stimmung die Musik immer wieder zurückführt. So gelang eine packende, emotionale Interpretation mit brillant spielenden hohen Streichern, pointierten gesetzten Signalthemen etwa in den Klarinetten, Flöten und Oboen und glänzendem Blechblasklang. Doch die wenigen Ruhepunkte des Stücks, gerade im 2. Satz, hätten etwas mehr Zurückhaltung und kammermusikalische Intimität vertragen. Dafür entschädigte das wunderbar schwingende Scherzo mit dem berühmten böhmischen Tanzrhythmus, der sich nicht zwischen Dreier- und Zweiertakt entscheiden kann. Das GSO präsentierte sich bestens eingespielt, zupackend und leidenschaftlich.

Das Konzertprogramm von Freitag, dem 26. November 2021:
Svendsen: Norsk Kunstnerkarneval op. 14
Grieg: Klavierkonzert a-moll op. 16
Dvorak: 7. Sinfonie d-Moll op. 70

Göttinger Sinfonieorchester
Elisabeth Brauß (Klavier)
Nicholas Milton (Leitung)

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