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Händel-Festspiele

Eine Guckkastenbühne, so groß wie ein Wohnzimmer, mit Darstellern, die nicht einmal anderthalb Meter groß sind – und das für eine Händel-Oper? Ja, das gibt es wirklich: Am Sonnabend präsentierte die Mailänder Compagnia Marionettistica Carlo Colla e Figli Händels Giustino in der Stadthalle Osterode.

Doch ganz ohne Menschen lässt sich eine Oper nicht aufführen: Vor der Bühne saß als Orchester die Lautten Compagney Berlin unter der Leitung von Wolfgang Katschner, neben ihr waren die sechs Solistinnen und Solisten postiert, die den sehr beweglichen Kollegen an den langen Fäden ihre Stimmen liehen: links der Countertenor Lawrence Zazzo in der Titelrolle sowie die Sopranistinnen Myrsini Margariti (Anastasio, La Fortuna) und Hanna Zumsande (Arianna), rechts der Bariton Florian Götz (Amanzio, Polidarte, Voce di Dentro), der Tenor Andreas Post (Viteliano) und die Altistin Julia Böhme (Leocasta).

Auch wenn es die große räumliche Entfernung im breit gebauten Saal der Stadthalle erschwerte: Mit ein bisschen Fantasie kann der Zuschauer tatsächlich die menschlichen Stimmen mit dem Spiel der Figuren zur Deckung bringen. Das funktioniert deshalb besonders gut, weil die Puppenspieler offenbar hochmusikalische Menschen sind, die den Sängerinnen und Sängern genau zuhören. So wird jede Gesangsphrase in der Puppengestik widergespiegelt, ja beim Triller geht sogar ein leichtes Zittern durch die kleinen Kunst-Körper.

Überdies ist die Marionettenbühne – sie sieht aus wie eine Miniaturausgabe des Goethetheaters in Bad Lauchstädt – für barocke Theatereffekte bestens geeignet. Das alles mit kostbar kostümierten, ganz traditionellen Puppen, geführt von bis zu elf Spielern gleichzeitig, mit perspektivisch bemalten, ungeniert farbenfrohen Kulissen ganz wie im Theater.

Wenn das Libretto Untiere verlangt, kreuzt schon mal ein riesiger brauner Zottelbär die Szene, wird dann fachgerecht mit dem Schwert umgebracht, sodass ihm im Nu ein großes, blutrotes Tuch aus dem Bauch entquillt. Beim zweiten Monster in Grün stehen Saurier und Krokodile Pate, es ist einfach wunderbar grauslich. Und da kann sich auch ein Berg spalten, aus dem heraus der eigentlich längst gestorbene Vater zwei arg verfeindeten Männern offenbart, sie seien Brüder. Damit verwandelt er den Hass im Nu in eitel Geschwisterliebe. Das Happy End kann kommen.

Mehr Informationen braucht man kaum für die Handlung, in der es in erster Linie um opernübliche Probleme wie Liebe, Eifersucht und Machtgier geht. Die Handlung ist allerdings nicht nur in Palästen angesiedelt, sondern auch auf einer Weide mit Schafen und einer schwanzwedelbegabten Kuh, an felsigen Meeresufern mit schäumenden Wogen oder in einem geradezu furchtbaren Sturm, der sich aber, dem Libretto sei Dank, bald legt.

So verrückt dies alles erscheinen mag, so berückend schön ist wieder einmal die Musik, die Händel dazu komponiert hat – mit drei Stunden Spieldauer ein eher kurzes Stück. Katschners Lautten Compagney ist seit drei Jahrzehnten in der Alte-Musik-Szene aktiv. Der Musiker (von Hause aus Lautenist) betont gern das rhythmische Element, ja dirigiert oft geradezu skandierend, und er liebt offenbar Effekte, die dies unterstützen. So lässt er beispielsweise einem Barock-Perkussionisten freie Hand für Kastagnetten-, Tamburin- oder Triangel-Einwürfe. Das ist auf den ersten Blick schick, wirkt aber nach einer Weile etwas aufdringlich. Die Instrumentalisten sind durchaus in der historischen Spielweise zu Hause, wobei man sich von ihnen noch mehr Präzision und eine sensiblere Artikulation wünschen könnte.

Das Solistenensemble war qualitativ unterschiedlich. Am hellsten leuchtete der klare, leichte, koloraturensichere Sopran von Hanna Zumsande (die zum ersten Mal in Göttingen beim Händel-Fest 2009 in „Israel in Egypt“ gastierte). Ihre aus Griechenland stammende Kollegin Myrsini Margariti besitzt ein etwas schärferes Timbre, was bestens zu ihrer Männerrolle des Anastasio passte, und läuft im dritten Akt zu großer dramatischer Form auf. Lawrence Zazzo als Giustino verfügt über eine sehr bewegliche, ausdrucksstarke Countertenor-Stimme, doch an das Niveau, das Christopher Lowrey in der „Rodelinda“ geboten hat, kann er nicht heranreichen. Der in beachtliche Tiefen herabreichende Alt von Julia Böhme wirkt eher blass. Kraftvoll und sicher in der Gestaltung ist der Tenor Andreas Post, während Florian Götz seinen Bariton-Part hier und da etwas ungenau abliefert.

Doch solch kleine Defizite können den magischen Reiz dieses Giustino nicht mindern, mit dem das Mailänder Marionettentheater schon seit vielen Jahren unterwegs ist. Die zauberhafte Inszenierung stammt von dem 2017 verstorbenen Puppenspieler Eugenio Monti Colla. Ihm gebührt ein großer Anteil vom lautstarken Schlussapplaus und den Bravorufen in Osterode, bei dem sich auch die Marionettenspieler zeigten. Neben ihren Puppen wirkten sie baumlang.

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