passend zum Artikel

Willkommen!
Um alle Funktionen zu nutzen, loggen Sie sich bitte ein.
Passwort vergessen?
Registrieren Sie sich hier neu

kulturbuero plus

Deutsches Theater

Der hässliche Bruder wütet gegen den ewigen Sympathieträger, der Zweitgeborene gegen den Erstgeborenen, dem schon immer die väterliche Liebe und Zuneigung galt. Schon das Vorwort, mit dem die Stimme vom Band den leeren Bühnenraum mit dem Schriftzug Franz flutet, lässt keine Zweifel aufkommen, dass hier ein Fall von emotionaler Verwahrlosung vorliegt und der Ruf nach Rache mit dieser zerstörerischen Lust befreiende Wirkung hat. Die nackte Gestalt in ihrer Verletzlichkeit greift nach der angemessenen Kleidung für den ersten und weitere Waffengänge.

Souverän posiert Daniel Mühe in der Rolle des zuverlässigen Schlossverwalters, der gleich noch eine weitere Demütigung erfährt. Kein Zeichen von Ankerkennung, Wertschätzung oder Zuneigung lässt Volker Muthmann in der Rolle des väterlichen Patriarchen aufkommen. Es herrscht Eiseskälte, bis die Rede auf Karl kommt, der von Franz so meisterhaft an den Pranger gestellt wird, dass jetzt sichtbar Schmerz und Enttäuschung die Moorschen Familienenklave beherrscht. Das intrigante Manöver zeigt bereits Wirkung wenn jetzt der Name Karl eingeblendet wird und Daniel Mühe sein gepflegtes Outfit derangiert. Der Vater hat das vertraute Bündnis aufgekündigt. Jetzt müssen andere Lebensziele und Visionen her, mit denen auch die Liebe zu Amalie verblasst. Und sei es im bewaffneten Kampf gegen eine autoritäre Gesellschaft von Besitzständlern und ihre zerstörerische Macht. Volker Muthmann wird zum intrigant operierenden Antreiber Spiegelberg, der dem Freund die Rolle als Räuberhauptmann schmackhaft macht und den gemeinsamen Treueid mit den Gefährten „Razmann“ (Paul Trempau) und „Roller“ (Bastian Dulisch), nicht aber die Folgen.

Immer wieder werden in den Videoaufnahmen von Moritz Hils die Gesichter des „Räuber“- Ensembles eingeblendet, während auf der Bühne die blutigsten Gräueltaten so lustvoll nacherlebt werden wie auch die finsteren Manöver von Franz, die den alten Moor noch tiefer in die Verzweiflung treiben und Amalie in eine verzweifelte Wut, die sie zur Waffe greifen lässt. Es ist auch die Frage von Schein und Sein und opportuner Pose, die die Aufnahmen stellen, wenn in den Wortgefechten die Täuschungsmanöver ebenso getarnt werden wie die emotionalen Unruheherde und Verwerfungen.

Nur bei Amalie wird diese Tarnung aufgebrochen und auch die Unbeirrbare Haltung, die Anna Paula Muth in ihrer Figur bekräftigt, wenn sich in den Filmbilder eine Träumerin in Weiß auf die Spuren von Shakespeares Ophelia begibt, die sich lieber dem Fluss anvertrauen möchte, weil sie das mörderische Finale bereits ahnt.

Wenn sich das brüderliche Duell zuspitzt, weil das Intrigengebäude von Franz zusammenbricht und Karl auf Rache sinnt, versagen die letzten möglichen Zuschreibungen, was legitime und radikale Reaktionen auf den Verlust von Vaterliebe und Anerkennung angeht. Denen verweigert sich auch Moritz Beichl mit seiner Inszenierung, die eindeutige Rückschlüsse immer wieder in Frage stellt und stattdessen eine Gewaltspirale demonstriert, an der alle Beteiligten ihre Anteil haben, als Dulder, Ignoranten, Aufrührer oder Profiteure. Der machtgeile Karrierist und der Räuber, der den Mord an seiner Geliebten jetzt mit dem Treueeid für die Gefährten legitimiert, haben ihr Gewaltpotential ausgeschöpft.

Der Rest ist nackter Horror und so spielt Daniel Mühe auch dieses letzte panische Aufbäumen zwischen Wahn und Wirklichkeit und Entsetzen vor dem drohenden Nichts. Die Familie ist geschlachtet, das bürgerliche Setting vernichtet. Die letzte Kugel trifft beide Seiten eines brüderlichen Januskopfes.

 Die Premiere von Die Räuber war am 18. Juni 2021. Weitere Vorstellungen stehen am 26. Juni, am 2. und am 14. Juli auf dem Spielplan.


Hören Sie auch den Theaterpodcast zu diesem Stück: Tina Fibiger im Gespräch mit Moritz Beichl.

Mehr zu diesem Thema:

Kommentare powered by CComment

plusDas Deutsche Theater Göttingen ist PLUS-Partner des Kulturbüro Göttingens. Deshalb können Sie diesen Artikel lesen, ohne ein Abonnement abzuschließen.

passend zum Artikel

Liebe Leserin, lieber Leser,

schön, dass Sie hier sind - und schön, dass Sie dieser Artikel interessiert.

Wussten Sie, dass die Autorinnen und Autoren des Kulturbüros für ihre Arbeit bezahlt werden? Das werden sie - genauso wie die Kolleginnen und Kollegen, die die vielen Termine in den Kulturkalender eintragen.

Vielleicht verstehen Sie, dass wir diese Inhalte nicht allen kostenlos zugänglich machen können. Wir sind auf bezahlte Zugänge (Abonnements) angewiesen - eigentlich wie alle, die Produkte und Dienstleistungen anbieten, für ihre Angebote Geld verlangen müssen.

Wenn Sie ein solches Abonnement (nur 5 Euro im Monat oder 50 Euro pro Jahr) abschließen möchten, brauchen Sie nur

hier

zu klicken. Alternativ können Sie für nur 1,20 Euro einen Tageszugang einrichten, um diesen Artikel ganz zu lesen.

Vielen Dank!

Wenn Sie bereits einen Zugang haben, können Sie sich hier einloggen und weiterlesen.

Wenn Sie bereits einen Zugang haben, können Sie sich hier einloggen und weiterlesen.

Diese Seite verwendet Cookies, mit denen Informationen lokal auf Ihrem Rechner gespeichert werden. Mit der Benutzung der Seite stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu.