Willkommen!
Um alle Funktionen zu nutzen, loggen Sie sich bitte ein.
Passwort vergessen?
Registrieren Sie sich hier neu

Montag, 02 September 2013 01:17

Kunstvolle Stimmgewalt im Namen des Irrsinns

geschrieben von
Kunstvolle Stimmgewalt im Namen des Irrsinns Bildquelle: kultursommer-goettingen.de

Eine musikalische Lesung mit Matthias Brandt, Rezitation und Jens Thomas, Klavier und Gesang

Blaues Licht auf schwarzem Hintergrund. Ein schwarzer Flügel. Ein Lesepult, ebenfalls schwarz. So simpel beginnt das Gastspiel von Matthias Brandt und Jens Thomas, das einen so effektvoll in seinen Bann zieht. „Psycho“, eine Lesung der etwas anderen Art lief am Sonnabend im Rahmen der Göttinger Theatertage, ehemals Innenhof-Theaterfestival, die mangels eines Innenhofes vorübergehend im Deutschen Theater untergekommen sind. Der Saal ist brechend voll; alle wollen kollektiv dem Roman von Robert Bloch lauschen, den Alfred Hitchcock mit seinem Film so bekannt gemacht hat. So hatten sicher die meisten verschiedenste Schwarzweißbilder im Kopf, als das Schauspiel begann. Da jedoch die Hauptfigur geistesgestört ist, bot sich den Darstellern eine breite Palette an Interpretationen, die diese auch bunt nutzten.

Schauspieler Matthias Brandt als Vorleser schreckt schnarchend aus einem Nickerchen auf – und mit ihm der ganze Saal -, das Norman Bates beim Lesen gehalten hat. Er schaltet die Leselampe ein, die bei weitem nicht so altmodisch ist wie die, die er gerade beschreibt. Ausufernd gestikulierend und ein Potpourri an Gesichtsausdrücken nutzend lässt er den Zuschauer immer wieder schwanken zwischen Zuhören und Hineingezogenwerden in die verstörende Handlung und den noch viel verstörenderen Geisteszustand seines Protagonisten. Mit diabolischem Blick springt er auf, um sich gleich wieder freundlich lächelnd hinzusetzen und über das Buch zu beugen. Nur um sofort wieder seine Stimme von salbungsvollem Säuseln zu einem kratzigen Geschrei aufzudrehen.

Das würde schon reichen, um Norman Bates quasi sicht- und hörbar zu machen, doch es gibt noch einen zweiten Star bei diesem Stück. Jens Thomas, Pianist und Sänger, mit einer Stimme, die ganz allein jegliche Aufmerksamkeit für einen ganzen Abend fesseln könnte. Ein menschlicher Synthesizer, der selbstvergessen der Erzählung folgt und diese untermalt. Er blickt nicht ins Publikum, scheint ganz bei sich und der Sache zu sein. Er bearbeitet den Flügel als Tasten-, Zupf-, Streich- und Percussioninstrument; mal spielt er so artig, unaufdringlich und leise, dass man ihn beinahe überhören mag; dann wieder kriecht er halb in das Instrument hinein, um direkt auf den Saiten zu spielen oder den Ton der Tasten zu variieren. Oder er singt, dass man seinen Ohren nicht traut. Ist da eine Apparatur am Mikrofon, die die Stimme verändert? Nein, da ist keine Technik im Spiel, er bringt selbst diese hohen klaren Töne hervor, dieses Knarren, Quietschen und Hauchen, womit er am Nervenkostüm des Zuhörers zerrt; aber auch diesen klaren starken Bariton, mit dem er einige seiner Lieder darbietet, darunter eine für diese ungewöhnlich aggressive Interpretation erstaunlich gefällige Darbietung des Heiderösleins von Goethe. Ob das ins Programm passt? Warum nicht, wir folgen den Spuren eines Verrückten...

Nun darf man nicht denken, jeder der beiden mache sein eigenes Programm. Zwar spinnt jeder einen eigenen Erzähl- oder Stimmungsstrang, der das Publikum auf eine Reise durch die vielfältige negative Gefühlswelt des Menschen mitnimmt. Aber alle beide reagieren sensibel auf den anderen, wechseln zwischen Haupt- und Nebendarsteller, gehen voran oder folgen nach. Hin und wieder kann man nicht umhin, zu lachen, aber anders kann man die menschlichen Abgründe, die in dem Stück stecken vielleicht nicht ertragen, wenn sie einem so unmittelbar aufgezeigt werden. Wobei dieser direkte Draht vielleicht in dem großen Saal nicht so gut funktioniert wie es in einem kleineren Raum der Fall wäre.

Nach trommelndem Applaus und einer Zugabe – noch einmal die Duschszene - entlässt das Publikum die beiden aus diesem kurzweiligen Abend.

 

Letzte Änderung am Mittwoch, 30 März 2016 15:26

Schreibe einen Kommentar

Achten Sie darauf, die erforderlichen Informationen einzugeben (mit Stern * gekennzeichnet).
HTML-Code ist nicht erlaubt.

Wenn Sie bereits einen Zugang haben, können Sie sich hier einloggen und weiterlesen.

Diese Seite verwendet Cookies, mit denen Informationen lokal auf Ihrem Rechner gespeichert werden. Mit der Benutzung der Seite stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu.