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Donnerstag, 24 April 2014 10:12

Drei in einem

geschrieben von
Maria Sournatcheva Maria Sournatcheva Photo: © Wortmann

Händel-Talk im Apex mit Maria Sournatcheva, Sonja Elena Schröder und Lars Klinberg

Eigentlich hätte jedes der Themen einen eigenen Händel-Talk verdient: die Vorstellung der Oboistin Maria Sournatcheva, die Vorstellung der Jugendoper „Familienbande im Gespräch mit Sonja Elena Schröder und vor allem die Aufarbeitung der eigenen Geschichte, nämlich die der Händel-Gesellschaft in der NS-Zeit im Gespräch mit Lars Klinberg. So war es insgesamt vielleicht ein wenig viel – aber nicht minder spannend.

Den Auftakt machte Maria Sournatcheva. Sie ist eine begabte, junge Oboistin und vielleicht dem einen oder anderen Göttinger bekannt: im Sommer 2013 konzertierte sie mit dem Göttinger Symphonie Orchester in der Stadthalle mit ihrem Examenskonzert. Inzwischen ist die junge Russin erste Oboistin im Musik-Kollegium Winterthur. Ihre Kollegin am zweiten Pult ist Franziska Müller – die Schwester von Christoph Mathias Mueller. Die zweite Verbindung nach Göttingen ist die Patenschaft, die Händel-Intendant Tobias Wolff im Rahmen des Deutschland-Stipendiums „Geh deinen Weg“ übernommen hat.

Maria Sournatcheva erzählte interessant und begeisternd, wie sie ihren Weg in Deutschland gefunden hat. Zu hören war sie natürlich auch mit ihrem Instrument. Begleitet von der Gitarristin Negin Habibi spielte sie eine Händel-Sonate, ein Stück von Astor Piazolla und zum Abschluss „Piéce en forme de Habanera“ von Maurice Ravel. Ihre große Begabung war deutlich zu hören: ein zauberhaft gestaltetes Piano und eine sehr gefühlvolle Gestaltung der Musik zeichnen ihr Spiel aus. „Schon als Kind wollte ich das Instrument kennenlernen, das in der Oper und im Konzert die schnulzigsten Melodien spiel“ erläuterte Sournatcheva ihre Entscheidung für die Oboe.

„HipHop, Händel und andere Herzensangelegenheiten“ steht als Untertitel der diesjährigen Jugendoper „Familienbande“. Sonja Elena Schroeder, langjähriges Ensemblemitglied im Jungen Theater und bekennende Göttingerin, ist für das Bühnenbild, die Requisite und die Kostüme zuständig. Begeistert und begeisternd berichtet sie von der Probenarbeit mit den jungen Menschen, die im Orchester sitzen und auf der Bühne stehen. „Die Rapper haben ihre Texte alle selber geschrieben“, erläutert sie. Und Tobias Wolff ergänzt: „Dazu mussten sie das gesamte Opernlibretto lesen – keine leichte Kost“. All das macht neugierig auf die Aufführungen am 3. und 4. Mai sowie am 5. und 6. Juni im Jungen Theater.

Nun hätte man zum gemütlichen Teil des Abends übergehen und den Händel-Wein noch einmal nachschenken lassen können. Stefan Lipski hätte ohnehin gerne längere Passagen seiner mitgebrachten CDs von „Quartonal“ (einem a-cappella-Ensemble), dem Barocktrio „The Jones Band“ oder natürlich seiner erklärten Lieblings-CD „Music for a While“ mit dem Ensemble L’Arpeggiata“ und Christina Pluhar gespielt.

Jetzt aber bekam Lars Klinberg das Mikrophon. Klinberg ist promovierter Musikwissenschaftler und hat sich lange mit der Rezeptionsgeschichte Georg Friedrich Händels in den deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts beschäftigt. Insbesondere untersuchte der die Geschichte der Göttinger Händel-Gesellschaft in der Zeit von 1933 bis 1949. Dieser Teil der eigenen Geschichte wurde bislang noch nie untersucht und brachte etliche interessante Details zu Tage. Zum Beispiel die Tatsache, dass es der privaten Gesellschaft die gesamte Zeit gelungen ist, sich der kompletten Gleichschaltung zu widersetzen und weitestgehend privat zu bleiben. Das ist das Verdienst vom Gründer der Gesellschaft Walter Meyerhoff. Trotz eigener jüdischer Wurzeln „opferte“ er den Halbjuden Wolfgang Stechow (Kunstgeschichtler an der Universtität, Mitbegründer der Händel-Gesellschaft und begabter Laienmusiker) und holte einige NS-Größen in den Vorstand. Dadurch bewahrte er die Gesellschaft – und machte es der Nachwelt schwer, diesen Schritt zu bewerten. (Stechow emigrierte übrigens 1936 in die USA und zeigte sich bei vielen Festspielbesuchen nach dem Krieg durchaus versöhnlich.)
Es ist ein großer Verdienst der Göttinger Händel-Gesellschaft, ihr Archiv zur Verfügung zu stellen und diese Forschungsergebnisse auch auf diesem Wege zu veröffentlichen. Man darf das durchaus als bewussten Schritt zur Vorbereitung des hundertsten Geburtstages der Festspiele im Jahr 2020 verstehen.

So endete ein Abend mit unglaublich vielen Informationen, der nicht nur Appetit auf die bevorstehenden Händel-Festspiele macht, sondern darüber hinaus in die Vergangenheit und in die Zukunft blicken lässt.

Letzte Änderung am Montag, 04 April 2016 23:18

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