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Montag, 28 Juli 2014 13:16

Dynamisches Potential

geschrieben von
Friedrich von Mansberg, Valentin Blomer, Theresa Sommer, Ingolf Helm, Michael Schäfer (von links nach rechts) Friedrich von Mansberg, Valentin Blomer, Theresa Sommer, Ingolf Helm, Michael Schäfer (von links nach rechts) © Philipp Nelson

"Carmina burana" mit dem Universitätschor in der Aula

Auf imposante Weise präsentiert sich unter der Leitung von Ingolf Helm der Göttinger Universitätschor mit dem Orffschen Opus magnum, den „Carmina burana“, in einer reduzierten Fassung für Solisten, zwei Klaviere, Schlagwerk und Chor zum Semesterabschluss in der Aula am Wilhelmsplatz.

Das 1937 uraufgeführte Werk, oft auch leicht missverständlich als szenische Kantate bezeichnet, hat eine erstaunliche Rezeptionsgeschichte: Obwohl als entartet bezeichnet – unverständliche Texte und zu sehr am Jazz orientiert –, erfreute sich das Werk großer Beliebtheit bei vielen Nazi-Größen. Orffs Rolle als Komponist während des Nazi-Faschismus ist bis heute strittig; umso überraschender ist die Entwicklung nach 1945, als Carmina Burana zu einem der populärsten Werke auch im internationalen Konzertbetrieb wurde.

Diesem Werk widmete sich auch der Unichor für ein Semester unter der Leitung von Ingolf Helm. Dabei ergibt sich für jeden Chor das Problem, mit der bemerkenswerten Popularität dieses Stückes konfrontiert zu sein: Vielen dürfte vor allem der wirkungsmächtige Eingangs- und Schlusschor „O Fortuna“ im Ohr sein – Wikipedia verrät, auf IMDb seien mehr als 60 Kino- und Fernsehproduktionen aufgelistet, in denen Teile der „Carmina burana“ genutzt worden sind –, während viele Abschnitte des Mittelteils eher unbekannt sind.

Neben seiner Popularität sind es der Aufbau und die kompositorischen Mittel, deren Orff sich bedient, die wesentlich für eine künstlerische Umsetzung des musikalischen Textes sind. Eine ausgeprägte Rhythmus-Gruppe und starke rhythmische Akzentuierungen in den Chorsätzen, das Fehlen motivischer Arbeit und stattdessen der Rückgriff auf Mittel wie Repetitionen, Ostinati und sich teilweise wiederholende Tanzformen dürften die wesentlichen Aspekte sein, mit denen diese ekstatische und übermütige Musik beschrieben werden kann. Wie auch im Notentext überaus deutlich wird, macht der rhythmisch schlagende Duktus den teils mitreißenden Charakter des Werkes aus und stellt eine wesentliche Anforderung an die Musizierenden dar.
Diese Anforderungen des Werkes meisterte der Unichor sehr eindrucksvoll. Gleich zu Beginn beim „O Fortuna“ präsentierte der Chor sein dynamisches Potential, wobei sich jedoch sehr schnell zeigte, dass ein mächtiges Skandieren im hohen Register die Gefahr birgt, gerade die rhythmischen Akzente zu vernachlässigen und in den kontrastierenden, leisen, fast geflüsterten Passagen, die Prägnanz zu verlieren. Doch gerade in den rhythmisch schwierigen Abschnitten wurde der Chor souverän von den Musikern am Schlagwerk gestützt, die trotz krankheitsbedingter Schwierigkeiten wesentlichen Anteil am Gelingen dieser Aufführung hatten. Die beiden Pianisten Valentin Blomer und Michael Schäfer, die in dieser Fassung den Part des Ensembles der von Orff vorgesehenen Instrumente übernahmen, spielten ein professionelles Konzert, wie auch die drei Solisten, die die Soli für Bariton (Daniel Schäfer), Tenor (Friedrich von Mansberg) und Sopran (Theresa Sommer) übernahmen.

Letztlich erscheint Orffs „Carmina Burana“ jedoch vor allem als ein Werk, in dem der Chor im Mittelpunkt steht und nicht die individuelle Versiertheit eines oder mehrerer Musiker. Dieses Werk setzt ein Kollektiv voraus, welches der Unichor, zusammengesetzt aus Studierenden der Universität – die keine Profi-Musiker sind –, darstellt und als solches für ein eindrucksvolles Konzert gelobt werden muss. Der Chor präsentierte sich auf höchst souveräne Art und Weise, und die Singenden zeigten, dass sie dieses Werk nicht nur gerne präsentiert haben, sondern auch mit den wichtigen dynamischen Kontrastierungen, den rhythmischen Nuancen und sehr ausdifferenzierten Klangregistern umgehen können. Jede Kritik an dieser Vorstellung wäre angesichts der Tatsachen – hier treffen sich begeisterte Studierende wöchentlich, um gemeinsam Musik zu machen und ein größeres Werk einzustudieren – eine Kritik auf hohem Niveau. Das einzig Wesentliche bleibt noch immer – so suggeriert es neben der Musik auch der Text – den Genüssen des Lebens zu frönen; und nicht ohne Grund prägte Strawinsky nach der Uraufführung 1937 den wohl negativ intendierten Begriff des Neo-Neandertalismus, um den Orffschen Stil und das, was auf der Bühne stattfand, zu beschreiben.

Letzte Änderung am Dienstag, 25 November 2014 10:25

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