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Sonntag, 21 September 2014 16:20

Die Musik entsteht und ist richtig

geschrieben von
Pierre Pincemaille an der Orgel in St.Denis Pierre Pincemaille an der Orgel in St.Denis Bildquelle: youtube.com

Im Eröffnungskonzert der diesjährigen Internationalen Orgeltage an St. Jacobi gab es keine falschen Töne. Es gab auch keine gute oder schlechte Interpretation von Orgelwerken. Eigentlich gab es nichts, wo eine klassische Konzertkritik ansetzen könnte. Denn der Künstler des Abends, Pierre Pincemaille, ist nicht nur Hauptorganist an der Pariser Kathedrale St. Denis, sondern auch einer der weltbesten Orgelimprovisatoren. Und so standen auf dem Konzertprogramm ausschließlich Improvisationen über vom Publikum gegebene Themen.

Orgelimprovisation, was ist das eigentlich? Die klassische Musikszene der heutigen Zeit fokussiert ihren Blick fast ausschließlich auf die Reproduktion von niedergeschriebenen Kompositionen. Lediglich im Bereich der Orgelmusik wird noch aus dem Stehgreif gespielt, also Musik über ein Thema im Moment der Aufführung im Kopf des Spielers entwickelt und sofort umgesetzt. Allerdings beschränkt sich auch hier der Einsatz dieser Technik vornehmlich auf das Orgelspiel im Gottesdienst, wo es dann oft auch abfällig mit dem Begriff "Organistenzwirn" abgetan wird.

Überhaupt haftet Improvisationen, wenn sie im Stil einer bestimmten Epoche oder eines Komponisten gehalten sind, ein wenig der Vorwurf des "Abklatsches" an. Ein Organist sei eben noch lange kein Bach, wenn seine Improvisation wie Bach klingt. Interessanterweise war dies z.B. im 18. Jahrhundert genau umgekehrt: Bewarb sich ein Organist auf eine Stelle, musste er im Probespiel vor allem seine Improvisationskunst u.a. mit mehrthematischen Fugen unter Beweis stellen. Über Kandidaten, die Kompositionen auswendig lernten und beim Vorspiel als Improvisationen deklarierten, wird sich in zeitgenössischen Schriften genüsslich echauffiert.

Wenn ein erstklassiger Künstler wie Pierre Pincemaille improvisiert, dann gibt es natürlich weder Abklatsch noch Organistenzwirn. Was am Freitagabend in der Jacobikirche zu hören war, war Orgelimprovisation, ja sogar allgemein Orgelmusik der Extraklasse. Es begann mit einer Choralpartita im Stil von J.S. Bach, bestehend aus Ricercare, figuriertem Choral, Trio, coloriertem Choral und einer abschließenden Fuge. Als Thema wählte Pincemaille den Choral "Jesu meine Freude". Solche Partiten bieten eine wunderbare Möglichkeit das Thema bzw. den Choral auf verschiedenste Art und Weise zu verarbeiten. Dies gelang Pincemaille hervorragend, auch wenn nicht alles wie Bach klang - was aber sicher auch nicht der Anspruch war, denn es erklang ja ein "Pincemaille".

Als zweites stand eine viersätzige Symphonie auf dem Programm. Hierfür wählte Pincemaille drei verschiedene Themen aus den vom Publikum notierten Wünschen aus. Und nun zeigte sich nicht nur, in welcher Musiksprache er wirklich zuhause ist, sondern auch eine Besonderheit der Improvisation: Dadurch, dass die Musik ad hoc im Kopf des Organisten entsteht und dadurch auch nicht nochmal revidiert werden kann, ist sie für den Zuhörer viel zugänglicher und erfassbarer als eine komplexe Komposition, die man eigentlich erst nach mehrmaligem Hören oder beim Mitlesen versteht. Man folgte der Musik aufmerksam und war immer auf der Suche nach Themen oder Themenfragmenten. Und nebenbei freute man sich noch am Erfindungsreichtum Pincemailles, der stellenweise auch eines gewissen Humors nicht entbehrte.

Die abschließende Introduktion, Thema und Variation ging über das Abendlied "Der Mond ist aufgegangen". Auch wenn Pincemaille nicht unbedingt das romantische Bild des Claudius-Textes nachzeichnete, sondern eher eine moderne Nacht mit Trubel bis zur vorgerückten Stunde, skurrilen Gestalten auf der Straße und lauter Party skizzierte und somit etwas mit den Erwartungen brach, so tat dies aber dem Hörgenuss keinen Abbruch.

In allem zeigte sich Pincemaille natürlich als inspirierter Musiker, der die Musik im Moment des Erklingens erdenkt und dadurch auch viel unmittelbarer miterlebt, aber auch als hervorragender Techniker und Interpret, der die Klangfarben einer Orgel gekonnt auslotet und abwechslungsreich einsetzt. Lediglich die Vorliebe für wetterbedingt verstimmte Horizontaltrompeten teilt der Rezensent nicht.

Bei so großartiger Musik konnte man schnell die Brisanz des Tages in der Jacobikirche vergessen: In der Nacht hatte ein Blitz in den Turm eingeschlagen und verschiedene elektronische Einbauten, vor allem aber auch einige Koppeln der Orgel lahm gelegt. So kam es, dass ein Orgelbauer erst um 18:02 die Orgel soweit spielbar bekam, dass man als Zuhörer nichts mehr von dem Dilemma hörte. Auch in diesem Punkt erlebte man also ein Improvisationskonzert erster Klasse!

Was ist nun das besondere an der Orgelimprovisation? Man ist als Zuhörer bei der Entstehung der Musik dabei, und indem man sie hört, ist sie auch unwiderruflich vorbei - Ein Zauber, der in unserer durch konservierte Musik bestimmten Zeit etwas Besonderes und sehr zu schätzen ist. Zudem setzt man sich in ein Improvisationskonzert mit einem anderen Anspruch und viel offener für das zu erwartende: Es gibt keine falschen Töne, kein falsches Tempo, überhaupt nichts falsches in dem Sinne. Die Musik entsteht und ist richtig - und dann ist sie auch schon Geschichte und nur noch in der Erinnerung vorhanden.

Letzte Änderung am Mittwoch, 30 März 2016 14:48

1 Kommentar

  • Kommentar-Link Gast Samstag, 04 Oktober 2014 16:28 gepostet von Gast

    Sehr schöne Rezension.

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