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Montag, 20 Oktober 2014 08:34

Abgründe des Komischen und Tragischen

geschrieben von
Abgründe des Komischen und Tragischen Photo: © Dorothea Heise

Premiere im Jungen Theater: Die Ziege oder Wer ist Sylvia?

Der Architekt Martin Gray erlebt die wohl wichtigste Woche seines Lebens: Er wird mit dem für Architekten so bedeutenden Pritzker Preis ausgezeichnet, erhält den Auftrag eine Mega-City für 25 Milliarden Dollar zwischen den Maisfeldern des Mittleren Westens zu erbauen und feiert seinen 50. Geburtstag. Er hat einen 17-jährigen Sohn und eine Frau, die ihn liebt. Martin hat alles erreicht und doch scheint sich eine Katastrophe im beschaulich-gemütlichen Familienleben  anzubahnen.

Dies ist die Ausgangssituation für einen verhängnisvollen Tag, an dem die Grenzen der Liebe zwischen Martin und seiner Frau Stevie (Agnes Giese) sowie seinem Sohn Billy (Ali Berber) ausgetestet werden. Am Ende des Tages scheint Martin alles verloren zu haben.

In Die Ziege oder Wer ist Sylvia mit dem programmatischen Untertitel Notes toward a definition of tragedy erkundet Edward Albee die Abgründe des Komischen und Tragischen einer moralischen Gesellschaft, in der nicht mal die Vorstellung oder der Glaube an das Verrückte Platz zu finden scheinen. Dabei geht es Albee keineswegs bloß darum die größtmögliche Provokation auf komische Art und Weise zu verpacken, sondern wesentliche Fragen an das Publikum und eine Gesellschaft zu stellen, deren oberstes Ziel oft moralische Überlegenheit und Integrität zu sein scheint. Wie soll die liebende Ehefrau mit ihrem fremdgehenden Mann, der es noch dazu mit einer Ziege treibt, umgehen? Kann sie ihn überhaupt verstehen? Ist es Stevie  möglich, nicht nur von dem Tabubruch ihres Mannes zu wissen, sondern auch an diesen zu glauben? Damit versinnbildlicht sie eine ganze Gesellschaft, die sich fragen muss, wie sie mit dem Verrücktsein und dem Brechen tradierter Tabus umgehen kann. Und warum fällt es Martin so schwer seinen schwulen Sohn so anzunehmen wie er ist, wo er doch selbst nicht dem heteronormativen Maßstab entspricht? Wie kann Martin seine Liebe und sexuelle Beziehung zu der Ziege Sylvia ernst nehmen und gleichzeitig seine Frau lieben, ohne die offensichtlichen Unterschiede zwischen dem Menschen, den er liebt und dem Tier, das er liebt, durcheinander zu bringen?

So langsam dieses Stück  im heimeligen Wohnzimmer auch beginnt, so sehr gewinnt es an Fahrt und Tragik – spätestens dann, wenn Martins Freund Ross für ein Fernseh-Interview zu Besuch kommt. Dass sein Freund nicht ganz bei der Sache ist, wird Ross schnell klar und so entlockt er ihm anschließend in einem langwierigen, aber darstellerisch grandios umgesetzten Dialog sein Geheimnis um den Ehebruch gegenüber seiner Frau mit einer Ziege. Diese heiße Sylvia und würde ihn genauso lieben wie er sie liebt. Während Martin über diese Liebe auf den ersten Blick und die unschuldigen Augen der Ziege Sylvia schwadroniert, ist sein Freund fassungslos und bestürzt. Der davor so coole und obszöne Ross hat seine ganze Abgeklärtheit verloren. Er ist überfordert mit dem Tabubruch seines Freundes und berichtet schließlich mittels eines besorgten Briefes Martins Frau Stevie von der Affäre. Damit nimmt die Tragödie ihren Lauf und die schier moralische wie emotionale Überforderung der Ehefrau Stevie und des Sohnes Billy mit dem tierefickenden Vater wird lautstark und überzeugend dargestellt. Hier sind es vor allem die rasenden Dialoge und Wutausbrüche von Jan Reinartz als Martin und Agnes Giese als seine Frau Stevie, die dem Stück Tragik, aber auch einen gekonnten düsteren Humor verleihen.

Der Einfall, das Tabu der Sodomie auf einer Bühne darzustellen, ist sicher nicht neu, wurde aber in diesem Fall grandios umgesetzt, was sowohl die Vorlage Albees als auch die Umsetzung auf der Bühne betrifft. So ist es auch nicht das Tabu selbst, welches das Stück ausmacht – obwohl es vor allem der sprachlich ordinäre Umgang Albees mit dem Thema ist, der für das verschämte Schmunzeln und die Lacher im Publikum sorgte – sondern die aufkommenden Fragen nach Moral und Tabu, mit denen das Publikum auf sehr direkte Weise konfrontiert wird.

Letzte Änderung am Mittwoch, 08 April 2015 20:47

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