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Montag, 03 November 2014 00:36

Die Geschichte des Lagers hat viele Lesarten

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Ali Berber, Eva Schröer, Linda Elsner, Karsten Zinser (von links nach rechts) Ali Berber, Eva Schröer, Linda Elsner, Karsten Zinser (von links nach rechts) Photo: © Dorothea Heise

Schön, dass ihr da seid! - Friedlandprojekt des Jungen Theaters

Der Übersetzer sucht nach Worten für jedes dieser Fluchtschicksale: „Wir können nicht falsch übersetzen was wir nicht verstehen, oder was wir nicht kapiert haben.“ Auf der Bühne des Jungen Theaters wird nun ein Video eingeblendet, allerdings ohne Übersetzungshilfe für ein Gesicht und seine Geschichte, die irgendwo in Afghanistan in einer fremden Sprache beginnt. Nach all den Zeitdokumenten, den Interviews und den Pressekommentaren über das Lager Friedland verstören diese Bilder umso mehr. So einfach ist es eben doch nicht, mit den wissenschaftlichen Befunden, an denen sich diese szenische Dokumentation orientiert. Es sind die Texte von Studierenden des Institutes für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie, die Regisseur Kai Tuchmann mit Linda Elsner Eva Schröer, Ali Berber und Karsten Zinser vom JT Ensemble dokumentarisch in Szene setzt. Doch mit diesem Video, das ohne Erklärungen Übersetzungshilfen und Kommentare gezeigt wird, deutet er auch auf die Grenzen eines akademischen Diskurses auf der Bühne. Er funktioniert nicht ohne Empathie, ohne das Gefühl für das Klima der Befremdung und des Fremd seins, das die Bewohner des Lagers tagtäglich erfahren. Und dass es sich auf die Zuschauer übertragen muss, wenn sie von diesem Abend mehr als nur eine szenisch belebte Sammlung von Fakten und Interpretationen zur Geschichte Friedlands erwarten.

Die Schauspieler geben den Texten ihre Stimme. Den Auszügen aus einem Gespräch mit Friedländern und ihren Erfahrungen in der Nachbarschaft des Lagers. Wie sie die Menschen erleben, denen sie im Supermarkt begegnen oder
vor einer der Gemeinschaftsunterkünfte. Wie sie die Nachrichten über die Ankunft der syrischen Kontingentflüchtlinge beurteilen und die aktuelle Asylpolitik.  Dass es syrische Familien gibt, die diesen Sonderstatus nicht genießen und gemäß der Dublin II –Regelungen keinen unmittelbaren Zugang zum Arbeitsmarkt haben und keine Sozialhilfegarantien, kommt in einem anderen text zur Sprache.  Auch die Bilanz der Studierenden, die das Lager als weitere ausführende Instanz für die bürokratischen Zwänge des Asylsystems beschreiben.

Die verbale Anteilnahme Joachim Gaucks bei seinem Friedlandaufenthalt wird kontrastiert mit der standardisierten Befragung eines Asylsuchenden, der seine Existenz nicht dokumentarisch nachweisen kann. Die Tatsache, dass das Lager immer wieder für politische Meinungsbilder instrumentalisiert wurde, zieht sich dabei  wie ein roter Faden durch diese dokumentarische Chronik. Wie sich zum Beispiel die Bundesrepublik bei der Aufnahme der  vietnamesischen Boatpeople überaus fremdenfreundlich zeigte und ganz schnell die passende Gesetzesnovelle verabschiedete. Von der hätten auch gerne chilenische Emigranten profitiert, nur dass sie leider dem sozialistischen Lager zugerechnet wurden und nicht wie die Südvietnamesen vor einem kommunistischen Terrorregime geflüchtet waren.

So euphorisch wie 1955 die Ankunft von 10000 Soldaten aus russischer Kriegsgefangenschaft gefeiert wurde war der Empfang der zahlreichen Russlanddeutschen in Friedland nicht. Für sie beschwören die Schauspieler erneut im Chor „Das Tor zur Freiheit“ um dann zu berichten, wie  sehr gerade in der Nachkriegsgründerphase des Lagers nicht nur ehemalige Wehrmachtssoldaten von der Täter- in die Opferrolle manövriert wurden: Dass Friedland hier auch symbolisch für den bundesweiten Konsens stand, die nationalsozialistische Verbrechensherrschaft zu verdrängen.

In diesen Kontext werden Zitate aus Wolfgang Borcherts Schauspiel „Draußen vor der Tür“ eingeblendet. Karsten Zinser demonstriert die wachsende Verzweiflung eines Kriegsheimkehrers, der seine Heimat nur noch als fremd und geschichtslos erlebt und sich in seinen Traumata verliert. Auch dieser dramatische Exkurs bleibt nicht unkommentiert, wenn die Schauspieler in einem Text auf die Rezeptionsgeschichte des Stückes verweisen und dass es bis Ende der 1960er Jahre zu den meist gespielten Stücken gehörte um dabei das Bild des unschuldig leidenden Kriegsheimkehrers weiterhin unkritisch zu verfestigten.

An diesem dokumentarischen Theaterabend kollidieren Zeitzeugenberichte und Politikerstatements mit Zeitungsberichten, Statistiken und aktuellen Befunden Sie machen so auch hellhörig für die unterschiedlichsten Meinungen, die über die Bedeutung das Lagers und seine politische Funktion kursieren, und das mit der Aufforderung, sie ständig zu hinterfragen. Wenn frühere Bundespräsidenten wie Richard von Weizäcker in Friedland „Schön, dass ihr da seid!“ verkünden während die Abschiebeentscheidungen eine neue Höchstquote erreichen. Oder wenn Joachim von Gauck sich in die syrische Schicksale vor Ort einfühlen möchte, die von den Dublin II Regelungen ausgenommen sind.

Natürlich ist auch ein kritisches Politikerstatement fällig: Über all die potentiellen Terroristen, die sich unter den Asylbewerbern getarnt haben könnten, dass man auch dem Missbrauch des Asylrechts entgegen treten und Europa mehr Solidarität bei der Bekämpfung von Schlepperbanden zeigen müsse. Die vermeintlich gute Nachricht von Thomas de Mazière verkündet Linda ebenfalls. Dass die Aufnahmebereitschaft der deutschen Bevölkerung gegenüber frühren Jahren deutlich gewachsen sei, auch wenn sie mit den Nachrichten über die Misshandlungen in einem Flüchtlingsheim in Nortrhein-Westfalen kollidiert.

Dieses Kollisionsprinzip macht die szenische Übertragung des studentischen Forschungsprojektes über Friedland zu einem immer wieder neu bewegenden Diskussionsstoff.  Man möchte jedem Text mit weiteren Fragen, Argumenten und eigenen Gedanken befrachten. Und sei es über die Praxis des Asylrechts und das Tor zur Freiheit, das in den meisten Fällen nicht sehr lange offen steht und aus syrischen Kontingentflüchtlingen und ihren syrischen Nachbarn Konkurrenten macht.

Man könnte sich auch fragen, was das den afghanischen Asylbewerber angeht, der unbedingt vor der Kamera über sich sprechen wollte, auch wenn ihn niemand versteht, der nicht seine Sprache spricht.

JT-Intendant Nico Dietrich unterbrach die Vorstellung vor dieser Szene und berichtet, dass die Studierenden des Seminars für Kulturanthropologie und europäische Ethnologie gegen dieses Video von Ausstatterin Sonja Elena Schröder gestimmt hatten. Dass es zu klischeehaft und zu voyeuristisch sei und von ihrem Befund ablenke, dass das Lager als bürokratische Institution Lebensläufe, Fluchtschicksale und Traumata funktional wegblende. Das JT-Team mit Regisseur Kai Tuchmann plädierte für diesen fremden Chronisten, der in der wissenschaftlichen Friedland Recherche nicht vorkommt. Die Geschichte des Lagers hat viele Lesarten, aber auch die jedes einzelnen Individuums, das hier vorübergehend gestrandet ist, nun verstanden werden möchte oder einfach angenommen.

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