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Montag, 24 November 2014 14:17

Feierlich. Nachdenklich. Großartig!

geschrieben von
Die Göttinger Stadtkantorei mit Bernd Eberhardt, dem GSO und Solisten Die Göttinger Stadtkantorei mit Bernd Eberhardt, dem GSO und Solisten © Photo: Anna Hannes

Beethovens Missa solemnis mit der Göttinger Stadtkantorei

Die Stadtkantorei singt in der Jacobikirche. Die Renovierung des Altarraums in der Johanniskirche bringt diese ungewohnte Konstellation zustande. Am Mittwoch beim Aufbau des Chorpodestes fällt anlässlich einer nicht in vorgesehene Loch wollende Schraube noch der flapsige Spruch "Es ist ja nur für die Stadtkantorei!" Und so mache ich mich auf den Weg in die Aufführung von Beethovens Missa solemnis und überlege mir, wie hart und kritisch ich die künstlerische Leistung des Konkurrenzchores beurteilen werde. Als ich die Kirche betrete, die mir von vielen Konzerten als Jacobisänger wohl bekannt ist, fühle ich mich zuhause - auf dem Programmheft lese ich "Göttinger Stadtkantorei zu Gast in der St. Jacobikirche". Der Raum ist voll, die Plätze ausverkauft, die Kantorei betritt bereits das Podest. Eine gespannte, feierliche Atmosphäre ist spürbar - und sie passt nicht zu meinen distanzierten Kritikerblick, ich werde mit hineingenommen in das Erlebnis dieses Konzerts. Geht es heute Abend wirklich um falsche Töne, schlechte Intonation und unsaubere t-Absprachen?

Das Kyrie reißt mich aus den Gedanken und beantwortet sogleich meine Frage: Imposant und pathetisch beginnt Beethoven diese Messvertonung und markiert schon mit den ersten Tönen den Anspruch des Werks. Hier klingt keine Gebrauchsmusik der Wiener Klassik, sondern eine der größten Kirchenmusiken überhaupt. Bis in absurde Höhen jagt Beethoven die Chorsänger, denen das aber fast leicht zu fallen scheint. Aufmerksam folgen sie dem lebendigen Dirigat Bernd Eberhardts, der den Chor am Ende des Gloria in den übersteigerten Schluss mitreißt. Unterbrochen und ergänzt wird die Kantorei durch das erstklassige Solistenquartett, bestehend aus Stephanie Henke (Sopran), Klaudia Zeiner (Mezzosopran), Clemens C. Löschmann (Tenor) und Andreas Scheibner (Bass). Das Göttinger Symphonieorchester erweist sich als zuverlässiger Begleiter, einzelne rhythmische und intonatorische Unsauberkeiten in den Holzbläsern trüben das Bild nicht.

"Credo in unum deum" - nach einer Stimmpause beginnt das große Glaubensbekenntnis, das Beethoven sehr expressiv und mit direkter Textausdeutung vertont. Ich denke an unser Konzert des Kammerchores St. Jacobi vor einer Woche mit Bachs h-Moll-Messe. Wir sangen den gleichen Text, das gleiche Bekenntnis. Warum gibt es eine Konkurrenz zwischen Chören, die die gleiche Kirchenmusik machen? Sollte nicht gerade die Kirchenmusik gemeinsam einem übergeordneten Ziel dienen?

Sanctus und Benedictus bringen ein wenig Ruhe in die bis hierhin oft sehr überhöhte Musik. Wojtek Bolimowski spielt das große Violinsolo gekonnt mit ein wenig Kitsch, der nach all dem Pathos aber wohl tut. Am Ende steht mit dem Agnus Dei der beeindruckendste Satz, der sich von einem tief traurigen Anfang zum positiven, aber doch sehr offenen Ende entwickelt. Dona nobis pacem - die am ausführlichsten behandelte Textzeile bringt mich wieder ins Grübeln. "Bitte um inneren und äußeren Frieden" schrieb Beethoven über diesen Abschnitt. Die Aktualität dieser Bitte ist beim Blick in die Tagesnachrichten nicht abzustreiten. Während Chor und Solisten in eindringlichen Ausrufen den Satz immer wieder bringen, frage ich mich, wieso es in Göttingen zwischen den Kantoreien eigentlich nur "wir" und "ihr" gibt, und kein "wir alle"?

Nach langem verdienten Applaus fahre ich beglückt, aber auch nachdenklich nach Hause. Ob es wohl möglich ist die alten tradierten Konkurrenzen zu überwinden und endlich gemeinsam Göttingen zu einer Stadt der Kirchenmusik zu machen? Ist nicht beispielsweise die Tatsache, dass man hier an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden die beiden vielleicht größten Werke der lateinischen Kirchenmusik hören kann, ein Ereignis, dass viel eindrücklicher wird, wenn man sich dabei nicht voneinander abgrenzt, sondern es gemeinsam erlebt? Die "Konkurrenz zur Ehre Gottes" scheint mir jedenfalls reichlich unsinnig und nicht würdig weiter kultiviert zu werden. Deswegen sage ich als Jacobisänger der Stadtkantorei heute Abend mit voller Überzeugung: Großartig!

Dona nobis pacem!

Letzte Änderung am Mittwoch, 30 März 2016 12:43

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