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Montag, 09 Februar 2015 12:46

Schwelgen auf Französisch

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Die Jacobikantorei mit dem GSO, Stefan Kordes sowie Nicole Pieper, Stephanie Henke, Clemens Löschmann, Karsten Krüger und Henryk Böhm Die Jacobikantorei mit dem GSO, Stefan Kordes sowie Nicole Pieper, Stephanie Henke, Clemens Löschmann, Karsten Krüger und Henryk Böhm © Photo: Wortmann

Die "Seligpreisungen" von César Franck in der Göttinger Jacobikirche

Die französische romantische Musik ist vor allem durch ihre Orgelwerke bekannt. Dazu gehören auch die Orgelwerke von César Franck. Romantische Oratorien aus Frankreich sind eher unbekannt. Das Oratorium „Béatitudes“ (Seligpreisungen) von César Franck gehört somit ebenfalls zu den unbekannten großen Chorwerken. Dass sich der Bekanntheitsgrad dieser Musik überhaupt steigern konnte, ist der Pionierarbeit von Hans Christoph Becker-Foss aus Hameln zu verdanken, der für seine Aufführungen des Werkes im Herbst letzten Jahres in jahrelanger Arbeit das Aufführungsmaterial erstellt hat.

Das nutzte Jacobi-Kantor Stefan Kordes nur wenige Monate später. Seine Leidenschaft für die französische Romantik hatte er bereits häufiger gezeigt. Diese Leidenschaft ist es in erster Linie, die die Göttinger Erstaufführung in der Jacobikirche zu einem großen Erfolg werden ließ. Das beginnt schon in der Begeisterung, die zunächst im Chor geweckt werden muss. Eine große Chorpartie, ein unbekanntes Stück, eine fremde Sprache – das spricht zunächst wenig für große Begeisterung. Die aber war im Konzert deutlich zu spüren! Der Chor war gut vorbereitet und wirkte sehr präsent. Es ist eine besondere Herausforderung, bei solcher Musik nicht „mitzuschwelgen“, sondern durch selber aktiv dafür zu sorgen, dass die Zuhörer in den romantischen Klängen schwelgen können. Die verschiedenen Rollen des Chores als irdischer oder himmlischer Chor waren deutlich unterscheidbar.

Franck hat den acht Seligpreisungen jeweils größere, zum Teil dramatische Passagen für Chor und Solisten vorangestellt. Für die unterschiedlichen Rollen wird ein großer Stab an Solisten benötigt. Zum Teil hat sich Stefan Kordes dabei aus seinem eigenen Chor bedient: Marie Lüders (Sopran), Karsten Krüger (Tenor) und Christian Neofotistos (Bass) machten ihre Sache mehr als ordentlich.

Dem frisch gebackenen Thomaskantor Gotthold Schwarz kam eine besondere Rolle zu: er sang die Stimme Christi und damit den eigentlichen Bibeltext. Mitunter hätte man sich außer der schönen Stimme noch etwas mehr Volumen gewünscht, nicht immer konnte sich Schwarz gegenüber dem groß besetzten Orchester durchsetzen.

Ganz anders Nicole Pieper, die sich mit ihrer Altstimme mühelos durchsetzte. Insbesondere ihren Solopart „Mater Dolorosa“ gestaltete Pieper so dramatisch, dass es unter die Haut ging.

Henryk Böhm gestaltete "seinen" Satan mit Augenzwinkern und Stephanie Henke gefiel als Engel sowie in einigen weiteren kleineren Rollen (Sopran). Clemens Löschmann (Tenor) hatte in den neun Nummern (Prolog und acht Seligpreisungen) häufig die Aufgabe des Prologs und der Hinführung zur Seligpreisung. Löschmann gestaltete seinen Part passend zur romantischen Musik mit viel Gefühl und dosierte die Kraft unterschiedlich - gerade so, wie es die Musik erforderte.

Einzig die Rolle des Erzählers wurde nicht ganz klar: Wolfgang Wangerin erzählte (in deutscher Sprache) jeweils den Ablauf jeder Nummer - der aber aus dem (etwas knappen) Programmheft eindeutig hervorging. Dass zudem die Technik immer wieder ausfiel, war ihm natürlich nicht anzulasten.

Das Göttinger Symphonie Orchester war groß besetzt und entsprechend durch zahlreiche Aushilfen verstärkt, zum Schluss sogar mit der großen Orgel der Jacobikirche. Die Musiker unter dem Konzertmeister Wojtek Bolimowski waren gut aufgelegt. Sie reagierten auf kleinste Fingerzeige des Dirigenten. Die Dynamik, die Kordes einforderte, wurde unmittelbar umgesetzt, so dass die Musik Francks sich zur ganzen Pracht entfalten konnte. Antonius Adamske setzte mit vollen Register am Ende des Stückes das i-Tüpfelchen auf die überbordenden Klänge.

Dem Chor gehört ein besonderes Lob ausgesprochen. Denn das gut zweistündige Werk lässt den Choristen kaum Verschnaufpausen. So wurde das Werk im wahrsten Sinne „durchgestanden“. Ermüdungserscheinungen waren nicht zu verzeichnen. Bis zum Schluss hielt der Chor die Spannung. Ja, sie konnte im zweiten Teil sogar noch gesteigert werden.

Die Musik von César Franck war für die meisten Besucher ganz neu. Es ist sehr erfreulich, dass die Göttinger sehr neugierig sind: es waren nicht nur viele Kollegen von Stefan Kordes anwesend, die Kirche war insgesamt sehr gut gefüllt. Die Stimmen in der Pause und nach dem Konzert waren unterschiedlich, was die Musik angeht. Von „hat so seine Längen“ über „ich mag solche Schmachtfetzen“ bis „ich habe Gänsehaut bekommen“ war alles vertreten. Was aber die Umsetzung angeht, waren sich alle einig: es kann nur höchstes Lob ausgesprochen werden an den Dirigenten, den Chor, die Solisten und das Orchester.

Der lang anhaltende Applaus am Ende hat das eindrücklich unter Beweis gestellt.

Letzte Änderung am Dienstag, 10 Februar 2015 10:20