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Warnung

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Samstag, 13 Juni 2015 17:03

Schauer-Performance mit Smartphone

geschrieben von
Schauer-Performance mit Smartphone © Photo: Dorothea Heise

E.T.A. Hoffmann Der Sandmann im Jungen Theater

Gruselromantik soll nicht aufkommen. Mit einer klaren Absage beginnt der Theaterabend, der sich auf Motive von E.T.A. Hoffmann und seine Erzählung Der Sandmann stützt: „This is not a fairy tale“. Auf der Bühne des Jungen Theaters formiert sich das Schauspielteam mit Linda Elsner, Eva Schroer, Peer Ripberger und Karsten Zinser zum Chor. Es wird kein Märchen zu sehen geben, verkünden sie. Stattdessen soll die Geschichte um einen kindlichen Alptraum und seine Folgen als Warnung verstanden werden.

Zum Fürchten mag dieser Sandmann ja sein, von dem es heißt, er streue Kindern Sand in die Augen wenn sie nicht einschlafen wollen, um ihnen dann die Augen auszureißen und sie im Kreise seiner Lieben genüsslich zu verspeisen. Aber die Warnung bezieht sich auf die Assoziationen, die Regisseur Per Ripberger mit diesem Alptraumbeschwörer verbindet. Überall lauern die Überwachungskameras und die Datensammler, die sich nicht nur an den sozialen Netzwerken bedienen sondern alle Online Kommunikationswege profitabel ausbeuten.

Die Befunde über die Strategien von Datenspionen und Profiteuren setzt Ripberger wie Kommentare zu E.T.A. Hoffmanns Erzählung ein. Seine Inszenierung orientiert sich an den zentralen Passagen der Erzählung, die die Schauspieler immer wieder abrufen. Es ist die Geschichte des Studenten Nathanael, der in dem Wetterglashändler Coppola den Mann wieder zu erkennen glaubt, der ihn als Kind so entsetzte. Er wird von traumatischen Bildern mit blutenden Augen heimgesucht, sieht sein Leben von finsteren Mächten bedroht, verliebt sich in die Puppe Olympia und verliert dann endgültig den Bezug zur realen Welt.

Diese Alptraumfantasien spiegeln auch die Videos von Katarina Eckold mit den Collagen von Puppenkörpern und Köpfen und den maskenhaften Gesichtern, denen das Blut aus den leeren Augen tropft. Immer wieder werden Berge von Augen eingeblendet und ganz im Sinne von Hoffmanns Sandmann und seinen genießerischen Vorlieben wie Gebäck arrangiert.

Ripberger spitzt dieses Konzept einer Schauer-Performance noch ein bisschen zu, wenn er mit dem Kunstmärchen auf Datensammler, Spekulanten und Profiteure anspielt. Die Zuschauer sind aufgefordert, ihre Smartphones zu aktivieren und auf einer Sandmann-Homepepage ihre Kommentare zu diesem Abend zu hinterlassen. Auch die Selfies des Regisseurs können sie abrufen, was allerdings nicht ohne Folgen bleibt. Er macht drei User auf der Bühne nicht nur namentlich öffentlich sondern auch mit ihren privaten und biografischen Daten.  Manch einem vergeht vielleicht auch der Spaß an dieser Form von interaktivem Theater, wenn er sich von der Kamera an der Kasse des Jungen Theaters erfasst sieht und für die schaurige Prognose über Netzgewalten und Datenkontrollen vereinnahmt fühlt.

Auch mit der ungebremsten Sensationslust auf Netzneuigkeiten spekuliert der Abend und mit einer Fülle von Bildern bei denen vor allem die Wirkung zählt. Wenn die Schauspieler vor der Kamera ein Waterboarding Szenario nachspielen und einen Kuhkopf operieren, dessen Augen darf das besonders gruselig anmuten.

Die schöne neue Medienwelt lebt eben auch von Inszenierungen und von Schockeffekten, die in dieser Schauer Performance natürlich nicht fehlen dürfen. Es mag an diesem Abend auch um die Frage gehen, welche Bilder den Blick auf die Realität erhellen und welche davon eigentlich ablenken. Dazu liefert er ebenfalls jede Menge szenisches und visuelles Anschauungsmaterial. Schön schaurig wirkt das, aber eben doch sehr spekulativ in dieser Melange aus Hoffmanns Text und den soziologischen Befunden, mit deren Warnsignalen in dieser Performance mehr gespielt als reflektiert wird.

Letzte Änderung am Samstag, 27 Juni 2015 12:44

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