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Dienstag, 08 September 2015 16:37

Die Sehnsucht nach Glanz

geschrieben von
Fritzi Haberlandt und Jens Thomas Fritzi Haberlandt und Jens Thomas Photos: © Mathias Bothor, Steven Haberland

Fritzi Haberlandt mit dem "Kunstseidenen Mädchen" bei den Göttinger Theatertagen

So ein Pelz veredelt nicht nur äußerlich, als Zeichen von Stil, Geschmack  und Geld. Er mach auch etwas mit dem Innenleben von Doris, die weiß, was sie von sich alles erwarten kann. Sie will schließlich ein Glanz sein, die Bewunderung ihrer Mitmenschen genießen und ein Leben fern von Sparhaushalten, Alltagstristesse und Almosen führen. Fritzi Haberland befreit sich vorübergehend von dem edlen Stück. Viel wichtiger ist jetzt diese Band mit der existenziellen to-do-Liste, die es abzuarbeiten gilt, auch wenn es dabei immer zu Pannen, Katastrophen und Missverständnisse kommt.

Die Rolle als kleine Stenotypistin ist viel zu mickrig für Irmgard Keuns „Kunstseidenes Mädchen“, in das sich die Schauspielerin jetzt hinein lebt. In ihren Mut und ihren Eigensinn - und in die ganz klaren Ansagen über die vorwiegend männliche Umwelt und wie sie tickt. Leider ist ja auf die Männer kein Verlass, die ihr eigentlich eine solvente Zukunft garantieren müssten, aber nicht mal als Liebhaber Sicherheit bieten. Überhaupt ist das ganze Überlebensgeschäft eine ziemlich mühsame Angelegenheit für diese junge Frau, die es nach Berlin in den großstädtischen Glanz gelockt hat, damit er endlich auf sie abfärbt.

Auf der Bühne des Deutschen Theater lässt Jens Thomas am Flügel sanft anmutende Akkorde verklingen. Sie bilden zarte Echowellen, denen man nachlauscht, bis der Musiker mit seinem Gesang ein bisschen Wehmut aufkommen lässt und Fritzi Haberland nun die Welt ihrer Figur zerpflückt und darin eine couragierte Kämpferin freistellt. Die hadert und grummelt und kriegt eigentlich kein Bein auf den Boden, selbst wenn die Stimme das jetzt anders beschreibt. Schließlich kann Doris ja auch als anpassungsfähige Gefährtin funktionieren und sich trotzdem ihren eigenwilligen Reim auf die Verhältnisse machen, in denen nicht nur sie als Frau immer wieder auf der Verliererseite landet. Aber klein beigeben gilt nicht. Wieder lässt die Schauspielerin diesen kämpferischen Elan durchblitzen, der dann das trügerische Bauchgefühl übertönt, dass es mit dem ersehnten Glanz einfach klappen muss. Natürlich muss die Gestalt mit dem wachen Blick für die Verhältnisse der hoffungsvollen Träumerin dabei auch andauernd widersprechen; aber genau das macht diese Überlebenskünstlerin aus, die Fritzi Haberlandt in Worten und Gesten so wunderbar bestärkt. Manchmal überlagern die musikalischen Echos von Jens Thomas die Kämpfe, die in Imrgard Keuns Erzählungen mit allen Verletzungen ausgetragen werden. Dann klingt seine Stimme, als ob er das Bild einer geknechteten Kreatur beklagt, das er dann am Flügel und an der Gitarre noch forciert.

Von diesem Bild hat sich das kunstseidene Mädchen auf der Bühne des Deutschen Theaters zum Glück befreit. Es lebt und überlebt und glänzt dann umso mehr.

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