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Samstag, 12 Dezember 2015 10:10

Keine Macht für Niemand oder Kinder, ich sehe, euch geht’s gut

geschrieben von
Linda Elsner und Eva Schröer in "Bezahlt wird nicht" Linda Elsner und Eva Schröer in "Bezahlt wird nicht" © Photo: Dorothea Heise

Premiere im Jungen Theater: "Bezahlt wird nicht" von Dario Fo

Azzurro, mehr oder weniger pflichtbewusste Carabiniere, italienisch-manieriertes Hände-, nein Ganzkörpergeschlenker und ein Tempo, das nichts mit Gemütlichkeit zu tun hat, lassen die Premiere von Dario Fos Farce „Bezahlt wird nicht!“ am Abend des 10.12.2015 im Jungen Theater leider viel zu schnell verfliegen.

Die Wahrheit in allen Ehren, aber mit wahrheitsliebenderen Charakteren wäre die Geschichte um die beiden jungen Mailänder Paare bei weitem nicht so lustig. Vor allem die scheinbar nie ruhende Antonia hangelt sich von einer Notlüge in die nächste, und hält dieses Gebilde bravourös grotesk aufrecht, um immer noch eines draufzusetzen, gerade wenn der Zuschauer denkt, dass doch nun alles auffliegen muss. Dabei bedient sie sich hemmungslos des Papstes Meinung zur Pille, einer Scheinschwangerschaft ihrer Freundin Margherita mitsamt dramatisch-drohender Frühgeburt, der Verehrung suspekter Heiliger und allem, was ihr in dieser Spirale aus Absonderlichkeiten sonst noch in den Sinn kommt, und stürzt damit Margherita und die Männer der beiden Freundinnen in ein Chaos, das kaum noch auflösbar zu sein scheint. Dabei geht es ja nur darum, die Lebensmittel zu verstecken, die im Supermarkt des Viertels erbeutet wurden, nachdem die ohnehin schon nicht arbeiterfreundlichen Preise über Nacht drastisch erhöht wurden und die einkaufenden Frauen spontan entschieden, die Waren so zu bezahlen wie es ihnen gefiel. Also gar nicht. Einfacher wird dadurch rein gar nichts. Doch ungemein unterhaltsam.

Linda Elsner, die die schlagfertige, dem Anarchismus nicht abgeneigte Antonia spielt, trägt einen nicht unerheblichen Teil dazu bei. Mit weiten, comicfigurartigen und energischen Bewegungen erschafft sie einen italienischen Flair – oder das, was der Deutsche gern als solchen sieht – auf der Bühne. Eva Schröer füllt die in der Vorlage wesentlich ruhiger gezeichnete Margherita, die sich von Antonia selbst vom größten Schlamassel überzeugen lässt, trotzdem charismatisch aus. Gerrit Neuhaus und Peter Christoph Scholz zeigen enorme Wandlungsfähigkeit, um das ständige Auf und Ab der Gefühle und Meinungen, in das Giovanni und Luigi von ihren Frauen geschickt werden, zu transportieren – zusätzlich zu Giovannis Entwicklung vom rechtetreuen zum gerechtigkeitsfordernden Arbeiter. Vervollständigt wird das Provinztheater, in das nun einmal ein Schauspieler gehört, der mehrere Rollen - am besten gleichzeitig - spielt, von Jan Reinartz in vier Rollen, unter anderem als obrigkeitsmüder Polizist, der lieber den Kochlöffel schwingt als Wohnungen zu durchsuchen, und einen wunderbaren Possentanz mit den beiden Frauen bietet, die ihn als Bewusstlosen in einen Schrank zu verfrachten suchen. Alle gemeinsam legen eine immense Geschwindigkeit in Dialogen und Bewegungen sowie Klamaukfreude an den Tag, ohne allerdings je wirklich klamaukig zu werden.

Abgerundet wird die Inszenierung Christine Hofers von angenehm realistischem, unaufgeregtem Bühnenbild und Kostümen, die nicht ablenken und den Fokus dorthin lenken, wo er hingehört. Dazu die zwar nicht italienische, aber aus derselben Zeit wie das Stück stammende und thematisch wie die Faust aufs Auge passende Musik von Ton Steine Scherben, die sich wiederholend durch die gesamte Aufführung zieht.

Das Stück aus dem Jahr 1974 wurde mit nicht in den Vordergrund drängenden, doch immer wieder durchblitzenden aktuellen wirtschaftlich-politischen Themen behutsam modernisiert. Gedanken zur Relevanz derselben mag sich jeder selbst machen. Kassenpatienten, die ihr Bett Wochen im Voraus reservieren müssen, wollen sie nicht den Rest ihres Lebens im Rettungswagen durch die Stadt gondelnd verbringen und 92% Mehrwertsteuer sind verzweifelte Versionen, die zum Lachen reizen ob der grotesken Verzerrung, doch währenddessen bereits einen Realitätsvergleich anstoßen. Dabei ist das Stück, das in einem Mailänder Vorort spielt, wo auch Dario Fo in den siebziger Jahren lebte, sehr wohl aus realen Ereignissen und Zuständen heraus entstanden, wie nach Fallen des kapitalistischen Vorhanges erklärt wird. Nach der Uraufführung musste Fo sich allerdings vor Gericht verantworten bis das Verfahren eingestellt wurde. Zeit seines Lebens hat der inzwischen 89jährige, 1997 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Theatermacher den Mächtigen mit seinen Satiren lachend die Fäuste vor den Nasen geschüttelt und dafür nicht nur einmal Strafen wie Zensur, Einreise- oder Radioverbote aussitzen müssen.

Ob und wie der Vorhang mit der güldenen Schrift „Capitalism must win“, der Beginn, Requisite und Ende darstellt, denn fällt, darf nun jeder, der ein bisschen neugierig geworden ist, selbst herausfinden; weitere Vorstellungen folgen am 15., 22. und 31. Dezember, am 5., 16. Januar sowie am 6. und 26. Februar.

Letzte Änderung am Samstag, 12 Dezember 2015 10:16

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