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Sonntag, 06 März 2016 23:34

Kalte Poesie

geschrieben von
Anton von Lucke, Felicitas Madl Anton von Lucke, Felicitas Madl Photo: © Thomas Aurin

Premiere von Shakespeares „Romeo und Julia“ im Deutschen Theater

„Willst Du schon gehn? Der Tag ist ja noch fern. Es war die Nachtigall und nicht die Lerche!“

Mit diesen und anderen Einfällen versucht Julia am Morgen nach der Hochzeitsnacht ihren Romeo davon abzubringen, sie zu verlassen. Doch er – gesuchter Mörder und aus der Stadt verbannt – muss noch vor Tagesanbruch aus Verona fliehen. Immerhin: Einige kostbare Minuten hat das Paar noch, ehe es sich eingestehen muss, dass die anbrechende Dämmerung kein Meteor oder ein ähnliches unwahrscheinliches Naturschauspiel am Nachthimmel ist. Diese letzten gemeinsamen Minuten (zumeist zärtlichst und intim inszeniert), sie sind gleichsam die allerletzten, die das berühmteste Liebespaar der Weltliteratur vor seinem tragischen Ende lebend zusammen verbringen wird; und sie sind auch die letzten, in denen der selig lächelnde Zuschauer mit ihm gemeinsam auf ein zukünftiges Glück hoffen darf, bevor er den Rest des Stücks an ihrem unglücklichen Schicksal verzweifelt.

Regisseurin Dagmar Schlingmann gönnt ihren Zuschauern weder das eine noch das andere: Illusionslos stehen Julia (Felicitas Madl) und Romeo (Anton von Lucke) nach ihrer Hochzeitsnacht nebeneinander auf der Bühne, einzig ihre Schatten berühren sich auf der hohen, schrägen Bühnenwand hinter ihnen. „Nachtigall oder Lerche?“, diese Frage bleibt rhetorisch. Von verliebtem Zauber ist nichts zu spüren, kalte Angst und Hoffnungslosigkeit prägen die Atmosphäre.

Diese kühle Stimmung zieht sich als roter Faden durch den Abend und überträgt sich auf den Zuschauer. Wenn die Teenager im Folgenden, durch eine hohe Wand vertikal weit abgetrennt von ihren Vertrauten, sprichwörtlich am (Bühnen-)Boden zerstört sind, so beäugt man ihre naiv-pubertären Schreikrämpfe wie ein Insektenforscher das Ende einer Fliege im Spinnennetz. Ihr Tod geht einen nichts an. Schlingmann verlegt den zweifachen Selbstmord zum Abschluss folgerichtig in den hinteren Bühnenteil, statt ihn den Zuschauern (wie sonst zumeist üblich) an der vordersten Bühnenkante so nah wie möglich ans Herz zu bringen. Die Taschentücher bleiben in der Tasche.

In sich bleibt das Konzept der unterkühlten Inszenierung bis auf wenige unmotiviert wirkende Elemente (was macht der Swimmingpool auf der Bühne?) äußerst stimmig. Kaltes Licht und dezente, häufig eingesetzte, metallisch-melancholische Tonelemente – vor allem das immer wieder auftauchende dumpfe Pulsieren, ein tiefer, bedrohlich pochender Herzschlag – unterstreichen die Beklemmung, die letztlich alle Charaktere des Stückes befällt. Der Bühnenraum wird in allen Dimensionen genutzt und die einfallsreichen, kraftvollen Bewegungen der Schauspieler betrachtet man den ganzen Abend über fasziniert. Die Hauptdarsteller Felicitas Madl und Anton von Lucke beweisen, auch in ihren vielen Einzelsequenzen, dass sie den Abend zu tragen verstehen – und trotz ihrer depressiven Verzweiflung, aus der sie sich auch gemeinsam nicht befreien können, fehlt es nicht an „großen Emotionen“ oder ab und an auch einem verliebten oder albernen Glücksmoment des jungen Liebespaares. Wirklich glaubwürdig wirkt ihre Liebe aber auch deshalb nicht, weil sie (ebenso wie die meisten ihrer Schauspielkollegen) dazu neigen, ihren Text oft zu leblos, zu aufgesagt vorzubringen. Ganz anders ihre Stückväter! Florian Eppinger (Capulet) und Ronny Thalmeyer (Montague) lassen sich von den jahrhundertealten Sätzen ihres Textes an keiner Stelle verunsichern – salopp und kompromisslos zeigen sie mit ihrer Darbietung am Deutlichsten, wie man die shakespearsche Sprache heutzutage lebendig werden lassen kann.

Der Applaus im vollen Haus zur Premiere würdigt die Arbeit des vielköpfigen Teams anerkennend, wenn auch nicht frenetisch. Wer keinen emotional mitreißenden, klassischen Shakespeare-Kostümschinken-Kitsch sehen will, ist mit dieser Aufführung gut beraten.

Letzte Änderung am Mittwoch, 30 März 2016 07:40

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