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Freitag, 11 März 2016 12:17

Verpasste Chance

geschrieben von
Samuel Hasselhorn Samuel Hasselhorn Bildquelle: www.samuelhasselhorn.com/

Das Göttinger Symphonie Orchester und die Göttinger Stadtkantorei mit "Glaubenssachen" in der Stadthalle

Das war eine verpasste Chance – nicht für die Musiker, die sich gestern Abend in hervorragender Form präsentierten, sondern für all die potentiellen Zuhörer, die diesem Sonderkonzert des Göttinger Symphonieorchesters im Zeichen der jüdischen Musik unter dem Motto „Glaubensfragen“ nicht beigewohnt haben: Liebe Göttinger, da ist Ihnen wirklich etwas entgangen!

Das Göttinger Symphonieorchester und die Göttinger Stadtkantorei (Einstudierung: Bernd Eberhardt) gemeinsam unter der Leitung von Dirigent Christoph-Mathias Mueller, dazu der junge, international erfolgreiche Bariton Samuel Hasselhorn und ein spannendes, selten gespieltes und gehörtes Programm – wenn das nicht nach einem vielversprechenden musikalischen Abend klingt! Und die Zuhörer in der Stadthalle sollten nicht enttäuscht werden.

Als erstes Stück des Abends erklingt Felix Mendelssohn-Bartholdys monumentales Da Israel aus Ägypten auszog (Psalm 114) op. 51 für achtstimmigen Chor und Orchester. Trotz der Größe des Chores beeindrucken die Sänger von Kantor Bernd Eberhardt nicht nur an den kraftvollen Stellen, sondern gerade auch in den sanften und zarten Passagen. Männer- und Frauenstimmen erklingen dabei in einem dialogischen Wechselspiel. Die Frauenstimmen zeichnen sich durch einen sehr klaren, akzentuierten Klang aus, auch in den rhythmisch anspruchsvollen Passagen. Den Männerstimmen, auch zahlenmäßig unterlegen, fehlt dagegen sowohl etwas Kraft als auch Kontur. Fällt das im harmonischen Gesamtklang weniger auf, wird der Mangel an Masse besonders in den reinen Männer-Passagen deutlich. Orchester und Chor aber verschmelzen zu einer wunderbaren Einheit, steigern sich in einem sehr ausgewogenen, homogenen Klang zu einem beeindruckenden Finale mit großer Klangtiefe, getragen von den Fanfaren der Blechbläser.

Es folgt die Passacaille für Orchester von Frank Martin; ohne Chor, aber ebenso sanglich und melodiös. Im schwermütig anmutenden und dunklen Thema, zu Anfang von den Kontrabässen vorgestellt und dann immer wieder aufgegriffen, kann sich der Orchesterklang voll entfalten. Einfühlsam und stimmungsvoll schwelgen die Musiker in der Schwere der Töne, die Auflösung erfolgt erst im Schlussakkord. Obwohl der Komponist Elemente der Zwölftontechnik verwendet, bleibt die Musik immer tonal und schmeichelt den Ohren der Zuhörer.

Höhepunkt des Konzerts ist jedoch unumstritten das dritte und letzte Stück des Abends: Ernest Blochs Avodath Hakodesh, ein jüdischer Sabbat-Gottesdienst für Bariton, gemischten Chor und Orchester; ein in seiner Idee, Konzeption und Gestaltung unglaublich interessantes und spannendes Stück. Der Solist übernimmt die Rolle des Kantors, der Chor wird zur choralartig rezitierenden Gemeinde, die fünf Teile der Komposition entsprechen den fünf Abschnitten eines traditionellen Gottesdienstes. Auch die liturgischen Texte in hebräischer Sprache – Glaubensbekenntnis, Segen sowie verschiedene Gebete – entstammen einem jüdischen Gottesdienst.
Sowohl Orchester als auch Chor und Solist gestalten das Werk äußerst gefühlvoll. Auch ohne den Text zu verstehen, entgeht dem Zuhörer nicht, wie viel Gefühl in der Musik liegt. Es scheint, als ob die Töne eine Geschichte illustrieren. Schnell wird auch klar, warum Samuel Hasselhorn ein so anerkannter Bariton ist: Seine Stimme ist unglaublich stark, kraftvoll. Eindringlich und intensiv gestaltet er sowohl erzählende Passagen als auch fanfarenartige Ausrufe.
Sowohl Dirigent als auch Musiker meistern die hohen Anforderungen des anspruchsvollen Stückes perfekt: Die zahlreichen Tempo-, Rhythmik- und Dynamikwechsel gelingen brillant, der Solist artikuliert den schwierigen Text hervorragend, Mueller gelingt es scheinbar mühelos, 150 Musiker zu koordinieren. Würdigen sollte man auch die Leistung der Solistin aus dem Chor: In kurzen Repliken konnte sie sich mit ihrer klaren Stimme sowohl gegen das Orchester als auch gegen den Solisten durchsetzen.

Dem Zuhörer bietet sich damit nicht nur wunderschöne Musik, sondern auch ein sehr seltener Einblick in die jüdische Kultur und Religion. Es wird schnell deutlich: So sehr unterscheiden sich der christliche und der jüdische Glauben nicht. Der Zuhörer entdeckt viele Gemeinsamkeiten, im Aufbau, in der Liturgie, sogar im Klang. Der Konzertabend hat damit nicht nur musikalisch neue Räume eröffnet, er ist auch als Beitrag zur Vermittlung zwischen den Kulturen zu verstehen: Ein jüdischer Gottesdienst, gesungen von einer evangelischen Kantorei!

Also, liebe Göttinger, wenn das nächste Mal ein derart vielversprechender musikalischer Abend auf dem Programm steht, trauen Sie sich! Lassen Sie sich von neuer, ungewohnter Musik inspirieren und begeistern!

Letzte Änderung am Mittwoch, 30 März 2016 07:39

1 Kommentar

  • Kommentar-Link GMD Christoph-Mathias Mueller Freitag, 11 März 2016 21:50 gepostet von GMD Christoph-Mathias Mueller

    Sehr geehrte Frau Büttner,

    vielen Dank für diesen Text. In Ihrem Fazit haben Sie schön eingefangen, worum es mir bei diesem Programm ging. Oder wie Bloch selber sagte: Er schrieb dieses emotionale Werk "for all mankind".

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