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Montag, 18 April 2016 08:10

Hier staunt kein Ungläubiger

geschrieben von
Navid Kermani und Hanno Rauterberg im Alten Rathaus Navid Kermani und Hanno Rauterberg im Alten Rathaus © Photo: Hanna Möller

Navid Kermani über Kunst und Religion

Zum 25. Geburtstag des Göttinger Literaturherbsts kommen namhafte Autoren schon im Frühling in die Stadt. Am vergangenen Freitag las der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani aus seinem 2015 erschienenen Sachbuch „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“. Darin beschreibt der gläubige Muslim seine Begegnungen mit christlichen Kunstwerken.

Lange schon stehen die Menschen auf den Stufen des Alten Rathauses, als die Mitarbeiter des Göttinger Literaturherbstes den großen Saal aufschließen und die Hoffnung auf Restkarten für die seit Wochen ausverkaufte Lesung entschuldigend zunichtemachen. Manche bleiben trotzdem und dürfen später auf dem Boden und hinter Säulen, auf  Treppen und in Nischen Platz nehmen.

Nach einer kurzen Einführung durch die Veranstalter treten der Autor Navid Kermani und sein Gesprächspartner, der Kunsthistoriker und ZEIT- Redakteur Hanno Rauterberg auf die Bühne. Schräg hinter ihnen wird ein Bild an die Wand projiziert. Ein Doppelportrait, Spätrenaissance. Der Mann mit Bart, Schimmer um das Haupt, ein Finger in den Himmel und den Blick auf die junge Frau an seiner Seite gerichtet, die ihrerseits abwesend an ihm vorbei zu sehen scheint.

Mit rauer Stimme, fast scheu beginnt Navid Kermani zu lesen. Aus einem Kapitel über die Liebe, in dem er nicht etwa zuerst den eigenen Eindruck von dem an die Wand geworfenen El Greco-Gemälde schildert, sondern den Leser mit der unschuldigen Anmutung sokratischen Fragens direkt anspricht. Was siehst du? Weil Schreiben so sehr ein einsamer Prozess ist, bleibt der Dialog natürlich Illusion, und Kermani schildert seine eigene Wahrnehmung, hilft dem Leser auf die Sprünge und lenkt dessen Aufmerksamkeit darauf, wie jung und schön die Frau ist, wie sinnlich ihre Lippen, wie verträumt ihr Blick und erzählt von dem ähnlich alten Mann, der gleichzeitig begehrt und behüten möchte. Den düsteren Ton in seinen Augen interpretiert Kermani als den des Melancholikers, der eine Gegenwart genießt, dessen Ende er einen schmerzlichen Moment lang vorhersieht. Kermani malt das Bild eines jungen Liebespaares.

Dass es sich bei dem Gemälde laut Titel um eine Darstellung des Abschieds Christi von seiner Mutter handeln soll, kann den Autor vor diesem Hintergrund nur erstaunen. Er glaubt, dass vielleicht auch dem Maler das Wundern Anlass für diese Art der Darstellung war. Ein Wundern über die christliche Erzählung von zwei Menschen, deren Liebe so unendlich war, die aber niemals die Liebe zwischen Mann und Frau erfahren haben sollen.

Zurecht vielleicht gibt Rauterberg in der anschließenden Diskussion zu bedenken, dass Kermani möglicherweise einen zu starken Fokus auf Liebe und Lust lege. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass er dem Autor an diesem Abend, zwar wohlmeinend und unterschwellig, aber dennoch unüberhörbar, Sentimentalität vorwirft. Der Autor rechtfertigt sich damit, dass gerade die ganz persönliche, vorbehaltlose Begegnung mit Kunst sein Anliegen war. Bescheiden verweist der habilitierte Orientalist darauf, kein Kunsthistoriker zu sein. Seine Betrachtungen seien höchst subjektiv, vielleicht sei er ja sogar verliebt gewesen an dem Tag, an dem er das Gemälde zum ersten Mal sah. Das mag Manchem eindimensional erscheinen. Auch Rauterberg fragt, ob der Anspruch auf naives Betrachten nicht die Gefahr der Trivialisierung berge. So sei es doch durchaus Teil einer ikonologischen Tradition des spanischen Manierismus', zwei Zeitebenen auf einem Gemälde zu vereinen, die Jugendlichkeit von Maria also nicht weiter verwunderlich. Diese Überlegung werde des Weiteren dadurch gestützt, dass sie an Jesus vorbei, abwesend in der Gegenwart, vielleicht in eine kommende Zeit blickt. Ihr ruhiger, wissender Ausdruck könne doch kaum vom unmittelbar nahenden Tod des eigenen Sohns zeugen, sondern vielmehr von einem erweiterten Horizont, einer Perspektive auf eine in der Zukunft liegende Erlösung.

Auch Kermanis eigene Aussage, Schreiben sei ein Rationalisierungsprozess, scheint auf den ersten Blick nicht mit seiner hier vorgelegten, emotionalen Kunstbetrachtung konform zu gehen. Versteht man diesen Prozess allerdings nicht als das Einordnen von Gedankengängen in bestehende Traditionen und unter Zuhilfenahme verschiedener Quellen, sondern als Verdichtung vieler Gefühle und Gedanken zu einem einzigen, so wird die Idee verständlich. Dann wäre es ein Irrtum vieler Rezensenten seines Buchs, mitunter sogar in der Werkreflexion des Autors selbst, wenn er seine Begegnung mit der christlichen Kunst mit der eines Kindes vergleicht. Das entscheidende Moment ist nicht die ohnehin nur versuchte Unkenntnis einer ikonographischen Tradition, sondern der Fokus auf zutiefst menschliche Themen, der die Betrachtung Kermanis bestimmt. Die Kunstwerke werden nicht vor dem Hintergrund ihrer Entstehungszeit oder Bildtradition interpretiert, die gezeigten Attribute und Symbole nicht analysiert, sondern der Ausdruck und die möglicherweise dargestellten Gefühle hinterfragt.

Ähnlich verlaufen die Gespräche zu weiteren drei Kapiteln, die sich mit Caravaggios „Die Opferung Isaaks“, Gerhard Richters Domfenster und Giottos „Die Begegnung Joachims und Annas an der Goldenen Pforte“ befassen. Er sei den Kunstwerken nicht hinterher gereist, sagt Kermani. Sie seien ihm begegnet, auf Reisen, in Köln, wo er lebt, in Rom, wo er wohnte und niemals in Siegen, wo er aufwuchs. Seine Heimatstadt sei protestantisch, bilderlos und unsinnlich. Damit erklärt er auch, dass er schreibt, um das Leben zu kommentieren und nicht umgekehrt. Selbstverständlich bedeute dies nicht, dass das literarische Ich seiner Werke mit seiner Person, dem Muslim, dem Orientalisten, auch nicht mit dem Schriftsteller Navid Kermani identisch sei. Mehrfach wirkt es so, als sei sich Kermani mit sich selbst nicht einig darüber, wie stark seine Religion und seine Ausbildung seine Kunstbetrachtung beeinflussen. Immer wieder betont er sowohl die durch den ganz persönlichen Hintergrund geprägte Subjektivität als auch die unvoreingenommene Naivität, z.B. wenn er leutselig seine Vorliebe für die Sinnlichkeit und den Naturalismus bei Caravaggio offenbart, seine Freude an der Darstellung von Schweiß und Schwielen, dreckiger Füße und verzerrter Gesichter. Rauterberg tut diese ab als Sensationslust und als das Ergötzen an einer Dramatik, die die Kinoästhetik antizipiert, bleibt aber in seiner Kritik grundsätzlich harmlos.

Die Gegenüberstellung der sachlich-wissenschaftlichen Perspektive Rauterbergs und des emotional-mystifizierenden Blickwinkels Kermanis ist vielleicht das Interessanteste an diesem Abend. Der Duktus der beiden Männer allerdings, immer wohlwollend, nachfragend, abwartend, manchmal übereinander schmunzelnd, doch immer respektvoll, bleibt dabei immer verhaftet in der elitären Intellektuellen-Blase, in der sich so viele Menschen bewegen, die über Religion sprechen und schreiben. Zwar ging es an diesem Abend um Religion in einem literarisch-künstlerischen, vielleicht sogar vorrangig in einem Unterhaltungs-Rahmen, fest steht aber: Hier staunt ein Gläubiger. Ein ziemlich gebildeter noch dazu. Und gerade in diesen Tagen ist Religion nicht nur Privat- und Geschmackssache, muss auch in gesellschaftlichen und politischen Überlegungen berücksichtigt werden. So hätte sich der ein oder andere wohl auch in der allzu friedlichen Diskussion mehr Spannung gewünscht. Kermanis Idee, menschliche Grundthemen wie Liebe, Lust, Freundschaft und Tod zum Ausgangspunkt seines Sinnierens über christliche Kunst zu machen und damit nicht nur die Gemeinsamkeiten unterschiedlicher Religionen, sondern die aller Menschen zu unterstreichen, ist richtig und wichtig. Doch gerade weil es im Trend liegt, den Dialog zwischen Christentum und Islam zu verniedlichen, Konflikte zu verharmlosen und weltanschauliche Unterschiede klein zu reden, sind ehrliche Diskussionen darüber, wie Menschen trotz ihrer Individualität friedlich miteinander leben und voneinander lernen können, von ganz besonderer Bedeutung.

Letzte Änderung am Dienstag, 19 April 2016 06:59

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