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Dienstag, 07 Juni 2016 10:17

Die Scham ist vorbei

geschrieben von
Angelika Fornell, Gerd Zinck, Nadine Nollau, Paul Wenning, Andreas Jeßing Angelika Fornell, Gerd Zinck, Nadine Nollau, Paul Wenning, Andreas Jeßing © Photo: Laura Nickel, Deutsches Theater

Alpträume aus dem Deutschen Alltag in der DT Inszenierung „Die schöne Fremde“

So geht das schon lange, wenn sich die Gebrüder Maul in der Gaststube eines Hotels treffen. Nicht mehr auszuhalten ist es, mit all diesen Fremden, den Sozialhilfeschnorrern und diesen Politikern, die nichts dagegen tun und dazu noch den Mittelstand lahmlegen mit ihrer verdammten Bürokratie. Während Christian seine Frau Rosel traktiert, brütet Ulrich, der Ältere, bereits über seine nächste Hasstirade. Er hat auch in der Wirtin Frau Mielke eine aufmerksame Zuhörerin und in dem schweigsamen Gödeke, den alle nur Lutter nennen. „ Die schöne Fremde“ ist mehr als nur eine willkommene Ablenkung für diese dumpfe Gesellschaft. An der attraktiven jungen Frau und ihrem polnischen Begleiter entzündet sich nun in Klaus Pohls Schauspiel eine höllische Melange, die Elias Perrig am Deutschen Theater inszenierte.

Uraufgeführt wurde „Die schöne Fremde“ 1991 und damals vielfach als Blick in die Provinzhölle verstanden, wo am Stammtisch über das so genannte Asylantenpack gepöbelt wurde, wo der ewig geile Kraftprotz verbal noch mal richtig schön in Fahrt kommen und es bei der Gelegenheit auch den Kommunalpolitikern gleich mal besorgen würde, die mit überflüssigen Umweltschutzvorschriften drohen. Auch das ist ein gefundenes Fressen für die Gebrüder Maul, die mit Farben und Lacken ertragreich wirtschaften und in ihrer Freizeit Hunde züchten, wenn sie nicht gerade am Tresen auf Rosel eindreschen. Aber wie sich Paul Wenning und Gerd Zinck hier genüsslich wutschnaubend ereifern, geschieht das eben nicht mehr im Kneipenreservat, sondern öffentlich unter dem Beifall der Passanten, die auch schon mal einen Asylbewerber ans Kreuz nageln. Pohls Provinzhölle hat die Gegenwart, die öffentlichen Plätze und die Talk Shows erreicht. Die Scham ist vorbei in Zeiten von AfD und Pegida und so flankieren zwei Lautsprecher das dunkle Gehäuse mit der Theke, das mit einer Drehung den Blick auf ein Hotelzimmer freigibt.

Es ist nicht nur die elegante Kleidung mit der Felicitas Madl als schöne Fremde aneckt oder das selbstbewusste Auftreten, auch nicht die Frage nach einem Zimmer, weil sie ihren Anschlusszug verpasst hat oder die nach einem Telefon. Hier stört alles Fremde oder auch Befremdende die hermetischen Kreise und dazu noch in Begleitung eines polnischen Fahrers, der sein Auto wohl nicht vorschriftsmäßig geparkt hat. Das Beil ist schnell zur Hand, um die Karre mal eben platt zu machen und kein Polacke sagt ungestraft Deutsches Schwein.

Nach diesem blutigen Intermezzo ist auch die schöne Fremde reif für Lutters Obsessionen. Man muss ihr Einhalt gebieten, auch wenn sie am nächsten Tag als Zeugin für die Lügenpresse auftritt und sich einen Anwalt für ihre verleumderischen Zwecke nimmt. Das Gerüchtepaket über eine Nutte, die mit Strapsen und Dessous reist und für ihre nächtlichen Dienste angemessen honoriert wurde, ist schnell geschnürt. Der Mord an dem polnischen Störer lässt sich leicht als Unfall mit dem Laternenmast abwickeln. Nicht weniger brutal fällt die Rache der schönen Fremden aus, nachdem ihre Hochzeit platzt. Das Opfer muss sich vorwerfen lassen, zu attraktiv aufgetreten zu sein und macht genau das zu ihrer Waffe. Sie kehrt als Domina im Lacklederdress zurück zu ihren Peinigern und lässt sie schön verführerisch blutige Selbstzerfleischung betreiben. Auch das in aller Öffentlichkeit.

Die Zuschauer treffen auf vertraute Feinbilder. Zum Fürchten sind diese grässlichen Visagen und was sie an Bösartigkeiten offenbaren, aber auch an Feigheit wie sie Florian Eppinger in der Rolle des Anwalts Gustav Futterknecht demonstriert, der sich der Macht der lokalen Wortführer mal eben schnell juristisch anpasst. Damit lässt sich natürlich bequem und angewidert auf Abstand gehen und schon schnappt die Falle zu, der sich die Inszenierung von Elias Perrig verweigert.

Ganz unmittelbar in Frage gestellt wird das Klischee vom rechten Underdog am unteren Ende der Sozialskala, der sich leichter von radikalen Positionen und Parteilichkeiten vereinnahmen lässt. Es sind Mittelstandsvertreter wie die Gebrüder Maul, die hier dramatisch ausrasten und das eben auch im Gefolge von Bildungsbürgern und Akademikern, die sich in Protestdemonstrationen und Bürgerwehren zusammenrotten. Wo die Ursachenforschung Zukunftsängste vor der Globalisierung diagnostiziert und das Gefühl darin von den politischen Vertretern nicht ernst genommen werden, gärt auch bei Klaus Pohls Figuren das Bedürfnis nach ordnenden autoritären Strukturen, das im Fall der schönen Fremden zu einem unversöhnlichen Culture Clash führt.

Auch diese Aussicht stellt der Theaterabend ganz bewusst in Frage. Wer wenn nicht eine immer noch demokratisch orientierte Mehrheit sollte sich sonst dem Innenleben dieser Zeitgenossen stellen, die nur noch in zerstörerischen Parolen und Ansichten Halt finden und so auch die mentale und soziale Verelendung in einer Konsum- und Gewinngesellschaft spürbar werden lassen. Auf der Bühne findet eine Nahaufnahme von Zeitgenossen statt. Mit einem symbiotischen Bruderpaar, dass nur noch in seiner geilen Wut Antrieb findet, mit einer Frau, die bei Nadine Nollau zur schweigsamen Dulderin eines unendlich ermüdenden Alltags wird und mit Angelika Fornell als Wirtin Frau Mielke, die putzwütig auf einen Rest von Ordnung hält. Zwischendurch werden noch ein paar Fliegen totgeschlagen während sie am liebsten laut aufschreien würde. Auch das ist zum Fürchten, wie Angelika Fornell hinter dem Tresen den Gestus von Frauke Petry zitiert. Immer in Alarmstimmung, für jeden Angriff gewappnet und dabei unversöhnlich. Ebenso zum Fürchten ist auch die Psychopathologie dieses Gödecke, genannt Lutter, den Andreas Jessing in ein beklemmendes Schweigen hüllt: Wie er da am Tresen nahezu erstarrt anmutet, dann zum Beil greift und ungebremst wüten kann, beherrscht von den Stimmen von Macht und Wahn, die ihn gleichzeitig so erbärmlich erscheinen lassen. Eine einsame Gestalt, die sich gern von den Gebrüdern Maul missbrauchen lässt und nur ihren Hund zu lieben vermag.

Auch so sehen die Alpträume aus dem Deutschen Alltag aus, die Elias Perrig und sein Schauspielteam dem Publikum als schmerzhafte Anamnese auf der Bühne zumuten. Ganz unmittelbar mit allen nachdenklichen Nachwehen.

Letzte Änderung am Dienstag, 07 Juni 2016 10:26

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