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Dienstag, 16 August 2016 15:49

Ich werde nicht hassen

geschrieben von
 Mohammad-Ali Behboudi Mohammad-Ali Behboudi © Photo: Regina Brocke


Der schmerzhaft beklemmender Monolog bei den Göttinger Theater Tagen mit Mohammad-Ali Behboudi

Nach außen gilt es Haltung zu wahren und die Fakten sprechen zu lassen wie bei einem wissenschaftlichen Vortrag. Damit kennt sich der Erzähler aus. Dr. med Izzeldin Abuelaish ist Gynäkologe und Fruchtbarkeitsexperte. Er weiß, wie er sein Thema dramaturgisch dosieren muss und wann sein Auditorium eine charmante Geste erwartet, um die Datenflut gelegentlich aufzulockern. Das weiß auch Mohammad-Ali Behboudi, der sich auf der Bühne des Deutschen Theaters seiner Erzählung annimmt und damit ein Minenfeld betritt. Dem Leben auf dem Gazastreifen mit den brutalen Sanktionen durch die israelischen Militärs, der Armut, der Enge und dem Hass, der an jeder Ecke wuchert.

Die Botschaft dieses beklemmend berührenden Abends bei den 20. Göttinger Theatertagen hat es schwer, „Ich werde nicht hassen“. Der Schauspieler wird sie auch bei seinem Göttinger Gastspiel des Theaterhaus Stuttgart in der Inszenierung von Ernst Konarek mit aller Leidenschaft verteidigen und sich jeder moralischen Attitüde verweigern. Darin liegt auch die Stärke dieses dramatischen Monologes, der sich der Empathie verschrieben hat, dem einzig möglichen Fluchtweg aus diesem Labyrinth der Täter-Opfer Parteilichkeiten, das so ausweglos anmutet

Dr. med. Abuelaish hat es offenbar geschafft. Er ist der einzige palästinensische Mediziner, der in Israel praktizieren darf. Allerdings nur unter alltäglich erschwerten Bedingungen. An den israelischen Checkpoints zählen keine Notfallargumente sondern bürokratischen Hürden, Argwohn und Verdächtigungen. Selbst dann wenn die eigene Frau mit einer Krebserkrankung im Sterben liegt.

Die Gleichmut, um die sich die Erzählung hier bemüht, hat eine lange Vorgeschichte. Die beginnt mit einem kleinen Jungen, der mit 11 Geschwistern auf engstem Raum kaserniert aufwächst, mit Hunger Armut und Kinderarbeit aber auch mit Geschwisterliebe. Sein Bildungshunger hilft ihm aus dem Elend, wohlmeinende Verwandte und Förderer. Mit Kreide markiert der Schauspieler an einer Tafel die Fluchtwege dieses jungen Underdogs. Von dem Smiley hinter einem vergitterten Quadrat führen die Linien in alle Himmelsrichtungen. Markiert werden Schauplätze wie Tel Aviv, Haifa und Jerusalem, später dann auch Kairo und Canada und dazwischen das Zeichen des Davidsterns. Davor dient ein gläsernes Stehpult als symbolischer Halt, wenn es biografische Stationen sachlich abzugleichen gilt und die Fassung zu wahren. Denn auf der Bühne lauern auch die schmerzhaften Erinnerungssplitter unter einem Laken. Mit dem Teddybär und dem Kissen, einer Decke und eine Stuhl. Ausgebreitet hat das Laken die Größe der Behausung, in der der palästinensische Mediziner aufwuchs. Später markiert es das zu Hause seiner eigenen Familie mit sieben Töchtern und das liebevolle Refugium, das von israelischen Panzergranaten befeuert wurden. Drei Töchter und eine Nichte sterben. Der Schauspieler umklammert die symbolische Habe, die nun zur symbolischen Grabbeigabe wird. Wieder spiegelt das Gesicht die emotionalen Bombensplitter und wie sie in das Herz vordringen, wo sich schon so viel Narbengewebe gebildet hat. Von all den Zumutungen auf dem israelisch- palästinensischen Minenfeld. Dazu gehört auch die Wut über die junge Selbstmordattentäterin, der der Mediziner zuvor bei Seite gestanden hatte.

Der Mann in dem dunklen maß geschneiderten Anzug kann seine Tränen kaum zurückhalten. Auch nicht die Gestalt, die auf dem Stuhl Platz nimmt und sich Vorwürfe macht, zu sehr mit Karriereoptionen und Vortragsreisen beschäftigt gewesen zu sein anstatt die Nähe seiner Familie zu genießen und die sich vielleicht zu sicher glaubte.
„Ich werde nicht hassen“. Dieser Satz ist jetzt sein Mantra geworden. Das Gebot eines Schicksalverweigerers auf den Spuren des antiken Sysiphos, der noch immer den Dialog und die Verständigung anmahnt. „Es ist Zeit, sich hinzusetzen und miteinander zu reden.“

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