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Mittwoch, 17 August 2016 18:14

Erschreckende Aktualität - Lesung mit ganzem Körpereinsatz

geschrieben von
Peter Lohmeyer Peter Lohmeyer © Photo: Mathias Bothor

Die große Wanderung. Dreiunddreißig Markierungen
Hans Magnus Enzensbergers politischer Essay in einer szenischen Lesung mit Peter Lohmeyer bei den Göttinger Theater Tagen

Namen wie Hoyerswerda, Lichtenhagen, Mölln und Solingen sind keineswegs Schnee von gestern. Die mörderische Brandanschläge und Überfälle, bei denen Hans Magnus Enzensberger, wie er in seinem 1992 erschienenen Essay beschreibt, der Geduldsfaden gerissen ist. „Ich beschloss, mir über die deutschen Erfahrungen mit Migration und Fremdenhass ein paar Gedanken zu machen“ heißt es in seiner großen Wanderung und ihren dreiunddreißig Markierungen. Peter Lohmeyer merkt gleich zu Beginn seiner szenischen Lesung im Deutschen Theater die erschreckende Aktualität dieser politischen und sozialanalytischen Anamnese an. Er nennt Enzensbergers Befunde prophetisch und das bekommen die Zuhörer auch deutlich spüren. Sie betreffen den immer noch andauernden culture clash zwischen reichen Industrieländern und den globalen Armutsregionen angeht. Auch wie die kapitalistischen Verursacher politische Schützenhilfe erhalten wenn sie das Humankapital in existenzielle Verteilungskämpfe verwickeln und wie dazu die Nationalgefühle instrumentalisiert werden, um ethnische und religiöse Kriegs- und Krisenregionen möglichst profitabel ausbluten zu lassen.

Peter Lohmeyer liest mit ganzem Körpereinsatz und greift auch mit den Händen nach Enzensbergers diskursivem Wortschatz in all seinen Zwischentönen. Wo Statistiken überWander- und Migrationsbewegungen die Besitzstandsängste potenzieren und die Ursachen ebenso wegblenden wie ökonomische und ökologische Krisen, die Millionen von Menschen immer wieder in ein Flucht-und Nomadendasein zwingen, klingt auch der unheilige Zorn des Autors nach. Der meldet sich in den ironischen und bissigen Kommentaren. Dann mokiert sich Enzensberger über das „delirante Gefasel der Gegenwart“ und spricht von staatlichen organisierten Verbrechen, die an die anonyme Instanz Weltmarkt delegiert werden, die immer größere Teile der Menschheit für überflüssig erklärt. Ebenso schonungslos fällt seine Bilanz in dieser 14. Markierung seiner Wanderung aus: „Selbst in reichen Gesellschaften kann jeder schon morgen überflüssig werden. Wohin mit ihm?“

Lohmeyer legt ein mutiges Tempo bei seiner Lesung vor, das Enzensbergers fein differenzierenden Gedanken nicht immer gut bekommt. Der Text ist nun mal keine moralisierende Suada und kein Aufruf, sich jetzt gefälligst über das herunter gekommene Asylrecht oder die Leichen im Mittelmeer zu empören, die die Warnung, dass das Boot voll sei, nicht vernommen haben. Er mutet immer wieder auch schlicht lakonisch an, als ob der Chronist dieser dreiunddreißig Markierungen dabei seine Fassungslosigkeit ebenfalls markieren möchte. Umso mehr, wo sie darin die Nachrichten weiterhin ständig spiegeln. Manche Sätze verhuschen dann leider sobald sie ausgesprochen sind, so auch die Forderung nach einem zivilisatorischen Minium, in dem Folter, Unterdrückung und Despoten weiterhin der Kampf angesagt werden muss.

Da steht der Schauspieler Peter Lohmeyer dem Chronisten dieser dreiunddreißig Markierungen eher im Weg, der sich in einem Text von Jan Weiler auch wesentlich besser darstellen kann. Mit dem Kapitel aus dem Roman „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ ist das Publikum auch nicht so diskursiv gefordert. Diese deutsch-italienische Familienkollision, in der so schön viele Klischees über Vorurteile, Vorbehalte und tradierte Differenzen mitschwingen, ist ein charmanter Culture Clash. Witzig, pointiert und auch liebevoll ironisch wird um den Kauf eines Statussymbols der Marke Daimler Benz verhandelt. Lohmeyers spontane Entscheidung, Enzensbergers Essay mit einer komödiantischen Milieustudie zwischen Einwanderern und Einheimischen zu verknüpfen, lässt sich durchaus als nachdenkliches post scriptum verstehen, sich des toleranten Vorgartens der eigenen Haustür nicht allzu sicher zu sein. Trotz der Empörung über die populistischen Meinungsmacher, die gerade an der Idee eines abgelegenen kontrolliertes Reservates für Flüchtlinge und Migranten laborieren, so wie einst Hitler mit seiner Vision, man könne doch die gesamte jüdische Bevölkerung auf Madagaskar kasernieren.

Wo die EU Länder ihre Befestigungsgrenzen aufrüsten und ein US-Präsidentschaftskandidat von einer texanisch- mexikanischen Variante der chinesischen Mauer träumt, klingt das Duell zwischen einem dümmlich hochnäsigen Autohändler und seinem wachsamen italienischen Kunden wie ein netter Schlagabtausch über die unterschiedlichen Mentalitäten diesseits und jenseits der Alpen, mit denen weiterhin gefremdelt wird. Nur dass es hier was zu lachen gibt, anders als bei Enzensberger, der seine essayistische Wanderung um weitere Anmerkungen ergänzte, die er im vergangenen Jahr unter dem Titel „Versuche über den Unfrieden“ veröffentlicht hat. Zum Beispiel auch einen Text von 2006 mit dem Versuch über den radikalen Verlierer und seine Befunde über die jungen Männer die sich jetzt als Attentäter Einzelkämpfer für ihre Geschichte der Verwahrlosung und der ökonomischen Entmündigung rächen. Angesichts der gerade kursierenden Expertisen von Politologen, Sozialwissenschaftlern und Therapeuten wäre er mit seinen Befunden in dieser szenischen Lesung gut aufgehoben gewesen.

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