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Montag, 19 September 2016 08:32

Treffer aus der Tiefe des Raumes

geschrieben von
Benjamin Kempf, Marie Seiser, Paul Wenning, Angelika Fornell Benjamin Kempf, Marie Seiser, Paul Wenning, Angelika Fornell © Photo: Thomas Müller

Wer hat Angst vor Virginia Woolf -Edward Albees Klassiker inszeniert von Erich Sidler im DT-2

Es ist ein Samstagabend wie so viele andere zuvor, mit akademischem Small Talk, bei dem es mal wieder um Karriereoptionen in der College Hierarchie geht. Martha und George haben das zur Genüge zelebriert, wenn auch nicht so erfolgreich, wie Martha sich das mal gedacht hatte, als sie sich vor ewigen Zeiten in einen jungen, attraktiven Historiker verliebte, der die Protektion durch den väterlichen Collegepräsidenten leider nicht gebührend zu schätzen wusste.

Schon in den ersten Wortgefechten türmen sich die partnerschaftlichen Altlasten in Edward Albees Schauspiel „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“, die Erich Sidler auf der DT-2 Bühne inszenierte. Auf diesen wunderbar instrumentalisierbaren Fundus greifen Angelia Fornell und Paul Wenning später immer wieder gern zurück, auch um dessen Wirkung an ihren Gästen auszutesten. Eigentlich waren „Nick“ und „Putzi“ der Einladung auf einen späten Drink nur gefolgt, um sich an die scheinbar profitablen Seilschaften in der Collegegesellschaft zu hängen. Doch Benjamin Kempf und Marie Seiser müssen jetzt vor allem als Spielfiguren funktionieren, die bei der Gelegenheit auch gleich mit niedergemetzelt werden, der ehrgeizige jugendliche Aufsteiger ebenso wie seine naive ängstliche Gefährtin. Der Schaukampf ihrer Gastgeber braucht immer mal wieder frisches Publikum. Auch deren Reaktionen, hilflos, peinlich berührt oder auch angeekelt, haben diese wunderbar beflügelnde Wirkung.

Erich Sidlers Inszenierung dieses dramatischen Duells geht der Frage nach, was eine Beziehung alles aushält an Zumutungen, Gemeinheiten und Verletzungen. Die ließen sich leicht mit dem Etikett seelische Grausamkeiten aburteilen, wäre da nicht diese leidenschaftliche Energie, die das Paar antreibt. Ob sie nun die Posen ihrer Gäste niedermetzeln und die dahinter verborgenen Geheimnisse oder ob sie sich gegenseitig Punkte abringen. Eine richtig fiese Kränkung macht nur dann Sinn, wenn sie den anderen reizt, darauf noch bösartiger zu reagieren und möglichst kreativ zu sein. Erst dann wird sie zum Liebesbeweis. Andere mögen ihre Liebesbeweise mit netten Beschwörungsformeln verbinden. Albees Alptraumpaar bevorzugt die zugespitzten verbalen Waffen. Je blutiger sie anmuten, desto überzeugender.

Angelika Fornell ist eine wunderbare Furie, wie sie ihre Martha ständig ausrasten lässt, bis es wieder an der Zeit ist, liebevoll zu säuseln, die Spannung zu dimmen und mit einem verführerisches Signal zu pokern und zu provozieren. Das auch mit all der Verzweiflung die diese Gestalt heimsucht, mit der Angst vor dem Alter, dem Verlust an Attraktivität und dem Wissen, mit dem gesellschaftlichen Ehrgeiz gestrandet zu sein. Es ist mal wieder Zeit für Drinks bis zum Delirium, während das Gesicht maskenhaft erstarrt, weil dahinter wieder etwas wütet und tobt, das die Umgebung gleich wieder schön verwüsten wird.
Paul Wenning punktet nur scheinbar aus der Defensive, wenn er das Bild eines abgeklärten Beobachters entwirft, dem die akademischen Aufregtheiten und Karriereeitelkeiten schon immer egal waren, nicht aber Martha. Er ist der heimliche Spielmacher an diesem Abend, der die Kampfzone ständig aus der Tiefe des Raumes sondiert, auch wenn er gerade die Barvorräte auffrischt. Seine Treffer sitzen und provozieren auf ihre Weise, gern auch genussvoll zynisch verfeinert.

Der entscheidende Showdown will gut vorbereitet sein, wenn nun ein neues Spiel die Runde macht. Es gibt noch eine Fiktion, die Martha und George in ihren leidenschaftlich wütenden Duellen noch nicht angetastet haben. Der gemeinsame Sohn, den es nie gab, wird von George für tot erklärt. Er macht ihn zum Opfer eines Autounfalls. Die Runde geht an ihn. Jetzt gibt es nur noch diese beiden erschöpften Kämpfer, die einander so sehr zum Leben brauchen und auch zum Überleben.

Tim Zumbruchs Bühne mit diesen fellartigen dunklen Stoffquadraten erinnert an eine dunkle Höhle, die jetzt zum Trümmerfeld geworden ist. Das sind sichtbare Nebenwirkungen dieses Theaterabends, der mit Blick auf die Seelenschaften von Albees Figuren bis in ihre Eingeweide vordringt. Dort kommt es trotz der trotzlosen Befunde auch zu heilsamen Erkenntnissen und zu den spürbaren Nebenwirkungen für die Zuschauer.

Weitere Vorstellungen am 26.9., 8.10. und 27.10.

Letzte Änderung am Montag, 19 September 2016 08:42

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