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Montag, 24 Oktober 2016 13:33

Krieg – stell dir vor, er wäre hier

geschrieben von
Linda Elsner, Karsten Zinser Linda Elsner, Karsten Zinser © Photo: Dorothea Heise

Ein dramatischer Blick auf Flüchtlingsschicksale am Jungen Theater

Eine Sirene kündigt den nächsten Bombenangriff an. Das Haus liegt in Trümmern und der kalte, feuchte Keller bietet auch nicht mehr lange Schutz. Was Linda Elsner und Karsten Zinser auf der Bühne des Jungen Theaters erzählen, ist schwer vorstellbar. Dass sich das scheinbar friedliche Europa in einem Kriegszustand befindet und Deutschland von einer Gleichschaltungspolizei beherrscht wird. Keine Spur mehr von demokratischen Verhältnissen, nur noch Angst, Terror und die Sehnsucht nach einem sicheren Ort.

Schon der Titel des Stückes von Janne Teller versteht sich als direkte Ansage an das Publikum. “Krieg – stell dir vor, er wäre hier“. Natürlich melden sich dabei erst mal die Bilder aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak zu Wort. Aber es sind vor allem die Begriffe, die an zahllosen Flüchtlingsschicksalen haften, die jetzt ganz unmittelbar belebt und erlebbar werden. Sich einfach mal vorzustellen, dass Schlepper bezahlt und ein Land gefunden werden muss, dass seine Grenzen noch nicht verriegelt hat. Dann die bange Frage, warum sich der Asylantrag so lange hinzieht. Es gibt keine Sprachkurse für die Fremden, die im Lager Parteilichkeiten und Vorurteile aushalten müssen, bis endlich die vorübergehende Aufenthaltserlaubnis erteilt wird. Und dann beginnt ein Leben in der Diaspora, mit anderen kulturellen und religiösen Traditionen und auf der niedrigsten sozialen Stufe. Die alte Heimat, wo am Wochenende Partys gefeiert wurden und die neuesten iPhones kursierten, ist nur noch ein Sehnsuchtsort. Das vertraute Zuhause wird es nie wieder geben.

Die Inszenierung von JT-Intendant Nico Dietrich ist als mobile Produktion konzipiert, die nach der Premiere vor allem in Schulen aufgeführt werden soll und jedes Klassenzimmer in einen Fluchtraum verwandelt Auf einer klappbaren Stelltafel markieren Linda Elsner und Karsten Zinser die Stationen einer Odyssee und was sich dabei alles an Ängsten und Fragen verunsichert und beklemmt. Wenige Kreidestriche genügen für einen Stacheldraht, der das Zeltlager in einer Wüstenregion umgibt. In den Rucksäcken befindet sich die letzte Habe, Reisepässe und das Tagebuch, dass die Vergangenheit festhalten muss, damit sie nicht endgültig verschwindet. Ständig verwischt werden die Fluchtrouten auf der riesigen Landkarte, die mit dem Süden Europas beginnt und vor allem Afrika, die Sowjetunion und den arabischen Raum abbildet.

Die letzte Markierung endet im Süden Ägyptens, mit dem letzten radikalen Einschnitt in die Geschichte einer Familie und wieder mit der Aufforderung, stell dir vor. Du bist gemeint, der jetzt im Kaftan herumlaufen muss und Kuchen verkauft. Du bist derjenige, der jeden Gedanken an Abitur und Studium vergessen kann, weil deinen Eltern hier zu den Ärmsten gehören. Du musst damit klar kommen, dass deine kleine Schwester zum Islam konvertiert, schwanger wird und in eine Heimat zurückkehrt, die es so nicht mehr gibt. Dort wo du als Flüchtling und Verräter auch keine Chance mehr hast. Sieh zu, dass du dich einer Zukunft stellst, egal wie erschreckend und verunsichernd die Aussichten sind.

Es ist ein beklemmendes Szenario, mit dem die beiden Schauspieler hier an die Vorstellungskraft der Zuschauer appellieren und an ihre Empathie. Für eine Stunde die Seite zu wechseln und den sicheren Standort des Nachrichtenlesers, der die Bilder und Berichte von Flüchtlingsschicksalen immer auch aus der Distanz wahrnimmt und diskutiert. Sich selber als verletzlich zu erleben, das bewirkt dieser Theaterabend mit dem Gedankenexperiment der dänischen Autorin in seiner unmittelbar berührenden Form.

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