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Dienstag, 21 März 2017 17:10

Eigernordwand mit Saiten

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Das Dover Quartet: Joel Link und Bryan Lee – Violine Milena Pajaro-van de Stadt – Viola Camden Shaw - Violoncello Das Dover Quartet: Joel Link und Bryan Lee – Violine Milena Pajaro-van de Stadt – Viola Camden Shaw - Violoncello © Photo: Dover Quartet
Aula am Wilhelmsplatz: Dover Quartet mit Beethoven, Barber und Mozart

Blick von Nikolausberg nach Süden – die Gleichen sind zu sehen; die Stadt liegt direkt vor einem hingegossen; zartes Grün durchzieht den Leinegraben und weiter flussabwärts stünde: Die Eigernordwand.

So (oder ähnlich) mag es derjenigen ergehen, welche die Große Fuge zum ersten Mal hört. Keine falsche Helden-/Werkverehrung. Und auch keine echte. Aber wahrlich, es ist ein Ton-Trumm, den der gute Ludwig van Beethoven 1825/1826 aufgeschichtet hat.

Gut besucht ist die Aula am Wilhelmsplatz auch beim vorletzten Konzert der Saison. Eine strenge Türkontrolle hätte das Programm allerdings kaum hereingelassen – die drei Originalkompositionen für Streichquartett haben schließlich mit dem Saisonmotto „Zauberhafte Arrangements“ herzlich wenig zu tun. Des Publikums Schaden war es nicht.

Die zarte Platzregie der Kammermusikgesellschaft verschafft dem Rezensenten die (sehr angenehme) Möglichkeit, im Laufe der Zeit beinahe jeden Sitzplatz in der Aula akustisch kennenzulernen. Empore, letzte Reihe, Mitte: für Streichquartette in diesem Saal ein beinahe perfekter Platz. Trotz der großen Distanz zum Podium sind selbst allerleiseste Passagen (mit denen das Dover Quartet gottlob nicht spart) sehr gut zu vernehmen. Das Klangideal von Milena Pajaro-van de Stadt an der Bratsche und ihren drei männlichen Kollegen (Joel Link und Bryan Lee an der Violine sowie Camden Shaw am Violoncello) ist hörbar ein sehr homogenes. Phrasierung, Artikulation, Vibrato sind ungewöhnlich stark einander angeglichen, so dass ein Hervortreten aus dem Ensembleklang einem Instrument wirklich nur „gelingt“, wenn die Komposition es vorschreibt. Sowohl bei Mozarts Quartett F-Dur KV 590 als auch bei Samuel Barbers Streichquartett op. 11 (1936) nutzen sie diese Klangvorstellung, um gleichzeitig eine sehr kontrollierte, fast sittsame Interpretation zu liefern. Diese kostet die emotionalen Extrema wohl aus – aber nie bis ins Letzte. Sie lässt freundlich-sprudelnde Notenketten sehr virtuos durch den Raum fliegen – aber nie von der Leine.

Das ist stimmig. Besonders Barbers zweiter Streichquartettsatz – später als „Adagio für Streicher“ berühmt geworden – profitiert davon ungemein. Dementsprechend lautstark dankt das Publikum bereits zur Konzerthälfte.

Zwischen 1824 und 1826 schrieb Beethoven die letzten fünf seiner insgesamt 16 Streichquartette. Jenes in B-Dur op. 130 mit seinen sechs Sätzen erklingt heute Abend mit seinem ursprünglichen Finale, der Großen Fuge. Ursprünglich, denn Beethoven komponierte auf Drängen seines Verlegers eines neues Finale. Warum? Die vorherigen Sätze fanden teils Anklang bei der Uraufführung - wie die Fuge ankam, mag ein Zitat aus der „Allgemeine Musikalische Zeitung“ verdeutlichen: „Aber den Sinn des fugirten Finale wagt Ref. nicht zu deuten: für ihn war es unverständlich, wie Chinesisch.“

Spielt ein Ensemble nun das Quartett op. 130, ist die entscheidende Frage vor dem Einstudieren: mit oder ohne? Heute beantwortet man sie, ziemlich sicher im Sinne des Komponisten, wie das Dover Quartet, d.h. mit Fuge. Wer so kundig, großartig spielend auftritt, wie die Vier an diesem Abend, wird auch das Folgende mit Bedacht und Absicht gewählt haben: die ersten fünf Sätze verbleiben – nun natürlich Beethoven wiedergebend – in jener klassisch-gesitteten Ausdruckswelt der ersten Programmhälfte. Sobald die Fuge beginnt, eröffnet sich schlagartig jedoch ein neuer Ausdrucksraum. Die Akzente hauen in die Aula; die Bandbreite der Lautstärke erhält an beiden Enden neue Bereiche etc.

Das ist erfreulich – aber leider für uns schwer nachvollziehbar, warum es diesen Bruch gibt. Das Außergewöhnliche der Fuge braucht nicht extra betont zu werden. Im Gegenteil hätten wir uns bereits das ganze Quartett mit dem Mut der Fuge gewünscht. - Was keinesfalls heißen soll, dass die Interpretation irgendwelche Mängel oder Fehler aufgewiesen hätte!

Das Verschmelzen der vielen Takt- und Tempowechsel im ersten Satz gelingt grandios. Das wehmütige zweite Thema im Cello so traumschön, dass man auf das strahlende Ende der Coda hofft. Das strahlt auch; doch mit jener Zurückhaltung, der es hier besser(?) gemangelt hätte. Die Cavatina, der fünfte Satz, funkelt in der Lesart des Quartetts vielleicht am intensivsten. Hier verleiht die Noblesse der Darbietung dem Sehnsüchtigen der Melodie noch größeren Nachdruck. Der koboldhafte zweite Satz ist in der Lautstärkedisposition vorzüglich angelegt, doch das Exaltierte, Bedrohliche in den Begleitstimmen, wenn sie die erste Geige beinahe zu Tode hetzen, fehlt. Dem Alla danza tedesca geht in den Nichtmelodiestimmen die ätherische, schwebende Wirkung ein wenig ab und so wirkt der Satz wie ein „Deutscher“ (d.i. Walzervorläufer), statt wie eine geläuterte, gereinigte Version davon.

Applaus wird es nach den Schlusstönen der Fuge zu Recht überreichlich geben. Dem „wie Chinesisch“ begegnet man im Publikum obschon: Wenn gut sieben, acht Minuten mit der Fuge ins Land gezogen sind, schaut manche doch auf den Programmzettel… das ist nicht Schönberg, oder?... Obwohl uns der Interpretationsbruch nicht stimmig erscheint, ist die Fuge ganz famos gespielt. Und wenn sich das größte Gewirr mit dem Allegro molto e con brio verzogen hat, kommt der beste Teil des Abends: Das zweite Meno mosso – in dem die Musik wie in Glas gegossen klingt. Zwei der großartigsten Minuten meiner Konzerthörervita.

Die Zugabe nimmt das Saisonmotto schließlich doch noch auf – Duke Ellingtons „In a Sentimental Mood“, für Streichquartett gesetzt.

DOVER QUARTET
Joel Link und Bryan Lee – Violine
Milena Pajaro-van de Stadt – Viola
Camden Shaw - Violoncello

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