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Freitag, 24 März 2017 17:57

Ein Programm für Mehrheiten

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Elisabeth Kufferath im Göttinger Clavier-Salon Elisabeth Kufferath im Göttinger Clavier-Salon © Photo: Wortmann
Elisabeth Kufferath „Libero, fragile“ im Clavier-Salon

Es gibt so viele ungeschriebene Regeln bei Konzerten. Eine Regel für Streicher, die sowohl Geige als auch Bratsche spielen, verriet Jan Müller-Wieland im Clavier-Salon: „Auf keinen Fall wird während eines Abends das Instrument gewechselt.“ Andere Konzert-Regeln lauten: „Spiele niemals nach der Pause ein zeitgenössisches Werk, dann gehen die Besucher in der Pause.“

Überhaupt ist ja zeitgenössische Musik eher etwas für Minderheiten. Bei dem Konzert mit Elisabeth Kufferath im Clavier-Salon war alles anders. Vor allem deshalb, weil Kufferath mit allen Regeln gebrochen hat: sie hat nicht nur ständig zwischen Violine und Viola gewechselt, sie hat auch vor der Pause zeitgenössische Musik gespielt. Das hat sie sogar den gesamten Abend getan. Und so ging natürlich kein einziger Zuhörer, denn alle sind genau deswegen gekommen. Auf diese Art bildete das Auditorium eine Mehrheit!

Auf dem Programm stand Musik von Luciano Berio, Elliot Carter, György Kurtág und Jan Müller-Wieland. „Das Programm ist dem Wunsch entsprungen, zwei wichtige Facetten meines Musikerlebens zusammenzubringen: das Abwechseln zwischen Geige und Bratsche und meine Liebe zu Neuer Musik“, verriet Kufferath im Programmheft.

Da liegt es geradezu auf der Hand, die Teile der „Sequenza“ von Luciano Berio (1925-2003) für Violine und Viola in das Programm aufzunehmen: Berio erkundet die Möglichkeiten der einzelnen Instrumente. Kufferath nahm die Zuhörer mit auf die Erkundungstour und zauberte eine erstaunliche Klangvielfalt aus ihren Instrumente. Zeitweilig hatte man das Gefühl, da spielten mehrere Instrumente gleichzeitig.

Der US-Amerikaner Elliot Carter (1908-2012) komponierte seine „Mnemosyné“ für Violine und sein „Figment IV“ für Viola im Alter von 103 bzw. 99 Jahren. Geradezu jugendlich klangen die beiden Stücke, voller Humor und Vielschichtigkeit. Kufferath interpretierte diese Musik mit satten, vollen Tönen – und immer einem Lächeln in den Mundwinkeln.

György Kurtág (*1926) verwendete in seinen Kompositionen immer wieder Zitate und Anlehnungen. Seine Miniaturen „From Signs, Games and Messages“ für Violine und Viola spielte Elisabeth Kufferath mit großer Virtuosität und viel Gefühl.

Jan Müller-Wieland (*1966) moderierte nicht nur den Abend mit großem Sachverstand und hörbarer Liebe zur Musik, sondern trug als Komponist selbst zum Gelingen des Abends bei. Sein „Himmelfahrt“ für Viola Solo ist Elisabeth Kufferath gewidmet und – wie er es selbst formulierte – bei Ihr „bestens aufgehoben“. Außerdem erklang noch „Libero, fragile“ für Violine solo – das Stück, das dem Abend auch seine Überschrift gab.

Ein beeindruckender Abend endete in Wut und Zorn: das war mehr als spürbar in der Sequenza VI von Luciano Berio für Viola Sola. Dem Publikum war jedoch eher herzlich zumute: lang anhaltend applaudierten die Besucher der Geigenvirtuosin, die seit 2009 eine Professur für Violine an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover innehat.