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Montag, 16 Oktober 2017 12:17

Deutsches Theater: Wehe, er ist wieder „sternhagelnüchtern“!

geschrieben von
Volker Muthmann und Dorothée Neff Volker Muthmann und Dorothée Neff © Photo: George Pauly

Premiere von „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ im Deutschen Theater

„Der Kampf ist hart, doch lichtet sich bereits die Gegenwart!“: Nicht etwa dem Chauffeur Matti oder dem Gutsherrn Puntila gehört an diesem Abend das erste Wort, sondern 18 Stimmen, deren chorisch-geflüstertes Rezitieren weit entfernt im hinteren Teil der Bühne wie aus einer anderen Sphäre zu kommen scheint. Und mit dieser Ankündigung lichtet sich tatsächlich eine Gegenwart: die Gegenwart der befremdlich-komischen und damit dem Werk Brechts tief aus der Seele sprechenden Inszenierung unter der Regie von Christoph Mehler.

Im Suff ein Menschenfreund mit Humor und nahezu moralischen Zügen, nüchtern ein berechnender und jeden rücksichtslos ausbeutender Egoist: besser als Gabriel von Berlepsch hätte man den ambivalenten Charakter des großen, kräftigen finnischen Gutsherrn wohl kaum verkörpern können. Und da nähert er sich auch schon: seinen schweren Körper über sein Anwesen schleppend, Matti wie einen Hund mit sich ziehend, verlangt er pausenlos nach Aquavit. Matti (Volker Muthmann), der seinen Herrn von Beginn an zu durchschauen scheint, gibt sich als diensteifriger Knecht und geduldiger Zuhörer des Trunkenen. Der erste der Brecht’schen Puntila-Sätze – „Ich wach auf und bin plötzlich sternhagelnüchtern!“ – ertönt und bringt die Zuschauer das erste, aber sicher nicht das letzte Mal an diesen Abend zum Schmunzeln.

Doch für Puntila muss es an allem viel sein – nicht nur an Aquavit, sondern auch an Frauen, wie sich bald zeigt: Betrunken verlobt er sich mit sämtlichen Junggesellinnen des Nachbardorfs, vom Apothekerfräulein bis zum Kuhmädchen; als all seine Auserwählten später jedoch auf der angesetzten Verlobung erscheinen, jagt der nüchterne Puntila sie wieder vom Hof. Ebenso den Schwankungen seines Promillewerts unterlegen ist die geplante Verlobung seiner Tochter Eva, die er nach kurzen suffbedingten Ausschweifungen wieder unverzüglich mit dem Attaché verheiraten will.

Dorothée Neff in der Rolle der jungen Eva, in einen weißen Tüllrock gesteckt, zeigt sich tough und frisch, und distanziert sich damit von der eigentlich eher seelisch instabilen, verklemmten Brecht’sche Figur. Um einem Leben mit dem stets korrekten und auf Ansehen bedachten Attaché (Judith Strößenreuter) zu entfliehen, täuscht sie mit Matti eine Affäre in der Badehütte vor. Ein delikater Plan, der jedoch misslingt – ob der grenzenlosen Naivität des Attachés, der Flucht aus seiner prekären Schuldenlage oder seines Interesses an Eva geschuldet, bleibt offen.

Die Prüfung, mit der Matti die Ehetauglichkeit von Eva testen will – der betrunkene Puntila will seine Tochter nun nicht mehr mit der „Attaché-Heuschrecke“ verheiraten, sondern mit seinem „Freund und Chauffeur Matti“, einem ehrenwerten Mann! –, endet in einer wahren Schlamm-Schlacht der Arbeiterwelt. Und ihr Ergebnis: die Kluft zwischen Arm und Reich ist zu groß; Eva erfüllt nicht die Anforderungen der Frau eines Arbeiters.

Neben der gelungenen Nähe zum Brecht’schen Original sind es die vielen kleinen szenischen Darbietungen – teils parallel gespielt –, die den Reiz der Inszenierung von Christoph Mehler ausmachen. Der atmosphärisch-dampfende Badehütten-Nebel, die Tanz- und Bewegungseinlagen zu der Musik von David Rimsky-Korsakow / Paul Dessau und insbesondere das (Wort-)Wechselspiel zwischen den Figuren und dem Chor sorgen für ein ganz besonderes Ambiente. Mit dem imaginären Aufstieg auf den Hatelmaberg, auf den der trunkene Puntila Matti und die Zuschauer mitnimmt, verabschieden die Darbieter sich.

Doch wie im Brecht’schen Kanon üblich, entzieht sich auch dieses Stück einer simplen Reduzierung auf Komik und Humor: mit der Verkehrung von Realitäten im Kontext von gesellschaftlichen Hierarchisierungen entlässt es die Zuschauer nicht nur mit unterhaltsamen Ausklang, sondern regt auch unterschwellig zum Reflektieren über Freiheit und Abhängigkeit in Gesellschaften und Veränderungen gesellschaftlicher Verhältnisse an.

Letzte Änderung am Montag, 16 Oktober 2017 19:11

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