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Montag, 19 Februar 2018 08:35

Deutsches Theater

Premiere von „paradies fluten“

Sprach- und bildgewaltige Inszenierung

geschrieben von
Dorothée Neff, Florian Donath, Nikolaus Kühn, Gerd Zinck, Marco Matthes, Florian Eppinger Dorothée Neff, Florian Donath, Nikolaus Kühn, Gerd Zinck, Marco Matthes, Florian Eppinger © Photo: Thomas Müller

„paradies fluten“ in der Inszenierung von Katharina Ramser hatte Premiere im Deutschen Theater

Spielt es überhaupt noch eine Rolle, welche Katastrophe jetzt nur noch Leichen produziert? Eine explodierte Gasleitung, wie es aus den Lautsprechern tönt, oder die Müllschwemme, schmelzende Eisberge oder die kapitale Gier, die noch die letzten globalen Ressourcen profitabel ausschöpfen wird, egal was danach kommt? Egal sein kann es in jedem Fall den Stimmen der Körper, die im Bühnenraum schweben und bald zu Boden sinken werden. Mit den geschäftigen Satzfetzen ist jetzt kein Geschäft mehr zu machen, und irgendwann hat sich die Geschichte dieses Globus ja sowieso erledigt…

Vorhang zu! beschließen die beiden schrägen Gestalten, die offenbar die letzten Überlebenden einer Klimakatastrophe sind und für das Publikum noch eine Rechnung aufstellen. Etwa über die Sonne und ihre kosmischen Blähungen, mit denen es langfristig nicht gut gehen kann. Das Zeitmaß von 6,3 Milliarden Jahren bis zur endgültigen hitzigen Implosion ist so wenig vorstellbar wie fassbar. Das sind andere schaurige Szenarien umso mehr, die der Dramatiker Thomas Köck in seinem sprach- und bildgewaltigen Stück „paradies fluten“ imaginiert und assoziiert. Diese fluten nun das Publikum in der Inszenierung von Katharina Ramser am Deutschen Theater, eindringlich, verstörend und ungeheuer bewegend.

Zwei Erzählstränge verwebt das Stück in seinen visionären Anmerkungen und Verweisen zur Geschichte des „homo öconomicus“, der in seinem beschleunigten Besitzstandswahn nicht nur seinen Untergang beschleunigt, während die Märkte so schön florieren und die vernichtende Gier weiter antreiben. Das ist zum einen die Geschichte einer Familie, die sich in kapitale Freiheitshoffnungen verstrickt, bei denen der Markt leider nicht mitspielt. Der Vater hat sich selbstständig gemacht, kämpft nun mit Darlehen und Krediten um seine Autowerkstatt und verschleißt dabei auch seine Frau. Es gibt keine Berührung zwischen den Generationen, die sich mit ihrer Familienhölle auf der Drehbühne wie in einer Familienaufstellung malträtieren. Die Tochter wird später ebenfalls den Sprung in die Selbstständigkeit wagen, um sich als Tänzerin zwischen Stückverträgen mühsam über Wasser zu halten. Für den Vater als dementes Wrack hat sich da die Realität bereits verflüchtigt, ebenso wie die Erinnerungen, an denen die Mutter jetzt so verzweifelt festhält.

Neben dieser seelischen Klimakatastrophe fokussiert das Stück die wirklich kapitalen Katastrophenbeschleuniger am Beispiel der Kautschukbarone am Amazonas, die Ende des 19. Jahrhunderts das Ausbeuten von Grund und Boden zum Prinzip erklärt hatten und die indigene Bevölkerung zu Arbeitssklaven, die als scheinbar tumbes Frischfleisch auch gerne sexuell malträtiert wurde. Fröhlich spotten sie über die Natur des Marktes und wie sie den Planeten langsam verändern, ohne dass er es begreift. Gern stiften sie dann ein Opernhaus als Denkmal für die profitablen mörderischen Misshandlungen, denn wo der Markt hinfällt verkünden die Konzernbosse, müsse die Kultur eine Ausrede erfinden und sei es in Form eines opulenten Mahnmals. So wie der Markt boomen auch die Statements dieser Art, mit denen Köck die Flut seiner Sprachbilder immer wieder zuspitzt. „Durch die Natur hindurch schlagen wir die Zivilisation“ verkünden dann auch die Konzernbosse der nachfolgenden Generationen, die ihre Kommandos dann hat am Laptop verkünden und en passant noch ein paar Bürgerkriege, Guerillascharmützel und aufgebrachte NGO Vertreter aushebeln und für den politischen Konsens der so genannten freien Welt sorgen.

Zwischen diesen beiden Erzählsträngen gibt es immer wieder Abstecher in die Geschichte von Eroberern, Ressourcenplünderern und Ausbeutern, die Ära des Kolonialismus und der nationalen Sturm- und Drangepochen im internationalen Wettbewerb. Den Erzählfluss des Autors, der sich bald ebenso genüsslich über goldene Zeitalter und die konsumerprobten Nutznießer von Überflussgesellschaften mokiert, hat Regisseurin Katharina Ramser klug choreografiert und zu nachdenklichen atmosphärischen Bildern verdichtet, in denen die assoziative Kraft des Textes blitzt und funkelt und eben auch bösartig ausufert oder ins Absurde umschlägt. Dann lässt sie die Figuren in barocken Perücken ein goldenes Zeitalter im Goldregen zelebrieren. Im glänzenden Flitter sonnt sich auch die zeitgenössische Partygesellschaft, die nach all den dreckigen Geschäften auch ein paar Schlammspuren am edlen Outfit verschmerzen kann.

In ihrer Inszenierung wuchtet ein leidenschaftlich engagiertes Ensemble diese verbalen Kraftfelder in einer Vielzahl wechselnder Rollen, die nachhaltig unter die Haut gehen wollen. Und das vermögen sie auch im Team mit Bühnenbildnerin Elisa Alessi, Kostümbildnerin Stefanie Klie und Choreograph Valenti Rocamora i Torà für „paradies fluten“.  Florian Donath, Florian Eppinger, Benjamin Kempf, Nikolaus Kühn, Marco Matthes, Dorothée Neff, Marie Seiser, Andrea Strube, Ronny Thalmeyer, Paul Wenning und Gerd Zinck“. So maßlos wie die globale Zerstörungswut entfaltet sich dieser Theaterabend in seiner Wirkung, die den Zuschauer zum teilnehmenden Beobachter ohne Fluchtmöglichkeit macht, weil sich Köcks dramatisierte Befunde so offensichtlich sind. Ständig zirkulieren die Fakten, die Argumente, die Bilder und die assoziativen szenischen Details wie in einem Panoptikum, das auch verwirren darf. Nicht jede Szene erschließt sich unmittelbar und manche vielleicht erst in einem der nachfolgenden Bilder, wo das Credo des Stückes eine weitere, vertiefende Stimmfarbe erfährt. Es sind diese Sätze im Futur 2, die dem globalen Vernichtungswahn beharrlich zusetzen und auf eine bereits vollendete Zukunft deuten: So auch dieser Satz, der im grammatischen Regelwerk eine Vermutung ausdrückt, dass eine Handlung jetzt oder später schon abgeschlossen sein wird. „Wir werden gewusst haben, dass die Katastrophe vor uns gelegen haben wird.“

Damit flaniert nun eine Gestalt in veredelter Müllfolie und einer Schleppe von Müllbeutel über die Bühne, vorbei an einer Sammlung von Gartenstühlen, deren Funktion als Kommandozentralen sich nun erledigt hat. Das letzte Wort haben die beiden überlebenden Chronisten, die sich in ihrer Zeitkapsel gerne noch mit einer letzten Zigarette einnebeln wollen und wie zwei Beckett Clowns die weiteren Aussichten auf das Nichts sondieren und sich in ihrem apokalyptischen Cold Turkey einrichten.

Auch „paradies fluten“ ist ein großartiges Plädoyer für die Entscheidung des Verbandes Deutscher Bühnen- und Medienverlage, der in diesem Jahr das Deutsche Theater für die leidenschaftliche und nachhaltige Förderung von Gegenwartsdramatik auszeichnete. Mit dem Beifall des Premierenpublikums für einen außergewöhnlichen Theaterabend und eine bewegende Inszenierung.

 

Letzte Änderung am Samstag, 03 März 2018 12:59

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