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Mittwoch, 28 Februar 2018 11:43

Junges Theater

Korczak und die Kinder

Brüllendes Schweigen über den Schlussbildern

geschrieben von
„Ensemble K“ aus Lüdenscheid auf der Bühne des Jungen Theaters in Göttingen „Ensemble K“ aus Lüdenscheid auf der Bühne des Jungen Theaters in Göttingen © Photo: Fibiger

Drei Stühle, ein Pult und im Hintergrund die Projektion von einem Stück Stacheldraht. Mehr braucht es nicht für die szenische Lesung „Korczak und die Kinder“ im Jungen Theater. Zunächst türmen sich zwar noch ein paar bunte Bauklötze auf einem schmalen Turm neben dem Pult von Rudolf Sparing, der das Stück von Erwin Sylvanus über die Geschichte des polnisch jüdischen Kinderarztes für das „Ensemble K“ aus Lüdenscheid bearbeitet hat. Aber mit einem heftigen Stoß hat sich das bunte Requisit erledigt. Es ist Krieg und damit liegt auch die spielerische Kindheit in Trümmern. Was bleibt ist eine bunte Trommel, die Sparing für jedes Kapitel dieses Stationendramas schlägt.

Neben Sparing als Erzähler nehmen sich drei Stimmen den Ereignissen im Warschauer Ghetto an. Dort leitete Korczak ein Waisenhaus, in dem 200 jüdische Kinder lebten, bis die Order ergeht, sie nach Treblinka zu deportieren. Gerhard Winterhagen liest aus den Gedanken und Empfindungen Korczaks, der am Ende nicht von der Seite seiner Schützlinge wich und sich ebenso leidenschaftlich und vergeblich für die Rettung der Heimschwestern einsetzte. Seine Stimme nimmt immer wieder eine leidenschaftliche Färbung an. Winterhagen scheut auch das Pathos nicht, das Sylvanus in seinem Text eingelagert hat: wenn er diesen polnisch jüdischen Kinderarzt in seiner mutig und unbeugsamen Haltung beschreibt und wie er auf seine Liebe und seinen Glauben vertraut. Ruth Schimanski hat nicht nur den Part von Oberschwester Ruth übernommen. Sie ist auch die Stimme der Stadt, die unter der der Okkupation der Deutschen Wehrmacht und unter der Ohnmacht angesichts des Schreckens leidet. Und sie lässt die Zuschauer ahnen, wie Stiefel, Tritte, eilige Fluchten und bedrängte Menschen dem Bordstein der Straße zusetzten, in dem das jüdische Waisenhaus stand. Christian Michael Donat gibt seine Stimme dem Deutschen Offizier, der sich mit seiner Geschichte hinter der strammen Haltung eines Befehlsempfängers und Pflichterfüllers verschanzt. Scheinbar harsch, unbelehrbar und überzeugt, auf der stärkeren nationalsozialistischen Überlebensseite zu stehen.

Zunächst ist nur von einer Verlegung des Waisenhauses die Rede. Aber die Nachrichten von den Gaskammern sind bis nach Warschau gedrungen in das Ghettogebäude, wo die Hungerrationen immer knapper werden. Sich selber in Sicherheit bringen, das käme vielleicht dem Wehrmachtsoffizier in den Sinn. Korczak wird er nicht davon abbringen, seine Kinder bis in den Tod zu begleiten und erteilt nun scheinbar unbeteiligt seine Order. Eine Spur von Rechtfertigung klingt dennoch an, wenn er sich zum Überbringer von Befehlen erklärt, an denen er selbst schuldlos sei und nun einem fast schon pragmatischen Gegenüber begegnet, der argumentiert und abwägt und keine Angst mehr dulden mag, als sei er längst von Gott und der Welt verlassen. Dieser Wortwechsel wie er mit sparsamer Mimik gelesen wird, gehört zu den beklommensten Szenen in Erwin Sylvanus dramatischer Chronik. Zwischen den beiden Stimmen entsteht ein Abgrund – und da ist nichts, was diesen Raum existenzieller Leere überbrücken könnte, auch wenn der Wehrmachtsoffizier die Waisenhausschwestern dann doch entkommen lässt und Korczak sich mit seinem Gott versöhnt und den Tätern verzeiht.

Nein es braucht nicht mehr als diese drei Stühle, das Pult und die Stimmen der Schauspieler vor dem Hintergrund des Stacheldrahtgeflechtes, um die ganze emotionale Wucht des Textes und seiner Geschichte zum Ausdruck zu bringen. Ein brüllendes Schweigen legt sich über die Schlussbilder, für die es keine Worte mehr gibt. Mit den Aufnahmen von Janusz Korczak und seinen Kindern, wie sie eine fröhliche Gemeinschaft bilden, und dann eine folgsame, die sich brav vor dem Waggon einreihen, um als Leichenfeld zu enden. 

Letzte Änderung am Mittwoch, 07 März 2018 13:55

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