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Montag, 05 März 2018 22:55

Johanniskirche / Lit. Zentrum

Lesung mit Navid Kermani

„Jedem Reichtum wohnt eine Gefahr inne“

geschrieben von
Mariana Sadovska, Heinrich Detering und Navid Kermani bereiteten dem Publikum einen emotionalen und lehrreichen Abend. Mariana Sadovska, Heinrich Detering und Navid Kermani bereiteten dem Publikum einen emotionalen und lehrreichen Abend. © Photo: Anika Tasche

Navid Kermani stellte im Gespräch mit Heinrich Detering seinen Reiseroman „Entlang den Gräben: Eine Reise durch das östliche Europa bis nach Isfahan“ vor.

Traurig – faszinierend – packend. Mit diesen Wörtern resümierte Heinrich Detering die Geschichten, von denen Navid Kermani auf seiner Reise „Entlang den Gräben“ erzählt. Die Lesung, veranstaltet vom Literarischen Zentrum, gab einen Eindruck von den großen und kleinen Schicksalen der Bevölkerungen Osteuropas, der ehemaligen Sowjetunion, bis hin zu der Heimat Kermanis Eltern, dem iranischen Isfahan.

Die emotionale Anspannung in der restlos ausverkauften Göttinger Johanniskirche ist spürbar, als Navid Kermani in gewohnter erzählerischer Brillanz die erste Textpassage des Abends vorträgt: Er berichtet von Kaunas, der zweitgrößten Stadt Litauens, die wie kaum eine andere das Schicksal der jüdischen Menschen unter der deutschen Wehrmacht verkörpert – Massenerschießungen, Deportationen in Konzentrationslager. Stets schwebt eine nackte Zahl über den unfassbaren Gräueltaten: 90 % der litauischen Juden überlebten den Holocaust nicht. Eine Dimension, die das Vorstellungsvermögen übersteigt und die Frage nach dem Umgang mit diesem Trauma aufwirft. Kermani erzählt von seinen Eindrücken von Auschwitz, dem Ort, der wie kein anderer für die Erinnerung an die Massenmorde steht. Insbesondere die Funktion Auschwitz’ als nahezu touristisch vermarktetes Symbol der deutschen Schuldkultur sei ihm aufgefallen, ein verdichteter Ort einer „selektiven Erinnerung“, wie Kermani das Phänomen beschrieb.

Doch ist diese Erinnerung nicht nur an zentrale Orte gebunden. Die Musikerin Mariana Sadovska, die den Abend musikalisch begleitete, sammelte in der Ukraine Volkslieder, die bedingt durch die Judenverfolgungen und stalinistische Politik nur noch im Gedächtnis der Menschen existierten. Diese Lieder, tragische Klagegesänge und mitreißende folkloristische Melodien, wurden von ihr in beeindruckender Stimmbeherrschung und untermalt von den Klängen eines Harmoniums zwischen den einzelnen Textpassagen vorgetragen.

Seine Reiseroute entlang der Schicksalsorte der osteuropäischen Geschichte sei gut vorbereitet gewesen, berichtet Navid Kermani. Anders hätte er nicht gezielt mit den Menschen sprechen können, die ihm kaleidoskopartig von der Zerrissenheit ihres Landes erzählten: Ein immer wieder aufkommendes Thema seiner Beobachtungen und Gespräche in den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion, ist die Diskrepanz zwischen einer als vereinnahmend empfundenen westlichen Kultur und den tatsächlichen Lebenswelten der Menschen. Damit einhergehend sei die Skepsis gegenüber der EU, die mit ihren oktroyierten Normen überfordere. So berichtet Kermani von seiner Begegnung mit einem Schriftsteller, der in der Nähe des weißrussischen Svetlahorsk lebt. Das Land stehe an der Kreuzung zwischen West und Ost, wie dieser berichtet, aber Europa sei trotzdem ein Fremdwort für viele, die am Schnittpunkt zwischen Tradition und Moderne, in einem immer noch politisch unfreien Land leben.

Durch den gesamten Abend zogen sich große Fragezeichen, die niemals mit Ausrufezeichen versehen wurden. Kermani liegt nichts daran, große Konfliktfelder auf eine vereinfachende Antwort herunterzubrechen, die der Komplexität der Geschichten und verschiedenen Kulturen niemals gerecht würden. Auf die Frage Heinrich Deterings, ob das Wiederaufleben und Festhalten an der eigenen Kultur nicht auch in Hinblick auf die politisch identitären Bewegungen gefährlich sein könnte, wusste Kermani zu antworten: „Jedem Reichtum wohnt auch immer eine Gefahr inne“. Er plädierte deutlich für eine differenzierte Betrachtung von identitätsstiftenden Kulturen, die natürlich missbraucht werden könnten, aber eine immense individuelle Wichtigkeit besäßen, besonders im Hinblick auf die jahrzehntelange Unterdrückung kultureller Heterogenität. 

Letzte Änderung am Donnerstag, 15 März 2018 16:35

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