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Samstag, 06 Juni 2015 13:27

Dem Glück eine Chance geben

Das Deutsche Theater gibt das Programm für die neue Spielzeit bekannt

Erich Siedler lädt ein zur neuen Spielzeit 2015 / 2016. „Ich lade Sie herzlich ein, die Freiheit zu schätzen, die Wachheit zu schärfen, dem Gedanken Raum und dem Glück eine Chance zu geben“, schreibt er im Vorwort des neuen Spielzeitbuches.

Das sind große Worte, die Sidler nicht nur in dem neuen Programm  seiner zweiten Spielzeit korrespondieren lässt. Nein, er kokettiert zugleich angesichts des bevorstehenden 125jährigen Jubiläums des Deutschen Theaters mit „2.500 Jahren Theatererfahrung“, die wir besitzen.

All das macht neugierig auf das neue Programm. Auch deshalb, weil die erste Spielzeit ein großer Erfolg war. Es gab keinen Einbruch bei den Zuschauerzahlen – ganz im Gegenteil. Und das Deutsche Theater wurde zu den Mühlheimer Theatertagen eingeladen. „Was für ein Glanz bundesweiter Anerkennung für Göttinger Theaterarbeit, der auch in die neue Saison strahlt“, meint dazu Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler.
Und in der Tat macht das Programm neugierig: 26 Premieren, darunter fünf Ur- oder Erstaufführungen, Klassiker, Komödien, Theater für Kinder und für Jugendliche, musikalische Produktionen, Monologe und romantisch-komödiantisches wechseln sich ab. Dazu werden 16 Produktionen aus der letzten Spielzeit übernommen.

Bei den Uraufführungen sticht zunächst der Name Rebekka Kricheldorf ins Auge. Mit der Uraufführung „Homo Empathicus“ eröffnete Erich Sidler seine erste Spielzeit. Auch „In der Fremde“ ist ein Stückauftrag des Deutschen Theaters. Premiere ist am 20. November im DT-2.

Weitere Ur- und Erstaufführungen sind „Unter der Erde“ von Paco Bezerra, „Weil sie nicht gestorben sind“ von Hannah Zufall und „Die moderne Welt…“ von Thomas Dannermann. Das Stück „Terror“ von Ferdinand von Schirach gehört zu den Eröffnungsproduktionen und hat am 17. Oktober Premiere. Dieses Stück gehört zu den am meisten nachgefragten Stücken im deutschsprachigen Raum: 35 Theater bringen in der kommenden Spielzeit das Stück auf die Bühne. Das Deutsche Theater ist dann die dritte Premiere von „Terror“ – also ganz knapp keine Uraufführung.

Der Moderne stehen auch Klassiker gegenüber: „Romeo und Julia“ von William Shakespeare sowie die „Elektra“ von Hugo von Hofmannsthal stehen auf dem Programm.

Im Mittelpunkt des Kindertheaters steht „Die Schneekönigin“ von Hans Christian Andersen. Als Weihnachtsproduktion hat das Stück am 15. November Premiere im DT-1.

Eröffnet wird die Spielzeit mit Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“. „Jelineks Text ist ein flammendes Manifest für die europäischen Werte, denen wir verpflichtet sind, die aber in der Gefahr sind, verraten zu werden“, erläutert Erich Sidler.
Musik der 20er Jahre steht in der musikalischen Produktion „Zwei Krawatten“ von Georg Kaiser und Mischa Spoliansky im Mittelpunkt. Die zweite musikalische Produktion dreht sich um Frank Sinatra. „Frankie Boy“ lautet der Titel der Uraufführung, die am 9. Januar Premiere haben wird.

Das umfangreiche Programm wird noch durch weitere Premieren komplettiert. Das gesamte Spielzeitbuch ist ab sofort im Deutschen Theater erhältlich.

Dienstag, 19 Mai 2015 20:36

Verletzende Grenzüberschreitungen

"Grooming" im Deutschen Theater

Leicht zögernd nimmt das Mädchen Platz auf der Parkbank. Es wirkt ein bisschen nervös und verkrampft und nimmt auch nichts wahr von der Waldstimung, die im Hintergrund der Studiobühne auf zwei Leinwänden abgebildet ist. Der Grund dafür nähert sich bereits schattenhaft als dunkle Silhouette, die sich für einen Moment riesenhaft zwischen den Stämmen und dem Gebüsch aufbläht und dann ebenfalls auf die Bank zuhält.

Der Mann redet scheinbar entspannt drauf los, aber vielleicht ja auch gezielt. Mit seiner Beschreibung von ziemlich alten Filmszenen und ihren Helden kann das Mädchen zwar nichts anfangen, auch nicht mit der Beschreibung seiner wilden Künstlerbiografie. Aber all das ist Teil der Erniedrigung, die er sie schon bald unmissverständlich brutal spüren lässt. Auch wenn sie sich jetzt angeekelt krümmt, Rachen und Mund voll mit seinem Sperma, er hat die Situation unter Kontrolle.

„Grooming“ heißt das Stück des spanischen Dramatikers Paco Bezerra, das Intendant Erich Sidler als deutschsprachige Erstaufführung auf der DT – 2
Bühne inszenierte. Es steuert szenisch zunächst direkt auf die Bedeutung des Begriffes „Groomig“ zu, die sexuelle Belästigung von Kindern und Jugendlichen im Internet. Beschrieben wird auch, wie die verführerische Strategie des Mannes funktioniert hat, der sich im Chatroom einfach als 16 Jähriger ausgab und sie überredet hat, ihm ihre Brüste zu zeigen. Die Waldidylle ist bereits komplett verpixelt, wenn er nun mit dem Video auf der Leinwand droht, das natürlich auch ihr Vater und ihre Freunde zu sehen bekommen könnten.

Es ist eine klassische Täter-Opfer Konstellation, die Erich Sidlers Inszenierung den Zuschauern in diesen Szenen ganz unmittelbar zumutet. Mit all dem, was Vanessa Czapla an purer Angst, nackter Panik und Ekel mit ihrer Figur anspricht und mit den Machtgelüsten und Taktiken, die Andreas Jessing so überlegen und bedrohlich ins Spiel bringt. Doch dann sind auf einmal die Rollen vertauscht und das nicht nur, weil sich das Mädchen als Polizeibeamtin outet, die genau solche Typen im Netz jagt. Sie hat ihren freien Tag und endlich ein Opfer für ihre eigenen sexuellen Obsessionen gefunden und für die Macht, die darin lauert.

Das Thema Grooming wird zum Auslöser für eine Debatte, um Fragen des menschlichen Miteinanders, die Bezerras Stück aufwühlt: Dass in Beziehungen und Verhältnissen eben auch Macht und Dominanzbedürfnisse virulent sind, in denen sexuelle Fantasien und Obessionen eine entscheidende Rolle spielen: Welche Stimulanzien, ob nun Hunde, Schuhe, Menschenmengen oder ihre Ausscheidungen sind legitim? Welcher Fetisch ist gesellschaftlich akzeptiert und welcher nicht? Die Stück verstört auch mit der Frage, warum der andere sich den schwächeren Part in den gelebten Fantasien zuweisen lässt und damit seine Rolle als Opfer in einer ungleichen Beziehung akzeptiert. Mit Blick auf die Figur eines Pädophilen wird sie drastisch zugespitzt. Der beteuert nun, sich nie wieder an jungen Mädchen zu vergreifen, kann aber nicht erklären, was ihn außer der sexuellen Befriedigung noch angetrieben hat. Auf seine Peinigerin wirken diese Beteuerungen von Angst und Schwäche wie ein Stimulanz. Lustvoll strahlend operiert mit den gleichen Erniedrigungsstrategien, die sie zuvor als junges Mädchen aushalten musste.

Wieder kommt es zu einer extrem verletzenden Grenzüberschreitung für Befriedung von Machtbedürfnissen und Obsessionen. Und wieder lassen sich auch diese Bilder  nicht einfach mit moralischen oder juristischen Argumenten werten. Was Bezerras Figuren einander zumuten, findet immer wieder so oder anders statt und eben nicht nur im Chatrooms, wo intime Wünsche und Fantasien hinter Nicknames in Rollenspielen gelebt werden, wenn sich dafür keine reale, gesellschaftlich akzeptierte Nische findet.

Erich Sidlers Inszenierung reflektiert die Fragen und Befunde des Stückes über den Weg der Nahaufnahmen, bei denen Vanessa Czapla und Andreas Jessing immer mehr an zerstörerischen Energien freilegen. Zum Fürchten ist dieses Psychoduell und so unerbittlich in der Diagnose über Verhältnisse und Beziehungen, weil es auch eine entscheidende Frage stellt, die hinter diesem Grooming Szenario lauert. Wie gehen wir miteinander um, auch mit den alltäglichen und vielfach auch geduldeten Übergriffen? Wo einer den Raum des anderen mit einem Wort, einer Geste oder einer Berührung bedrängt, lauern meist noch weitere Zumutungen, die auch nicht akzeptabel sein müssen und  trotzdem weiter grassieren.

Wenn sich die Bühne am Ende verdunkelt, lehnt ein Spaten an der Parkbank. Die verpixelte Waldidylle wird zur Filmkulisse für die Bilder aus einem Trickfilm über Alice im Wunderland. Es geht senkrecht bergab in dem Hasenbau, vorbei an verstaubten Requisiten und mumifiziertem Spielzeugfiguren, ohne ein Licht am Ende des Tunnels. Das sind die Aussichten, die dieser Theaterabend auch anspricht, wenn er immer wieder verstört, nachdenklich stimmt und dann erneut beklemmt und genau deshalb den Zuschauern sehr nahe gehen möchte. Das vermag er.

Samstag, 16 Mai 2015 08:29

Kongeniale Begleitung

Trioglycerin und Metropolis im DT

Bis zum letzten Platz gefüllt war das Deutsche Theater mit vor allem jungem Cineasten. Der legendäre Film Metropolis von Fritz Lang, der lange Zeit nur in einer gekürzten Fassung gezeigt wurde, konnte durch den Fund einer Kopie vor wenigen Jahren in Buenos Aires zur fast vollständigen Länge von zweieinhalb Stunden wieder ergänzt werden. Die musikalische Begleitung dieser Vorführung im Rahmen des diesjährigen Stummfilmfestivals und im Programm der Händelfestspiele übernahm das Ensemble Trioglycerin. Der Begriff Begleitung greift fast zu kurz, denn die drei Musiker Ulrich van der Schoor, Kristoff Becker  und Tobias Becker waren ein ebenbürtiger Gegenpart zur Bilderflut und visuellen Mächtigkeit des Films. Mit Klavier, Cello und Oboe und einer ausgeklügelten Handhabung von Leitmotiven entwickelte sich ein intensives Zusammenspiel zwischen Bildern und Musik. Durch den Einsatz von Synthesizern, die auch Geräusch- und Toncollagen ergänzten, entstand manchmal der Eindruck, dass es sich um einen Tonfilm handele – so perfekt stimmte das Trio Ton und Bild aufeinander ab. Tosender Beifall beschloss diesen Abend, der zeigte, dass dieser Film, der zum Weltdokumentenerbe der UNESCO gehört, mit der kongenialen Begleitung durch Trioglycerin auch im Zeitalter der digitalen Möglichkeiten weiterhin das Publikum faszinieren kann.

Premiere Das Ende des Regens im Deutschen Theater

Väter verschwinden ohne zu sagen, warum. Mütter schweigen für den Rest ihres Lebens. Ihre Kinder erfahren einen Zustand des Verloren seins, der auch ihre Kinder prägt. All das lässt der australische Dramatiker Andrew Bovell über Generationen und Kontinente hinweg geschehen. Mit den Stimmen der Gegenwart und der Vergangenheit, denen er in seiner dramatischen Odyssee „ Das Ende des Regens“ einen Echoraum gibt.

Auf der Bühne des Deutschen Theaters irrlichtern seine Figuren mit diesem Gefühl, dass da etwas an ihrem Leben nagt, dass sie nicht fassen können. Mit ihnen gerät der Zuschauer  in der Inszenierung von Ingo Berk in ein Suchspiel über die zerstörerischen Altlasten zweier Familien und warum sie so unvorstellbar lange nachwirken.

Bovell lässt seine Odyssee in einer trostlosen Zukunft beginnen. Bühnenbilder Damien Hitz hat eine kreisrunde Bahn entworfen und in Schräglage versetzt, auf der die Erinnerungen bruchstückhaft zirkulieren. Zunächst mit der Beschreibung von sintflutartigen Regenfällen, die bereits 60 Jahre zuvor einsetzten.

Ein Fisch fällt vom Himmel und ein Anruf erhellt das trübe Schicksal von Gabriel York (Florian Eppinger). Sein Sohn Andrew (Benjamin Kempf ) möchte die Geschichte eines abwesenden Vaters hören, der ihn 20 Jahre zuvor verlassen hatte. Gestalten in Regenmänteln schütteln ihre Schirme aus. An einem Tisch in der Mitte der Bahn löffeln sie stumm eine warme Suppe, brechen wieder auf und kehren dann vereinzelt oder zu zweit zurück, um ihren Geschichten erneut zu begegnen.
So wenig wie sich die Erinnerung an eine lineare Abfolge von Ereignissen und mögliche Folgen hält, pendeln auch die Szenen zwischen den Zeiten und den Orten. In London braut sich 1959 das Zerwürfnis von Elisabeth Law (Rebekka Klingenberg) und ihrem Mann Henry (Gerd Zinck) zusammen. Seine pädophilen Neigungen treiben ihn in die Flucht nach Australien, wo sein Sohn Gabriel (Benedikt Kauff) die väterliche Spur aufnimmt und sich in die junge Gabrielle York (Rahel Weiss) verliebt, die den Sexualmord an ihrem kleinen Bruder nie verwunden hat.

Für eine zerstörerische Erkenntnis, Gabriels tödlichem Autounfall, ihre Schwangerschaft,  und die Rettung durch ihren späteren Ehemann Joe Ryan (Paul Wennig) muss eine ältere Gabrielle (Gaby Dey) die Worte finden. Auch ihre Geschichte wird immer wieder gebrochen durch den erneuten Blick zurück nach London, wo die junge Elisabeth die Familienkatastrophe ahnt, während sich die ältere Elisabeth (Angelika Fornell) den Fragen ihres Sohnes Gabriel sperrt und zur stummen Zeugin der Ereignisse von früher wird. Am Schauplatz Australien lauscht dann eine jüngere Gabrielle den Worten der Älteren, die ihr Schweigen nicht mehr länger aushält.

Dieser Wechsel zwischen den Erinnerungs- und Erkenntnissplittern, die sich einer Chronologie verweigern macht es dem Zuschauer nicht leicht. Besonders wenn er nach Ursache-Wirkungsmustern sucht, um dieses Familienlabyrinth aus Schmerz und Verdrängen zu entschlüsseln. Er muss sich auch auf die Vorstellung einlassen, dass die Stimmen der Vergangenheit bei allen Figuren immer mit am Tisch sitzen und nicht zur Ruhe kommen werden, bis endlich jemand mit ihnen spricht. Dann erschließt sich dieser Theaterabend wie ein Puzzle von disparaten Teilen und deren Zusammenwirken mit der Einsicht, dass das Verschweigen von Geheimnissen nie ohne Folgen bleibt und keine Biografie bei Null anfängt.

Regisseur Ingo Berk macht den mühsamen Weg dahin spürbar, wenn er die Spannung in den Rückblenden nicht forciert und das Ensemble in den einzelnen Episoden einem strengen Rhythmus folgt. Vielleicht kann es auch nur so zu diesen besonderen Momenten kommen, die unmittelbar und abgrundtief bewegen. Eine Frau entdeckt unter den Aufnahmen von nackten Jungen das Foto ihres Sohnes während die stumme Gestalt an ihrer Seite in ihrer Qual erstarrt. Eine Andere stirbt noch einmal mit dem Tod ihres Geliebten und wird auch dann nie mehr zu trösten sein.

Selbst wenn es im Deutschen Theater auch immer wieder zu Szenen kommt, die nahe gehen und nachwirken, so sind sie doch rar und deshalb umso kostbarer. Mit ihnen wird Ingo Berks Inszenierung zu einem ganz besonderen Theaterabend. Auch über die befreiende Wirkung, wenn das Schweigen aufbricht und endlich ein Gespräch beginnt, das jetzt nicht bloß legen will, entlarven und anklagen. So wie sich Gabriel und sein Sohn Andrew einfach auf eine gemeinsame Geschichte verständigen lernen und den Fisch verspeisen, der vom Himmel fiel.

Montag, 20 April 2015 16:15

Eine brillante Aufführung

Biedermann und die Brandstifter – Premiere im Deutschen Theater

Auf einem überdimensionalen Flacon steht der Protagonist Gottlieb Biedermann und zeigt sich durch grazile Bewegungen und Gesten als den perfekten Menschen. Doch was macht einen perfekten Menschen aus? Wie denkt und handelt er? Durch den Raum schallt eine Stimme, die genau danach fragt: „This is the perfect human. What kind of thing is it?“

Herr Biedermann und seine Frau Babette, dargestellt von Karl Miller und Felicitas Madl, wohnen als Inhaber einer Parfümfabrik in einem schönen Eigenheim. Sie lesen in der Zeitung von Brandstiftern, die ihr Unwesen in der Stadt treiben und ganze Stadtviertel in Brand setzen. Als Obdachlose, die um Herberge erbitten, verschaffen sie sich Zutritt in fremde Häuser und zünden sie an. Biedermann belächelt die Einfaltspinsel, die auf solch einen Trick hereinfallen -  befindet sich aber plötzlich in derselben Situation. Schmitz, einer der Brandstifter (Bardo Böhlefeld), gelangt mit der gleichen List in das Heim der Biedermanns. Die Beiden lassen sich geschickt um den Finger wickeln und bemerken nicht, wie offensichtlich das Unheil seinen Lauf nimmt. Sie sind blind vor Freundlichkeit und wollen der Tatsache nicht ins Auge sehen, dass sie gradewegs in eine Tragödie rennen. Sogar als Schmitz seinen Freund Eisenring (Frederik Schmid), ohne zu fragen mit ins Haus holt und Benzinfässer auf dem Dachboden lagert, möchte keiner der Hausbewohner die unheilvolle Situation erkennen. Diese spitzt sich schließlich immer weiter zu, bis es schließlich zu einer Explosion kommt...

Das „Lehrstück ohne Lehre“ von Max Frisch wurde von dem Dramaturgen Matthias Heid und unter der Regie von Lucia Bihler auf die Bühne gebracht. Die Inszenierung hat die Intention, vor dem Offensichtlichen nicht die Augen zu verschließen. Bardo Böhlefeld, als Schmitz dem Brandstifter, ist es gelungen auf geschickte, emotionale Weise und mit vielen Wortspielen die Hauseigentümer um den Finger zu wickeln. Frederik Schmid  als sein Komplize schlüpft mühelos in die Rolle des manipulativen, stotternden Obdachlosen, aber auch in den selbstbewussten Komplizen von Schmitz. Felicitas Madl verkörpert Babette, die Frau des Hausherren Biedermann. Sie glänzt in ihrem wunderschönem 50er Jahre Kleid und stellt die perfekte Ehefrau des Unternehmers Biedermann dar. Ihr gelingt der schmale Grat zwischen der hilfsbedürftigen, herzkranken Ehefrau und der selbstüberzeugten Dame des Hauses. Mark Miller als Herr Biedermann stellt den angeblich perfekten Menschen dar. Durch eine unverbesserliche Körperbeherrschung bewegt er sich auf der Bühne, als ob es tatsächlich sein Eigenheim wäre und symbolisiert seinen Individualismus in der Gesellschaft. Als wortlose Hündin Anna gestikuliert Moritz Schulze in seinem schwarzweißen Ganzkörperkostüm. Auch ohne Worte weiß jeder, was er mitteilen möchte. Er ist der Charakter auf der Bühne, der wohl am meisten Mistrauen gegenüber den Baranstiftern ausübt, als alle anderen längst die vermeintlichen Obdachlosen ins Herz geschlossen haben.

Es steht das Wissen der Realität, der Probleme und der Zerstörung im Raum. Man soll sich dementsprechend verhalten, handeln und etwas ändern. Etwas ändern und handeln bedeutet aber oft, gleichzeitig eventuelle Konsequenzen ziehen zu müssen und seinen Lebensstil verändern. Es ist natürlich einfacher, sich der Hoffnung hinzugeben, dass die Probleme durch das Ignorieren von allein wieder verschwinden. Herr Biedermann befindet sich als Individuum in der Position, Probleme zu erkennen, zu handeln und diese zu lösen. Aber er ist blind und zu ängstlich vor der Konfrontation, die eine Veränderung mit sich bringt. Die Folgen sind verheerend und schließlich unausweichlich.

Matthias Heid und Lucia Bihler übertragen mit dieser Inszenierung das bekannte Stück in die aktuelle gesellschaftliche und globale Situation. Klimawandel, Flüchtlingskatastrophen und Rechtsextremismus sind Stichworte, die wohl jedem ein Begriff sind und die Probleme vor Augen führen. Die Devise lautet: Erkennen, Handeln und somit etwas ändern, sonst gibt es einen großen, lauten Knall, so dass nicht nur das schöne eigene Heim brennt, sondern die gesamte Stadt.

Ein nicht enden wollender Applaus ist die Belohnung für diese brillante Aufführung.
Der Zuschauer geht lachend aus dem Schauspielhaus, während im Hinterkopf die eigenen Gedanken nach und nach beginnen Formen anzunehmen.

Weiter Vorstellungen finden an folgenden Terminen statt:
28.04.15, 20.05.2015, 29.05.2015, 02.06.2015, 05.06.2015, 08.06.2015, 09.06.2015, 11.06.2015, 12.07.2015

Sonntag, 29 März 2015 20:05

Auf Drogen im Wald

„The Black Rider“ feiert Premiere im Deutschen Theater

Gut, dass es Programmhefte gibt! Das ansprechend gestaltete kleine Heft des Deutschen Theaters konnte mir im Nachhinein das Stück erklären. Ansonsten wäre ich zu sagen versucht gewesen, dass man sich als Besucher der Premiere von „The Black Rider“ vor einem konzeptlosen Wald wiederfand, in dem neun Schauspieler mit jeder Menge Spaß und Musik sämtliche Ideen, die sie in der Produktionsphase des Stückes hatten, aneinander reihten. Man meinte geradezu die Dialoge auf der Probenbühne zu hören: „Wär das nicht unglaublich komisch, wenn die Nancy da in der Todesengelszene mit einem Akkordeon von der Bühnendecke hängt?“ - „Geil! Das machen wir! Das ist echt Kunst!“

Zu meinem Glück habe ich wie gesagt im Nachhinein doch noch alles verstanden und befinde mich nun in der erfreulichen Lage, dieses Wissen mit meinen Lesern zu teilen. Also: Da gab es drei Amerikaner in den 1980er Jahren, William S. Burroughs, Ikone der amerikanischen Beat-Literatur, Tom Waits, Musiker, sowie Robert Wilson, Regisseur. Die drei setzten sich zusammen und nahmen sich den „Freischütz“ vor, eine deutsche Volkssage, die durch Carl Maria von Webers Opernfassung zu Weltruhm gelangt war: Wilhelm (Moritz Schulze), ein junger Mann aus der Stadt, liebt Käthchen (Vanessa Czapla), die Tochter des Försters. Um sie heiraten zu können, muss er ein treffsicherer Jäger werden – dies gelingt ihm erst, als ihm der zwielichtige Stelzfuß (Emre Aksızoğlu) einen Satz Kugeln anbietet, die niemals ihr Ziel verfehlen. Auf diese Weise immer erfolgreich, berauscht sich Wilhelm an der Jagd so sehr, dass ihm vor der entscheidenden Bewährungsprobe die Munition ausgeht.

Diesen an sich einfachen Plot schrieben die drei Amerikaner so um, dass der Eindruck entsteht, man befände sich im halluzinogenen Drogenrausch: Zunächst wird keine klare Gattung gewählt, das Stück rangiert am ehesten unter „Musiktheater“, gleichzeitig ist es aber auch Oper, Zirkus, Karnevalsveranstaltung oder Show. Chronologien der Handlung werden aufgebrochen, die Figuren werden nicht eingeführt, die Darsteller spielen mit Worten und Text oder wechseln, wie Gerd Zinck zur Begeisterung des Publikums, alleine und abrupt von Rolle zu Rolle. Es gibt lange Szenen, ganz in „Zeitlupe“ gespielt. Der Text ist ein Mix aus Englisch und Deutsch, die Liedtexte bleiben englisch. Es wird viel gereimt, meist büttenrednerartig platt: Als Förster Bertram (Ronny Thalmeyer), von Wilhelms angeblicher Treffsicherheit begeistert, eine ganze Schubkarre voll blutenden Wilds auf die Bühne fährt, bestätigt er: „Wer so gut mit der Flinte kann, trifft auch ins Ziel als Ehemann.“

Vom „Freischütz“ bleiben eigentlich nur eine grobe Handlung sowie die deutschen Namen übrig – ansonsten begegnet der Zuschauer im Stück Cowboys und Indianern, die sich blut- und waffengeil in einem Wald profilieren wollen. Auch durch die amerikanisch angelehnte Kostümwahl wird der Eindruck unterstrichen, dass dem Besucher in diesem Stück kein Spiegel vorgehalten, sondern, wenn überhaupt, Kritik an der amerikanischen Waffenfreude geübt werden soll.

Regisseurin Beate Baron setzt der absurden Mischung mit weiteren klamaukigen sowie verwirrenden Ideen dann noch die Krone auf. So steht Gerd Zinck über weite Teile des Stückes in einer ebenerdigen Loge und malt assoziative Bilder zum Geschehen. Emre Aksızoğlu agiert als Freiheitsstatue, mit Strahlenkranz, glitzerndem Amerikanische-Flagge-Kleid, Strumpfhosen und hohen Schuhen. In der letzten Szene, eindrucksvoll in Zeitlupe gemimt, tupft Mutter Anne (Andrea Strube) dem inkontinenten Ahnherr der Försterdynastie (Anton von Lucke) pikiert mit einem Taschentuch zwischen den Beinen herum, bevor sie Wilhelm als neuen Sohn der Familie in ihre Brüste zieht.

Das fantastische Bühnenbild (Silke Bauer), ein oben abgeschrägter, drehbarer, von allen Seiten zu öffnender Zylinder, macht es möglich, die Bühne in verschiedensten Ebenen zu bespielen, was den Abwechslungsreichtum des Stückes noch verstärkt.

Wem all das zu viel oder zu abstrakt ist, dem könnte das Stück immer noch wegen der Musik gefallen: „The Rolling Bones“ werden als fetzige, ihrem Stil treu bleibende Band, die die Songs mal balkanpop-, mal klezmerartig interpretiert, zum Publikumsliebling. Die Schauspieler haben tolle Stimmen, allen voran Vanessa Czapla. Um ganz ehrlich zu sein, hätte ich etwa ab der Hälfte des Stücks gerne nur noch die Czapla zusammen mit der mitreißenden Band Songs singen gehört. Während der 2 ¼ Stunden geschah mir letztlich doch zu viel, als dass ich Empathie für die Charaktere hätte entwickeln können. Obwohl (oder weil) Auge und Ohr pausenlos gefordert wurden, stumpfte das eigene emotionale Empfinden ab. Es ist dann zum Schluss wie nach einem Besuch der vatikanischen Museen: Man hat richtig viel gesehen, aber an was erinnert man sich noch?

Die meisten Zuschauer sehen es allerdings anders: Es gibt zum Ende, aber auch schon mittendrin jede Menge Applaus; in der finalen, in „Zeitlupe“ gespielten Sequenz ist die Spannung greifbar, ist das Publikum wie hypnotisiert von den kunstfertig verzögerten Bewegungen der Darsteller.

Wem die Einnahme halluzinogener Drogen zu heikel ist, der kann sich in „The Black Rider“ einen Abend lang einem ganz ungefährlichen Rauschzustand hingeben. In jedem Falle lohnt es sich vorher den Beipackzettel zu studieren.

Montag, 16 März 2015 19:23

Mitgegangen, mitgefangen

Gespaltenes Publikum bei der Premiere von Liliom im Deutschen Theater

Wie lange applaudiert ein Publikum – ein eigentlich müdes Publikum, in dem Dutzende sitzen, die erst gar nicht zu klatschen beginnen – wenn die Schauspieler die Bühne nicht verlassen und sich ungeachtet des immer wieder fast verstummenden Applauses einfach immer weiter verbeugen?

Lange. Sehr lange. Dieser Premierenapplaus nach ein dreiviertel Stunden Theater wird am Samstagabend zum Sinnbild für die Rolle des Liliom im Speziellen und für das Stück im Allgemeinen. Wie in einer Achterbahnfahrt gibt es ja kein Entkommen: Zu einer schnellen, rhythmisch konstanten, sich ständig wiederholenden Show-Musik hüpfen die Darsteller über die Bühne, verbeugen sich einzeln mit einem überzogen fröhlichen „Whopaaaa!“, laufen dann aber nicht hinter den Vorhang, sondern im hinteren Bühnenteil kreisförmig aneinander vorbei und beginnen das Spiel von vorne. Die Zuschauer könnten aufstehen und gehen, doch wie in Lilioms Leben ist der soziale Druck zu groß, um sich einfach aus dem Staub zu machen.

Marco Štorman hat für seine Inszenierung des populären Stücks von Ferenc Molnár (erschienen 1909) eine Abstrahierung des Ausgangsmaterials gewählt: Dialoge werden nicht zwangsläufig von mehreren Personen gesprochen. Schauspieler befinden sich auf der Bühne, auch wenn sie nicht relevant sind. Die Szenen gehen ohne klare Anfänge und Enden ineinander über. Bei einem Wechsel berichtet die Karussellbetreiberin Frau Muskat (Elisabeth Hoppe) mit rauchiger Ansagerstimme per Mikro vom Setting: Das Budapester Stadtwäldchen, ein Rummelplatz zur Volksbelustigung; eine Straße, der ferne Pfiff eines Zuges, eine Laterne...

Mithilfe des hervorragend überlegten und umgesetzten Bühnenbildes von Dominik Steinmann (ein „Schattenbahnhof“, die Rückseite einer Fahrattraktion), sorgt Frau Muskat mit beweglichen Podesten, die sie auf Schienen in den vorderen, sichtbaren Bühnenteil hinein fahren kann, für abwechselnde Räume. Um Stillleben zu modellieren, wird zwischendurch auch noch gesungen – naja.

Auf diese Weise erzählen die Darsteller von Liliom, dem gefeierten Karussellausrufer, der nach einem Streit mit seiner Chefin seinen Job hinschmeißt, ein Dienstmädchen schwängert, sie aus Verdruss am Misslingen seines Lebens anfängt zu schlagen, zu stolz ist ihm angebotene Stellen anzunehmen und sich schließlich nach einem misslungenen Raubüberfall selbst ersticht. Liliom sagt den Großteil des Stückes gar nichts. Mimisch brillant bringt Frederik Schmid seine verletzliche Rauheit ohne Worte zum Vorschein. Wenn er etwas sagt, sind es Grobheiten, um andere zum Schweigen zu bringen, in welchem er selbst dann aber auch nichts zu sagen hat. Erst am Ende, nach seinem Selbstmord, erhält er den Text von allen und sprudelt in einem pausenlosen, dynamischen Monolog die letzte Szene hervor. Wer sich hier über die Handlung nicht schon im Vorfeld informiert hat, wird sich, trotz der furiosen, mit vollem Körpereinsatz vorgebrachten schauspielerischen Leistung, unter Umständen langweilen.

Egal ob man als Zuschauer im voll besetzten Saal das Stück nun zum Abschluss feiert oder nur kopfschüttelnd dasitzt: In jedem Fall ist Štorman und seinem Team eine Inszenierung gelungen, die ungewöhnlich ist, da sie klassische Theatertechniken hinterfragt, und die mit ihrem bewundernswert stoisch durchgehaltenen Konzept der verschiedenen Welten „vor und hinter der Bühne“ Nuancen hervorbringt, die in „üblichen“ Inszenierungen des Liliom bisher hervorbringt, die in „üblichen“ Inszenierungen des Liliom bisher nicht zu sehen waren.

Freitag, 13 März 2015 22:50

Die Suche nach MUT und Sinn

Zur Premiere am Jungen Theater - in Kooperation mit dem Deutschen Theater (Uraufführung)

Der Geheimbund MUT der drei Jungs Max, Uwe und Timo wird auf eine harte Probe gestellt: Krabbe, Uwes Schwester, möchte der Gruppe angehören. Dies löst emotionale Streitereien zwischen den drei Jungs aus, die nicht zuletzt dadurch befeuert wird, dass Max und Timo insgeheim doch mehr Sympathie für Krabbe übrig haben, als es jugendliche Coolness erlaubt: Max gibt zu, sie eigentlich okay zu finden. Was übersetzt wohl heißt: Er mag sie, kann es aber nicht außerhalb der entsprechenden jugendlich-habituellen Verhaltensweisen aussprechen.

Schon bei dem Unbehagen, Worte offen auszusprechen, wird das eigentliche Thema des Stückes mit gleichnamigem Titel offensichtlich: Es soll an diesem Abend um Mut gehen. Nicht nur den Mut eines heranwachsenden Teenagers, Mut zu haben und zu seiner Neigung einem Mädchen gegenüber zu stehen, sondern auch um Mut, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, Mut, für seine Freunde einzustehen und nicht zuletzt die nötige Portion Mut, um als heranwachsender Mensch durchs Leben zu gehen.

Es geht um die vielen kleinen Herausforderungen junger Menschen, denen sie mutig, aber in anderen Momenten auch weniger mutig, gar ängstlich und unsicher begegnen. Dass es letztlich um eine Mutprobe geht, dürfte ein Stück mit dem Titel Mut, welches explizit für Jugendliche erdacht wurde, erahnen lassen. Denn Krabbe darf nur Mitglied des Geheimbundes werden, wenn sie zu einer Mutprobe gegen Max antritt. Dieser darf sich die Aufgaben dieser Prüfung ausdenken. Dass er keine leichte Aufgabe wählen wird, passt zu seinem eher gemeinen Gewand gegenüber Krabbe. Aber das ist ja nur die jugendliche Verschleierung der eigentlichen Gefühle gegenüber einem Mädchen.

Zu einem solchen Stück gehört auch, dass das tragische Moment in Form eines Unfalls bei eben jener Mutprobe eingeführt wird und die Jungs vor eine große – wiederum Mut erfordernde – Herausforderung stellt.

So weit so gut. Ein Jugendstück, mit einem für Jugendliche dramatisierten Thema. Verfasst wurde das Stück von Theo Fransz, der schon für andere deutsche wie niederländische Theater Stücke erdacht hat.

Nun zur eigentlichen Frage nach der Premiere eines Stückes, welches sich gezielt an Jugendliche wendet: Wie erreiche ich diese Jugendlichen mit meiner Geschichte und ihrer Message? Wie kann ich die so Adressierten zum Nachdenken anregen? Der Autor dieser Rezension wird die Frage aufgrund seines Alters nicht beantworten können und es sei den jugendlichen Besuchern vorbehalten, ein eigenes mutiges Urteil zu fällen. Jeder dieser Jugendlichen dürfte die eigentliche Geschichte um den Geheimbund und die Mutprobe verstanden haben. Doch muss sich das Stück und die Inszenierung die Frage gefallen lassen, was eigentlich die beiden bisher nicht erwähnten ominösen Gestalten Boss und Igor für eine Funktion innehaben und welche Botschaft sie im Kontext der eigentlichen Handlung erfüllen sollen. Gibt es eine? Ist es eine Art provokatives Muss gewesen, die Geschichte mit einem in Frauenkleidern steckenden Boss und einem buckeligen, dümmlich daherkommenden Igor zu rahmen? Geht es um Unterhaltung, indem beide ihre Texte in witzigen und Lacher erhaschenden Akzenten vortragen? Steckt im Akzent Igors, der sofort bestimmte Assoziationen und tagespolitische Debatten in Erinnerung ruft, gar eine versteckte Kritik? Dann ist Boss wahrscheinlich auch ein mutiger Aufruf zu mehr Toleranz gegenüber Männern in Frauenkleidung – klar, viele Kinder amüsieren sich über sowas. Was meint die Inszenierung, wenn jugendliche Raufereien gleich in imaginierte, wilde wie überzeichnete Actionszenen mit wildem Geballere übergehen?

Vielleicht sind all diese Fragen aus den Augen eines erwachsenen Menschen auch viel zu ernst genommen. Vielleicht wurde viel zu viel interpretiert, gedacht und assoziiert. Vielleicht sehen Jugendliche das Stück mit ganz anderen Augen.
Vielleicht muss aber auch danach gefragt werden, welche Geschichten ein an Jugendliche adressiertes Theater erzählen möchte und vor allem: Wie sie erzählt werden. Dass ein Thema wie Mut relevant ist, steht außer Frage. Erwähnt sei zivilgesellschaftliche Teilhabe oder den Mut, für seine Meinung einzustehen. Doch dem widmete sich diese hektische und teilweise leere Inszenierung kaum, außer mithilfe einer recht banalen Geschichte à la Kinderfernsehen.

Demgegenüber stand eine brillante und sehr beeindruckende schauspielerische Leistung der vier Schauspieler Ali Berber (Timo), Benedikt Kauff (Max), Nikolaus Kühn (Uwe) und Eva Schöer (Krabbe), die mit ihrer Leistung großen Eindruck hinterließen und bei all den Nachfragen nicht unerwähnt bleiben darf. Besonders das schnelle Changieren zwischen stürmisch-kindlichem Gemüt, exzentrischen Ausbrüchen und einem gedankenverlorenen Sinnieren über Mut und auch Liebe wobei noch immer ein Charakter der Rolle durchschien, sei hervorgehoben.

Über ihre Eindrücke, wie diese Umsetzung des Themas Mut gelungen ist, mögen die Jugendlichen jedoch selbst diskutieren und vielleicht zu ganz anderen Anregungen kommen, denn jede Diskussion nach einem solchen Stück ist wünschenswert und eigentlich verpflichtend.

Montag, 09 März 2015 08:34

Meisterkunst des Theaters

Information Wants to be Free am Deutschen Theater

Samstagabend feierte das Deutsche Theater die Premiere und die deutschsprachige Erstaufführung von Information Wants to be Free des schwedischen Dramaturgen Lucas Svensson. Der Regisseur Markus Lobbes kreierte in den rund 90 Minuten eine ganz besondere Atmosphäre im Studio des Deutschen Theaters. Beim Betreten des Raumes wurden die Zuschauer mit einer freistehenden Bühne konfrontiert, die wie ein Würfel von allen Seiten mit großen Papierbahnen abgedeckt, und somit die Sicht auf die Bühne verdeckt war. Eine weitere Besonderheit ergab sich dadurch, dass keine Sitzmöglichkeiten vorhanden waren. Das Publikum sollte sich frei im Raum bewegen und auch während der Vorführung um die Bühne gehen können.
Die Protagonisten wurden von Gabriel von Berlepsch und Rebecca Klingenberg dargestellt. Beide Schauspieler verkörperten die verschiedenen Charaktere des ungewöhnlichen Stückes. Im Vordergrund stand die Diskussion über die Verbreitung von und den Zugang zu Informationen im Internet durch verschiedene Social Media-Plattformen, aber auch im politischen Bereich des Internets.

Für den Protagonisten Eli, einem Super-Hacker, lag in einer Demokratisierung von Information die Möglichkeit einer gesellschaftlichen Revolution. Zusammen mit seinem Freund David, versuchte er durch eine Wiki-Leaks Seite seinem Traum von freien Informationen aus dem politischen Bereich näher zu kommen. Djamila, eine französische Journalistin mit ägyptischen Wurzeln, bekannt für ihre Veröffentlichungen über die revolutionären Ereignisse des arabischen Frühlings auf dem Tahrir-Platz in Kairo wurde durch ein ebenfalls von ihr hochgeladenes Pornovideo, das sie mit einem ägyptischen Journalisten zeigt, berühmt. Während die Frau von Elis Freund David dessen  Vergangenheit erforschte deckte sie eine Verbindung zwischen Eli, David und Djamila auf, deren Beziehungsnetz aus Überschneidungen und Zufällen bestand. Svennson offenbarte mit diesem Stück wie überlebensfähig Informationen im Internet sein können, dem Medium, das in der heutigen Gesellschaft zu einer entscheidenden Größe geworden ist.

Von Berlepsch und Klingenberg zeigten eine wahre Meisterkunst des Theaters. Mühelos schlüpften sie in die verschiedenen Rollen. Energisch und mit einer oft brutalen Sprache, die einem eine Gänsehaut spüren lies, erzählten, spielten und stellten sie Szene für Szene dar. Eigentümlicher weise erwähnten sie öfters auch die Regieanweisungen (Pause – lange Pause – lachen). Eine Besonderheit von beiden war die Natürlichkeit ihres Schauspiels. Bei jeder Rolle, in die sie schlüpften, hatte man das Gefühl, als ob sie nie eine andere Person gewesen wären.

Eine ungewöhnliche und für alle Anwesenden seltsame Situation begab sich zu Beginn der Vorführung: Die Bühne, die sich hinter den Papierwänden versteckte, gab nur schemenhafte Schatten und Poster, die auf der Innenseite der Wände geklebt waren, wieder. Zu hören waren nur die Gespräche und Geräusche der Soundinstallation, die die Schauspieler auf der Bühne ausführten. Mit einer Videokamera, die ebenfalls jeweils von einem Schauspieler getragen wurde oder auf einem Stativ installiert war, wurden nach und nach Bilder aus dem Inneren des Würfels auf die Papierwände der Bühne projiziert.

Information 039Doch der Titel Information Wants to be Free war für einige Zuschauer zu provokant, die Frage was sich im Inneren des Papierwürfels abspielt wurde immer drängender. Das Publikum wurde zusehen ungeduldiger und hoben an den Ecken die Papierfolie an, bis jemand einen beherzten Riss tat und einen kleinen Teil des Papiers herunterzog. Klingenberg reagierte sofort, ohne aus der Rolle zu fallen und bat um Geduld. Doch diese hatten einige Zuschauer nicht. Nach einem weiteren Versuch, das Papier von der Bühne zu reißen, um den Blick auf das Innere der Bühne freizugeben, wurde eine Zuschauerin kurzer Hand mit energischen Worten von von Berlepsch aus dem Studio geschmissen. Gehörte das zu der Aufführung? Anscheinend nicht. Die Bühneninstallation wurde aufwändig hergerichtet, was zum Ärgernis der Künstler vorzeitig durch das Publikum zerstört wurde. Doch sofort mit einem Rausschmiss zu reagieren war wohl etwas überzogen.
Von Berlepsch vollbrachte schließlich mit Klingenberg im weiteren Verlauf das, was die Zuschauer begonnen hatten, so dass alle einen freien Blick auf das Bühnengeschehen hatten.

Inforamtion Wants to be Free ist ein Theaterstück, das voller Bezüge zur Informationsteilung und -veröffentlichung steckt. Es folgen noch fünf weitere Aufführungen, von denen leider nur eine eine Nachbesprechung beinhaltet. Diese schien eigentlich schon an diesen Abend fällig zu sein, wenn man in die teils fragenden, teils verwirrten Gesichter der Zuschauer blickte. Einige verließen bereits vorzeitig das Studio. Ob es an den fehlenden Sitzgelegenheiten oder am Stück lag können nur die Betroffenen selber sagen. Mit absoluter Sicherheit kann man aber behaupten, dass es nicht an den schauspielerischen Künsten von Klingenberg und von Berlepsch gelegen hat: Sie waren die Stars des Abends, die den späten Applaus des Publikums nach abruptem Ende des Stückes nicht mehr mitbekamen. Denn das Ende des Stückes kam vom Band, die Protagonisten hatten Bühne und Saal bereits verlassen.

Weiter Aufführungen von „Information Wants to be Free“ gibt es am 12.03.15, 21.03.15, 01.04.15 (mit Nachgespräch), 14.04.15 sowie am 19.04.15.

Montag, 02 März 2015 13:55

Das Fräulein Pollinger und die Männer

Das Deutsche Theater zeigt Das Fräulein Pollinger basierend auf Ödön von Horváths Roman Sechsunddreißig Stunden in einer Dramatisierung von Traugott Krischke.

Gezeigt wird der rasante Abstieg der arbeitslosen Näherin Fräulein Pollinger zur Prostituierten, innerhalb nur weniger Stunden. Das Fräulein Pollinger ist der Prototyp der weiblichen Horváth-Figur: Voller Sehnsucht nach Liebe, sozialer Sicherheit und einem Platz in der Gesellschaft erfährt sie nur Ausbeutung, Demütigung und Missbrauch. Durch die Münchner Gesellschaft der 20er-Jahre, in der sogar der Mensch seinen Preis hat, besonders aber durch die Männer.

Die Entwicklung der Hauptfigur könnte dabei kaum extremer sein. Zu Beginn des Stücks begegnet dem Zuschauer eine hübsche, junge Frau. Naiv, kindlich, verspielt, der bayerische Akzent betont das nur zu gut. Das vertrauensselige Dummchen, ohne Familie, ohne Geld, spielt gern mit seinen Reizen und seiner sinnlichen Wirkung auf die Männerwelt und vergnügt sich mal mit dem einen, mal mit dem anderen.

Und so fällt sie immer wieder auf verschiedene Männer herein (dargestellt von Lutz Gebhardt und Bardo Böhlefeld, Letzterer teilweise leider etwas steif), die doch eigentlich alle fatal gleich sind; die mit ihr spielen, sie benutzen. Da ist der dümmliche, arbeitslose Kellner Eugen Reithofer, mit dem sie anbandelt. Der zuvor verschmähte Liebhaber Herr Kastner, der ihr gegen eine Gefälligkeit eine Anstellung als Nacktmodell verschafft. Der exzentrische Künstler Arthur Maria Lachner, der sie um ihren Lohn prellt und dann an die ,,gesellschaftliche Spitze weiterverkauft“, etwa an den selbstverliebten Lebemann Harry Priegler, der sie dann das erste Mal für ihre Dienste bezahlt. Und letztendlich der gerissene Zuhälter Fredy Wondruschka, der sie als Prostituierte anstellt. Sie alle wollen natürlich nur ihr Bestes, wollen ihr helfen, ganz uneigennützig, gütig, selbstlos. Nur das Fräulein Pollinger selbst geht dabei zu Grunde.

Sie verliert alle kindliche Naivität, für die der Zuschauer sie zuerst so belächelt hat. Ihre Augen sind leer, ihre Stimme rau, sie strahlt nicht mehr, sie wirkt völlig verwahrlost und desillusioniert. Sie hat verstanden, wie die Welt um sie herum funktioniert. Rahel Weiss spielt diese Veränderung, diese Zerstörung der Figur perfekt. Sowohl das naive Mädchen als auch die erniedrigte Prostituierte wirken auf den Zuschauer ungemein glaubwürdig. Am Ende des Stückes erklingt Musik: ,,Du hast ja Tränen in den Augen, ich weiß die gelten mir allein. Mir sagt das Lächeln deines Mundes, es müssen Freudentränen sein.“

Die Musik, die die verschiedenen Szenen miteinander verbindet, trägt einen großen Teil zur ironischen Brechung des Stückes bei. Unter der Regie von Florian Eppinger entfaltet das Stück somit schon fast den Charakter einer Slapstickkomödie. Mimik und Gestik sind stark übertrieben, die stereotypen Figuren bis zur Lächerlichkeit verzerrt. Zweideutige und unanständige Wortwitze lassen das Publikum schmunzeln, trotz des an sich traurigen Themas.

Das Fräulein Pollinger heißt mit Vornamen übrigens Agnes. Agnes wie die Heilige. Agnes wie die Märtyrerin.

Sandra Hinz wird neue Verwaltungsdirektorin als zweite Geschäftsführerin der Deutsches Theater in Göttingen GmbH. Das hat der Aufsichtsrat der Gesellschaft am Freitag, 20. Februar 2015, beschlossen, wie Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler als Aufsichtsratsvorsitzender im Anschluss an die außerordentliche Sitzung mitgeteilt hat. Empfohlen hatte die Neubesetzung eine Findungskommission unter Leitung von Kulturdezernentin Dr. Dagmar Schlapeit-Beck.

Hinz ist gegenwärtig stellvertretende Geschäftsführerin und Prokuristin der Internationale Händel-Festspiele Göttingen GmbH. Dort ist sie seit 2008 beruflich engagiert – zunächst u.a. als Leiterin des Aufgabenbereichs Marketing, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, seit 2010 in der Geschäftsführung. Die Volljuristin hat in Göttingen und in Aarhus (Dänemark) studiert.

Sie kennt sich aufgrund ihrer langjährigen haupt- und ehrenamtlichen Tätigkeit nicht nur im kulturellen Leben Göttingens aus, sie ist auch mit regionalen und überregionalen Einrichtungen intensiv in Kontakt. Oberbürgermeister Köhler meinte, man habe mit Sandra Hinz eine höchst kompetente und bewährte Kulturmanagerin als Verstärkung für das Deutsche Theater gefunden.

Dort wird sie nach den Worten von DT-Intendant Erich Sidler voraussichtlich zum Ende der aktuellen Spielzeit fest im Engagement sein, aber – so Sidler – „sicher auch schon vorher partiell dabei sein und den Betrieb kennen lernen“.

Parzival in der Bearbeitung von Lukas Bärfuss im Deutschen Theater

Für die Gestalt, die aus der Luke im Bühnenboden steigt, zählt jetzt nur die Begrenztheit dieses scheinbar offenen Raumes. Ein Niemandsland wünscht sich Herzeloyde für ihren Sohn, nur menschenleeren Wildwuchs ohne dieses Rittertum mit seinem zerstörerischen Gebaren. Doch seine Neugier kann sie nicht zähmen, auch wenn sie ihn wie einen Narren ausstattet, dem andere nichts antun, weil er so lächerlich wirkt. Wie in Wolfram von Eschenbachs Versroman will sich  Parzival auch in der dramatischen Fassung von Lukas Bärfuss in die Welt stürzen und sich darin  behaupten. Ritterlich gerüstet mit all dem Regelwerk, dass er sich vorschreiben lässt, ohne es wirklich zu begreifen.

Zwei Bauern lästern über diesen Tölpel, der mit seinem Speer jedes lebende Wesen tödlich trifft, so wie die beiden Ritter, die er in seiner Unwissenheit ebenfalls mit neugierigen Fragen nervt. Fragen, drängen und zustechen wird Vanessa Czapla auch weiterhin in der Inszenierung von Brit Bartkowiak am Deutschen Theater. Ihr Parzival ist so ungestüm wie direkt in seiner Wahrnehmung, und dabei absolut furchtlos. Angetrieben von diesem Staunen über eine Welt der Widersprüche, die sich in Regeln und Konventionen verstrickt hat und so wenig verlässlich anmutet.

Der leere Sehnsuchtsraum füllt sich mit den Erfahrungen Parzivals. Den Begegnungen mit der Ritterzunft, all den verführerischen, unglücklichen und zu Tode betrübten Frauen, den privaten und den politischen Kriegsschauplätzen. Er trifft  auch auf fürsorgliche und weise  Ratgebern, auf die abgeklärten Posen der Gesellschaft in der Artusrunde und auf einen unendlich lebensmüden Gralshüter.

Bühnenbildner  Nikolaus Frinke lässt ein Tarnnetz über dem Bühnenraum schweben, das sich immer wieder anders herabsenkt, zur glänzenden Palisade wird oder zur Burgsilouette. Es kann die Schauplätze ummanteln oder auch tarnen und wird in die verschiedensten Lichtstimmungen getaucht, die das Stationendrama dieses Glückssuchers erhellt und wie er seine Umwelt in seinem Verhalten so unmittelbar befremdet, erstaunt und entsetzt.

So etwas wie Mitgefühl ist diesem Parzival fremd. Schwer hat es auch die Stimme des Gewissens, die er immer deutlicher vernimmt,  auch seinem Tatendrang keinen Halt geben kann, um selbstbestimmt  zwischen richtig und falsch zu unterscheiden und nicht auf Regeln und Konventionen zu vertrauen, mit denen andere ihre  Erfahrungswelt normiert haben.

Das andauernde Infrage stellen von Ansichten, Meinungen und Überzeugungen steht im Zentrum dieses Theaterabends, der einem Spurensucher bei seiner Identitätsfindung  folgt. Der Zuschauer wird dabei zum aufmerksamen Zuhörer, der in diesem Parzival auch einen Sprachkundschafter erlebt. Einen, der die Worte quasi beim Wort nimmt und sich in ihrem  ständig wechselnden Bedeutungskontext fast verliert. Ganz schwindlig wird ihm beim Verstehen wollen, wie und warum diese Welt so missverständlich tickt, die seinem  Traum vom strahlenden ritterlichen Heldendasein nicht standhält.

Regisseurin Brit Bartkowiak  hat sich sehr bewusst auf die Sprache konzentriert, in die Lukas Bärfuss das mittelalterliche Versepos verdichtete.  Ihre Inszenierung macht umso hellhöriger, weil sie die Geschichten um diesen unbedarften Weltvermesser mit einem wunderbar ausdrucksstarken Schauspiel Team in Tableaus verwandelt,  die wie bewegende Stillleben anmuten. Es gibt keine wilden Schwertkämpfe und auch keinen dramatischen Aufruhr in den Szenen, die mitunter an ein Schachspiel erinnern: eine neue Spielfigur mischt sich ein, die den Ablauf verändert, weil es für sie auch keine taktischen Manöver und Winkelzüge gibt sondern nur den direkten Weg zum Ziel. Darin erinnert die Parzivalfigur natürlich an zeitgenössische  Karrieristen, die in einer raffgierigen Gesellschaft ihren Platz an der Sonne ohne Rücksicht auf andere einnehmen. Aber dazu braucht es an diesem Abend  keine aktualisierenden Querverweise oder Bildunterschriften.

Unter den vielen Lesarten, die über diesen Parzival kursieren, der auch als asoziale Gestalt gesehen wurde, als amoralischer Außenseiter und als aggressiver Aufsteiger, war Autor Lukas Bärfuss von der Idee eines Holzkopfes fasziniert und von der eines verwahrlostes Kindes, das trotz alledem Karriere macht. Die Regisseurin betrachtet ihn mehr wie ein unbeschriebenes Blatt und verfolgt mit ihren Tableaus neben einer Geschichte der Veränderungen und der Entwicklungen auch die einer Deformation und einer Verweigerung. Dieser Parzival möchte am Ende lieber wieder nach seinem Narrenkostüm greifen als nach der Gralskönigswürde, zurück in das besitzlose Abseits und in die Wildnis der Freiräume.

Premiere im DT2

Die Zuschauer tapsen erwartungsvoll durch die Kulisse einer aufgeräumten Wohnung und werden von Felicitas Madl stürmisch empfangen. „Mäuschen“ hat die Anlage schön laut aufgedreht und zerstört dann auch erstmal einen Teil der gepflegten Fotofassade, mit der Bühnenbildner Florian Barth den familiären Kriegsschauplatz auf der DT- 2 Bühne ummantelt hat. Dass  Teenager alles gnadenlos austesten möchten, wenn sie sich gegen Erziehungsrituale behaupten wollen oder auch gegen diese manchmal schwer durchschaubare elterliche Zuwendung, macht nur einen Teil des dramatischen Desasters in Tamsin Oglesbys Schauspiel „Ephebiphobia“ aus. In der Übersetzung des Titels „Angst vor Teenagern“ deutet sich bereits an, dass Mäuschens Eltern El und Jim mit ihr heillos überfordert sind und allmählich in Panik geraten. Wir sind zur Zielscheibe geworden, erklärt Andrea Strube, während Andreas Jessing zustimmend nickt.

Die Schnapsbar hat ihre einst so süße Tochter vermutlich geplündert, mit Sicherheit aber das Familienkonto, um sich davon massenhaft CDs zu kaufen. Natürlich schwänzt sie regelmäßig die Schule, betrachtet Boutiquen gern als Selbstbedienungsangebote, schmeißt mit Gegenständen um sich, räumt ihr Zeug nicht weg und bricht ständig in Wutausfälle aus. Jetzt soll also eine Therapeutin die einst so heile Welt wiederherstellen.

Mit der Kriegskulisse im Rücken blickt das Paar auf die Zuschauertribüne und sinniert Händchen haltend über die häusliche Hölle, die auch Mäuschen als solche empfindet. Allerdings aus anderen Gründen als ihre ach so locker liberalen Erzieher, die ihr eigenes Leben auch nicht besonders familienfreundlich schultern. Abgesehen davon, dass sie auf die Attacken des jugendlichen Poltergeistes meist sehr widersprüchlich reagieren, wütend  oder verständigungsbereit sind, genervt reagieren und dann  auch wieder mit einem witzig gemeinten Kommentar oder mit einem Fluchtmanöver Richtung Hausbar, Bett und Beruf.

Inzwischen kracht es weiter in der ramponierten Wohlfühlzone, ohne dass sich die Lage auch nur irgendwie entspannt.  Um so mehr nimmt sich jetzt das Schauspiel-Team in der Inszenierung von Antje Thoms der vielen verdächtigen Störsignale an, über die nicht so gerne therapeutisch verhandelt wird.

Jim ist als freischaffender Künstler nicht sonderlich erfolgreich, dafür umso trinkfester und morgens so lange geschwätzig, bis der Bus zur Schule längst abgefahren ist. Schularbeiten beschallt er gerne mit Musik, er nervt mit seiner Singerei. El quält sich mit Karriereplänen  und Panikanfällen, wenn es um die Familienfinanzen geht, und ist auch mehr mit sich beschäftigt als mit den pubertären Nöten ihrer verwirrten Tochter, die keinen Bock auf therapeutische Ratespiele hat.

Regisseurin Antje Thoms sondiert Ursachen, Folgen und Nebenwirkungen in diesem dramatischen Labyrinth, ohne dass der Eindruck einer psychologischen Studie mit praktikablen Lösungsangeboten entsteht.  „Ephephobia“ ist keine dynamische Szenenfolge, und die therapeutischen Intermezzi bleiben so auch ohne Folgen. Die vielen alltäglichen Zwischenfälle und Ausbrüche reihen sich aneinander, ohne dass sich die Figuren dabei verändern. So als ob sie einfach  verschiedene Reaktionsmuster austesten, die sich immer wieder drastisch, komisch und satirisch zuspitzen.

Der forschende und wohltuend lakonische Blick der Regisseurin gilt vor allem den vielen emotionalen Behinderungen, die das Miteinander von El und Jim und ihrer Tochter prägen. Die will auch endlich mal Fran genannt werden, weil sie  nicht mehr das pflegeleichte Mäuschen aus Kindertagen ist. Vielleicht sind hier zwei Erwachsene so mit sich beschäftigt, dass sie im Grunde kein offenes Ohr für ihre Tochter haben, die ja auch mit dem Faktor Angst zu kämpfen hat.  Natürlich ließe sich an diesem Abend auch über Teenagerproteste spekulieren, die sich so lange zuspitzen, bis das Bedürfnis, wirklich liebevoll wahrgenommen zu werden, endlich wieder auf vertrauenswürdige Signale trifft. Nur dass der jugendliche Poltergeist dann mehr wie ein Alien betrachtet wird, vor dem sich die Eltern am liebsten retten würden. Ein Camp für schwer erziehbare Kids, das klingt wie die perfekte Lösung. Dann lügen sich nicht nur die Gesichter des Paares entspannt aus der Verantwortung für das gemeinsame Miteinander, während das Mäuschen angstvoll kreischt. Dabei wäre es jetzt an der Zeit, sich endlich wieder mit allen Verletzungen und Verletzlichkeiten in die Arme zu nehmen. Die Familienhölle verdunkelt sich, weil das am Ende vielleicht auch  passieren könnte, wenn die „Ephebiphobia“ Aufruhr sich erschöpft hat. Wenigstens heimlich und ohne dass man sich dabei belauert.

Premiere im Deutschen Theater

Freitagabend ohne Verabredung, ohne Partner und ohne Aussichten auf einen one night stand. Die alkoholischen Vorräte können den Abend nicht retten,  weder für Julie noch für Alice, die jetzt lieber einen vollen Kühlschrank hätte.

In Darlene Craviottos Komödie Pizzamann ist das Selbstbild der beiden Frauen schwer angeschlagen, weil die Männerwelt  einfach nicht  erwartungsgerecht mitspielen will. Julie hat gerade die Kündigung bekommen, weil sie kein Interesse an einer Affäre mit ihrem Chef gezeigt hat und der Liebhaber von Alice möchte jetzt doch lieber sein geregeltes Eheleben fortsetzen.  Es herrschen  auch nicht gerade freundschaftliche Verhältnisse in der gemeinsamen Wohnung, wo Katharina Uhland  den scheinbar pragmatischen Part von Julie übernommen hat und Rahel Weiss ihre Alice am Rande des Nervenzusammenbruchs balancieren lässt.

So kuschelig, wie Friedel Vomweg die Bühne im DT-Keller mit Flokati, Schmusekissen und Polstern ausgestattet hat, bleibt es ebenfalls nicht lange. Der Singlefrust braucht dringend ein anderes Ventil nach dem anfänglichen Zickenkrieg um Liebesfrust und all die Typen, denen man nicht über den Weg trauen sollte.  Es sieht auch nicht so aus, als ob sie ihrer Wunschwelt vom wahren Leben als Ehefrau und Mutter in gesicherten Verhältnissen auch nur ein Stück näher gekommen wären.  Trotz all  der Attraktivitätsrezepte, mit  Diätkämpfen und  mütterlichen Ratschlägen für das perfekte häusliche Glück. Ein Opfer muss her und da kommt der  smarte Pizzamann gerade recht, der einem erotischen Intermezzo auch nicht abgeneigt wäre. Schon bald befindet sich Moritz Schulz  akkurat verschnürt und malträtiert in einer Trümmerlandschaft wieder.

Darlene Craviottos preisgekrönte Komödie spielt mit den klassischen Klischees, an denen sich ihre beiden Singlefrauen in einem pointierten Schlagabtausch abarbeiten. So als ob ihr Standing mehr von dem richtigen, möglichst erfolgreichen Partner abhängt und von einer klugen Anpassungsstrategie und nur wenig von beruflichen Karriereoptionen, aus denen ja auch nicht wirklich was geworden ist.   Aber Erich Sidlers Inszenierung vertieft sich dabei  auch in die Geschichte zweier Single Frauen, die sich mit Rollenmustern und Erwartungen plagen und deshalb einfach endlich mal ausflippen müssen.

Das  komödiantische Setting aus den 1970er Jahren macht es ihm nicht leicht. Auch weil die Dialoge  sich an dem zeittypischen Klima orientieren, natürlich auf Situationskomik ausgerichtet sind und auf ein präzises Timung in all den Stadien des überdrehten emotionalen Aufruhrs. Dennoch wird zwischen schlichten Kalauern und feinen Pointen auch die Verzweiflung spürbar, die das Single Duo so wütend bekämpft. Da rumoren die existenziellen Fragen, was  eigentlich schief gegangen ist, obwohl doch  in der Schule noch alles ganz toll lief, mit Preisen, Ehrenämtern oder sportlichen Leistungen und großen Aussichten.

Heiraten klang damals noch vielversprechender als Studieren, auch wenn die Scheidung schon nach drei Monaten spruchreif war. Aber ständig wechselnde Jobs oder  komplizierte Verhältnisse mit untreuen Ehemännern kann doch nicht alles gewesen sein. Sich jetzt typisch männlich einfach volllaufen zu lassen, dem nächst besten eine auf’s Maul zu hauen und dann eine Frau zu vergewaltigen, ist sicherlich keine Option. Lesbisch werden macht jetzt auch keinen Sinn mehr oder  den Markt nach einem unattraktiven Partner mit Halbglatze und Anzügen von der Stange abzusuchen, weil der ja eigentlich mehr Treue garantieren müsste.

Wunderbar temperamentvoll und ebenso verwegen widmen sich Katharina Uhland und Rahel Weiss diesem Arsenal  an Rettungsversuchen aus der Single Sinnkrise von Julie und Alice, die eben auch ziemlich bösartig ausfallen können. Pizzamann Moritz Schulze kann sie  manchmal ein bisschen erden, so ganz ohne Erfolgsbiografie mit ein paar realistischen Zukunftsplänen. An dem alten Rollendesaster ändert das wenig. Doch mit einem Schauspiel-Team, das die Verhältnisse so wunderbar dramatisch überspitzt und komödiantisch aufmischt wird das Stück um so mehr zu einem ganz besonderen  Schauspielvergnügen, das dann auch gerne nachdenklich stimmt. Über einen verkorksten Freitagabend der Sinnkrisen, der so schön absurd und garstig aus dem Ruder läuft.

Oscar Wilde Ein idealer Gatte im Deutschen Theater

Der einsame Körper in dem schlichten Raum. Ausgestreckt liegt er da, während sich die nackte Brust hebt und senkt und nicht zur Ruhe kommen will. Die leisen Worte sind wie Abgesang dieses Oscar Wilde, der mit „de profundis“ die seelische Bilanz seiner Einkerkerung hinterließ. Doch gleich wird es noch mal komödiantisch auf der Bühne des Deutschen Theaters, mit einem seiner Erfolgsstücke. Auch „Ein idealer Gatte“ rangierte ganz oben auf den Londoner Theatercharts, trotz all der verbalen Spitzen auf diese viktorianische Adelsgesellschaft, die so gern und boshaft über Soll und Haben im Gewande von Schein und Sein spekulierte. Die Egoshooterei ist nun mal keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Das gilt umso mehr für diesen Theaterabend, für den Regisseur Thomas Dannemann Oscar Wildes charmant durchtriebenes Schauspiel nicht nur unsanft sondern schmerzhaft erdete.

Die Geschichte um Sir Robert Chilton, der sich für seine politischen Startups feiern und hofieren lässt und nun die Enttarnung früherer Spekulationsgeschäfte befürchten muss, hat Dannemann mit dem gesellschaftlichen und persönlichen Absturz Oscar Wildes verwebt: Mit den Gerichtsprotokollen und all den verleumderischen Spekulationen um sein Liebesverhältnis mit dem jungen Alfred Douglas, dessen Vater, der Marquis von Queensberry am Ende nicht nur die Klage sondern auch das Urteil gegen Wilde forcierte. Bis dahin hatte sich die bessere Gesellschaft wenig um die Homosexualität des gefeierten Schriftstellers geschert. Aber was auch viele seiner Zeitgenossen in Salons, Clubs und Absteigen an sexuellen Freiräumen lebten, war eben nicht für die viktorianische Öffentlichkeit bestimmt. Ihre Reaktion hatte auch ein souverän agierender Zeitchronist wie der Verfasser des idealen Gatten unterschätzt, der den hasserfüllten Vater seines Liebhabers juristisch vorführen wollte um dann von ihm zum öffentlichen Stein des Anstoßes deklariert zu werden.

Dannemann hat das komödiantische Personal des Stückes mit Männern besetzt. In dieser Kulisse aus Geselligkeit und Kalkül stellt sich nicht die Frage nach geschlechtstypischen Verhaltensmustern sondern vielmehr die nach dem gesellschaftlichen Ranking. Sie alle beherrschen die gleichwohl verführerischen wie selbstverliebten Posen in diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten, wo mit Genuss gelästert und verletzt wird. Ronny Thalmeyer als Mrs. Marchmont und Lutz Gebhardt als Lady Markby bilden eine spitzzüngige Lästerfraktion in Samt und Seide mit Benjamin Krüger (Lady Basildon) und Anton von der Lucke  (Vicomte de Nanjac) während Benjamin Krüger als Mrs. Cheveley damit noch sehr vitalere Interessen verbindet. Mit dem Wissen um die Insidergeschäfte, die Chilterns Karriere begründeten und nicht nur seinem Ruf als unbestechlichem Politiker massiv zusetzen würden. Umso schwerer wiegt die moralische Messlatte, die Karl Millers Lady Chiltern so charmant wie unmissverständlich von ihrem idealen Gatten (Gabriel von Berlepsch) einfordert. Ihm stellt Wilde mit Lord Goring (Emre Aksizoglu) einen smarten Spielmacher zur Seite, der die erpresserischen Manöver Schach matt setzt, sich in Chilterns Schwester Mabel (Florian Eppinger) verlieben darf und en passant noch seinen autoritären Vater Lord Caversham (Paul Wennig) erfolgreich abblockt.

Für diese Atmosphäre der Tricks und der Täuschungen lässt Bühnenbildnerin Heike Vollmer die Drehbühne mit heimlichen und öffentlichen Räumen rotieren. Hinter dem Selbstdarstellerpodium werden die Wände immer wieder zu konspirativen Nischen verschoben. An denen sind auch die heimlichen Lauscher immer zur Stelle, die sich auf verwertbare Neuigkeiten stürzen und mit ihnen so opportun spekulieren wie dann die Kläger in ihrer konspirativen Nische im Prozess gegen Oscar Wilde. Noch kann Florian Eppinger mit dem ästhetischen Credo Wildes punkten, wenn er sich in der Schönheit eines Liebesbriefes und ihrer Bildsprache sonnt, seinem Dorian Gray eine profan realistische Übertragung verweigert und seiner Kunst das Dogma der Konvention. Noch hat er in Ronny Thalmeyers Clarke einen juristischen Gegenüber, der dieses idealisiertes künstlerisches Welt- und Lebensmodell nicht moralisch abgleicht. Umso gnadenloser wird es dann von Gabriel von Berlepsch in der Rolle von Queensberrys Anwalt Carson seziert. Mit Gerüchten, Vermutungen und Zeugnissen über Geschenken an junge Freude, Tickets nach Paris und heimlichen Begegnungen mit Hausdienern braut sich das zerstörerische Arsenal zusammen. Und das Urteil über verwerfliche Attitüde gegen alle konventionellen Kategorien von Anstand und Moral, die nach Gefängnis Zwangsarbeit, Bankrott und Entehrung verlangen.

Den kultivierten Schein, den Wilde seinen Komödienfiguren lässt, enttarnt diese Inszenierung mit den Szenen aus den Gerichtsprotokollen und damit auch die böse Seite hinter all den Attitüden, mit denen sich diese Upperclass-Gesellschaft inszeniert. Der hedonistische Leichtsinn, der auch ihren literarischen Chronisten so lange beflügelte, ist zum Risikofaktor geworden und ihr Fürsprecher zur persona non grata auf deren geistreiche Kommentare und Einsichten man dann doch lieber verzichtet. Die inszenierte Show um Schein und Sein und Status geht natürlich trotzdem weiter, die an diesem Abend unterhält, aneckt und nachdenklich aufstört. Gerade auch in der Frage künstlerischer und individueller Feiräume, die eine Gesellschaft umso dringlicher braucht, je mehr sie sich an die gerade opportunen Absprachen klammert.

Zielvereinbarungen mit fünf Häusern abgeschlossen

Die Landesregierung sichert den kommunalen Theatern für die kommenden vier Jahre finanzielle Unterstützung zu. Das Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK) hat mit fünf Bühnen und Orchestern in kommunaler Trägerschaft Zielvereinbarungen für die Jahre 2015 bis 2018 abgeschlossen. Danach stellt das MWK 2015 insgesamt knapp 16 Millionen Euro für das Schlosstheater Celle, das Deutsche Theater Göttingen, das Göttinger Symphonie Orchester, die Landesbühne Niedersachsen Nord und das Theater für Niedersachen in Hildesheim bereit.

„Dieses langfristige Bündnis ist im Stadttheaterbereich in den Flächenländern einzigartig", sagt die Niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur Gabriele Heinen-Kljajić. Die Kommunaltheater und das Göttinger Symphonie Orchester erhielten mit den Zielvereinbarungen Planungssicherheit. „Besonders erfreulich ist, dass es dank der Initiative der Regierungsfraktionen gelungen ist, im kommenden Jahr zusätzlich 400 000 Euro für die nichtstaatlichen Bühnen bereit zu stellen."

Insgesamt erhöht das Land Niedersachsen seine Förderungen für die o.g. Bühnen und Orchester in kommunaler Trägerschaft 2015 im Vergleich zu 2014 um 907.000 Euro. Dabei werden die bisherigen Leistungs- und Anreizprogramme jetzt fester Bestandteil der jährlichen Zuwendung des Landes. Mit den Zielvereinbarungen haben sich sowohl das Land als auch die kommunalen Träger zudem verpflichtet, jeweils anteilig die Mehrkosten für künftige Tarifsteigerungen auszugleichen.
Die Beteiligung des Landes an den Tarifsteigerungen der Jahre 2012 bis 2014 ist Bestandteil der jährlichen Zuwendung des Landes.

Verbunden mit den Zielvereinbarungen sind folgende kulturpolitische Ziele: neue Publikumsschichten gewinnen, Kinder- und Jugendtheater anbieten, verstärkt ältere Menschen einbeziehen und Mitbürgerinnen und Mitbürger anderer kultureller Herkunft einbinden. Ferner bekennen sich die kommunalen Theater dazu, mit anderen Kulturakteuren (z.B. mit Freien Theatern, Hochschulen, Musikschulen, Volkshochschulen, Kirchen oder soziokulturellen Einrichtungen) zu kooperieren.

Dienstag, 23 September 2014 00:06

Die Lieder, die Worte und die Bilder

Assoziative Wanderungen mit Schuberts „Winterreise“ im Deutschen Theater

Braucht es wirklich noch ein szenisches Tableau für Schuberts „Winterreise“ haben sich einige Zuschauer gefragt. Spricht nicht der wunderbar nuancierende Bariton von Matthias Goerne mit der Begleitung von Markus Hinterhäuser für ein inspirierendes Klangerlebnis mit dem einsamen Wanderer, der schon in den Gedichten Wilhelm Müllers in existenzielle Regionen vordringt? Und was geschieht dann mit den eigenen Bildern, wenn sie nun auf die Motive des südafrikanischen Künstlers William Kentridge und seine Wandererfantasien treffen? Werden sie überlagert oder kommt es zu einer ganz neuen Spurensuche unter dem Lindenbaum, beim Anblick der Wetterfahne und mit all den gefrorenen Tränen, die auf dieser Odyssee durch Seelenlandschaften und Sehnsuchtsorte fallen?

Beides war möglich an diesem Gastspielabend im Deutschen Theater anlässlich der Niedersächsischen Musiktage. Als Musik-Film-Erlebnis war Schuberts Liederzyklus dennoch eine besondere Herausforderung für die Zuhörer, die das Stationendrama des tragischen Glückssuchers vielleicht lieber mit geschlossenen Augen verfolgt hätten, um sich nun auch zu einer visuellen Reise verführen zu lassen.

Die visuelle Spurensuche beginnt an einer Wand, die auf der Bühne des Deutschen Theaters installiert wurde. Neben einer großformatigen Landschaftszeichnung drängen sich handschriftlich beschriebene Blätter und eine Flut von Notizzetteln, die sich auch auf dem Bühnenboden häuft. Aus weißen Linien entfaltet sich die Silhouette eines Baumes im Wechsel der Jahreszeiten, eingeblendet wird ein historischer Stadtplan von Wien, den bald weitere Landkarten und Markierungen überlagern und ein Labyrinth weißer Linien, die in alle Richtungen ausschwärmen.

„Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus“. Für das erste Bekenntnis des Wanderers begibt sich Mathias Goerne in eine offene Aufbruchstimmung, in der sich anders als in der Abfolge der Filmbilder und der Videoprojektionen noch einen Moment des nachdenklichen Verweilens mitteilt. Bei der  Erstarrung des Sinnsuchers und seiner vergeblichen Spurensuche im Schnee bewegen die dramatischen Akzente. Wenn Goerne dann das Tempo forciert , dann auch ganz im Sinne der emotionalen Verwerfungen, denen Schuberts Liederzyklus auf den Grund geht, den Sehnsüchten und der Verzweiflung, den Todesängsten und der fortwährenden Verwundbarkeit.

Dramatisch expressiv verdichten sich nun auch die Filmbilder, wenn Kentridge die Episode der Wasserflut mit tropfenden Wasserhähnen, Duschköpfen und Fischen assoziiert, Flusslinien auf der Leinwand zirkulieren lässt und verdorrte Landschaften einblendet. Auch der Künstler selbst portraitiert sich als rat- und Rastloser Wanderer, der sein Frauenideal in einem Spiegel imaginiert und dann das ewige Unterwegssein mit Flüchtlingsströmen  kontrastiert.

Wenn Goernes Bariton in die tiefsten Felsengründe des Irrlichts vordringt zeichnet eine unsichtbare Hand ein Geflecht aus Stacheldraht und bettet den müden Wanderer auf seiner Rast in ein steinernes Grab. Die ersten Krähen umkreisen die Frühlingsträume, die Stationen der Einsamkeit und der letzten Hoffnung. Wie von einem Sturm werden die Blätter mit den Handschriften an der Wand aufgewirbelt und von schwarzen Flecken überlagert, die an Reste verbrannten Papiers erinnern. Immer schneller kreisen dann auch die Zeiger einer Uhr gegen den Blättersturm während Kentridge die Bilderfolge mehr und mehr beschleunigt, Collagen aufblitzen lässt, Gesichter, Schattengestalten und Baumkronen.

So faszinierend facettenreich sich dieser assoziative Dialog mit  Schuberts Winterreise auch gestaltet, überlagert er in seiner Fülle immer wieder dieses filigrane Netz der Wort- und Klangbilder, die das geschlossene Auge anders wahrnimmt: Wenn Goerne den Wanderer noch eine letzte Mutprobe beschwören lässt, bis er nur noch das ewige Dunkel herbei sehnt und das loslassen.

Dienstag, 09 September 2014 00:37

Packend und facettenreich

Anna Thalbach liest „Vor den Vätern sterben die Söhne“ aus dem Buch von Thomas Brasch bei den Göttinger Theatertagen

An einem schwarzen Tisch, auf der schwarzen mit Scheinwerfern beleuchteten Bühne nimmt Anna Thalbach locker und freundlich lächelnd Platz.

Die 1973 in eine Schauspielfamilie geborene deutsche Schauspielerin ist die Tochter von Katharina Thalbach und Vladimir Weigl. Jedoch nahm Thomas Brasch, der spätere Partner ihrer Mutter, die Vaterfigur in ihrem Leben ein, was während der Lesung immer wieder deutlich wurde. Diese beginnt mit einer Korrektur des Programmhefts, indem zu lesen ist, dass Brasch die DDR verlassen habe, um seine Werke in der BRD zu veröffentlichen. Den Prosaband „Vor den Vätern sterben die Söhne“ hätte Brasch allerdings noch in der DDR geschrieben, sagt Thalbach. Da kein Ost-Deutscher Verlag dieses Buch publizieren wollte, schickte er es in den Westen. Nach der Veröffentlichung, und einem daraus resultierenden Vier-Augen-Gespräch mit dem SED-Chef Erich Honecker, erhielt er Veröffentlichungs- und Aufführverbot, welches für einen Schriftsteller und Dramatiker einem Arbeitsverbot gleich komme. Zusätzlich nahmen Brasch und Katharina Thalbach an den Protesten gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns teil. Es wurde Thomas Brasch geraten einen Ausreiseantrag zu stellen und die DDR zu verlassen. Er ging nicht freiwillig.

 „Vor den Vätern sterben die Söhne“ brachte Thomas Brasch 1977 großen Erfolg und nachhaltige Anerkennung bei den Kritikern. Ironischer Weise, wie Anna Thalbach sagt, stamme das Exemplar aus dem sie vorlesen werde von einer Auflage eines DDR-Verlags von 1990.

Die erste Erzählung, die Thalbach auswählte ist „Der Zweikampf“, eine Geschichte in Anlehnung an den Marsyas-Mythos der griechischen Mythologie und handelt von dem Flöte spielenden Sterblichen Marsyas, der im Kunstwettstreit gegen den Gott Apoll verliert und als Bestrafung gehäutet wird. Die Geschichte wirkt etwas aus dem Kontext gerissen. Jedoch kann sie, im Zusammenhang mit dem folgenden Kapitel, Roberts Weg zur Mauer veranschaulichen.

Das zweite, längere Kapitel beginnt mitten in einer Handlung. Ein namenloser Mann wird von den DDR-Behörden vernommen. Er soll aussagen wann er seinen Freund Robert das letzte Mal gesehen hat. Durch mehrfaches Nachfragen erfährt er, dass dieser bei dem Versuch die innerdeutsche Grenze illegal zu überqueren getötet wurde. Während des Verhörs und der Wartezeit erinnert er sich daran wie er den Freund kennengelernt hat und was sie zusammen erlebt haben. Autobiographische Daten Braschs finden ihren Weg in dieses Kapitel. So wurden Robert, wie auch Brasch 1965 aus dem selben Grund, wenn auch mit anderer Formulierung, von der Universität exmatrikuliert. Außerdem übt der Freund Roberts den Beruf aus, den auch Brasch nach seinem Abitur einmal ausgeübt hat: Schlosser.

Packend und facettenreich trägt Anna Thalbach die Texte vor und zieht so die Zuschauer problemlos in den Bann der Geschichten. Diese lauschen angespannt, lassen leise Rufe des Erstaunens und unterdrücktes Lachen hören. Zum Schluss schließt Thalbach das Buch und man sieht wieder die schlichte, schwarze Bühne vor sich.

Dies war ein gelungener, eindrucksvoller Abend.

Sonntag, 07 September 2014 15:20

Von der Liebe und vom Scheitern

Sascha Merlin bei den Göttinger Theater Tagen

Vor der letzten Zugabe meinte Sascha Merlin: „Und ich dachte, es seien die Norddeutschen, die so lange brauchen, um ihre Begeisterung zu zeigen“. Jetzt schienen sie endlich gute Freunde zu sein, das Göttinger Publikum und der Hamburger Chansonnier. Zuvor hatte Merlin versucht, seine Interpretation vom Scheitern glaubhaft zu vermitteln: „Leben, um davon zu singen – von der Liebe und vom Scheitern“, so lautet der Titel seiner Produktion, die im Herbst 2013 am Hamburger Thalia Theater ihre Premiere hatte. Dem ersten Teil folgte sein Publikum bereitwillig: „Leben, um davon zu singen“ – zu diesem Thema gab es zahlreiche Chansons von Brel, Knef, Alexandra – und von Merlin selber. Auch solche, die er für andere Größen schrieb, zum Beispiel für Milva. Merlin verriet viel Autobiographisches, so dass die Lieder ihren Kontext hatten. „Von der Liebe und vom Scheitern“ – da wurde es kompliziert. „Die Liebe ist die schönste Form des Scheiterns“, meinte Merlin. Das Publikum räusperte sich hörbar, um ein wenig zu widersprechen.

Dennoch gewann Sascha Merlin mit seiner vielseitigen Stimme, mit seine Texte und den Ausflügen nach Brasilien das Publikum für sich. Am Klavier wurde Merlin begleitet von Sven von Koetsvold, der ihm mehr als ein guter Partner war. Er gestaltete den Abend mit Merlin gemeinsam.

Zum Schluss fragte Merlin sein Publikum: „Ich habe einen Wunsch. Darf ich Eulen nach Athen tragen?“ Weiter musste er nicht sprechen, die Rufe nach Barbara wurden sofort laut. Nach seiner Interpretation vom Göttingen-Lied verneigte sich Merlin tief vor der französischen Chansonnière und legte eine Rose vor ihr Bild.

Sascha Merlin singt, um davon zu leben. Aber er singt auch vom Leben, von der Liebe und auch vom Scheitern. So entstand ein Abend voller Melancholie und Liebe. Nach den furchterregenden Möwen von Daphne du Maurier zuvor war die „Möwe Jonathan“, getextet von Merlin, gesungen von Milva, ein versöhnlicher Abschluss des ersten Abends der Göttinger Theater Tage 2014.

Sonntag, 07 September 2014 15:18

Kino im Kopf

Matthias Brandt und Jens Thomas bei den Göttinger Theater Tagen

Der Film „Die Vögel“ ist von Alfred Hitchcock – und der spielte am ersten Abend der Göttinger Theater Tage mit Matthias Brandt und Jens Thomas gar keine Rolle, obwohl dies so angekündigt wurde. Eine Rolle spielte aber die literarische Vorlage von Daphne Du Maurier, die Brandt an diesem Abend las. Las? Das trifft es nur näherungsweise – Matthias Brandt und sein kongenialer Partner am Klavier Jens Thomas stellten diese Erzählung dar. Und das so spannend, so überzeugend, dass dem Publikum im ausverkauften Deutschen Theater spürbar der Atem stockte. Wie die Vögel – Möwen, Meisen, Zaunkönige und Raubvögel – zunächst scheinbar nur die Familie vom Landarbeiter Nat angreifen, dann aber klar wird, dass ganz England vom Gefieder heimgesucht wird, hat eine apokalyptische Düsterkeit.

Angekündigt war auch eine „Wort-Musik-Collage“. Und in der Tat: Brandt las, während Thomas akustische Untermalungen lieferte, die das Grauen zeichneten: er bearbeitete den Bösendorfer Flügel des Deutschen Theaters in vielfach ungewohnter Weise, griff in die Saiten ein und spielte bisweilen nur mit einer Hand, während die andere die E-Gitarre bediente. Unterbrochen wurden Lesungen und akustische Untermalung durch Songs, die der Schauspieler und der Musiker eigens für diese Inszenierung komponiert haben. Bei „We are the birds“ und andere Eigenkompositionen zeigte der vielfach ausgezeichnete Theater- und Filmschauspieler seine musikalischen Fähigkeiten. Singende und musizierende Fernsehkommissare haben seit Manfred Krug immer wieder einmal begeistert. Aber dies war live und ohne Kamera. Der Film von Hitchcock spielte keine Rolle – das Kino fand im Kopf statt. Und im Ohr. Ein Ohrenschmaus!

Samstag, 12 Juli 2014 09:20

Bleibt alles anders

Eine Buchvorstellung: der Verlag „Theater der Zeit“ stellt das Buch „Bleibt alles anders“ vor. Es geht um die 15jährige Intendanz von Marc Zurmühle am Deutschen Theater in Göttingen.

Jetzt könnte man meinen, es läuft alles wie geplant: Herausgeber, Autoren und Förderverein bejubeln den scheidenden Intendanten. Aber weit gefehlt: nach den freundlichen Worten von Harald Noack vom Förderverein, von Nicole Gronemeyer vom Verlag, vom Chefdramaturgen Lutz Keßler und von Marc Zurmühle hätte die Veranstaltung zu Ende sein können. Nach der Einlage von Ronny Thalmeyer und Michael Meichßner mit den beiden Herren im Bad aus der erfolgreichen Loriot-Inszenierung „Sagen sie jetzt nichts!“ hätte man ebenfalls aufhören können. Und alle wären zufrieden gewesen.

Donnerstag, 03 Juli 2014 16:42

Das Ensemble ist das Zentrum

Neues Graphikkonzept des Deutschen Theaters vorgestellt

„Wir wollen in unserer künstlerischen Arbeit reduzieren, komprimieren“, sagt der neue Intendant des Deutschen Theaters Erich Sidler. Diese Aussage haben die Graphiker der Agentur Boros aufgenommen. Das Ergebnis in Form des neuen Spielzeithefts im Hosentaschenformat DIN A6 wurde nun präsentiert. Damit verbunden ist auch eine komplette Neugestaltung des Auftrittes. Das Logo mit den beiden Buchstaben „dt“ hat ausgedient, neu ist eine Wort-Bild-Marke.

„Das bisherige Logo war zwar bekannt und man hat es mit dem Deutschen Theater verbunden, es kommunizierte jedoch nicht“, argumentierte Lena Gruschka von der Agentur Gruschka+Kramer. Deshalb wird nun der Name ausgeschrieben. Die drei Worte „Deutsches Theater Göttingen“ wurden so untereinander gestaltet, dass sich ein Wort-Bild ergibt.

Donnerstag, 06 März 2014 11:06

Kaspar Seiffert ist gestorben

Nach schwerer Krankheit ist Kaspar Seiffert in Benniehausen gestorben. Fast sein ganzes Berufsleben war der am 1.4.1938 in Jamlitz/Niederlausitz Geborene ein prägendes Mitglied des Deutschen Theaters in Göttingen - als Theaterfotograf, Designer und als Bühnenbildner - am DT und JT.

 

Donnerstag, 02 Januar 2014 00:00

WIR WAREN von William Pellier

Premiere im Deutschen Theater am Donnerstag, 23. Januar 2014, um 20.00 Uhr im Studio

Der französische Autor William Pellier skizziert mit WIR WAREN eindringlich und schonungslos das Dasein älterer Menschen in unserer Gesellschaft und den Verlust den das Alter mit sich bringt. Sein Stück, eine minimalistische Textfläche ohne Satzzeichen, Regieanweisungen oder Personenbezeichnungen, setzt sich vor allem mit dem Verlust der Kontrolle über den eigenen Körper, das Bewusstsein und den persönlichen Besitz auseinander.

Premiere am Samstag, 25. Januar 2014, um 19.45 Uhr im Großen Haus

Die Handlung beginnt im Palast einer Dynastie von Ruhrbaronen, in deren Besitz sich die »Waffenschmiede der Nation« befindet. Die Industriellenfamilie der von Essenbecks feiert gerade den Geburtstag des Patriarchen, als aus Berlin die Nachricht des Reichstagsbrandes in die festliche Stimmung einbricht. Sofort wird klar, dass das neu gewählte Regime keine Hindernisse auf dem Weg zur totalen Macht anerkennen wird. Patriarch Joachim von Essenbeck erklärt seinen Sohn Konstantin von Essenbeck, der schon immer die Nähe zu den neuen Machthabern gesucht hatte, zu seinem Nachfolger. Wenig später wird er ermordet. Doch die Bluttat ist nur der Beginn einer Orgie der Selbstzerfleischung wie sie unter den Bedingungen des permanenten Ausnahmezustands auch in den besten Familien vorkommen kann. Hauptsturmführer Wolf von Aschenbach, ein Cousin der Familie, fungiert hierbei als Agent des Nazi-Regimes, der mittels kalkulierter Intrigen die Geschicke in dessen Sinne steuert.

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