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Dienstag, 17 April 2018 08:21

117,1

Der Flügel steht noch auf der Bühne; nur zur Seite geschoben… Greift der Solist zum Beginn der zweiten Konzerthälfte erneut in die Tasten? – Nein. Alexander Schimpf spurtet, im Frack, zu einem freien Platz im Parkett, um nach dem umjubelten Auftritt vor sowie Autogrammen in der Pause nun der Interpretation der vierten Symphonie Johannes Brahms’ zu lauschen. Gut tat er daran, seine Pause nach getaner Arbeit ein wenig später zu nehmen.

Ganz grandios stemmen das Göttinger Symphonie Orchester und sein Dirigent Christoph-Mathias Mueller diese letzte Symphonie des Wahlwieners Brahms, welche gut 12 Jahre vor dessen Tode entstand. Ganz großartig den Weg in die Brahms’sche Tonwelt bereitet hatte ausgerechnet der Solist des Klavierkonzertes mit der Wahl seiner Zugabe. Die Begeisterung im Saal nach den letzten Tönen aus Beethovens 1. Klavierkonzert ist derart groß, dass Alexander Schimpf sich nicht lange bitten lässt und nach einigen persönlichen Worten (er ist gebürtiger Göttinger) das Intermezzo op.117 Nr. 1, Es-Dur, von eben jenem Brahms für uns vor der Pause spielt. – Gibt es heitere Melancholie? Falls ja, dieses kleine Intermezzo ist die tongewordene Gestalt. Zugleich bestürzt der Mittelteil mit plötzlich auftauchenden Tonflächen, gegen die das „jüngste“ Werk des Abends, Weberns „Passacaglia“ (1908), fast altmodisch wirkt. Hochromantische Klänge, auf scheinbar eindeutigem Bassfundament, zersetzen sich unerwartet zu harmonisch schwer deutbaren Akkorden; verweigern im Anschluss jede Auflösung oder gehen einen völlig unerwarteten Weg zurück ins heitere Es-Dur. Diese immer nur kurzen Einsprengsel stören, schockieren als ob unter dem alten, fadenscheinig gewordenen, doch urgemütlichen Perserteppich im Wohnzimmer das sanfte Glühen der Höllenkreise zu erahnen ist.

Solches, wie auch die heitere Resignation, findet sich in der Symphonie ebenfalls; nun jedoch äußerst effektvoll verstärkt, vergrößert durch die Instrumentierung. Von Triangel bis Kontrafagott, von Piccoloflöte bis Posaune – neben den üblichen Verdächtigen – gibt es einen großen Pool, aus dem der Komponist wählen kann. Dabei ergeben sich aufgrund der Lesart und Darbietung des GSO ganz unerwartete Nachbarschaften: Die scharfen, bösen Bläsereinwürfe in den ersten Takten des Scherzos (Satz Nr. 3, und der scheinbar einzig ein bisschen fröhliche) zum Beispiel lassen an Gustav Mahler denken. Wagner mit seinen Terzschichtungen ist im Mittelteil des ersten Satzes nicht fern. Und dass Brahms Kitsch kann, zeigt das letzte Drittel von Satz Nr.2 - derart klangsatt zaubern Bratschen und Celli, von den übrigen Streichern getragen, ihre Melodie, wie sonst ein frisches Buttercroissant auf dem Weg vom Bäcker nach Hause die Papiertüte glänzen lässt. Trotzdem überwiegt der dunkle, schroffe, garstige Charakter – insbesondere in den Ecksätzen -, die Haupttonart e-Moll tut ihr übriges. Selbst der strenge Rahmen einer Passacaglia (achttaktiger Bassgang, ¾-Takt, über dem sich im folgenden 30 Variationen entfalten. Ursprünglich eine Tanzform aus dem musikalischen Barock) nimmt dem finalen Satz nichts von seiner wühlenden Ausweg-, gar Trostlosigkeit. Sehr expressiv gehen Dirigent und Orchester ihren Brahms an. Nichts von Zurückhaltung, von Distanz-sich-selbst-gegenüber, welche diesem Komponisten in vielen Werken durchaus innewohnt. Eine glühende, leidenschaftliche Interpretation. Keine Ahnung, ob sie beim Wiederhören – ein Mitschnitt wurde angefertigt – erneut derart fesseln würde, aber das muss man ja nicht überprüfen. Dem Rest der Hörer/Hörerinnen ergeht es ähnlich – Applaus, Applaus, Applaus…. sogar einzelne Bravi hallen durch die fast ausverkaufte Stadthalle. Das eine Bravo davon leider 0,73sec zu früh. Sind an der Musik das Wichtigste nicht die Paus…?

Weberns „Passacaglia“, op.1 eröffnete den Abend. Zehn Minuten dauert das Werk – für Webern ist das lang. Gut zehn Minuten dauert auch der kleine Vortrag mit Live-Musikbeispielen, in der Christoph-Mathias Müller dem Publikum das Werk kenntnisreich, zugleich äußerst liebevoll ans Herz legt. Das Orchester zeigt sich dabei als wahre Professionals… das Unisono-pizzicato im dreifachen piano ist beim Vortragsteil fast perfekt ausgeführt. Kurze Zeit später, bei der Aufführung, wackelt dann wirklich nichts mehr. ‚Passacaglia’ – die gleiche Form wie am Schluss bei Brahms, daher stellte das Orchester das Programm auch unter dieses Motto. Weberns Abschlussarbeit nach vier Jahren Unterricht bei Arnold Schönberg ist hundert Jahre alt, somit schwerlich unerhört Neues.

Beethoven nach kleiner Umbaupause. Der Flügel rollt nach vorne, der große spätromantische Orchesterapparat verschlankt sich deutlich. A bissl wie bei Mozart sind die Holzbläser sehr oft der wichtigste Partner des Klaviersoloparts. Beim verträumten zweiten Satz gebührt ein besonderes Lob daher Manfred Hadaschik an der I. Klarinette. Alexander Schimpf wirkt von seinem Solopart nicht über Gebühr gefordert. Das ist positiv gemeint: Derart nonchalant meistert er die geforderten technischen Schwierigkeiten, dass einem gar nicht auffällt, dass es Schwierigkeiten sind. Die Einbindung in den Orchesterklang ist vorbildlich, die Kommunikation mit dem Dirigenten makellos, das Zusammenspiel, besonders mit den Holzbläsern, großartig. Hier werden Linien, Motive, Figuren so lebhaft und bruchlos von einem zum anderen gereicht, dass man verschämt ins Programm schaut. Klavier- oder Gruppenkonzert? Ganz uneitel geht Schimpf seinen Part an. Ganz uneitel die Interpretation, die dieses frühe Beethovenwerk nicht in Richtung der späteren, mächtigen Klavierkonzerte Nr. 4 und 5 „drücken“ will.

Über den Applaus und die Zugabe konnte man bereits weiter oben lesen. – Obgleich todmüde, ist an raschen Schlaf nach so einem Abend nicht zu denken. Herzlichen Dank auch.

Es ist fast schon ein wenig schade, dass die Sonne es am vergangenen Sonntag so gut mit Göttingen meinte. In der Fußgängerzone tummelten sich Menschenmassen vor den Eiscafés, während in der Stadthalle viele Plätze frei blieben. Allen spontan Weggebliebenen sei gesagt, dass sie eine Menge verpasst haben, denn die jungen MusikerInnen bereiteten dem Publikum einen abwechslungsreichen und durchaus erstaunlichen Konzertnachmittag.

Dienstag, 20 März 2018 19:27

Innovative Klänge im Deutschen Theater

Eine interessante und auf den ersten Blick ungewöhnliche Mischung erwartete das Auditorium im Deutschen Theater unter dem Titel „Perspektive Schweiz“ unter der Leitung des aus der Schweiz stammenden Christoph-Mathias Mueller: Orchester trifft Schwyzerörgeli, ein traditionelles Schweizer Instrument, verwandt mit dem Akkordeon, jedoch anders in der Bauweise, das in Kombination mit dem Orchester zur innovativen Klangkunst wurde. Den Abend prägte eine hervorragende Mischung aus „Schweizer Melancholie“ (Mueller), aber auch frischen wie humorvollen Klängen, die zur Faszination und Begeisterung des Publikums beitrugen.

Das Göttinger Symphonie Orchester und Benedict Klöckner mit „Sturmmusik“ in der Aula am Wilhelmsplatz

Sonntag, 11 März 2018 13:07

Mit Kilt und wehenden Fähnchen

Ganz im Zeichen der legendären „Last Night of the Proms“, dem alljährlichen Abschlusskonzert der britischen Konzertreihe „Proms“, stand das Promenadenkonzert des Göttinger Symphonieorchesters am Freitag in der ausverkauften Stadthalle unter dem Titel „Very Britisch“ - ein stimmungsvolles und mitreißendes Programm unter der Leitung von Nicholas McGegan.

Freitag, 09 März 2018 21:53

Herzlicher Empfang für Nicholas McGegan

Überaus herzlich wurde am Freitag Abend der langjährige künstlerische Leiter der Göttinger Händel-Festspiele Nicholas McGegan empfangen. Bei dem Promenadenkonzert des Göttinger Symphonie Orchesters in der ausverkauften Göttinger Stadthalle mit dem Motto „Very British“ standen unter anderem Werke von Henry Joseph Wood und – passenderweise – Georg Friedrich Händel auf dem Programm. Großer Applaus brandete auf, als zu Beginn des Konzertes McGegan die Bühne betrat.

Montag, 05 März 2018 16:47

Original und Fälschung

Ein interessantes und überwiegend heiteres Programm der Wiener Klassik hat Kantor Stefan Kordes zur besten Kaffeehaus-Zeit um 16 Uhr am Sonntag „Okuli“ in der Passionszeit zusammengestellt, also an dem Sonntag, der genau in der Mitte der Fastenzeit steht.

Dass Kordes mit dem Programm, dem Datum und der Uhrzeit nicht daneben lag, bestätigten die Besucherinnen und Besucher in der nahezu ausverkauften Jacobikirche.

Mittwoch, 28 Februar 2018 12:03

Fühlbar packende Dramatik

Die Göttinger Stadtkantorei konzertierte mit der Messe in C-Dur und dem Oratorium Christus am Ölberg in der Göttinger Johanniskirche

Das Göttinger Symphonieorchester und Jason Weaver präsentieren die zweite Nacht der Filmmusik

Sonntag, 11 Februar 2018 15:15

Ausverkauft – aus gutem Grund

Russischer Zauber und bildhafte Reise in der Stadthalle mit dem Göttinger Symphonieorchester und Nikolai Demidenko

Das Göttinger Symphonie Orchester mit Juanjo Mosalini spielte im Deutschen Theater

Dienstag, 23 Januar 2018 14:12

Drei Streicher in perfektem Einklang

Rathausserenade mit Bartosz Zachłod, Joanna Kielar-Zachłod und Igor Tulchynsky

Das Göttinger Symphonie Orchester spielte beim Neujahrsempfang der Göttinger Sparkasse

Bravo! – Traumhafter Dreiviertel-Auftakt zum Neuen Jahr mit dem Göttinger Symphonieorchester

Mittwoch, 20 Dezember 2017 12:51

Nicholas Milton: „Wir teilen eine Vision“

Der 1967 in Australien geborene Nicholas Milton wird ab dem 1. August 2018 neuer Chefdirigent des Göttinger Symphonie Orchesters (GSO).

Sonntag, 10 Dezember 2017 17:00

„Fremde Heimat“ und virtuose Klänge

Es waren Werke aus der „fremden Heimat“, die das Göttinger Symphonieorchester unter der Leitung von Christoph-Mathias Müller und mit der Violinistin Natalia Scholz in der fast ausverkauften Stadthalle zum Erklingen brachte.

Sonntag, 03 Dezember 2017 14:30

Vergnüglicher GSO-Abend mit Kontrabass

„Divertimento“ mit dem Dirigenten Jonathan Stockhammer und dem Kontrabassisten Bogusław Furtok

Uraufführung des Auftragswerks der Göttinger Stadtkantorei zum Reformationsjubiläum am 26. November in der Johanniskirche

Montag, 20 November 2017 09:22

Ein Abend mit eigener Dynamik

Das Göttinger Symphonie Orchester mit der Pianistin Martina Filjak unter der Leitung von Svetoslav Borisov

Freitag, 10 November 2017 22:35

Es gibt Musik, die muss man gesehen haben.

Das Göttinger Symphonie Orchester unter der Leitung von Mark Rohde mit dem Cellisten Maximilian Hornung

Mittwoch, 01 November 2017 21:43

Was für ein Abenteuer

Stefan Kordes, Judith Kara, Clemens Löschmann, das GSO und die Kantorei St. Jacobi begeistern in der szenischen Aufführung des Oratoriums „Jan Hus“. - Mit Bildergalerie!

Sonntag, 29 Oktober 2017 12:03

Klänge der Romantik

Klarinettist Dimitri Ahkenazy und das Göttinger Symponie Orchester unter der Leitung von Anja Bihlmaier

Montag, 09 Oktober 2017 13:29

Ein Abend mit rotem Faden

„Zerklüftet“ – Göttinger Symphonieorchester und Hába Quartett in der Stadthalle

Schattenspiele oder der ewige Kreis jeglicher Natur, im üblichen Wechsel von Hell und Dunkel – Diese Motive wurden an diesem Eröffnungskonzert der Philharmonischen Zyklen dieser Saison des Göttingen Symphonie Orchesters hörbar gemacht, mit Tönen verbildlicht.

Dienstag, 19 September 2017 08:08

Mitsingen erwünscht, Hauptsache im Takt!

Symphonic Mob mit dem Göttinger Symphonie Orchester

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