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Samstag, 07 April 2018 22:18

Die Umarmung der Theatermacher

Das Kind streckte noch die Arme nach Liebe und Zuwendung aus. Dem jugendlichen Tom bleibt dagegen nur noch die diffuse Erinnerung an ein Gefühl, das er schon immer vermisst hat, egal wie sehr ihn seine Pflegemutter Anna nun mit ihrer überschwänglichen Fürsorge bedrängt. Er hat es schon so oft zu hören bekommen, dieses Besitz ergreifende „Mein Junge“, das wie eine verzweifelte Beschwörungsformel anmutet, der er sich einfach nicht entziehen kann.

Premiere Das Ende des Regens im Deutschen Theater

Väter verschwinden ohne zu sagen, warum. Mütter schweigen für den Rest ihres Lebens. Ihre Kinder erfahren einen Zustand des Verloren seins, der auch ihre Kinder prägt. All das lässt der australische Dramatiker Andrew Bovell über Generationen und Kontinente hinweg geschehen. Mit den Stimmen der Gegenwart und der Vergangenheit, denen er in seiner dramatischen Odyssee „ Das Ende des Regens“ einen Echoraum gibt.

Auf der Bühne des Deutschen Theaters irrlichtern seine Figuren mit diesem Gefühl, dass da etwas an ihrem Leben nagt, dass sie nicht fassen können. Mit ihnen gerät der Zuschauer  in der Inszenierung von Ingo Berk in ein Suchspiel über die zerstörerischen Altlasten zweier Familien und warum sie so unvorstellbar lange nachwirken.

Bovell lässt seine Odyssee in einer trostlosen Zukunft beginnen. Bühnenbilder Damien Hitz hat eine kreisrunde Bahn entworfen und in Schräglage versetzt, auf der die Erinnerungen bruchstückhaft zirkulieren. Zunächst mit der Beschreibung von sintflutartigen Regenfällen, die bereits 60 Jahre zuvor einsetzten.

Ein Fisch fällt vom Himmel und ein Anruf erhellt das trübe Schicksal von Gabriel York (Florian Eppinger). Sein Sohn Andrew (Benjamin Kempf ) möchte die Geschichte eines abwesenden Vaters hören, der ihn 20 Jahre zuvor verlassen hatte. Gestalten in Regenmänteln schütteln ihre Schirme aus. An einem Tisch in der Mitte der Bahn löffeln sie stumm eine warme Suppe, brechen wieder auf und kehren dann vereinzelt oder zu zweit zurück, um ihren Geschichten erneut zu begegnen.
So wenig wie sich die Erinnerung an eine lineare Abfolge von Ereignissen und mögliche Folgen hält, pendeln auch die Szenen zwischen den Zeiten und den Orten. In London braut sich 1959 das Zerwürfnis von Elisabeth Law (Rebekka Klingenberg) und ihrem Mann Henry (Gerd Zinck) zusammen. Seine pädophilen Neigungen treiben ihn in die Flucht nach Australien, wo sein Sohn Gabriel (Benedikt Kauff) die väterliche Spur aufnimmt und sich in die junge Gabrielle York (Rahel Weiss) verliebt, die den Sexualmord an ihrem kleinen Bruder nie verwunden hat.

Für eine zerstörerische Erkenntnis, Gabriels tödlichem Autounfall, ihre Schwangerschaft,  und die Rettung durch ihren späteren Ehemann Joe Ryan (Paul Wennig) muss eine ältere Gabrielle (Gaby Dey) die Worte finden. Auch ihre Geschichte wird immer wieder gebrochen durch den erneuten Blick zurück nach London, wo die junge Elisabeth die Familienkatastrophe ahnt, während sich die ältere Elisabeth (Angelika Fornell) den Fragen ihres Sohnes Gabriel sperrt und zur stummen Zeugin der Ereignisse von früher wird. Am Schauplatz Australien lauscht dann eine jüngere Gabrielle den Worten der Älteren, die ihr Schweigen nicht mehr länger aushält.

Dieser Wechsel zwischen den Erinnerungs- und Erkenntnissplittern, die sich einer Chronologie verweigern macht es dem Zuschauer nicht leicht. Besonders wenn er nach Ursache-Wirkungsmustern sucht, um dieses Familienlabyrinth aus Schmerz und Verdrängen zu entschlüsseln. Er muss sich auch auf die Vorstellung einlassen, dass die Stimmen der Vergangenheit bei allen Figuren immer mit am Tisch sitzen und nicht zur Ruhe kommen werden, bis endlich jemand mit ihnen spricht. Dann erschließt sich dieser Theaterabend wie ein Puzzle von disparaten Teilen und deren Zusammenwirken mit der Einsicht, dass das Verschweigen von Geheimnissen nie ohne Folgen bleibt und keine Biografie bei Null anfängt.

Regisseur Ingo Berk macht den mühsamen Weg dahin spürbar, wenn er die Spannung in den Rückblenden nicht forciert und das Ensemble in den einzelnen Episoden einem strengen Rhythmus folgt. Vielleicht kann es auch nur so zu diesen besonderen Momenten kommen, die unmittelbar und abgrundtief bewegen. Eine Frau entdeckt unter den Aufnahmen von nackten Jungen das Foto ihres Sohnes während die stumme Gestalt an ihrer Seite in ihrer Qual erstarrt. Eine Andere stirbt noch einmal mit dem Tod ihres Geliebten und wird auch dann nie mehr zu trösten sein.

Selbst wenn es im Deutschen Theater auch immer wieder zu Szenen kommt, die nahe gehen und nachwirken, so sind sie doch rar und deshalb umso kostbarer. Mit ihnen wird Ingo Berks Inszenierung zu einem ganz besonderen Theaterabend. Auch über die befreiende Wirkung, wenn das Schweigen aufbricht und endlich ein Gespräch beginnt, das jetzt nicht bloß legen will, entlarven und anklagen. So wie sich Gabriel und sein Sohn Andrew einfach auf eine gemeinsame Geschichte verständigen lernen und den Fisch verspeisen, der vom Himmel fiel.

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