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Anzeige der Artikel nach Schlagwörtern: Junges Theater

Sonntag, 06 September 2015 20:38

Navigator Luna Nord

Linda Elsners Ermittlungsprozess am Jungen Theater

Die Familienstrukturen sind ziemlich kompliziert. Wann und warum welche Söhne und Töchter den Status Prinz oder Prinzessin erhalten oder wer dann die Rolle des Oberhauptes übernimmt. Linda Elsner hat offenbar kein Problem mit dem traditionellen Regelwerk ihrer fremden Angehörigen. Von da oben auf der Empore des Jungen Theaters klingt ihre Beschreibung auch noch so, als ob sie es mit den Komplikationen ihres Reiseabenteuers locker aufnimmt. Doch schon bald wird sie auf der Bühne von Zweifeln geplagt.

Es geht um das Leben eines unbekannten Großvaters und seinen Aufenthalt in Leipzig, dessen Spuren sie in ihrer Inszenierung am Jungen Theater verfolgt. Es geht dann auch um die Frage, warum er einfach von der Bildfläche verschwand, seine schwangere Freundin sitzen lies und sich in Togo dem herrschenden Regime anschloss, gegen das er ursprünglich opponiert hatte. „Ermittlungsprozess“ hat die Schauspielerin ihre dramatische Spurensuche genannt, denn es sind nur spärliche Dokumente, mit denen sie sich in ihrem Stück „Navigator Luna Nord“ auseinandersetzt. Um so mehr werden nun Vermutungen und Spekulationen zu möglichen Anhaltspunkten, was damals wohl passiert sein könnte und warum vieles davon jetzt noch nachwirkt. Zur Seite steht ihr dabei der Musiker Benjamin Pogoratos, der am Mischpult mit Sounds, Geräuschen und Klangbildern die Stimmungen, Ängste und Vorbehalte zum Ausdruck bringt, die dabei nicht so ohne weiteres zur Sprache kommen.

Immer wieder dreht sich hinter einem dunklen Schleier eine riesige Filmrolle, weil die Suchbilder einfach nicht klarer werden wollen sondern erst mal nur verwirren. Die Gestalt auf der Bühne kämpft mit den Nachwirkungen eines Malariamittels, das ihr diffuse Träume beschert. Sie ist genervt von ihren Mitfahrern auf der Fahrt zum Brüsseler Flughafen. Ihre Verwandtschaft in Togo terrorisiert sie mit Anrufen und Forderungen nach Geld und IT Zubehör. Doch schon in diesem Aufbruchchaos kommt es wieder zu flash backs.
Es sind fiktive Interviewsituationen, die die Schauspielerin mit diesem Jean imaginiert, wie das Gespräch mit einem Toten, für den sie auch die Antworten formulieren muss. Dass er ohne weiteres an ein DDR Visum gekommen ist, um in Leipzig Polizeiwissenschaften zu studieren, dass er die Familientradition verweigert hat und nicht Priester geworden ist und dass er seiner Ehefrau seine Affäre und seine uneheliche Tochter verschweigen musste.

Mit jedem Requisit, nach dem Linda Elsner in einem Sandbett gräbt, folgt sie einer weiteren Erzähl- und Erinnerungsspur. Sie greift nach einem Zeitungsartikel über die Machtverhältnisse in Togo mit den korrupten Seilschaften und dem kurzen demokratische Intermezzo. Oder sie wird sie zum Filmstatisten Jean der sich in der Science Fiction Produktion „Navigator Luna Nord“ auf geheime Mission begibt.

Es gibt keine Chronologie in diesem dramatischen Ermittlungsprozess, wenn die Schauspielerin von Hitze, Armut und Drogenkartellen erzählt, von einer hierarchischen Gesellschaft und von den Zuwendungen und Zugriffen ihrer afrikanischen Verwandtschaft. Wieder greift sie nach einem Paar Orangefarbener Kopfhörer, weil sich in einem Zeitungsarchiv auch das Foto eines diplomatischen Gastes aus Togo befand. Wohl gelitten schien in einem Kreis von DDR Sportschützen, anders als seine uneheliche Tochter, die sich als „Fitschi“ verspotten lassen musste. Auch in dem gesellschaftlichen Klima der früheren DDR Gesellschaft hat die Schauspielerin für ihr Stück ermittelt und zeigt es als groteske Stammtischparodie, wo die „Fitschis“ mit Sonne, Strand  und Südseezauber besungen wurden. Das reimte sich auch so schön auf all die Vorurteile gegen Kinder aus Mischehen und Beziehungen mit den Teilzeitbürgern aus den afrikanischen Bruderländern mit sozialistischen Ambitionen.

So wie die Filmrolle im Bühnenhintergrund immer angehalten, verdunkelt und dann erneut beleuchtet und bewegt wird, entwickelt sich auch Linda Elsners Spurensuche. Die Bilder und die Eindrücke rotieren, bis eine Einsicht sie Ausbremst, die nächste Frage sie dann erneut beschleunigt und sich ein weiterer dunkler Fleck in einer Familiengeschichte abzeichnet. Dieser bewegende Theaterabend macht viele dieser dunklen Flecken sichtbar, aber eben auch die Erkenntnis,  dass Deutungs- und Erklärungsversuche dabei manchmal versagen und die Suche nach Einsichten dennoch weitergeht.

Donnerstag, 03 September 2015 00:00

Spielzeiteröffnung im Jungen Theater

Das Junge Theater öffnet ab September wieder seine Pforten: Die Theaterkasse hat ab dem 1. September wieder geöffnet mit neuen Öffnungszeiten: immer Dienstag bis Samstag 11 – 14 Uhr und natürlich eine Stunde vor jeder Aufführung.

Das Junge Theater startet mit KATZ UND MAUS nach Günter Grass in der Inszenierung des Intendanten Nico Dietrich dann am Freitag, den 18. September 2015 um 20 Uhr in die neue Spielzeit, die unter dem Motto „Als wir träumten“ steht. In dieser Inszenierung wird neben den bekannten Mitgliedern des Schauspielensembles auch der neue Schauspieler Peter Christoph Scholz zum ersten Mal auf der Bühne zu erleben sein.

Am Freitag, 4. September 2015 um 20 Uhr kommt aber bereits ein besonderes Projekt als Uraufführung mit dem Titel NAVIGATOR LUNA NORD zur Premiere. Ein Ermittlungsprozess Ein Projekt von Linda Elsner Kooperation im Rahmen einer Masterarbeit mit der Hochschule der Künste Bern Aufführungsrechte: Linda Elsner Eine Frau begibt sich auf eine Reise. Eine Reise zu verlorenen Erinnerungen und der eigenen Identität. Eine Reise von Deutschland nach Togo. Ein Mann, den die Frau nie kennengelernt hat, hat diese Reise vor 55 Jahren in umgekehrter Richtung gemacht. Die Frau beobachtet. Sie erzählt Geschichten, erfahrene und erdachte … Jede Geschichte wird Teil eines Ermittlungsprozesses. Fragmente fügen sich zu einem Bild zusammen. Zu einem Bild des Mannes, der vielleicht der Großvater der Frau war oder auch nur der geheimnisvolle Navigator Luna Nord, der sich einst auf eine Reise nach Deutschland begab. Mit dieser Inszenierung, die zugleich eine Masterarbeit ist, schließt die Schauspielerin Linda Elsner, die seit Herbst 2014 im festen Ensemble des Jungen Theaters ist, ihr Schauspielstudium an der Hochschule der Künste Bern (CH) ab.

Premiere Freitag, 4. September 2015 um 20 Uhr, weitere Termine: 7. und 24. September, jeweils 20 Uhr

Text, Konzept und Inszenierung: Linda Elsner
Regiemitarbeit: Caroline Millner
Ausstattung: Mia Schröer
Dramaturgie: Tobias Sosinka (JT)
Mentor: Michael Stauffer (Hochschule der Künste Bern)
Musik: Benjamin Pogonatos
Mit Linda Elsner, Benjamin Pogonatos

Die ersten Wiederaufnahmen aus dem Repertoire sind am 5. September 2015 um 20 Uhr NATHAN DER WEISE Schauspiel von Gotthold Ephraim Lessing und am 9. September 2015 um 20 Uhr IM WESTEN NICHTS NEUES Romanbearbeitung nach Erich Maria Remarque.

Dienstag, 30 Juni 2015 14:56

Newsletter aus dem Jungen Theater

newsletter juli 2015

Liebe Freunde des JT!

zum Ende der Spielzeit haben wir uns eine besonders schöne Aktion für Euch ausgedacht: Jeder, der uns auf diesen Newsletter antwortet, bekommt eine Freikarte für eine der letzten Vorstellungen in dieser Spielzeit! Also spätestens bis zum 5. Juli eine Email an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Wunschvorstellung angeben und Karte an der Abendkasse abholen! Nur solange der Vorrat reicht!      Hier nun Neuigkeiten aus dem JT!

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aktuell
Die letzte Premiere in dieser Spielzeit ist am kommenden Sonntag, den 5. Juli 2015 um 15 Uhr: Der Miniclubclub (6-9 Jahre) zeigt Von halben Schweinen und Butterblümchen.Spiel- und theaterbegeisterte Kinder haben hier erste Berührungen mit der Theaterarbeit gemacht und können nun präsentieren, was man mit Körper und Stimme alles zum Ausdruck bringen kann.

Das Musikspektakel des JT-Ensembles mit dem Forever 27 Orchestra, der Forever-27-Club, hat am Dienstag, den 7. Juli 2015 ein außergewöhnliches Gastspiel in der Justizvollzugsanstalt Rosdorf. Dank der Förderung von Kunst e.V. Göttingen wird vor ungefähr 30 Inhaftierten, 30 Justizvollzugsbeamten und 60 geladenen Gästen aus Politik, Kultur und Presse live mit Musikern und Schauspielern in der Sporthalle der Anstalt gespielt. Ziel ist es neue außergewöhnliche Kulturräume in Göttingen und Umgebung zu eröffnen.

Am Dienstag, den 7. Juli 2015 um 20 Uhr findet im JT ein Gastspiel der Keiga Dance Company statt. Die Keiga Dance Company ist eine der führenden zeitgenössischen Tanzgruppen Ostafrikas. In ihren Choreografien und Aufführungen verbinden die Ugander ein breites Repertoire an zeitgenössischem Tanz mit der Lebhaftigkeit, Vielfalt und Einzigartigkeit der ostafrikanischen Kultur und Tänze.

Das beliebte Göttinger Gemeinschafts-Karaoke geht in die vierte Runde: Das Göttinger Rudelsingen, findet zum Abschluss der Spielzeit am 15. Juli um 19:30 Uhr statt. Jörg Hillmann (Gesang und Gitarre) und Ingeborg Erler (Klavier und Trommel) präsentieren wieder die schönsten Lieder zum Mitsingen - Schlager, Evergreens, Pop und Rock. Alles ist dabei und das Publikum singt aus vollem Hals!

Viele letzte Vorstellungen stehen uns bevor:

Im Westen nichts NeuesZum letzten Mal in dieser Spielzeit am 2. Juli um 11 Uhr.

Verrücktes BlutEine Produktion des DT Göttingen in Kooperation mit dem JT Göttingen. Zum letzten Mal am 2. Juli um 20 Uhr.

Drei Mal LebenZum letzten Mal in dieser Spielzeit am 4.Juli um 20 Uhr.

MutKooperation mit dem DT GöttingenZum letzten Mal am 6. Juli um18 Uhr.

Forever-27-Club Zum letzten Mal in dieser Spielzeit am 9. Juli um 20 Uhr.

Der SandmannZum letzten Mal in dieser Spielzeit am 10. Juli um 20 Uhr.

Nathan der WeiseZum letzten Mal in dieser Spielzeit am 11. Juli um 20 Uhr.

"Hamlet". ist tot, es lebe Hamlet! Zum letzten Mal am 13. Juli um 19 Uhr.

Der gute Mensch von SezuanZum letzten Mal am 14. Juli um 20 Uhr.

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ausblick

Die erste Premiere in der neuen Spielzeit 2015/2016 wird Katz und Maus nach der Novelle von Günter Grass in der Regie von Intendant Nico Dietrich am 18. September 2015 um 20 Uhr sein!
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DerSandmann DorotheaHeise

rückblick
Im Juni war so einiges los! Gleich ein Stück und zwei Spielclubs feierten Premiere am JT: Der Sandmann (UA), eine Schauer-Performance nach E.T.A. Hoffmann von Peer Ripberger (Empfohlen ab 18 Jahren) am 11. Juni, der Jugendclub mit "Hamlet". ist tot, es lebe Hamlet! nach Shakespeare am 17. Juni und der Kinderclub/YOLA-Club mit Gullivers Reisen nach Jonathan Swift am 21. Juni 2015.

Die II. Schultheatertage haben vom 29. Juni bis zum 1. Juli im Saal des Jungen Theaters stattgefunden. Auch in diesem Jahr haben ausgesuchte Schulen (IGS Geismar, Montessorischule Göttingen, Freie Waldorfschule Göttingen) unter professionellen Bedingungen ihre eigenen Produktionen auf die Bühne gebracht. Zudem gab es interessante Nachgespräche sowie Schüler- und Lehrerworkshops. Es wurde ein spannendes und vielfältiges Programm präsentiert.

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repertoire

Abendspielplan:
Der Sandmann
Der gute Mensch von Sezuan
Drei Mal Leben

Forever 27 Club

"Hamlet" . ist tot, es lebe Hamlet!
Im Westen nichts Neues

Nathan der Weise

Verrücktes Blut

Für Kinder und Jugendliche:
"Hamlet" . ist tot, es lebe Hamlet!
für Menschen ab 14
Mut
für Menschen ab 10

Nathan der Weise für Menschen ab 15
Verrücktes Blut
für Menschen ab 15

Montag, 22 Juni 2015 12:46

Schultheatertage am Jungen Theater

II. Schultheatertage am Jungen Theater Göttingen vom 29. Juni bis 1. Juli 2015

Nach dem großen Erfolg der I. Göttinger Schultheatertage im letzten Jahr werden nun die II. Schultheatertage vom 29. Juni bis 1. Juli 2015 im Saal des Jungen Theaters Göttingen stattfinden. Auch in diesem Jahr werden Göttinger Schulen ausgewählte Inszenierungen, die im Rahmen der Kurse „Darstellendes Spiel“ und in Theater-AG´s entstanden sind, auf der großen Bühne des Jungen Theaters Göttingen präsentieren können.
Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Altersstufen werden unter professionellen Bedingungen ihre eigenen Produktionen auf die Bühne bringen. Zudem wird es auch in diesem Jahr interessante Nachgespräche mit Schülern und Lehrern, Schauspielern und Zuschauern sowie Schüler- und Lehrerworkshops geben. Das Junge Theater freut sich Ihnen ein spannendes und vielfältiges Programm präsentieren zu dürfen:
•    Ein Marathon und ein Krimi der Gruppe Im Pro aus der IGS-Geismar
•    Amadeus legt los! Eine Produktion der Weidenklasse der Montessorischule Göttingen
•    Ein Sommernachtstraum Ein Theaterspiel der 11. Klasse der freien Waldorfschule Göttingen
•    Peer Gynt des 8. – 13. Jahrgangs der IGS in Kooperation mit dem Jungen Theater Göttingen und
•    Abi – was dann? Monologe aus dem 12. Jahrgang der IGS-Geismar

Das Junge Theater zeigt während der 2. Schultheatertage aus seinem Repertoire:
•    „Nathan der Weise“ von Lessing,
•    „Hamlet!“ … ist tot, es lebe Hamlet! Eine Produktion des Jugendclubs am Jungen Theater Göttingen und
•    Verrücktes Blut von Erpulat/Hillje.

Samstag, 13 Juni 2015 17:03

Schauer-Performance mit Smartphone

E.T.A. Hoffmann Der Sandmann im Jungen Theater

Gruselromantik soll nicht aufkommen. Mit einer klaren Absage beginnt der Theaterabend, der sich auf Motive von E.T.A. Hoffmann und seine Erzählung Der Sandmann stützt: „This is not a fairy tale“. Auf der Bühne des Jungen Theaters formiert sich das Schauspielteam mit Linda Elsner, Eva Schroer, Peer Ripberger und Karsten Zinser zum Chor. Es wird kein Märchen zu sehen geben, verkünden sie. Stattdessen soll die Geschichte um einen kindlichen Alptraum und seine Folgen als Warnung verstanden werden.

Zum Fürchten mag dieser Sandmann ja sein, von dem es heißt, er streue Kindern Sand in die Augen wenn sie nicht einschlafen wollen, um ihnen dann die Augen auszureißen und sie im Kreise seiner Lieben genüsslich zu verspeisen. Aber die Warnung bezieht sich auf die Assoziationen, die Regisseur Per Ripberger mit diesem Alptraumbeschwörer verbindet. Überall lauern die Überwachungskameras und die Datensammler, die sich nicht nur an den sozialen Netzwerken bedienen sondern alle Online Kommunikationswege profitabel ausbeuten.

Die Befunde über die Strategien von Datenspionen und Profiteuren setzt Ripberger wie Kommentare zu E.T.A. Hoffmanns Erzählung ein. Seine Inszenierung orientiert sich an den zentralen Passagen der Erzählung, die die Schauspieler immer wieder abrufen. Es ist die Geschichte des Studenten Nathanael, der in dem Wetterglashändler Coppola den Mann wieder zu erkennen glaubt, der ihn als Kind so entsetzte. Er wird von traumatischen Bildern mit blutenden Augen heimgesucht, sieht sein Leben von finsteren Mächten bedroht, verliebt sich in die Puppe Olympia und verliert dann endgültig den Bezug zur realen Welt.

Diese Alptraumfantasien spiegeln auch die Videos von Katarina Eckold mit den Collagen von Puppenkörpern und Köpfen und den maskenhaften Gesichtern, denen das Blut aus den leeren Augen tropft. Immer wieder werden Berge von Augen eingeblendet und ganz im Sinne von Hoffmanns Sandmann und seinen genießerischen Vorlieben wie Gebäck arrangiert.

Ripberger spitzt dieses Konzept einer Schauer-Performance noch ein bisschen zu, wenn er mit dem Kunstmärchen auf Datensammler, Spekulanten und Profiteure anspielt. Die Zuschauer sind aufgefordert, ihre Smartphones zu aktivieren und auf einer Sandmann-Homepepage ihre Kommentare zu diesem Abend zu hinterlassen. Auch die Selfies des Regisseurs können sie abrufen, was allerdings nicht ohne Folgen bleibt. Er macht drei User auf der Bühne nicht nur namentlich öffentlich sondern auch mit ihren privaten und biografischen Daten.  Manch einem vergeht vielleicht auch der Spaß an dieser Form von interaktivem Theater, wenn er sich von der Kamera an der Kasse des Jungen Theaters erfasst sieht und für die schaurige Prognose über Netzgewalten und Datenkontrollen vereinnahmt fühlt.

Auch mit der ungebremsten Sensationslust auf Netzneuigkeiten spekuliert der Abend und mit einer Fülle von Bildern bei denen vor allem die Wirkung zählt. Wenn die Schauspieler vor der Kamera ein Waterboarding Szenario nachspielen und einen Kuhkopf operieren, dessen Augen darf das besonders gruselig anmuten.

Die schöne neue Medienwelt lebt eben auch von Inszenierungen und von Schockeffekten, die in dieser Schauer Performance natürlich nicht fehlen dürfen. Es mag an diesem Abend auch um die Frage gehen, welche Bilder den Blick auf die Realität erhellen und welche davon eigentlich ablenken. Dazu liefert er ebenfalls jede Menge szenisches und visuelles Anschauungsmaterial. Schön schaurig wirkt das, aber eben doch sehr spekulativ in dieser Melange aus Hoffmanns Text und den soziologischen Befunden, mit deren Warnsignalen in dieser Performance mehr gespielt als reflektiert wird.

Ein Theaterstück über Strukturwandel von Kultureinrichtungen im ländlichen Raum

Das Junge Theater Göttingen freut sich über eine Förderung in Höhe von 18.500 € von der Kulturstiftung des Bundes. Im Rahmen der Förderung wird ein Theaterstück über den Strukturwandel von Kultureinrichtungen im ländlichen Raum  entstehen.

Das Junge Theater Göttingen erarbeitet unter der Autorenschaft von Nico Dietrich ein Theaterstück, das sich mit dem Strukturwandel in den ländlichen Regionen auseinandersetzt. Im Fokus steht dabei vor allem die zukünftige Entwicklung von  kulturellen Einrichtungen in Südniedersachsen. Einen weiteren Schwerpunkt legt der Autor auf die beiden fusionierenden Landkreise Göttingen und Osterode.

Dietrich reist durch die Landkreise und interviewt Menschen der Regionen und befragt sie nach ihren Wünschen, Visionen und Vorschlägen für die Zukunft ihrer ländlichen Region und ihrer kulturellen Angeboten angesichts immer weiter  schrumpfender Bevölkerungszahlen in den Landkreisen.

Am Ende wird ein Theaterstück entstehen, das im Oktober 2015 im Jungen Theater zur Premiere kommt. Gespielt wird das Stück vom Ensemble des Jungen Theaters. Das Stück soll nach der Premiere in den Spielplan des Jungen Theaters  aufgenommen werden und auch mit Gastspielen in den Landkreisen vor Ort präsentiert werden.

Nico Dietrich, seit September 2015 Intendant des Jungen Theaters Göttingen, hat bereits gefeierte Dokumentartheaterstücke über die Sicherungsverwahrung in Niedersachsen („Wegschließen und zwar für immer“ ‐ DT Göttingen und dem  Schlosstheater Celle 2014) und das Thema Asyl („Das Boot ist voll“ – FWT Köln 2014) geschrieben und inszeniert.

Das aktuelle Projekt entstand auf Initiative des Landschaftsverbandes Südniedersachsens und wird gefördert von der Kulturstiftung des Bundes.

Montag, 04 Mai 2015 12:48

Es geht – und wie!

Nathan der Weise im Jungen Theater

Nathan der Weise im Jungen Theater. Wie soll das gehen? Die Auflistung der Rollen im Stück übersteigt die Anzahl der Ensemblemitglieder deutlich: Zehn Personen werden aufgeführt, „nebst verschiednen Mamelucken des Saladin“. Dazu kommen noch etliche Bühnenbilder für die fünf Aufzüge und zahlreichen verschiedenen Szenen in den gut drei Stunden erforderlich sind, die der Originaltext vorschreibt.

Als Intendant Nico Dietrich und Regisseur dieses Stückes Tobias Sosinka vor einiger Zeit ankündigten, dieses Werk auf die Bühne zu bringen, lautete auch wegen der Größe des Stückes die Frage: wie viel Lessing dürfen wir denn erwarten? Die Antwort blieb damals offen.

Dass das Team des Jungen Theaters sich entschieden hat, das Stück weitgehend unangetastet zu lassen, darf, ja muss ihm sehr hoch angerechnet werden. Der Originaltext des großen Dichters der Aufklärung konnte so die Aufführung tragen. Sosinka ließ der Sprache großen Raum, kurze Toneinspielungen waren angenehm zurückhaltend.

Ein paar Rollen wurden gestrichen, das Werk dadurch auf etwas gekürzt. So fehlen der Derwisch und der Emir. Und für die Rolle des Patriarchen hat sich Sosinka zu einem Kunstgriff entschieden: die Rolle wird gleich von mehreren Personen dargestellt.

Doch der Reihe nach:

Auf das Bühnenbild wird weitgehend verzichtet. Das Publikum sieht schon vor Vorstellungsbeginn eine leere Bühne. An den Seiten stehen verschiedene Kisten, die nach und nach zum Vorschein kommen und unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Dadurch und durch die faszinierenden Lichteffekte wirkt die Bühne abwechslungsreich. Und da das gesamte Theaterpersonal in dieser Inszenierung stark eingebunden ist, dürfen die Akteure die Dekoration selber aufbauen – und auch wieder aufräumen.

Nathan kommt von einer Reise zurück – da sind gleich einige Kisten als Gepäckstücke dabei. Man lernt die Hauptperson des Abends sogleich als Sympathieträger kennen: offen, optimistisch, erfolgreich, umtriebig – eine positive Eigenschaft reiht sich im Laufe des Abend an die andere. Das wirkt vor allem durch die Verkörperung durch Jan Reinartz glaubwürdig. Reinartz IST Nathan. Dazu gehört nicht nur die Deklamation des Textes. Beinahe die stärkste Szene mit ihm ist die ohne Worte: kurz vor der Pause wird ihm von Saladin die entscheidende Frage gestellt, welche Religion denn die wirklich wahre sei. Nach der Pause soll die berühmte Ringparabel folgen. Aber Nathan bereitet dies noch vor: sieben Steine verkörpern (wie wir später erfahren) seine sieben ermordeten Söhne. Diese Steine werden von ihm drapiert. Immer wieder umgesetzt. Wie in einem Hütchenspiel (wo ist denn nun die wahre Religion drunter?). Und endlich liegen sie richtig – nur so kann das berühmte Märchen vom Vater, seinen Söhnen und den drei gleichen Ringen erzählt werden. Regie, Ausstattung, Dramaturgie und Licht haben in dieser Szene, die es bei Lessing ja gar nicht gibt, gemeinsam Großartiges geleistet.
Eva Schröer ist als Recha die junge, leicht beeinflussbare Tochter des Juden Nathan. Beeinflusst wird sie unter anderem durch ihre Ziehmutter Daja – einer Christin. Von Agnes Giese sind im Laufe ihrer vielen Jahre am Jungen Theater schon unglaublich viele Charaktere zu sehen gewesen. Und auch hier überzeugt Giese als intrigante Christin. Damit auch niemand versehentlich diese Figur lieben kann, wurde sie vielleicht eine Spur zu lächerlich kostümiert.

Ali Berber ist der Anlass der zahlreichen Verwicklungen: der Tempelherr rettet Recha aus den Flammen, verrät Nathan beim Patriarchen und ist am Ende der Schlüssel für die Schlussaussage Lessings: alle Religionen sind verwandt und bilden eine Familie. Berber überzeugt als ungeduldiger, junger Mann. Seine Artikulation dürfte jedoch gerne noch etwas verbessert werden. Es würde schlicht der Verständlichkeit der Worte dienen.

Götz Lautenbach war schon häufiger Gast im Jungen Theater, auch in der Regie. Als Klosterbruder ist er beim „Nathan“ dabei. Wunderbar, wie er diesen aufrechten, ehrlichen Bruder spielt und seinen Beitrag zur Aufklärung der Verwicklungen leistet.

Karsten Zinser als muslimischer Herrscher in Jerusalem ist großmütig, mild und gerecht. Vielleicht ist Zinser ein wenig zu jung für diese Rolle. Ganz bestimmt ist er das als Onkel Rechas und des Tempelherren. Er macht diesen kleinen Malus wett durch die Sympathiewerte, die er im Laufe des Abends erringt. Begünstigt wird das durch die kluge und gewitzte Schwester Sittah, ganz wunderbar und sehr sportlich dargestellt von Linda Elsner.

Diese durfte zwischendurch mit Kolleginnen und Kollegen den Patriarchen mimen. Gemeinsam zogen sie singend („Dies ira, dies illa, solvet saeclum in favilla“ – der mittelalterliche Hymnus vom Jüngsten Gericht) auf die Bühne. Unbarmherzig und dogmatisch verurteilen sie alle Andersgläubigen. Und vor allem den Juden Nathan, der eine Christin als Jüdin aufzieht.

Auch diese Szene ist ganz hervorragend gelungen. Es ist nur in der heutigen Zeit kaum verständlich, warum die Muslimen mit Waffen (in Bild und Ton) auftreten müssen. Das lenkt die hochaktuelle Frage, wie denn diese drei Religionen miteinander umgehen und wie sie miteinander umgehen sollten, in eine etwas einseitige Richtung. Dass die Wahrheit nicht so eindeutig ist, hat Lessing in seinem Werk deutlich gemacht.

Nathan der Weise im Jungen Theater. Wie soll das gehen? Es geht – und wie! Das fand auch das Premierenpublikum, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler kaum von der Bühne lassen wollte.

 

Freitag, 20 März 2015 23:00

Kein Platz für Smalltalk

Drei mal Leben von Yasmina Reza im Jungen Theater

Ein Keks nach dem Zähneputzen? Auf gar keinen Fall, erst reicht kein halber Apfel. Es wird wohl nix mit dem gemütlichen Familienabend von Sonja und Henri. Entsprechend explosiv ist die Atmosphäre auf der Bühne des Jungen Theaters, und das nicht nur, weil das Kind gerade pausenlos quengelt.

Für ihr Stück Drei mal Leben hat Yasmina Reza das bürgerliche Wohnzimmer erneut zur Kampfzone erklärt. Ähnlich wie in ihrer Erfolgskomödie „Gott des Gemetzels“ stehen mit Henris Vorgesetztem Hubert und seiner Frau Ines auch schon bald die passenden Kontrahenten vor der Tür, die für weiteren Aufruhr sorgen. Ihr Besuch war eigentlich für den nächsten Abend geplant und sollte Henris Karriere den dringend benötigten Auftrieb zu verschaffen. Die lang überfällige Publikation des Astrophysikers ist endlich fertig und müsste jetzt eigentlich als Aufsteigerbonus funktionieren.

Das schwarze Ledersofa, dass Karsten Zinser und Linda Elsner jetzt hektisch hin- und herschieben, ist gut gepolstert. Es muss auch einiges aushalten. Zwischen  Käsehäppchen, Fingerfood und Kindergebrüll ist kein Platz für Smalltalk. Auch von Jan Reinartz und Agnes Giese wird gestichelt, gelästert und taktiert, gern auch unsanft gedrängelt. Zwei Frauen im selben blauen Designerkleid. Das kann nicht gut gehen. Erst recht nicht wenn die Jüngere das Karrieremuttermodell repräsentiert und die Ältere als sozial engagierte Haufrau in der akademischen Oberliga punkten muss. Zwischen Henri und Hubert steht auch nicht alles zum Besten. Ich möchte ihn bewusstlos schlagen, brüllt Karsten Zinser, als das Kindergebrüll erneut einsetzt. Genau so gut könnte er Jan Reinartz meinen. Der hatte seinen Henri nämlich gerade mit der Nachricht auf ein Abstellgleis manövriert, dass das Thema seiner wissenschaftlichen Publikation scheinbar schon ein anderer bearbeitet hat.

Untereinander sind die Ehepaare ebenfalls großzügig mit Sticheleien und Gehässigkeiten, die mit zunehmendem Promillepegel umso bösartiger ausfallen. Sehr zum Vergnügen des Publikums, das auf der Bühne vier Schauspieler erlebt, wie sie ihre Figuren aus der Rolle fallen lassen und ein schaurig schönes Chaos anrichten. Doch damit ist der Abend noch längst nicht gelaufen, weil Yasmina Reza ihre Komödie um zwei Ehepaare und eine kleine Nervensäge kunstvoll variiert. Sie gönnt ihnen zwei weitere Versuche, den gemeinsamen Abend wenigstens ein bisschen harmonischer über die Bühne zu bringen.

Man sollte sich von dem anfänglichen Schmusekurs um Henri und Sonja nicht täuschen lassen und auch nicht von dem Eindruck dass die Gäste jetzt offenbar ebenfalls weniger zerstörerisch gestimmt sind. Beim dritten Versuch quittiert Henri die Nachricht seines Vorgesetzten schon fast mit Gelassenheit, während sich Hubert einmal mehr mit Sonja an einem weiteren intimen Sofatest versucht. Die Vorräte an Wein und Wodka sind schon reichlich dezimiert, wenn Regisseurin Christine Hofer die beiden Variationen eines verkorksten Abends ebenso turbulent und komisch ausufern lässt. Dabei verflüchtigt sich leider die Wirkung von Yasmina Rezas subtiler Dialogstrategie immer mehr. Ihre Figuren liegen ja weiterhin ständig auf der Lauer, auch wenn sie jetzt ihr Punktekonto scheinbar etwas netter aufrüsten. Aber hier genießt das Publikum vor allem die Slapsticks, wenn der Wodka nicht das Glas trifft und der Sprung auf das Sofa auch beim wiederholten Male zur Bauchlandung auf dem Bühnenboden wird. Auch Henris heiliger Bücherturm bekommt weiterhin Tritte ab, selbst wenn die jetzt eher versehentlich anmuten.

Ausstatter Dirk Seesemann hat ein Seil vor die Kampfzone gespannt, das immer wieder zur Stolperfalle wird, wenn sich die Paare ihrem wechselseitigen Schlagabtausch strategisch verheddern. Als Transportseil liefert es auch den nötigen Stoff zum Weitermachen. Von der Galerie aus verhindert Katharina Binder in der Rolle der eifrig bemühten stummen Forschungsassistentin mögliche Durststrecken mit einer stets gut gefüllten hölzernen Getränkekiste. Auf Abruf versteht sich, weil Christine Hofers Inszenierung von Drei Mal Leben sich auch als Versuchsanordnung versteht und als Spiel vom Fragen: Was wäre wenn das Kind nicht andauernd brüllen würde? Wenn die beiden Ehepaare vielleicht noch über harmonische Reserven verfügen und wenn das ständige Publizieren müssen den Wissenschaftsbetrieb nicht völlig vereinnahmen würde? Kurz vor dem Lallstadium bleibt von dieser Idee einer Versuchsanordnung natürlich nicht mehr viel an substanziellem Gesprächsstoff übrig. Yasmina Reza Figuren geben hier im Grunde auch keinen Anlass zu Einsichten, weil sie schon vor dem verkorksten Abend mit ihrem Lebens- und Alltagsfrust hadern. Auf der Bühne machen sie ihrer Wut dann halt endlich mal Luft. Ändern wird das nichts. Aber wenigstens das Kind ist am Ende ruhig gestellt, auch wenn die Erwachsenen die Fingerfood Reserven am liebsten ganz allein vernascht hätten.

Freitag, 13 März 2015 22:50

Die Suche nach MUT und Sinn

Zur Premiere am Jungen Theater - in Kooperation mit dem Deutschen Theater (Uraufführung)

Der Geheimbund MUT der drei Jungs Max, Uwe und Timo wird auf eine harte Probe gestellt: Krabbe, Uwes Schwester, möchte der Gruppe angehören. Dies löst emotionale Streitereien zwischen den drei Jungs aus, die nicht zuletzt dadurch befeuert wird, dass Max und Timo insgeheim doch mehr Sympathie für Krabbe übrig haben, als es jugendliche Coolness erlaubt: Max gibt zu, sie eigentlich okay zu finden. Was übersetzt wohl heißt: Er mag sie, kann es aber nicht außerhalb der entsprechenden jugendlich-habituellen Verhaltensweisen aussprechen.

Schon bei dem Unbehagen, Worte offen auszusprechen, wird das eigentliche Thema des Stückes mit gleichnamigem Titel offensichtlich: Es soll an diesem Abend um Mut gehen. Nicht nur den Mut eines heranwachsenden Teenagers, Mut zu haben und zu seiner Neigung einem Mädchen gegenüber zu stehen, sondern auch um Mut, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, Mut, für seine Freunde einzustehen und nicht zuletzt die nötige Portion Mut, um als heranwachsender Mensch durchs Leben zu gehen.

Es geht um die vielen kleinen Herausforderungen junger Menschen, denen sie mutig, aber in anderen Momenten auch weniger mutig, gar ängstlich und unsicher begegnen. Dass es letztlich um eine Mutprobe geht, dürfte ein Stück mit dem Titel Mut, welches explizit für Jugendliche erdacht wurde, erahnen lassen. Denn Krabbe darf nur Mitglied des Geheimbundes werden, wenn sie zu einer Mutprobe gegen Max antritt. Dieser darf sich die Aufgaben dieser Prüfung ausdenken. Dass er keine leichte Aufgabe wählen wird, passt zu seinem eher gemeinen Gewand gegenüber Krabbe. Aber das ist ja nur die jugendliche Verschleierung der eigentlichen Gefühle gegenüber einem Mädchen.

Zu einem solchen Stück gehört auch, dass das tragische Moment in Form eines Unfalls bei eben jener Mutprobe eingeführt wird und die Jungs vor eine große – wiederum Mut erfordernde – Herausforderung stellt.

So weit so gut. Ein Jugendstück, mit einem für Jugendliche dramatisierten Thema. Verfasst wurde das Stück von Theo Fransz, der schon für andere deutsche wie niederländische Theater Stücke erdacht hat.

Nun zur eigentlichen Frage nach der Premiere eines Stückes, welches sich gezielt an Jugendliche wendet: Wie erreiche ich diese Jugendlichen mit meiner Geschichte und ihrer Message? Wie kann ich die so Adressierten zum Nachdenken anregen? Der Autor dieser Rezension wird die Frage aufgrund seines Alters nicht beantworten können und es sei den jugendlichen Besuchern vorbehalten, ein eigenes mutiges Urteil zu fällen. Jeder dieser Jugendlichen dürfte die eigentliche Geschichte um den Geheimbund und die Mutprobe verstanden haben. Doch muss sich das Stück und die Inszenierung die Frage gefallen lassen, was eigentlich die beiden bisher nicht erwähnten ominösen Gestalten Boss und Igor für eine Funktion innehaben und welche Botschaft sie im Kontext der eigentlichen Handlung erfüllen sollen. Gibt es eine? Ist es eine Art provokatives Muss gewesen, die Geschichte mit einem in Frauenkleidern steckenden Boss und einem buckeligen, dümmlich daherkommenden Igor zu rahmen? Geht es um Unterhaltung, indem beide ihre Texte in witzigen und Lacher erhaschenden Akzenten vortragen? Steckt im Akzent Igors, der sofort bestimmte Assoziationen und tagespolitische Debatten in Erinnerung ruft, gar eine versteckte Kritik? Dann ist Boss wahrscheinlich auch ein mutiger Aufruf zu mehr Toleranz gegenüber Männern in Frauenkleidung – klar, viele Kinder amüsieren sich über sowas. Was meint die Inszenierung, wenn jugendliche Raufereien gleich in imaginierte, wilde wie überzeichnete Actionszenen mit wildem Geballere übergehen?

Vielleicht sind all diese Fragen aus den Augen eines erwachsenen Menschen auch viel zu ernst genommen. Vielleicht wurde viel zu viel interpretiert, gedacht und assoziiert. Vielleicht sehen Jugendliche das Stück mit ganz anderen Augen.
Vielleicht muss aber auch danach gefragt werden, welche Geschichten ein an Jugendliche adressiertes Theater erzählen möchte und vor allem: Wie sie erzählt werden. Dass ein Thema wie Mut relevant ist, steht außer Frage. Erwähnt sei zivilgesellschaftliche Teilhabe oder den Mut, für seine Meinung einzustehen. Doch dem widmete sich diese hektische und teilweise leere Inszenierung kaum, außer mithilfe einer recht banalen Geschichte à la Kinderfernsehen.

Demgegenüber stand eine brillante und sehr beeindruckende schauspielerische Leistung der vier Schauspieler Ali Berber (Timo), Benedikt Kauff (Max), Nikolaus Kühn (Uwe) und Eva Schöer (Krabbe), die mit ihrer Leistung großen Eindruck hinterließen und bei all den Nachfragen nicht unerwähnt bleiben darf. Besonders das schnelle Changieren zwischen stürmisch-kindlichem Gemüt, exzentrischen Ausbrüchen und einem gedankenverlorenen Sinnieren über Mut und auch Liebe wobei noch immer ein Charakter der Rolle durchschien, sei hervorgehoben.

Über ihre Eindrücke, wie diese Umsetzung des Themas Mut gelungen ist, mögen die Jugendlichen jedoch selbst diskutieren und vielleicht zu ganz anderen Anregungen kommen, denn jede Diskussion nach einem solchen Stück ist wünschenswert und eigentlich verpflichtend.

Donnerstag, 05 Februar 2015 17:41

Treffen der freien Theaterszene

Das Junge Theater Göttingen soll in Zukunft Knotenpunkt der bundesweiten freien Theaterszene werden: Am 11. Februar 2015 findet zu diesem Zweck erstmalig ein Vernetzungstreffen der freien Theater unter Federführung der Freien Werkstatt Köln und des Jungen Theaters Göttingen statt. Es werden Theaterleiter/-innen aus München, Leipzig, Köln, Stuttgart, Hamburg und Berlin anwesend sein.

Mittwoch, 04 Februar 2015 00:09

Zu früh für eine tödliche Dosis

Die Rocklegenden  des „Forever 27 Club“ im Jungen Theater

Es war immer eine explosive Mischung, ob nun bei Jimi Hendrix oder Janis Joplin, Jim Morrisson, Curt Cobain oder Amy Winehouse. Viele Motive lassen sich haftbar machen für den frühen Tod der Rock- und Popikonen, die mit 27 endgültig  abstürzten.  Drogen, Alkohol und Tabletten, Depressionen und Einsamkeit und das in Kombination mit zerstörerischen Beziehungen oder einer Vorgeschichte mit brutalen Vätern.  Geschichten, die einfach nicht gut enden konnten.

In der musikalischen Revue „Forever 27 Club“ die Jörg-Martin Wagner am Jungen Theater entwickelte und inszenierte, kollidieren all diese Geschichten. Viele sind bereits in den Songs eingelagert, die den Abend grundieren. In „Hey Joe“ und in  „I don’t live today oder in einem „Kozmic Blues“. Auch Jim Morrisons visionärer Rausch “Break on through to the other side” hält nicht lange an, wenn nun im Halbrund des Bühnenraums die Farbstimmungen wechseln und die Songs auch szenisch eingebettet werden. Jimi Hendrix verkorkste Kindheit, Janis Joplins morbide Show als Whisky Ikone, der Drogen Showdown in den sich Curt Cobain hinein steigerte, bis er schließlich zur Schrotflinte griff. 

Nicht alle biografischen Short cuts, mit denen das JT Team auf die musikalischen Stimmen der Revolte und der Provokationen zusteuert, lassen sich unmittelbar zuordnen.  Irgendwas ist bei allen Mitgliedern dieses „Forever 27 Club“ schief gelaufen,  die Linda Elsner, Agnes Giese und Eva Schröer, Ali Berber, Karsten Zinser und Jan Reinartz als  brüchigen Ikonen vorführen.

In schmuddeligen Bademänteln und als wilde Berserker, mental und körperlich ausgehungert oder auch in einer glänzender Verpackung, die dann irgendwann zum Erstickungstod führen muss. Es sind Bilder eines leidenschaftlich höllische Desasters, die mit jaulenden Gitarren und den wummernden Beats von Bass und Schlagzeug verwebt werden, während die Orgelsounds atmosphärisch vibrieren und das Cello den von Schmerz und Verletzlichkeit nachspürt.

Die Band mit Marius Prill, Sebastian Strzys, Sven von Samson und Oliver Neun bildet nicht nur das musikalische Rückrat des Abends. Ihr Sound verdeckt auch die Schwächen des Abends. Jörg-Martin Wagner hat seine Arrangements  auf die stimmlichen Ressourcen des Ensembles abgestimmt. Aber die erschöpfen sich mitunter und das auch ganz  unabhängig von den Echos, die die Originalinterpreten eben immer noch auslösen.  Dann verflüchtigt sich auch der musikalische Rausch, zu dem die 27 Club Ikonen ja weiterhin verführen, mit all den Abgründen und Abstürzen, die ihre Fans ebenso bewegten wie ihre Musik, auch nach der tödlichen Dosis, die sie viel zu erwischte.

Donnerstag, 18 Dezember 2014 00:00

Förderung für das Junge Theater

Rat der Stadt Göttingen bewilligt einen 4‐jährigen Fördervertrag mit dem Jungen Theater Göttingen

Nach der wechselvollen und existenzbedrohenden Geschichte des Jungen Theaters Göttingen stimmte der Rat der Stadt Göttingen am vergangen Freitag, den 12.Dezember einem vierjährigen Fördervertrag mit der Neues Junges Theater GmbH zu. Damit sind die Grundsteine des Fortbestandes des künstlerisch eigenständigen Ensembletheaters für die nächsten 4 Jahre gelegt.

Es wurde der Antrag bewilligt, den bisher einjährigen Zuschuss‐Vertrag durch einen 4‐Jahresvertrag von 2015 bis 2018 zu ersetzen. Für das Jahr 2015 ist ein Gesamtzuschuss in Höhe von 622 600 €, für 2016 der Betrag 612 600 € und für die Jahre  2017 und 2018 von jeweils 607 600 € (inklusive Mietkostenzuschuss) vorgesehen.

Zur Erinnerung: Nach der zweiten Insolvenz des Hauses im Jahr 2010 und dem Entschuldungshilfeprogramm (EHP) folgte eine Diskussion um Fusion mit dem Deutschen Theater Göttingen. Eine solche Fusion wird aber seit Sommer 2013 nicht mehr  angestrebt. 2012 betrugen die Zuschüsse noch 722 000 €. Im Jahr 2013 verließ der Intendant Andreas Doering das Junge Theater. Es schloss sich eine einjährige Interimsspielzeit (2014/15) unter der Leitung von Udo Eidinger und Eva Maria  Baumeister an. Seit September 2014 ist Nico Dietrich Intendant des Jungen Theaters Göttingen.

Durch die Bewilligung des Fördervertrages erlangt das Junge Theater nach längerer Zeit der Unsicherheit nun eine Planungssicherheit, die den künstlerischen Betrieb sichert. Intendant Nico Dietrich ist erleichtert: "Für das Vertrauen der Ratsmitglieder der Stadt Göttingen in unsere  künstlerische Arbeit sind die Mitarbeiter_Innen des Jungen Theaters Göttingen sehr dankbar. Wir freuen uns sehr über diese Unterstützung nach dem erfolgreichen Start unter der neuen Intendanz von Nico Dietrich. Nach dem Start der Spielzeit  2014/15 mit 9 Premieren in 11 Wochen, einem Festival für Freie Theaterschaffende und einem ersten Kooperationsprojekt mit dem Deutschen Theater blicken wir voller Tatendrang in die Zukunft."

Donnerstag, 11 Dezember 2014 16:49

Crash-Kids auf der Überholspur

Premiere am Jungen Theater

Wenn der Motor bei Vollgas aufjault, vibrieren die Sinne auf der Überholspur. Colly liebt dieses berauschende Gefühl und kommt damit auch bei Viper gut an. Cool ist das, wie er spontan eine dieser Bonzenschleudern kurzschließt, eine Kreditkarte abgreift und auch noch schnell ihre Lieblingspizza bestellt, um erneut mit ihr durchzustarten. Wen stören schon die paar Blechschäden, wenn der Kies beim nächsten Powerslide nur so spritzt und es dabei fast zum Crash kommt. Grenzen sind schließlich dazu da, dass sie ausgereizt werden. Das sind die berauschenden Momente, wie sie die „Crash Kids“ in der Inszenierung von Sebastian Stolz auf der Bühne des Jungen Theaters genießen, Freiräume, in die sich gefälligst niemand einzumischen hat.

Für seine Fassung des Stückes von Marcus Romer hat Stolz auf alle Etikettierungen verzichtet, die an den Motiven für den dramatischen Roadtrip eines jungen Paares sozialpädagogisch laborieren. Eva Schröer und Ali Berber spielen keine jugendliche Looser, für die sich fiese Eltern haftbar machen ließen oder fehlende Zukunftsperspektiven. Sie nehmen sich ihrer Geschichte an. Eine Schülerin und ein vermeintlicher Aussteiger verlieben sich ineinander. Sie  müssen dann halt dem ganzen Programm an Ängsten und Unsicherheiten klar kommen, Möglichst attraktiv und selbstbewusst wirken, genug Sprüche auf Lager zu haben und immer die richtige Taktik, um die eigene Verletzlichkeit zu tarnen. Stundenlang über das passende Outfit für das erste Date zu grübeln gehört dazu oder den anderen warten lassen, um sich lieber heimlich ganz unbändig über eine rote Rose zu freuen. Lässig in sich hinein zu strahlen, bedeutet auch Lebenslust und Hunger nach mehr. Und was irgendwie nach Zukunft klingt oder nach Angst, dass dieses Glücksgefühl irgendwann aufhört, verflüchtigt sich bei den nächtlichen Abenteuerfahrten. Zumindest eine Zeit lang, bis sich die Alarmzeichen nicht mehr wegblenden lassen. Vipers Schwangerschaft und Collys Panik, doch nicht alles unter Kontrolle zu haben, führen auf eine Beschleunigungsspur, die keinen Spaß mehr macht und auch nicht mehr berauscht.  Bei der letzten gemeinsamen Crashfahrt stirbt ein Kind. Nun lassen sich die Blaulichtverfolger auch nicht mehr abhängen.

Erzählt wird die Geschichte der beiden Crash-Kids quasi im Rückwärtsgang, so als ob rückblickend noch irgendeine Korrektur der Ereignisse hätte stattfinden können. Der Gestalt, die an der Bühnenkante vor dem kleinen schwarzen Kreuz innehält und an dem Rosenstrauß nestelt, fehlen noch die Worte. Aber dann wird sie sich in ein Abenteuer stürzen, dass sie am Ende wieder an diesen traurigen Ort zurückführt. Für das, was Viper und Colly durch den Sinn geht, wenn sie nicht gerade auf der mobilen Sitzbank den nächsten Lebenstemporausch genießen, greifen Eva Schröer und Ali Berber zum Mikrofon. Sie lassen die vielen stürmischen und leidenschaftlichen Short Cuts wie zwei staunende Chronisten Revue passieren. Videos werden eingeblendet von nachdenklichen Müttern und von Freunden, die auch nicht so recht wissen, worauf das Pärchen noch zusteuern will. Hinzu kommen die Bilder  von rasanten Fahrmanövern, wie sie auch am PC verführen, einfach noch mal einen Gang zuzulegen während auf der Bühne die jugendlichen Sehnsüchte kollidieren und das Publikum auch ein bisschen berauschen.

Montag, 03 November 2014 00:36

Die Geschichte des Lagers hat viele Lesarten

Schön, dass ihr da seid! - Friedlandprojekt des Jungen Theaters

Der Übersetzer sucht nach Worten für jedes dieser Fluchtschicksale: „Wir können nicht falsch übersetzen was wir nicht verstehen, oder was wir nicht kapiert haben.“ Auf der Bühne des Jungen Theaters wird nun ein Video eingeblendet, allerdings ohne Übersetzungshilfe für ein Gesicht und seine Geschichte, die irgendwo in Afghanistan in einer fremden Sprache beginnt. Nach all den Zeitdokumenten, den Interviews und den Pressekommentaren über das Lager Friedland verstören diese Bilder umso mehr. So einfach ist es eben doch nicht, mit den wissenschaftlichen Befunden, an denen sich diese szenische Dokumentation orientiert. Es sind die Texte von Studierenden des Institutes für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie, die Regisseur Kai Tuchmann mit Linda Elsner Eva Schröer, Ali Berber und Karsten Zinser vom JT Ensemble dokumentarisch in Szene setzt. Doch mit diesem Video, das ohne Erklärungen Übersetzungshilfen und Kommentare gezeigt wird, deutet er auch auf die Grenzen eines akademischen Diskurses auf der Bühne. Er funktioniert nicht ohne Empathie, ohne das Gefühl für das Klima der Befremdung und des Fremd seins, das die Bewohner des Lagers tagtäglich erfahren. Und dass es sich auf die Zuschauer übertragen muss, wenn sie von diesem Abend mehr als nur eine szenisch belebte Sammlung von Fakten und Interpretationen zur Geschichte Friedlands erwarten.

Die Schauspieler geben den Texten ihre Stimme. Den Auszügen aus einem Gespräch mit Friedländern und ihren Erfahrungen in der Nachbarschaft des Lagers. Wie sie die Menschen erleben, denen sie im Supermarkt begegnen oder
vor einer der Gemeinschaftsunterkünfte. Wie sie die Nachrichten über die Ankunft der syrischen Kontingentflüchtlinge beurteilen und die aktuelle Asylpolitik.  Dass es syrische Familien gibt, die diesen Sonderstatus nicht genießen und gemäß der Dublin II –Regelungen keinen unmittelbaren Zugang zum Arbeitsmarkt haben und keine Sozialhilfegarantien, kommt in einem anderen text zur Sprache.  Auch die Bilanz der Studierenden, die das Lager als weitere ausführende Instanz für die bürokratischen Zwänge des Asylsystems beschreiben.

Die verbale Anteilnahme Joachim Gaucks bei seinem Friedlandaufenthalt wird kontrastiert mit der standardisierten Befragung eines Asylsuchenden, der seine Existenz nicht dokumentarisch nachweisen kann. Die Tatsache, dass das Lager immer wieder für politische Meinungsbilder instrumentalisiert wurde, zieht sich dabei  wie ein roter Faden durch diese dokumentarische Chronik. Wie sich zum Beispiel die Bundesrepublik bei der Aufnahme der  vietnamesischen Boatpeople überaus fremdenfreundlich zeigte und ganz schnell die passende Gesetzesnovelle verabschiedete. Von der hätten auch gerne chilenische Emigranten profitiert, nur dass sie leider dem sozialistischen Lager zugerechnet wurden und nicht wie die Südvietnamesen vor einem kommunistischen Terrorregime geflüchtet waren.

So euphorisch wie 1955 die Ankunft von 10000 Soldaten aus russischer Kriegsgefangenschaft gefeiert wurde war der Empfang der zahlreichen Russlanddeutschen in Friedland nicht. Für sie beschwören die Schauspieler erneut im Chor „Das Tor zur Freiheit“ um dann zu berichten, wie  sehr gerade in der Nachkriegsgründerphase des Lagers nicht nur ehemalige Wehrmachtssoldaten von der Täter- in die Opferrolle manövriert wurden: Dass Friedland hier auch symbolisch für den bundesweiten Konsens stand, die nationalsozialistische Verbrechensherrschaft zu verdrängen.

In diesen Kontext werden Zitate aus Wolfgang Borcherts Schauspiel „Draußen vor der Tür“ eingeblendet. Karsten Zinser demonstriert die wachsende Verzweiflung eines Kriegsheimkehrers, der seine Heimat nur noch als fremd und geschichtslos erlebt und sich in seinen Traumata verliert. Auch dieser dramatische Exkurs bleibt nicht unkommentiert, wenn die Schauspieler in einem Text auf die Rezeptionsgeschichte des Stückes verweisen und dass es bis Ende der 1960er Jahre zu den meist gespielten Stücken gehörte um dabei das Bild des unschuldig leidenden Kriegsheimkehrers weiterhin unkritisch zu verfestigten.

An diesem dokumentarischen Theaterabend kollidieren Zeitzeugenberichte und Politikerstatements mit Zeitungsberichten, Statistiken und aktuellen Befunden Sie machen so auch hellhörig für die unterschiedlichsten Meinungen, die über die Bedeutung das Lagers und seine politische Funktion kursieren, und das mit der Aufforderung, sie ständig zu hinterfragen. Wenn frühere Bundespräsidenten wie Richard von Weizäcker in Friedland „Schön, dass ihr da seid!“ verkünden während die Abschiebeentscheidungen eine neue Höchstquote erreichen. Oder wenn Joachim von Gauck sich in die syrische Schicksale vor Ort einfühlen möchte, die von den Dublin II Regelungen ausgenommen sind.

Natürlich ist auch ein kritisches Politikerstatement fällig: Über all die potentiellen Terroristen, die sich unter den Asylbewerbern getarnt haben könnten, dass man auch dem Missbrauch des Asylrechts entgegen treten und Europa mehr Solidarität bei der Bekämpfung von Schlepperbanden zeigen müsse. Die vermeintlich gute Nachricht von Thomas de Mazière verkündet Linda ebenfalls. Dass die Aufnahmebereitschaft der deutschen Bevölkerung gegenüber frühren Jahren deutlich gewachsen sei, auch wenn sie mit den Nachrichten über die Misshandlungen in einem Flüchtlingsheim in Nortrhein-Westfalen kollidiert.

Dieses Kollisionsprinzip macht die szenische Übertragung des studentischen Forschungsprojektes über Friedland zu einem immer wieder neu bewegenden Diskussionsstoff.  Man möchte jedem Text mit weiteren Fragen, Argumenten und eigenen Gedanken befrachten. Und sei es über die Praxis des Asylrechts und das Tor zur Freiheit, das in den meisten Fällen nicht sehr lange offen steht und aus syrischen Kontingentflüchtlingen und ihren syrischen Nachbarn Konkurrenten macht.

Man könnte sich auch fragen, was das den afghanischen Asylbewerber angeht, der unbedingt vor der Kamera über sich sprechen wollte, auch wenn ihn niemand versteht, der nicht seine Sprache spricht.

JT-Intendant Nico Dietrich unterbrach die Vorstellung vor dieser Szene und berichtet, dass die Studierenden des Seminars für Kulturanthropologie und europäische Ethnologie gegen dieses Video von Ausstatterin Sonja Elena Schröder gestimmt hatten. Dass es zu klischeehaft und zu voyeuristisch sei und von ihrem Befund ablenke, dass das Lager als bürokratische Institution Lebensläufe, Fluchtschicksale und Traumata funktional wegblende. Das JT-Team mit Regisseur Kai Tuchmann plädierte für diesen fremden Chronisten, der in der wissenschaftlichen Friedland Recherche nicht vorkommt. Die Geschichte des Lagers hat viele Lesarten, aber auch die jedes einzelnen Individuums, das hier vorübergehend gestrandet ist, nun verstanden werden möchte oder einfach angenommen.

Mittwoch, 29 Oktober 2014 09:27

Erfolgreiche Erstauflage

Göttinger Festival der Freien Theater vom 24. bis 26. Oktober 2014

Zu der Erstauflage des „1. Göttinger Festivals für Freie Theater“ lud das Junge Theater Göttingen insgesamt fünf Freie Gruppen mit ihren Produktionen ein. Zirka 500 Gäste kamen in die Hospitalstraße 6 und feierten somit einen gelungenen Einstand für die Unterstützung der Freien Szene in Göttingen. Die Einnahmen vom Wochenende gehen zum Großteil direkt an die Theatermacher.

Das Junge Theater Göttingen freute sich über ein vielfältiges Programm etablierter sowie neuer Gruppen und bedankt sich recht herzlich bei allen Zuschauern und Beteiligten:
‐ „Erdbeerwaisen“ (werkgruppe2): 24.10.14 um 18:00 und 21:00 Uhr
‐ Gespräch zur Arbeit als Freie Theatergruppe mit Julia Rösler (werkgruppe2), Dorothea Derben (Theaterwerkstatt Göttingen), Reimar de la Chevallerie (boat people projekt), Petra Jeroma (BwieZack) und Ulrike Seybold (Landesverband Freier Theater in Niedersachsen e. V.): 24.10.14 um 19:30 Uhr
‐ „Zwei Streifen und ein Brunnenrand“ (Theaterwerkstatt Göttingen): 25.10.14 um
18:00 Uhr
‐ „Steh deinen Mann“ (boat people projekt): 25.10.14 um 20:00 Uhr
‐ „James Blond 007“ (BOING! Harz‐Weser‐Werkstätten): 26.10.14 um 16:00 Uhr
‐ „One Way Ticket“ (BwieZack): 26.10.14 um 18:00
‐ „Brautgayspräche“ (Andy Kubiak und Laura Leske): 26.10.14 um 20:00 Uhr

Montag, 20 Oktober 2014 08:34

Abgründe des Komischen und Tragischen

Premiere im Jungen Theater: Die Ziege oder Wer ist Sylvia?

Der Architekt Martin Gray erlebt die wohl wichtigste Woche seines Lebens: Er wird mit dem für Architekten so bedeutenden Pritzker Preis ausgezeichnet, erhält den Auftrag eine Mega-City für 25 Milliarden Dollar zwischen den Maisfeldern des Mittleren Westens zu erbauen und feiert seinen 50. Geburtstag. Er hat einen 17-jährigen Sohn und eine Frau, die ihn liebt. Martin hat alles erreicht und doch scheint sich eine Katastrophe im beschaulich-gemütlichen Familienleben  anzubahnen.

Dies ist die Ausgangssituation für einen verhängnisvollen Tag, an dem die Grenzen der Liebe zwischen Martin und seiner Frau Stevie (Agnes Giese) sowie seinem Sohn Billy (Ali Berber) ausgetestet werden. Am Ende des Tages scheint Martin alles verloren zu haben.

In Die Ziege oder Wer ist Sylvia mit dem programmatischen Untertitel Notes toward a definition of tragedy erkundet Edward Albee die Abgründe des Komischen und Tragischen einer moralischen Gesellschaft, in der nicht mal die Vorstellung oder der Glaube an das Verrückte Platz zu finden scheinen. Dabei geht es Albee keineswegs bloß darum die größtmögliche Provokation auf komische Art und Weise zu verpacken, sondern wesentliche Fragen an das Publikum und eine Gesellschaft zu stellen, deren oberstes Ziel oft moralische Überlegenheit und Integrität zu sein scheint. Wie soll die liebende Ehefrau mit ihrem fremdgehenden Mann, der es noch dazu mit einer Ziege treibt, umgehen? Kann sie ihn überhaupt verstehen? Ist es Stevie  möglich, nicht nur von dem Tabubruch ihres Mannes zu wissen, sondern auch an diesen zu glauben? Damit versinnbildlicht sie eine ganze Gesellschaft, die sich fragen muss, wie sie mit dem Verrücktsein und dem Brechen tradierter Tabus umgehen kann. Und warum fällt es Martin so schwer seinen schwulen Sohn so anzunehmen wie er ist, wo er doch selbst nicht dem heteronormativen Maßstab entspricht? Wie kann Martin seine Liebe und sexuelle Beziehung zu der Ziege Sylvia ernst nehmen und gleichzeitig seine Frau lieben, ohne die offensichtlichen Unterschiede zwischen dem Menschen, den er liebt und dem Tier, das er liebt, durcheinander zu bringen?

So langsam dieses Stück  im heimeligen Wohnzimmer auch beginnt, so sehr gewinnt es an Fahrt und Tragik – spätestens dann, wenn Martins Freund Ross für ein Fernseh-Interview zu Besuch kommt. Dass sein Freund nicht ganz bei der Sache ist, wird Ross schnell klar und so entlockt er ihm anschließend in einem langwierigen, aber darstellerisch grandios umgesetzten Dialog sein Geheimnis um den Ehebruch gegenüber seiner Frau mit einer Ziege. Diese heiße Sylvia und würde ihn genauso lieben wie er sie liebt. Während Martin über diese Liebe auf den ersten Blick und die unschuldigen Augen der Ziege Sylvia schwadroniert, ist sein Freund fassungslos und bestürzt. Der davor so coole und obszöne Ross hat seine ganze Abgeklärtheit verloren. Er ist überfordert mit dem Tabubruch seines Freundes und berichtet schließlich mittels eines besorgten Briefes Martins Frau Stevie von der Affäre. Damit nimmt die Tragödie ihren Lauf und die schier moralische wie emotionale Überforderung der Ehefrau Stevie und des Sohnes Billy mit dem tierefickenden Vater wird lautstark und überzeugend dargestellt. Hier sind es vor allem die rasenden Dialoge und Wutausbrüche von Jan Reinartz als Martin und Agnes Giese als seine Frau Stevie, die dem Stück Tragik, aber auch einen gekonnten düsteren Humor verleihen.

Der Einfall, das Tabu der Sodomie auf einer Bühne darzustellen, ist sicher nicht neu, wurde aber in diesem Fall grandios umgesetzt, was sowohl die Vorlage Albees als auch die Umsetzung auf der Bühne betrifft. So ist es auch nicht das Tabu selbst, welches das Stück ausmacht – obwohl es vor allem der sprachlich ordinäre Umgang Albees mit dem Thema ist, der für das verschämte Schmunzeln und die Lacher im Publikum sorgte – sondern die aufkommenden Fragen nach Moral und Tabu, mit denen das Publikum auf sehr direkte Weise konfrontiert wird.

Montag, 06 Oktober 2014 00:00

Wind of change?

Premiere von Helden wie wir. Zwei Fluchten aus Berlin Lichtenberg nach dem Roman von Thomas Brussig im Jungen Theater

Wind of change. Feuerzeuge. Die deutsche Flagge. Freudentränen. Umarmungen. Das hat man so alles schon mal gesehen und gehört. Tausend Mal. Und dennoch, Steffen Roll schafft es, das Publikum in seinen Bann zu ziehen, zu begeistern und zu fesseln. Er steht heute Abend, am Tag der deutschen Einheit, allein auf der ansonsten schlichten Bühne und spielt zwei Geschichten aus Ostberlin nach, die einander so nah und doch so fremd sind.

Zum einen ist da seine eigene Geschichte, die Geschichte des 12-jährigen Steffen Roll. Er wohnt zusammen mit seiner Familie gegenüber des Ministeriums für Staatssicherheit, bis sie sich entschließen, in den Westen, in die ,,schöne neue Welt“, zu fliehen. Es folgt eine Odyssee: Von Ostberlin nach Prag, zurück nach Ostberlin, dann über Magdeburg, Hannover, Göttingen und Gießen nach Frankfurt. Von dort letztendlich mit dem Flugzeug nach Westberlin. Das hätte mit der S-Bahn 20 Minuten gedauert, stellt Steffen Roll ernüchtert fest.

Auf der anderen Seite lernt der Zuschauer den Stasi-Offizier Klaus Uhltzscht kennen. Er hat sich sein Leben nicht ausgesucht. Immer nur das gemacht, was ihm gesagt wurde. Ohne zu fragen. Er ist nicht der, der er mal sein wollte. Er ist das Kind seiner Eltern, seiner Lehrer, der Gesellschaft, des Systems.

Die beiden Geschichten treffen erst aufeinander, als die Mauer fällt. Zum einen der junge Steffen Roll, überwältigt vor Glück. Die Sonne scheint ihm wärmend ins Gesicht. Auf der anderen Seite der Stasi-Offizier Klaus Uhltzscht, der die Welt nicht mehr versteht. Was wollen die Leute denn? Es geht ihnen doch gut! Sie sollen aus seinem Land verschwinden, diese undankbaren Verräter, sie werden schon noch sehen, was sie davon haben!

Steffen Rolls Spiel ist zum Teil sehr laut und schnell, überspitzt und bitter ironisch. Besonders überzeugend ist er aber vor allem in den stillen und nachdenklichen Passagen, in denen er echte Emotionen zeigt. Und obwohl hier seine eigene Geschichte erzählt wird, stellt er auch die andere Seite sehr verständnisvoll und ohne jegliche Schuldzuweisung dar.

Die Inszenierung von Nico Dietrich wirft Fragen auf. Essentielle Fragen. Was ist Freiheit? Vergessen wir nicht viel zu oft, wie dankbar wir für diese Freiheit sein sollten? Wer sind die Helden? Wer die Schuldigen? Fragen, an denen sich bis heute nichts geändert hat und die auch 25 Jahre nach dem Mauerfall immer noch aktuell sind.

Also ja, man hat das alles schon mal gesehen und gehört. Es ist wirklich nichts Neues. Aber muss es das?

Montag, 22 September 2014 00:51

Bewegende Theaterbilder

Spielzeitstart am Jungen Theater mit dem Weltkriegsdrama „Im Westen  nichts Neues“

Der Erdhaufen auf der Bühne des Jungen Theaters erinnert an ein Massengrab. Doch schon bald fliegen die Fetzen aus geschreddertem Kork. Auch in den schwarzen Stiefeln, die aus dem Hügel hervor lugen, steckt noch ein Körper mit seiner Geschichte. Die Schauspieler graben sich frei für die Granatsplitter, das Getöse der Bomben und den Giftgasnebel. Sie werden sich später mit Amputationen quälen und mit offenen Wunden, die allmählich faulen, wild um sich ballern und verzweifeln, während Ängste und Traumata sie umklammert halten. „Die erste Granatem die einschlug, traf unser Herz“ schreibt Erich Maria Remarque über die jugendlichen Stürmer und Dränger, die sich die Schlachtbank des ersten Weltkrieges treiben ließen und keine Ahnung hatten, was ihnen da in ihrem Inneren explodiert. Da wirkt jedes Kapitel seines Romans „Im Westen nichts Neues“, das JT Intendant Nico Dietrich und sein künstlerischer Leiter Tobias Sosinka für ihre Bühnenfassung dramatisierten, wie einer diese Granatsplitter, die zu inoperablen Verletzungen führen.

Festgebunden an einem metallenen Bettgestell hängt Paul Bäumer. Ali Berber spielt den Schlachtfeldchronisten, der auch in Remarques Roman die Rolle des teilnehmenden Beobachters hat. “Manchmal wissen wir nicht, sind wir noch am Leben oder sind wir schon Tod“ flüstert die Stimme, die nun die Ereignisse wie einen surrealen Traum Revue passieren lässt. Die Kriegseuphorie, von der sich die jungen Gymnasiasten ebenso verführen ließen wie der Torfstecher,  und  wie sie auf das Kriegshandwerk gedrillt wurden. Die Frage, ob man einem Toten einfach seine Stiefel wegnimmt, weil der sie eh nicht mehr braucht, wird nur einmal gestellt. Der sterbende Freund muss über seinen Zustand belogen werden und wer in der Gaswolke durchdreht, braucht auch keine Maske mehr. Aus naiven Rekruten werden Mordmaschinen, die man bei Heimaturlaub hoch loben lässt und die für den kaiserlichen Frontbesuch adrett herausgeputzt werden.

Immer wieder fliegen die Korkfetzen, während sich in den Gesichtern die seelischen Verwerfungen spiegeln, die immer schwerer zu bändigen sind. Karsten Zinser, Eva Schroer und Linda Elsner spielen die Weggefährten des Kriegschronisten und deren Geschichten. Auch die von trauernden Müttern, Freundinnen und großmäuligen Zivilisten. Sie graben sich auch in die Feindbilder ein, die dieser Kriegsgeneration suggeriert wurden und erspüren in ihren vermeintlichen Gegnern die Schicksalsgefährten, denen die tröstenden Worte genau so wenig helfen. Auch die Erwachsenenwelt, wie sie Jan Reinartz und Agnes Giese als Arzt oder Kompanieführer, Krankenschwester und Hinterbliebene so pragmatisch repräsentieren, überlässt sie ihrem Schicksal.

Mit diesem symbolischen Gräberfeld und den Metallbetten, die zu Palisaden, Käfigen und Refugien werden, verzichtet Ausstatterin Susanne Rupert auf alles überflüssige Beiwerk für die kriegerische Kulisse. Es ist ein Raum für Nahaufnahmen von Körpern und Gesichtern, die sich auch dem nicht Mitteilbaren und dem Unbeschreiblichen stellen, das sie zwischen Schützengräben und Zählappellen heimsucht. Auf die Wirkung dieser Nahaufnahmen vertraut auch Nico Dietrichs Inszenierung  und auf ein realistisches Klima, in dem deutlich wird, das hier Situationen mit den Mitteln des Theaters nachgestellt werden, so anschaulich wie erschreckend, um dabei auch das Blutbad in den Köpfen sinnlich erfahrbar zu machen.

Es fließt kein Tropfen Kunstblut an diesem Abend. Es werden auch keine Horrorszenarien visualisiert, die den Schrecken des ersten Weltkrieges noch illustrativ bebildern. Nach einem letzten Röcheln werden die Körper von dem Metallrost gekippt.  Jedes Laken kann zum Leichentuch werden und jeder Spaten zur Waffe. Und wenn der Koch die nächste Henkersmahlzeit anschleppt, scheppern die Blechnäpfe bis sich der Lebenshunger mit dem nächsten Granatsplitter endgültig erschöpft.  Unter  dem Motto „Aufbrüche und Umbrüche“ ist Nico Dietrich in seine erste Spielzeit am Jungen Theater gestartet. Und auch wenn nach Remarques Roman ein Szenario der Zusammenbrüche und der Katastrophen Premiere hatte, ist das kein Widerspruch. Wie einen Vorhang lässt Nico Dietrich im Schlussbild seiner Inszenierung eine rote Fahne vor dem Trümmerfeld aufrollen: Symbolisch
für eine neue Zeitrechnung der politischen und sozialen Umbrüche aber auch
für ein Junges Theater in Aufbruchstimmung, das sein Publikum an diesem Abend mit viel Mut und großer Leidenschaft schon sehr bewegt hat.

Tina Fibiger

Mittwoch, 20 August 2014 10:17

Theaterprojekt mit Arbeitssuchenden

Junges Theater Göttingen in Kooperation mit BUPNET GmbH

Zu Beginn der neuen Spielzeit startet am Jungen Theater Göttingen ein Theaterprojekt in Zusammenarbeit mit der BUPNET Bildung und Netzwerk GmbH. Die Fortbildung „Take Action“ richtet sich an Arbeitssuchende ab 20 Jahren. Zusammen mit Mitarbeitern des Jungen Theaters soll im Team ein Stück entwickelt werden, das am Ende des Projekt auch aufgeführt werden soll. Aktiv werden kann man nicht nur als Schauspieler auf der Bühne sondern auch hinter den Kulissen, beispielsweise bei der Erstellung der Kostüme und des Bühnenbilds oder in der Abteilung Presse-und Öffentlichkeitsarbeit.

Desweiteren gehören zu dem Projekt auch spezielle Coachings unter anderem im Bereich „Kommunikation und Wirkung“ (Sprechtraining, Körpersprache etc.). Es besteht außerdem die Möglichkeit durch die Teilnahme das IHK-Zertifikat „Arbeiten in Projekten und Teams“ zu erwerben.

Das Projekt soll am 01. Oktober 2014 starten und bis Ende Mai 2015 laufen. Weitere Informationen und Anmeldung direkt bei der BUPNET GmbH (www.bupnet.de oder 0551 / 54707-0).

Freitag, 25 Juli 2014 15:54

Aufbrücke / Umbrüche

Programm der nächsten Spielzeit im Jungen Theater

Der neue Intendant des Jungen Theaters Göttingen Nico Dietrich hat gemeinsam mit seinem Künstlerischen Leiter Tobias Sosinka die Spielzeit 2014/2015 vorgestellt. Im Mittelpunkt der Präsentation des Konzepts stand das Motto „Aufbrüche/Umbrüche“. 13 Premieren stehen auf dem Spielplan des Jungen Theaters. Vom 19.-21. September 2014 findet das Eröffnungswochenende des JT statt. Den Auftakt macht am Freitag, den 19.September die Premiere „Im Westen nichts Neues“ (Romanbearbeitung nach Erich Maria Remarque, Bühnenfassung von Nico Dietrich und Tobias Sosinka, Regie Nico Dietrich). Am Samstag , den 20. September öffnen sich dann alle Türen des Jungen Theaters. Interessierte Besucher können sich frei im ganzen Haus bewegen und die Gelegenheit nutzen mit den JT-Mitarbeitern, dem Ensemble und allen Regieteams der Spielzeit 2014/15 ins Gespräch zu kommen. Für Sonntag, den 21. September steht dann die Premiere des Kinderstücks „Der kleine König“ von Hedwig Munck“ auf dem Programm. Das Stück für Menschen ab vier wird von Norman Grüß und Kathrin Müller-Grüß inszeniert und gespielt.

Premiere im Jungen Theater

Die durch und durch hypochondrische Kundry sitzt im Wartesaal einer Notaufnahme, trägt ein Schwanenkostüm und teilt ihrer Mutter immer neue Einfälle absurder Krankheiten per Telefon mit, bis ein schwarz gekleideter und am Ohr mit Blut beschmierter Parsifal die Notaufnahme betritt.

Das Bühnenbild dieser Parsifal-Adaption im Jungen Theater bestand aus drei kastenförmigen Sitzgelegenheiten, auf denen Parsifal und Kundry entweder in einer schlichten Pose saßen, oder im Falle Kundrys diese für akrobatische Einlagen nutzten. Um die zentral-positionierten Hocker waren einige Äste und Stämme aufgestellt, zwischen denen die jungen Musiker zusammen mit der Sängerin Ute Eisenhut das Bühnengeschehen musikalisch untermalten.

Zwei sich gegenüberstehende Zuschauertribünen, in deren Mitte sich das Bühnensetting befand, sorgten für eine äußerst intime Atmosphäre. Diese Intimität wurde nicht nur in dem Bühnenbild konstituiert, sondern durch eine nah am Zuschauer ansetzende Performance gestaltet, indem oft die Mittelgänge der Tribünen ausgenutzt und der gesamte Raum klanglich eingenommen wurde, wie es im Titel, Parsifal – einer von uns, mit uns, unter uns, schon anklingt.

In dieser Konstellation sollte sich das weitere Geschehen einer Nacht in der Notaufnahme entfalten, in dessen Verlauf ein sehr rational wirkender Parsifal Kundry von ihrer irrationalen Wahnvorstellung, in der sie immer neue absurde Krankheitsbilder erfand, erlöste. Damit übernimmt die Interpretation das übergeordnete Thema des wagnerschen Bühnenweihfestspiels und inszeniert sie als triviale Situation in einer Notaufnahme. Die Idee, den Parsifal als Patienten in einem Krankenhaus darzustellen, ist kein Novum und wirkte wohl nicht für jeden Zuschauer kohärent umgesetzt. Während das Bühnenbild in der Darstellung des archaischen Waldes der Gralsritter verblieb und ebenfalls die erdfarbenen Kostüme der Kinder dieses Bild unterstrichen, wurde eine moderne Situation mit klingelnden Handys, Zahnersatz und bewusst zeitgenössischer Umgangssprache erschaffen.

Ebenfalls der Ansatz, das Stück mit acht Kindern zu erarbeiten und sie als Musiker in das Bühnengeschehen mit einzubinden, schien nicht ganz aufzugehen. Ohne die Leistung der mitwirkenden Kinder nicht würdigen zu wollen, denn diese überzeugten durch große Aufmerksamkeit und Souveränität bei der musikalischen Untermalung, muss hier jedoch die Frage gestellt werden, wie der Stoff des Parsifals so aufbereitet werden kann, dass Kinder einen Zugang zu ihm finden und eine Familienvorstellung ihren Sinn erfüllt, sodass die Interpretation ihre Aussage generationenübergreifend vermittelt. So wirkten die teilhabenden Kinder zwar sehr aufmerksam dem Geschehen folgend, immer auf den nächsten Einsatz am Instrument wartend, doch welches der Kinder wird wirklich dem sperrigen Geschehen und den Dialogen näher gekommen sein? Hier stellt sich auch die Frage, an wen sich dieses Stück eigentlich richtet: An Kenner der wagnerschen Oper oder der mittelalterlichen Vorlage Wolfram von Eschenbachs, denn eine Erzählung war auf die dargebotene Weise kaum nachvollziehbar. Mit all diesen Fragen sollte diese Interpretation konfrontiert werden, wenn sie auf die wagnerschen Themen der Verführung/Keuschheit, Tod, Erlösung usw. eingehen möchte, aber gleichzeitig als  Familienvorstellung angekündigt wird.

Gleichermaßen wurden musikalische Motive aus Wagners Original übernommen, jedoch größtenteils so adaptiert, dass sie nur schwer rauszuhören waren und vielmehr als sphärisch-musikalisches Beiwerk Wirkmacht entfalten konnten. Damit zeigt sich auch in diesem Punkt, dass Kinder in das Geschehen auf der Bühne eingebunden werden sollten, den Bezug zur Musik jedoch nur schwerlich zu finden schienen, da die Musik sich bis auf wenige Abschnitte als äußerst abstrakt darstellte und keine weiterführende Funktion, als die der erwähnten sphärischen Untermalung des Bühnengeschehens einnehmen konnte. In der Beschreibung gibt sich dieses Stück als kinder- und familientauglich, jedoch ist die Rolle der Kinder bei der Aufführung räumlich sowie emotional als lediglich peripher zu bezeichnen.

All diesen Punkten steht die glanzvolle schauspielerische Leistung der Kundry (Constanze Passin) und des Parsifal (Gintas Jocius) entgegen, die in ihren Dialogen intensive Spannungsbögen entfalten konnten und die Zuschauer gebannt lauschen ließen, jedoch teilweise zu abrupt von dem gesungenen alter ego Kundrys (Ute Eisenhut) unterbrochen und aufgelöst wurden.

Für Kenner des Sujets trotz dessen ein wohl interessanter Abend, doch der Rest möge sich selbst eine Meinung bilden.

Montag, 26 Mai 2014 07:20

Störsignale, die keiner hören will

Edward Albees Zoogeschichte am Jungen Theater

An dieser Parkbank fehlt nur noch das Hinweisschild. Bitte nicht stören! Aber auch so vertraut Peter darauf, dass ihn hier niemand bei seinem Sonntagnachmittagsritual im Central Park belästigt. Zeitung lesen, schweigen, für sich sein. Jerry sieht das ganz anders. Nur jetzt und nur diesem Peter will er von seinem Zooabenteuer erzählen. Und es bricht ja bald auch noch viel mehr aus ihm heraus, was der Mann auf der Parkbank sich mal zu Gemüte führen sollte. Wie er sich da in seiner höflichen Verweigerungspose in beifälligen Zwischenbemerkungen einrichtet und ansonsten wenig Interesse oder Anteilnahme signalisiert.

Mit dem aufdringlichen Looser und seinem skurrilen Katastrophenalltag weiß der Verlagsangestellte aus Erfolgsverhältnissen wenig anzufangen. Aber nicht diese gesellschaftliche Kluft markiert Edward Albees Szenario über ein ungleiches Paar, dem er mit seiner „Zoogeschichte“ die oberflächliche Leichtigkeit einer Zufallsbekanntschaft verweigert.

Schon mit der Besetzung demonstriert die Inszenierung von Thorben Matthies am Jungen Theater, dass hier kein soziales Statusgerangel stattfindet. Elisabeth-Marie Leistikow spielt diesen Jerry ohne die Klischees vom müden, abgerockten Hänger wenn Philip Leenders nun um seinen Peter eine Mauer kultiviert, die auch nicht mehr als Vermutungen über seine Ansichten und seinen Status zulässt. Beide sprechen und schweigen nur für sich. Die Rolle des Zuhörers hat der Dramatiker für sie nicht vergeben, weil genau die nicht mehr funktioniert: Das sich aufeinander einlassen und das nachempfinden des Gehörten. Die Momente von Empathie und Anteilnahme  die sinnstiftend und belebend auf jede kommunikative Begegnung einwirken.

Diese wachsame Beobachterin von surrealen Alltagsepisoden weiß um die Aussichtslosigkeit ihrer provokanten Sätze, die so gar nichts bewirken. Auch dass ihre getarnte Verzweiflung diese stoische Gestalt auf der Parkbank nicht erreicht. Und wo manche Episoden  über zudringliche Hauswirte und schräge Nachbarn an das tägliche voyeuristische Nachrichtengebräu über Schicksale und  Absurditäten erinnern, staunt man über die Verwahrlosung des Gesprächsklimas, die Albee bereits 1958 beschrieb, als die Massengesellschaft sich noch nicht medial zugerüstet hatte und so ihre Gleichgültigkeit zur Schau stellte.

Der Versuch Jerrys, mit einer tierischen Freundschaft seine aussichtlose Einsamkeit zu bezwingen, kann noch so schaurig klingen. Aber wirksam mitteilbar machen lässt er lässt sich nur gewaltsam, mit der Vertreibung des Parkbesuchers von seinem hölzernen Reservat. „Die Wunde versteht immer das Messer“ heißt es in einer dieser weisen Diagnosen des Theatermannes George Tabori über die menschlichen Berührungsängste- und Nöte, die sich mörderisch zu einer existenziellen Berührung zuspitzen müssen, wenn die Worte versagen. Aber bis in diese Dimensionen des Versagens von Miteinander dringt der Abend nicht vor. Diese scheinbar absurde Konstellation auf die Bühne steuert auf ihr erwartungsgemäß absurdes Finale zu, aber das eher wie ein spielerisches Duell um die Abgründe, in denen sich Albees Figuren eingerichtet haben. Vermutlich sieht es darin noch ganz anders aus, als sie ihr Publikum wissen lassen. Ob nun mit einem Lächeln, einem genervten Blick oder einer weiteren Episode, die so schön irritiert und nun sichtbar belauert werden kann.

Sonntag, 06 April 2014 18:21

Das beste aller Theaterstücke

Premiere von „Candide oder: You are not in wonderland.“ im Jungen Theater

Wir leben doch in der besten aller Welten! Ein herrlicher Frühling liegt über Göttingen, die Eisdielen haben wieder auf, die medizinische Versorgung ist exzellent, das Hackfleisch günstig wie nie, die Bibliotheken sind öffentlich zugänglich, es gibt immer weniger Gewalt und Autounfälle, und als Student darf man kostenlos ins Theater.
Naja.

Andererseits könnte der warme Frühling Indiz für den Klimawandel sein, die Eisdielen sollen ja manchmal hygienisch bedenkliche Standards vorweisen, dann dieser Transplantationsskandal in der Uniklinik, und das mit dem günstigen Fleisch ist einem ja langsam auch nicht mehr geheuer, in den Bibliotheken verschwinden manchmal ziemlich teure, alte Bücher und das mit dem Kulturticket weist ja eigentlich auch nur darauf hin, dass es dem Kulturbetrieb in Göttingen nicht so richtig gut gehen kann...

Man kann es drehen und wenden: Am Optimismus scheiden sich die Geister. Ein Pessimist sei ein Optimist, der nachgedacht habe, heißt es. „Optimism is a person buying a lottery ticket“ prangt es an der Bühnenwand der aktuellen Inszenierung im JT – Indizien dafür, dass man sich als vernunftbegabtes Wesen etwas Unlogisches wie den Optimismus nicht mehr leisten kann?

„Candide oder: You are not in wonderland. Eine Reise um die beste aller möglichen Welten.“ lautet  der vollständige Titel des Stücks. Frei nach Voltaires Novelle „Candide oder der Optimismus“ (in der deutschen Übersetzung auch: „Candide oder die beste aller Welten“) kreist es um das Für und Wider einer optimistischen bzw. pessimistischen Weltanschauung.

Voltaire, dessen Konterfei den Zuschauer im Theater freundlich anlächelt, konzipierte seine Erzählung als sarkastische Antwort auf Leibniz´ Theorie, demnach wir in der besten aller möglichen Welten leben. Voltaires naive Hauptfigur Candide, sein Lehrer Pangloss, seine Geliebte Kunigunde und verschiedene weitere Begleiter erleben in dreißig Kapiteln allerhand Schreckliches (Sklaverei, Siechtum, Vergewaltigung, Naturkatastrophen), bevor sie schließlich sesshaft werden und in der gemeinsamen Arbeit einen Ausweg aus ihrem Dilemma (ihnen wurde stets gepredigt, die Vorhandene sei die beste aller Welten, vorgefunden haben sie aber quasi die Schlechteste) finden: „Lasst uns arbeiten ohne nachzudenken, das ist das einzige Mittel, das Leben erträglich zu machen.“

Einfach nicht darüber nachzudenken ist natürlich keine Haltung des Theaterschaffenden, dem es doch im besten Fall gelingt, dass sein Publikum das Erlebte noch lange mit sich im Kopf herum trägt. Und so erschaffen Alida Breitag und Robert Hartmann in ihrer Inszenierung eine Bühnenwelt, die sich ganz diesem Nachdenken, der Positionierung und der Reflexion verschreibt: Fröhlich wird das Publikum, das sich auf zwei Tribünen gegenüber sitzt, von Elisabeth-Marie Leistikow, Gintas Jocius und Robert Oschatz begrüßt. Der Ablauf des Abends wird erläutert: Jeder der drei Schauspieler übernimmt zehn Kapitel der Novelle, deren Überschriften auf stets wechselnden Schautafeln zu lesen sind. Während hauptsächlich einer der drei in der freien Bühnenmitte performt, sind die anderen beiden damit beschäftigt das Geschehen durch das Anbringen ausgedruckter Texte und Bilder an einer Wand assoziativ zu begleiten. Außerdem sorgt Regisseur Robert Hartmann mit Klavier, Keyboard und PC für Musik, zu der teilweise umgedichtete Popsongs, teils auch Nummern aus Leonard Bernsteins Musical „Candide“ zum Besten gegeben werden. Nebenbei köchelt eine westfälische Gemüsesuppe vor sich hin.

In der Bühnenmitte schlüpfen vor allem Oschatz und Jocius immer wieder in verschiedene Rollen, erleiden mit Candide die schlimmsten Schicksalsschläge, unterbrechen aber ihre Darstellung selbst für Zwischenbemerkungen und Reflexion, nur um dann erneut ihre verschiedenen Figuren mit Leben zu erfüllen. Diese zahlreichen Figuren – obwohl sie jeweils alle von einer Person gespielt werden – sind dank einzigartiger Stimme, Mimik und Gestik jede für sich ein unverkennbarer Charakter, während der ständige, ununterbrochene Wechsel von einem zum andern eine wahnsinnige Konzentrationsaufgabe für die Schauspieler darstellt, die Oschatz und Jocius mit vollem Körpereinsatz bewältigen. Die Handlung und ihr Text (übrigens von Breitag und Hartmann zusammen mit den Schauspielern entwickelt) ist dabei voll von aktuellen Bezügen, auch wenn diese nie namentlich (etwa als „Krimkrise“, „Syrienkonflikt“ oder „Obdachlose vor meiner Haustür“) zur Sprache kommen – vielmehr formen sich die „Denkanstöße“ im Kopf des Zuschauers zu einem erschreckend zeitlosen Bild von Krieg, Gewalt, Sklaverei und Siechtum zusammen.

Candide und seine Begleitung sind schließlich im sagenhaften El Dorado angelangt, als Leistikow die chronologische Orientierung an den dreißig Kapiteln der Novelle abbricht und in einem bombastischen, improvisiert wirkenden und absolut faszinierenden Schlussmonolog für sich, ihre Kollegen und die Zuschauer heraus zu finden versucht, was denn nun genau das Fazit ist, was wir heute noch aus Voltaires Novelle ziehen können. Und irrationalerweise sieht es am Ende eigentlich gar nicht so trübe aus.

Auch Regisseur und Dramaturgin gehen aus ihrem Projekt eher optimistisch als pessimistisch hervor: Voltaire vermittle einem in der heutigen Zeit, dass es eigentlich gar nicht nötig sei, dem besten aller Leben hinterher zu hechten – ein gutes Leben sei doch eigentlich auch schon ein Gewinn. Außerdem könne seine Sicht auf die Dinge ein Ansporn sein, die Welt zumindest „im Kleinen“ zu verändern: Statt zu resignieren und zu denken, dass man gegen die Übel der Welt machtlos sei, helfe der Diskurs über den Optimismus dabei, sich klar zu machen, dass es ja durchaus Dinge im Alltag gibt, mit deren Veränderung eine Verbesserung unserer Welt möglich ist.

Für mich zählt „Candide“ zu den besten und intensivsten Theaterstücken dieser Spielzeit. Der Besuch einer der weiteren Aufführungen sei daher wärmstens empfohlen, z.B. am 8.4., 17.4., 25.4., 2.5. (sowie weitere Termine unter www.junges-theater.de). Karten unter 0551 - 49 5015 oder hier online im Kulturbüro Göttingen.

Uraufführung im Jungen Theater

„Wirkt das Göttin-Gen noch heute?“ Diese Frage thematisiert das neue Theaterstück „Das Göttin-Gen – eine Stadt heilt sich selbst“, produziert von bodytalk, Analogtheater und dem Jungen Theater. Die Protagonisten wehren sich gegen das Eingeschlafen-Sein unserer Kleinstadt, denn Göttingen sei wie viele andere Kleinstädte ein Fall für „Kleine Stadt, kleines Haus, kleines Geld“ – Kurz: Öde. Es wird also gegen Festgefahrenheit, Versacken im Einheitsbrei, den grauen Alltag und Einöde gekämpft. Und gekämpft im wahrsten Sinne des Wortes. Die Schauspieler sind alles andere als leise auf der Bühne und rütteln das Publikum ordentlich wach. Verschiedene Musikstile, die das Stück begleiten, sorgen für Abwechslung. Mal Hardrock, mal eine Oper – die Schauspieler nehmen ihr Publikum mit in ihre Achterbahn der Emotionen.

Das Hinterfragen der bestehenden Verhältnisse - über den Tellerrand schauen/wie geht es weiter in Göttingen? - wird thematisiert. Haben wir nicht alle ein bisschen Schwung nötig? Das Stück möchte den Blick nach Innen, auf Göttingen und ihre Bewohner, wenden und Platz schaffen für eine neue, frische Brise Lebensgefühl.

Wo steht Göttingen in der Welt? Was macht Göttingen besonders? – Vor allem geht es in dem Stück um Identitätsfindung und Individualität. Mit viel Kreativität soll die Heilung der Bewohner unserer Stadt beginnen. Sie sollen aus ihrem Schlaf von „Angepasstheit, Karrierebewusstsein und Studien-Alzheimer“. Rausgerissen werden. Denn: Das Licht auf Göttingen sei erloschen, es gäbe keine Besonderheiten, die Welt schaue nicht mehr auf Göttingen seit Lichtenberg 1799. Also beginnen die fünf Protagonistinnen, die den fünf Universitätsmamsellen aus dem 18. Jh. Nachempfunden wurden, mit einer Lichttherapie und bestrahlen sich mit Neon-Röhren. Sie tanzen, springen, schreien, singen gelegentlich und nehmen das Publikum dazu mit. Das ganze Stück ist interaktiv, das Publikum wird immer wieder angesprochen und in die Handlung mit eingebaut – und das Publikum machte mit. Die Heilung der Stadt begann im Saal selbst, indem am Ende Zuschauer aus den Reihen ausgewählt und auf die Bühne geholt wurden. Sie sollten ihre Lieblings-Orte in Göttingen aufzählen. Es fielen Orte wie der Wall, der botanische Garten wurde mehrmals genannt und selbst das Deja Vu scheint eine Besonderheit Göttingens darzustellen.
Weitere Themen des Stückes waren unter anderem noch der Wechsel des Intendanten am Göttinger Theater und die damit zusammenhängende Veränderung in und um das Theater, sowie Veränderungen, die das Schauspieler-Team erwarten könnten. Die Themen Identität und Veränderung schienen den Autoren äußerst wichtig zu sein.

Ein anderes Thema war auch die Weiblichkeit in diesem Stück. Alle Protagonistinnen, waren weiblich – sollte das bedeuten, dass die anstehende nötige Revolution in Göttingen eine weibliche sein sollte? Das weiß man nicht, aber es passt zu Themen dieser Generation wie Frauenquote oder Feminisierungen von Begriffen wie zum Beispiel „EthnologInnen“.
Es fielen schmutzige Wörter („Fotze“) und viele Schüsse. Ist es das Ende einer braven Kleinstadtgesellschaft oder sollten die Schüsse den Tod der Göttinger Vergangenheit bedeuten und einen Neuanfang schaffen? Vielleicht sollte der Lärm auch zum Aufrütteln dienen.

Das wunderbare an dem Stück ist: Man merkt es hat einen hohen philosophischen Charakter. Es bittet um Mitarbeit und Einbindung und die Zuschauer zeigen Spaß an ihrer Integration. Unverständlich bleibt warum dem Publikum Kekse ausgeteilt wurden ebenso wie die Head-Line „I’m your Keks“. Gut angekommen sind die Kekse jedoch allemal.

Natürlich sind nicht alle Besucher hin und weg gewesen von so einer Integration in das Stück und doch konnte sich kein Besucher ein Schmunzeln oder herzliches Lachen bei diesem Power-geladenen Stück verkneifen. Es ist ein Wachmacher, integriert mit vielen wichtigen Fragen über das Leben. Also machen wir etwas aus unserer Kleinstadt oder sind wir wie jede andere? Hat Göttingen genug Individualität? Eine Frage, die sich jeder selbst stellen sollte: Wirkt das Göttin-Gen noch heute? – Das Stück hat seine aufweckende Wirkung mit viel Witz und Selbstironie nicht verfehlt.

"Der Hals der Giraffe" - Premiere im Jungen Theater

Eine geknickt sitzende Frau auf der Bühne. Entsetzt hört man im Publikum jemanden flüstern: „Sie hat ne Knarre in der Hand.“

So begann das Theaterstück „Der Hals der Giraffe“, das am Donnerstag Abend auf der Bühne des Jungen Theaters in Göttingen Premiere feierte. Es erzählt die Geschichte der deprimierten Lehrerin Inge Lohmark gespielt von Agnes Giese, deren Lehrerdasein aller Wahrscheinlichkeit nach in den nächsten vier Jahren mit der Schließung der Schule endet. Sie unterrichtet die 9. Klasse in Biologie mit ihren vertraut, bewährtem Frontalunterricht, der bei ihren Kollegen nicht immer auf positive Resonanzen stößt. Lohmark ist allerdings von sich überzeugt und zieht ihren pädagogischen Ansatz durch. Ihre Schüler hat sie schon längst durchschaut, hat sie fest im Griff und nutzt ihre Schwächen aus bis ihr Verhalten aus dem Ruder läuft...
Nach Außen wirkt die Gymnasiallehrerin streng und souverän. Doch im Inneren ist sie eine einsame, unverstandene und deprimierte Frau.

Giese interpretiert diesen Charakter auf eine bemerkenswerten Art und Weise. Der Kontrast zwischen der strengen und selbstbewussten Persönlichkeit und dem müden, trostlosen Charakter verkörpert sie so brillant, dass der Zuschauer, welcher von zwei gegenüberliegenden Tribünen das Geschehen verfolgt, sich ebenfalls in die Situation mit hinein ziehen lassen kann.

Als Bronze-Figur verkörpert Jan Reinartz verschiedenen Nebenrollen wie zum Beispiel den Schuldirektor oder ihren Mann auf der Straußenfarm sowie auch manchmal die innere Stimme Lohmarks. Teilweise parallel agieren beide Figuren auf der Bühne zwischen Brotdose, Blume und Thermoskanne die die Schülerinnen und Schüler darstellen sollen. Das Klassenzimmer wird Zeuge des Untergangs der Schule und somit auch Lohmarks, während diese paradoxerweise die Entwicklungstheorien Darwins unterrichtet und unter anderem der Frage nachgeht wie die Giraffe zu ihrem Hals gekommen ist.

Die leider nicht ausverkaufte 80 Minütige Vorstellung wurde mit kräftigem Beifall belohnt. Derjenige, der neugierig auf diese bittere-humorvolle Geschichte geworden ist, hat noch an vier weiteren Terminen die Gelegenheit sich von dem außergewöhnlichen Charakter Inge Lohmarks mitreißen zulassen. Göttinger Studenten haben die Möglichkeit durch das Kulturticket die Vorstellung bei freiem Eintritt zu genießen.

Weiter Vorstellungstermine:
31.01.14, 06.02.2014, 11.02.2014, 22.02.2014

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