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Joseph Eybler Weihnachtsoratorium in der Göttinger St. Jacobikirche

Wenn das Weihnachtsoratorium auf dem Programm steht, sind die Kirchen immer gut gefüllt. Das war in der Jacobikirche am Dritten Advent ebenfalls der Fall – obwohl der Komponist nicht Johann Sebastian Bach sondern Joseph Eybler hieß. Die Neugierde auf das Werk des Mozart-Zeitgenossen hatte zahlreiche Konzertbesucher in die Kirche gelockt. Und sie brauchten ihr Kommen nicht zu bereuen.

Kantor Stefan Kordes hatte für seinen Kammerchor St. Jacobi noch zwei Werke zusätzlich auf den Programmzettel gepackt: die Choralkantate „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ von Felix Mendelssohn Bartholdy sowie die Weihnachtsouvertüre mit demselben Titel von Otto Nicolai. Es gibt nur selten Gelegenheiten, diese für Chor und großes Orchester komponierten Stücke aufzuführen.

Die Jenaer Philharmonie war in großer Stärke besetzt, da konnte sich der Klang besonders prachtvoll entfalten. Die gut 40 Sängerinnen und Sänger des Kammerchores hatten keine Mühe, sich klanglich durchzusetzen. Nur die Textverständlichkeit blieb manchmal auf der Strecke. Der Choral ist aber ja durchaus bekannt, dazu gab es noch das umfangreiche Programmheft.

Sowohl das Werk des noch jungen Mendelssohn als auch die Weihnachtsouvertüre versetzten das Publikum in adventlich-weihnachtliche Stimmung, um nach der Pause die Göttinger Erstaufführung des 1794 entstandenen Weihnachtsoratoriums „Die Hirten bei der Krippe zu Bethlehem“ zu hören.

Der Textdichter dieses fast opernhaften Oratoriums ist leider nicht überliefert. Hier spielen eine große Naturverbundenheit („Herauf, o Sonne, säume nicht, beflügle deinen Lauf“) und innige Gefühle („Sie nahen, wie tränet ihr Blick!“) die Hauptrollen. Zu hören ist auch dieser schöne Satz: „So tönt’s aus den Kehlen, so rauscht’s aus den Harfen der himmlischen Sänger.“ Wie passend!

Musikalisch ist die Nähe zu Mozart unverkennbar. Das trifft insbesondere auf die Arie „Er ist’s, Gott selbst in Fleisches Hülle“ zu. Die Sopranistin Anna Nesyba war hier die „Königin der Engel“ und setzte wahrlich Höhepunkte – im übertragenen wie im wörtlichen Sinn. Auf der Opernbühne hätte sie definitiv Szenenapplaus bekommen.

Ihr zur Seite standen Barbara Bräckelmann mit ihrer schön timbrierten Altstimme, Manuel König mit seinem schlanken, mitunter etwas zurückhaltenden Tenor und Konstantin Heintel mit seiner warmen, kraftvollen Bassstimme.

Die Jenaer Philharmonie war mehr als nur ein musikalischer Partner. Sie folgten dem differenzierten Dirigat von Stefan Kordes zu jeder Zeit, nahmen sich zurück, wenn es nötig war, und konnten mehr als einmal eigene Akzente setzen. Das gilt vor allem für die erste Flöte, die am Ende zurecht ihren Sonderapplaus bekam. Das Orchester wurde ergänzt durch Arne zur Nieden an der Großen Orgel (Otto Nicolai) und an der Continuo-Orgel (Joseph Eybler).

Der Kammerchor St. Jacobi hatte im Oratorium nur vereinzelt Chorsätze zugewiesen bekommen. Diese gestaltete der Chor akkurat und ausgewogen in den einzelnen Stimmen. Auch war die Textverständlichkeit deutlich besser. Das lag aber auch am Orchester, das in diesen Fällen deutlich zurückhaltender erklang.

Das Weihnachtsoratorium von Joseph Leopold Eybler (1765-1846) wurde zur Zeit seiner Entstehung hoch gelobt. Das Werk war dann aber lange Zeit eher vergessen. Erst jüngst fand es - wie in dieser Aufführung zu hören war - zu Recht wieder Einzug in die Programme der Kirchenmusik. Ein großer Dank gilt Stefan Kordes, der dieses Juwel der Wiener Klassik für Göttingen entdeckte und zur Aufführung brachte.

Dienstag, 24 März 2015 19:16

Karfreitagszauber

‚Johannes in Johannis’ -  Stadtkantorei und Göttinger Barockorchester mit J.S. Bach

Zum Klären des eigenen Standpunktes ist der Blick von außen oft eine hilfreiche Sache.

Im Anschluss an die Aufführung der Bach’schen Johannespassion durch Stadtkantorei, Göttinger Barockorchester und Solisten unter der Leitung Bernd Eberhardts erging es mir so. Es fiel mir schwer, diese unzweifelhaft gelungene Darbietung in St. Johannis auf einen Nenner zu bringen. Im Gespräch mit einer Nichtkonzerthörerin konnte meine Antwort auf die Frage ‚Hat es sich gelohnt, die Aufführung zu besuchen?’ jedoch nur „Ja!“ lauten.

Kurz nach 18 Uhr hebt der imposante Eingangschor „Herr, unser Herrscher“ an, rechtzeitig zum Tatort-Beginn haben wir - das Publikum füllt beinahe die gesamte Kirche - die Passion des Jesus von Nazareth hinter uns gebracht. Bach vertont die Worte des Evangeliums nach Johannes, ergänzt um Choralstrophen sowie freie Dichtung.

Die Bemerkung zur Konzertdauer soll natürlich kein Spott, sondern Hinweis auf die Lesart des Kantors Eberhardt sein. Die durchweg raschen, doch nicht überhetzten, Tempi passen gut zum „Fließen“ der Evangelistenerzählung - vorgetragen vom großartigen Tenor Clemens C. Löschmann. Choräle und Chorsätzen sowie die Arien unterbrechen dieses Fließen nicht; sie bieten nur kurze Einhalte im dramatischen Verlauf der Geschichte

Und doch hinterlässt der Abend in diesem Punkte bei mir einen Eindruck, den ich nicht besser fassen kann als: Leichte Unruhe, ohne dabei hastig zu sein. Traumhaft gelungene, innige, zutiefst ruhige einzelne Momente fügen sich zu einem großen Bogen, dem nur die allerallerletzte Spannung fehlt.

Die Stadtkantorei steuert gekonnt das Ihre bei. Der Eingangschor so mächtig, wie die Einwürfe in den Massenszenen punktgenau. (Beinahe zumindest: das „Wohin“ in Nummer 24, so schwer es ist, hätte besser sein können…) Der Damen“überschuß“ hat keinerlei Auswirkung auf die Stimmbalance. Textverständlichkeit wie die Lautstärkeverteilung  Orchester/Chor sind stets gut!

Über den Basso Continuo (B.c.) fällt ein zwiespältiges Urteil: Fagott, Orgelpositiv bewähren sich mit Glanz; der Gruppe insgesamt, trotz zweier Celli (bzw. Gambe) und Kontrabass, gelingt es leider nicht, dem Gesamtklang die nötige Schwere zu unterlegen. Akustik oder Instrumente sind nicht schuld, dies ist an Einzelstellen zu hören, wenn nämlich einmal dieses ‚Gewicht’ plötzlich da ist. Ein Lob den Geigen, die viel pausieren müssen, doch, falls gefordert, überzeugen können: Endlich einmal hört man das „Der Held aus Juda siegt mit Macht“ rhythmisch scharf und präzise.

Den Tenor haben wir schon gelobt, zumal er die Arien ebenfalls übernimmt, doch zum Detail: Die Rezitative im Zusammenwirken mit dem aufmerksamen B.c. sind derart lebendig gestaltet, als ob die Geschichte  j e t z t  gerade passiert. Selbst die auf Effekt interpretierten Stellen – z.B. „weinete bitterlich“ - wirken nicht überzeichnet, so gelungen sind sie ins Sonstige gewebt. (Ganz zum Ende hin muss Herr Löschmann seinem stimmlichen Einsatz vielleicht ein wenig Tribut zollen.)

Die Damen – Franziska Kimme (Alt), Olivia Stahn (Sopran) - haben deutlich weniger Gelegenheit zum Glänzen- und taten es auch nicht. „Es ist vollbracht“ als der(?) dramatische Tief- und Ruhepunkt gelingt Franziska Kimme in den Rahmenteilen sehr gut, dem ‚Held aus Juda’ jedoch fehlen Glanz und Größe.

Ebenso so schwankend der große Moment bei Olivia Stahn - der ersten starken Arie folgt gegen Passionsende das verteufelt schwierige „Zerfließe, mein Herze“ und dortselbst findet sich berückend Gelungenes, neben intonatorischen Schwierigkeiten beim Zusammenspiel mit den großartigen Holzbläsern.

Bleiben die Bässe: Konstantin Heintel singt Arien und Pilatusworte derart überzeugend, dass ich es dabei belassen will. Zuletzt zum Dreh- und Angelpunkt dieser alten Geschichte, den Worten Jesu. Sie trägt Jonathan de la Paz Zaens mit warmen, sattem Klang vor; doch ohne die Parodie von Erhabenheit, wie es ab und an gesungen wird. Wir hören ihn hoffentlich bald wieder.

Vielleicht ist es ein sehr großes Lob dieser Aufführung, wenn die Vielzahl gelungener Momente nicht nur zum stummen Bewundern (ver)führt, sondern die Deutung als Ganzes dazu auffordert, sich mit den Details dieser zwei Stunden Musik zu beschäftigen?

Zum Abschluss – vor dem reichlichen Applaus - Glockengeläut und Stille. So ganz entkleidet aller liturgischen Funktion ist das Musik-Kunstwerk also noch nicht. Gott sei Dank.

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