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Anzeige der Artikel nach Schlagwörtern: Nico Dietrich

80 Jahre alt aber noch wunderbar renitent, couragiert und engagiert, das ist Claus Peymann, der zur Jubiläumssaison des Jungen Theaters am Wochenende in Göttingen gastierte. Der legendäre Theatermacher, der einst das Wiener Burgtheater in Aufruhr versetzte, hat es sich in einem samtroten Ohrensessel bequem gemacht und genießt zunächst die vielen schönen Bösartigkeiten, mit denen der Dramatiker Thomas Bernard seinen Roman „Holzfällen“ veredelte. Von der Wiener Gesellschaftshölle ist die Rede, von selbstreflektieren charakterlosen Dummköpfen, Wichtigtuern der Erleuchtung und anderen Charaktermasken, in die Bernhard sein verbales Messer treibt. Sein langjähriger Freund und Bühnengefährte lässt sich die Chronik einer Wiener Abendgesellschaft der Wichtigtuer und Selbstdarsteller auf der Zunge zergehen. Gelegentlich lugt er dann süffisant hinter seinen Brillengläsern hervor und raschelt demonstrativ laut beim Umblättern der Manuskriptseiten.

Mittwoch, 07 Februar 2018 17:58

Halbzeit im Jungen Theater

Erfolgreiche erste Halbzeit - viele Sonderprojekte in der zweiten Halbzeit

Sonntag, 10 September 2017 18:25

Die Gretchenfrage

Nach 60 Jahren erneut: "Urfaust" im Jungen Theater in der Inszenierung von Nico Dietrich

Mittwoch, 21 Juni 2017 15:00

Gefeiert wird das ganze Jahr

„Vom Eise befreit...“ - die Jubiläumssaison 2017/2018 im Jungen Theater

Premiere der Känguru-Chroniken im Jungen Theater

„Muss man eigentlich die Texte kennen?“, fragte Sabine. „Es gibt so'ne und solche, und dann gibts noch ganz andre, aber det sind die Schlimmsten, wa?“ sagt das Känguru. Und Herta. („Meine Rede…“)

Im ausverkauften Göttinger Jungen Theater saßen zahlreiche eingefleischte Marc-Uwe-Kling-Fans, die die Texte nicht nur selbstverständlich alle kannten, sondern sie auch hätten mitsprechen können. Die Quote derjenigen, die die Texte kennen, lag sicher nahe 100%. Und das gilt vermutlich auch für die weiteren Vorstellungen, die alle bereits vor der Premiere ausverkauft waren. 4.000 Karten sind in Göttingen verkauft worden, bevor überhaupt jemand die Produktion gesehen hat. Das Junge Theater könnte vermutlich die Känguru-Chroniken ab sofort „en suite“ spielen – und wäre regelmäßig ausverkauft. Aber erstens sind vom Verlag nur 20 Vorstellungen genehmigt worden und zweitens gibt es ja noch andere Produktionen des Hauses.

Und – muss man nun die Texte kennen? Die Frage ist schnell beantwortet, denn sie lautet natürlich: Nein. Der Grund ist einfach: auf der Bühne werden viele der bestens bekannten Dialoge gesprochen. Und bei den Hörbuch-Originalen muss man natürlich die Texte auch nicht vor dem ersten Hören kennen.

Vor der Premiere fragte Susanne: „Jeder hat doch beim Hören seine eigenen Bilder vor dem inneren Auge. Muss eine Theaterfassung nicht schon deshalb scheitern? Scheitern, weil die Erwartungen enttäuscht werden müssen?“ „Lieber fünfmal nachgefragt, als einmal nachgedacht,“ sagt das Känguru. Oder war es Marc-Uwe? Egal.

Die Schwierigkeit besteht darin, dass eine bloße Aneinanderreihung der Dialoge des Kängurus mit Marc-Uwe Kling keinen Theaterabend bildet. Es fehlen Dramaturgie und Regie. Weil genau daran schon einige Bühnen mit einer eigenen Bühnenfassung gescheitert sind, hat Marc-Uwe Kling selbst eine Version für das Theater geschrieben.

„Wir sind flexibel, belastbar, kreativ, innovativ, teamfähig, begeisterungsfähig und kreativ“, dachte sich Nico Dietrich, Intendant des Jungen Theaters, und beschloss, diese Fassung als eine der ersten Bühnen in Deutschland auf die Bühne zu bringen. Die Regie übernahm er gleich selbst. Für die Göttinger Produktion hat Marc-Uwe Kling sogar noch einige Texte exklusiv dazu geliefert.

Da der Autor bei seinen Lesungen auch eigene Lieder singt, war klar: in Göttingen werden ebenfalls Klings Lieder gesungen. Und damit ist Karsten Zinser die Idealbesetzung für die Rolle des Kleinkünstlers. Dieser bekommt den Auftrag, ein Theaterstück zu schreiben.
Das Känguru will aber auf gar keinen Fall durch die Republik ziehen und sich auf der Bühne zum Clown machen. Der Kleinkünstler meint dazu: „Das ist doch völlig egal. Wir stecken einfach irgendeinen bühnengeilen Idioten in ein dämliches Kostüm.“

Dieser bühnengeile Idiot ist Peter Christoph Scholz. Damit wurde ein ideales Paar gebildet, das die herrlichen Dialoge auf der Bühne darstellt. Scholz spielt nicht nur das Känguru – er IST 150 Minuten lang das Känguru. Er schnuppert mit der Nase, er spielt mit seinem Känguruschwanz. Und er hat natürlich einen Beutel. „Please put the Beutel on the band!“, wird das Känguru am Flughafen aufgefordert. „Das ist entwürdigend“, ruft Scholz alias Känguru eine Minute später vom Band – denn der Beutel ist natürlich angewachsen.

Die Gefahr, sketch-artig die Dialoge aus den Büchern bzw. den Hörbüchern nachzuspielen, ist allerdings latent immer da. Aber sobald diese Gefahr zu groß wird, greifen entweder Franziska Lather oder Marius Prill ein. Lather ist eigentlich Soufleuse und spoilert die Szenen schon vor Beginn. Das macht sie hervorragend – bei ihren szenischen Auftritten zum Beispiel als Herta in der Kneipe wird sie aber schnell überdreht. Dann droht die Situation eher in Richtung Sketchaufführung abzudriften. Marius Prill greift auch mitunter in die Szenen ein, indem er sie einfach mit seinem Gitarrenspiel abwürgt. Häufig gerade noch rechtzeitig. Apropos Musik: Prill, Scholz, Zinser und Lather bilden auch eine Band, die dem Publikum ganz schön was auf die Ohren gibt – von Nirwana zum Beipiel.

Die eingebaute Meta-Ebene vom Theatermachen und der Diskussion über die Szenen rettet letztlich den ganzen Abend und macht aus der Idee eine runde Sache. Nico Dietrich gelingt es, die Erwartungen der Fans zu erfüllen und gleichzeitig etwas Neues auf die Bühne zu bringen. Diese ist von Judith Mähler liebevoll ausgestattet. Warum ein Bild von Bud Spencer in der Wohnung von Marc-Uwe Kling hängt (mit Trauerflor), wissen nur Insider. („Das ist der klassische Bud-Spencer-Move. Einfach von oben mit der Faust auf den Kopp. Direkt auf die Zwölf.“)

Die Besucher haben ihre helle Freude. Vermutlich auch die, die die Texte noch nicht kennen. Aber das sind nicht viele. Dafür sind aber auffällig viele junge Menschen im Theater. Sogar Jugendliche – und das erkennbar freiwillig. Die Beschäftigung mit Karl Marx und seinem Manifest, den großen Philosophen und dem Vietkong scheint nicht abzuschrecken. Und die Lebensweisheiten des Kängurus sind ohnehin der Renner. Der Klassiker „Mein und Dein sind doch nur bürgerliche Kategorien“ fehlt natürlich nicht an diesem Abend. Am Ende wurde das Ensemble ausgiebig vom Publikum gefeiert. Das Känguru erhielt sogar eine Schachten Schnapspralinen!

Die Premierengäste ließen sich den anschließenden Sekt nicht entgehen: „Säufste - stirbste, säufste nicht, stirbste auch, also säufste!“, sagt das Känguru zu diesem Thema.

Die weiteren Vorstellungen in dieser Saison sind alle bereits ausverkauft. Da hilft es auch nicht, wenn man jemanden gefunden hat, der einem die Karten bezahlt. „Kannst du heute mal bezahlen?“, fragt das Känguru. „Heute?“, frage ich. „Mal?“, frage ich. „Ich muss immer bezahlen, weil du nie Geld mitnimmst.“

„Tja“, sagt das Känguru lächelnd. „So ist das in der Welt. Der eine hat den Beutel, der andere hat das Geld.“

Dem ist nichts hinzuzufügen. Dafür aber die weiteren Vorstellungen in dieser und der nächsten Spielzeit sehr empfohlen.

Die nächsten Vorstellungen in dieser Spielzeit: 9.4., 13.4., 22.4., 24.4., 26.4., 8.5., 31.5.,0 1.6., 2.6.,0 12.6., 13.6., 14.6., 17.6. und 23.6.2017

Freitag, 10 Juni 2016 14:14

Wir sind mit uns im Reinen

Rückblick und Ausblick im Jungen Theater - Premieren und Projekte

Freitag, 15 Januar 2016 22:48

Lehrstunde in Sachen demografischer Wandel

Nico Dietrich inszeniert 2030 - Odyssee im Leerraum im Jungen Theater

100.000. Diese Zahl ist der Aufhänger einer Lehrstunde in Demografie am Jungen Theater: 2030 – Odyssee im Leerraum. Denn im Jahr 2030 werden in Südniedersachsen 100.000 Menschen weniger leben, so prognostizieren es die für Bevölkerungsstatistik zuständigen Behörden. Welche alltäglichen Probleme dieser Rückgang mit sich bringt, soll nun den Besuchern dieses innovativen Theaterabends näher gebracht werden. Entstanden ist dieses Stück auf der Grundlage einer Recherche, die im Rahmen des Projektes Trafo – Modelle für Kultur im Wandel durchgeführt wurde und dessen erklärtes Ziel es ist, „Konzepte für eine Transformation bestehender Kultureinrichtungen“ in ländlichen Regionen zu entwickeln. Die während der Recherche gesammelten O-Töne, kommen nun auf der Bühne des Jungen Theaters als „Experten des Alltags“ zur Sprache.

Statt die Besucher einfach in den Saal strömen zu lassen, werden sie an diesem Abend im Foyer abgeholt und müssen nun die Odyssee in die Provinz, den Ort des demografischen Niedergangs, antreten. Dieser führt einmal um das Theater herum durch den Hintereingang in den Vorstellungsraum. Während dieses kleinen Spaziergangs wird das Bergmannslied Glück auf, der Steiger kommt angestimmt, worauf das Göttinger Publikum erst zaghaft, dann in romantischster Grubenromantik mit einsteigt.

Darauf folgt die große Zuwanderung in die beschaulichen Dörfer und Kleinstädte Südniedersachsens. Jeder Besucher darf seinen Platz, der einem Ort wie Seesen oder Adelebsen zugeordnet ist, frei wählen. Frei nach dem Motto: Auf in die Dörfer, dem bösen demografischen Wandel entgegenwirken!

Nun konnte die eigentliche Lehrstunde beginnen. Demografiedoktoren in weißen Kitteln mit dem Wappen Niedersachsens auf dem Rücken erklärtem dem Publikum all die Probleme, die auf die beschaulichen Ortschaften um Leine und Harz zukommen werden: Schulen, Kneipen und Läden werden geschlossen, Rollatoren bestimmen die Straßenszenerie, die von leer stehenden Häusern gesäumt ist; dargestellt anhand erzählender Eindrücke aus Jühnde, Osterode oder Seesen.

Das tragende Narrativ dieses Stückes ist der Rückgang der Bevölkerung. Jeder Theaterbesucher soll endlich die großen Probleme die auf uns in Südniedersachsen zukommen werden, wahrnehmen, zugleich aber begreifen, dass diese Probleme auch eine Chance für die Menschen in ländlichen Gebieten bieten. Somit ist das Stück ein manchmal gar zu theatralischer Appell an die Zivilgesellschaft, die demografischen Entwicklungen als Chancen zu sehen und deren innovativ kreatives Potential zu erkennen. In diesem Zusammenhang darf natürlich das Thema der Flüchtlinge nicht ausgespart bleiben, denn, wie es politisch höchst korrekt heißt: Auch die Flüchtlinge müssen unbedingt als Chance für den ländlichen Raum begriffen werden!

Obwohl das deutsche Drama des demografischen Wandels schon seit Jahren in der Öffentlichkeit diskutiert wird, gelingt es Nico Dietrich mit seiner Inszenierung, die Region Südniedersachsen in den Blick zu nehmen, in der gerade die Kultureinrichtungen, vom Kino bis zur Diskothek aussterben, sodass kulturelle Bildung kaum noch stattfinden kann (Göttingen ausgeklammert). Neben auch schon so oft bei Jauch oder Schirrmacher diskutierten Gefahren und Chancen, schafft es dieses Stück, den Finger in die Wunde zu legen: Die kulturelle Verkümmerung der Kleinstädte und Ortschaften. Dass sich die Perspektive des Stücks auf die unmittelbar betroffenen Bewohner dieser Regionen (die Experten des Alltags) und deren beeindruckendes Potential ihr eigenes Schicksal zu gestalten, richtet, hebt es vom bisherigen Jargon der Demografie ab.

Gerade für das oft bürgerlich akademische Göttingen war diese kurzweilige und oft amüsante Lehrstunde in Sachen Demografie über sein näheres regionales Umfeld wichtig.

Montag, 21 September 2015 07:33

Die Suche nach dem Selbstbild in Zeiten des Krieges

JT-Premiere Katz und Maus

Der hässlich vernarbte Adamsapfel ist nicht der einzige Makel, über den seine Mitschüler herziehen. Irgendwie ist dieser Mahlke auch anders. Er möchte jemand anders sein in der Erzählung „Katz und Maus“ von Günter Grass, die Nico Dietrich am Jungen Theater in einer dramatisierten Fassung inszeniert hat.

Anders sein bedeutet, auch besser zu sein als die Gefährten, bei Flugzeug- und U-Boottypen souverän zu punkten, schneller zu Ziel zu kommen. All das, was dem eher schüchternen, wortkargen Joachim Mahlke schließlich gelingt, als er endlich Schwimmen lernt und  Tauchen und in einem Schiffswrack sein Abenteuerrefugium findet. Es ist eine sehr sportlich anmutende Welt, in der Mahlke, Pilenz, Hotten Sonntag, Winter und Esch sich gegenseitig anstacheln und hochschaukeln, bis wieder mal jemand die Puste ausgeht. Der  gepolsterten Kasten, die Bänke und die Absprungrampe, die die Turnabteilung des ASC Göttingen für das Bühnenbild von Christian Kiehl zur Verfügung stellte, sind klassische Turngeräte. Aber sie sind auch sehr vieldeutig in diesem Kräftemessen um Lebensentwürfe in  den ersten Jahren des zweiten Weltkrieges, als im völkischen Beobachter noch die Erfolgsmeldungen auf dem Vormarsch waren. Der Kasten wird zur Kanzel, wenn sich Mahlke der Jungfrau Maria wie eine Schutzpatronin zuwendet und die anderen mit seinem ewigen  mater dolorosa nervt. Doch schon bald gehen neben dem Pfarrer auch Panzergeneräle auf dem sportlichen Podest in Stellung, um sich in der Schulaula mit ihren Abschussquoten zu brüsten. 

Um Arbeitsdienst und Rekrutierungskommandos machen sie die jungen Gymnasiasten eigentlich noch keinen Kopf,  wenn der Sportlehrer den nächsten Sprung anpfeift und das JT-Team mit Linda Elsner, Jan Reinatz, Peter Christoph Scholz, Eva Schröer und Karsten  Zinser an den Turngeräten weitere Fitnesspunkte verbucht.  Mahlke ist mal wieder erfolgreich auf Tauchstation, das beschäftigt sie mehr und dass sie ihn jetzt wirklich bewundern und trotzdem nicht verstehen. Auch dann nicht, wenn als er nach dem Diebstahl eines  Ritterkreuzes von der Schule fliegt und nun Karriere auf hoher See macht. Auch so einer, der jetzt mit Abschussquoten profilieren kann, nur nicht in seiner alten Schule. Dem Dieb militärischer Auszeichnungen wird der ersehnte heldenhafte Auftritt verweigert. Mahlke desertiert.

Auch dieses Kapitel aus dem Leben eines Außenseiters wird rückblickend betrachtet - und wie ihn sein vermeintlicher Freund Pilanz gelassen hat. Jan Reinartz nimmt erneut den Blick des Chronisten an, der als alter Mann noch etwas abzuarbeiten hat, das er nicht zu bewältigen vermag und dazu immer wieder nach Erinnerungen und ihrer Bedeutung greift.  Es ist eine Sammlung von Rückblenden zwischen all den Abenteuern und den Irritationen, aus denen die Schauspieler dann ihre vielstimmigen Nahaufnahmen entwickeln. Sie bilden die Clique unbeholfener und doch so lebenshungriger Gymnasiasten, sind dann in wechselnden Rollen als Pädagogen, Panzergeneräle und Jungbahnführer zu sehen, verwandeln sich in Priester, Flieger-Asse, eine verwirrte Mutter und eine illustre Mariengestalt, bis ein erneutes Platsch ertönt. Linda Elsner ist wieder hinter dem Kasten wieder abtaucht; mit allem, was ihren Mahlke umtreibt und schmerzt und trotzdem unberührbar machen soll, bis schließlich auch der Glaube an die heilige Schutzpatronin versagt.

Diese Atmosphäre der Unberührbarkeit prägt letztlich auch die Inszenierung, in der die Szenen die Wirkung von Filmbildern entwickeln, die sich mit spannenden Schnitten und auch geschickt überblendet aneinanderreihen. Die Erwachsenen reagieren typisch, ob sie nun als autoritäre Pädagogen gezeichnet sind oder als Ikonen einer rassistischen Vernichtungspolitik oder als teilnahmslose Beobachter. Das mag zum einen daran liegen, dass die Erzählung von Günter Grass auch in ihrer dramatisierten Fassung in Rückblenden erfolgt. Die Situationen werden eben aus der Distanz der Erinnerung vorgeführt, mit viel Action und viel Elan auch mit den Beschreibungen verwebt, was sich im Einzelnen wie abgespielt hat und wer daran alles beteiligt war: Ziemlich viele Typen und ziemlich viele Klischees wie die von eitlen Fliegerhelden oder gebieterischen Seelsorgern. Aber was das zum anderen mit den Jugendlichen macht und nicht nur mit Mahlke, der sich nicht einpassen und einnorden lässt wie die anderen und daran auch zu Grunde geht, beschränkt sich an diesem Abend auf viele gelungene Vorführeffekte.

Montag, 22 September 2014 00:51

Bewegende Theaterbilder

Spielzeitstart am Jungen Theater mit dem Weltkriegsdrama „Im Westen  nichts Neues“

Der Erdhaufen auf der Bühne des Jungen Theaters erinnert an ein Massengrab. Doch schon bald fliegen die Fetzen aus geschreddertem Kork. Auch in den schwarzen Stiefeln, die aus dem Hügel hervor lugen, steckt noch ein Körper mit seiner Geschichte. Die Schauspieler graben sich frei für die Granatsplitter, das Getöse der Bomben und den Giftgasnebel. Sie werden sich später mit Amputationen quälen und mit offenen Wunden, die allmählich faulen, wild um sich ballern und verzweifeln, während Ängste und Traumata sie umklammert halten. „Die erste Granatem die einschlug, traf unser Herz“ schreibt Erich Maria Remarque über die jugendlichen Stürmer und Dränger, die sich die Schlachtbank des ersten Weltkrieges treiben ließen und keine Ahnung hatten, was ihnen da in ihrem Inneren explodiert. Da wirkt jedes Kapitel seines Romans „Im Westen nichts Neues“, das JT Intendant Nico Dietrich und sein künstlerischer Leiter Tobias Sosinka für ihre Bühnenfassung dramatisierten, wie einer diese Granatsplitter, die zu inoperablen Verletzungen führen.

Festgebunden an einem metallenen Bettgestell hängt Paul Bäumer. Ali Berber spielt den Schlachtfeldchronisten, der auch in Remarques Roman die Rolle des teilnehmenden Beobachters hat. “Manchmal wissen wir nicht, sind wir noch am Leben oder sind wir schon Tod“ flüstert die Stimme, die nun die Ereignisse wie einen surrealen Traum Revue passieren lässt. Die Kriegseuphorie, von der sich die jungen Gymnasiasten ebenso verführen ließen wie der Torfstecher,  und  wie sie auf das Kriegshandwerk gedrillt wurden. Die Frage, ob man einem Toten einfach seine Stiefel wegnimmt, weil der sie eh nicht mehr braucht, wird nur einmal gestellt. Der sterbende Freund muss über seinen Zustand belogen werden und wer in der Gaswolke durchdreht, braucht auch keine Maske mehr. Aus naiven Rekruten werden Mordmaschinen, die man bei Heimaturlaub hoch loben lässt und die für den kaiserlichen Frontbesuch adrett herausgeputzt werden.

Immer wieder fliegen die Korkfetzen, während sich in den Gesichtern die seelischen Verwerfungen spiegeln, die immer schwerer zu bändigen sind. Karsten Zinser, Eva Schroer und Linda Elsner spielen die Weggefährten des Kriegschronisten und deren Geschichten. Auch die von trauernden Müttern, Freundinnen und großmäuligen Zivilisten. Sie graben sich auch in die Feindbilder ein, die dieser Kriegsgeneration suggeriert wurden und erspüren in ihren vermeintlichen Gegnern die Schicksalsgefährten, denen die tröstenden Worte genau so wenig helfen. Auch die Erwachsenenwelt, wie sie Jan Reinartz und Agnes Giese als Arzt oder Kompanieführer, Krankenschwester und Hinterbliebene so pragmatisch repräsentieren, überlässt sie ihrem Schicksal.

Mit diesem symbolischen Gräberfeld und den Metallbetten, die zu Palisaden, Käfigen und Refugien werden, verzichtet Ausstatterin Susanne Rupert auf alles überflüssige Beiwerk für die kriegerische Kulisse. Es ist ein Raum für Nahaufnahmen von Körpern und Gesichtern, die sich auch dem nicht Mitteilbaren und dem Unbeschreiblichen stellen, das sie zwischen Schützengräben und Zählappellen heimsucht. Auf die Wirkung dieser Nahaufnahmen vertraut auch Nico Dietrichs Inszenierung  und auf ein realistisches Klima, in dem deutlich wird, das hier Situationen mit den Mitteln des Theaters nachgestellt werden, so anschaulich wie erschreckend, um dabei auch das Blutbad in den Köpfen sinnlich erfahrbar zu machen.

Es fließt kein Tropfen Kunstblut an diesem Abend. Es werden auch keine Horrorszenarien visualisiert, die den Schrecken des ersten Weltkrieges noch illustrativ bebildern. Nach einem letzten Röcheln werden die Körper von dem Metallrost gekippt.  Jedes Laken kann zum Leichentuch werden und jeder Spaten zur Waffe. Und wenn der Koch die nächste Henkersmahlzeit anschleppt, scheppern die Blechnäpfe bis sich der Lebenshunger mit dem nächsten Granatsplitter endgültig erschöpft.  Unter  dem Motto „Aufbrüche und Umbrüche“ ist Nico Dietrich in seine erste Spielzeit am Jungen Theater gestartet. Und auch wenn nach Remarques Roman ein Szenario der Zusammenbrüche und der Katastrophen Premiere hatte, ist das kein Widerspruch. Wie einen Vorhang lässt Nico Dietrich im Schlussbild seiner Inszenierung eine rote Fahne vor dem Trümmerfeld aufrollen: Symbolisch
für eine neue Zeitrechnung der politischen und sozialen Umbrüche aber auch
für ein Junges Theater in Aufbruchstimmung, das sein Publikum an diesem Abend mit viel Mut und großer Leidenschaft schon sehr bewegt hat.

Tina Fibiger

Start in der Spielzeit 2014/15

Der neue Intendant des Jungen Theaters Göttingen heißt Nico Dietrich. Ab der Spielzeit 2014/15 wird der in Brandenburg/Havel Geborene das Haus am Wochenmarktplatz leiten. Dietrich, Jahrgang 1979, absolvierte sein Studium der Theaterregie an der „Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch“ in Berlin.

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