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Osterode

Unterwegs im »Lyrischen Garten«

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Bericht von Tina Fibiger - Erschienen am 31.August 2022

Die Atmosphäre in der denkmalgeschützten Villa Gips mit ihrem romantischen Jugendstilgarten mögen manche Besucher:innen bei ihrem poetischen Sonntagsausflug vermisst haben. Aber in Osterode hat der Stadtpark ebenfalls eine einladende Wirkung, der in diesem Jahr zum Treffpunkt für den »lyrischen Garten« wurde. Dass sich Menschen über Lyrik austauschen, ins Gespräch kommen und sich mit Versen, Aphorismen und literarischen Skizzen auf Wanderschaft begeben, war von Anfang an ein Ziel von Renate Maria Riehemann.

Die Osteröder Autorin und Herausgeberin hat dafür nicht nur die regionale Literaturszene an ihrer Seite, sondern seit Herbst vergangenen Jahres auch den Verein Lyrik lebt, dessen Vorsitz sie als Gründungsmitglied übernahm.

Munter plätschert der Sprungbrunnen im Kurpark von Osterode, wo sich die Autor:innen mit poetischen Sammlungen, Reiseerzählungen, Romanen und Illustrationen niedergelassen haben. Im Sitzungssaal der benachbarten Stadthalle lesen sie den Tag über abwechselnd aus ihren Texten, während die Open-Air-Bühne vor allem für den literarischen Nachwuchs gedacht ist. Dort präsentieren Schüler:innen der Realschule Röddenberg ihre »Gedichte für den Frieden«, an denen man anschließend auf einer Wäscheleine vorbei flanieren kann. Auf bunten Blättern bilden sie eine nachdenkliche poetische Galerie über „leuchtende Friedensflammen“ und die Aufforderung, „stark gegen den Krieg“ zu bleiben und „Probleme ohne Kampf“ zu lösen. 

Gerappt, gesungen, getanzt und rezitiert wird ebenfalls auf der Open-Air-Bühne mit Songtexten und Versen, die an der Kreismusikschule Osterode in einer musikalischen Schreibwerkstatt reiften. Die Idee, wie sie Renate Maria Riehemann nicht nur für den lyrischen Garten im Sinn hatte. Jugendliche so ganz nebenbei ohne pädagogische Zielvorgaben an Lyrik heranzuführen, trägt vielfarbige Früchte.

Dass die zeitgenössische Lyrik in Osterode auch ein wenig Einzug in den Alltag gefunden hat und keine Außenseiterrolle mehr spielt, bestätigen auch die Gartenbesucher:innen, die beim Blättern zwischen den Buchseiten gerne nachfragen und Motive kommentieren und nicht nur ihnen bekannte AutorInnen gern in ein Gespräch verwickeln. Das sind die Momente, die zum Beispiel Wolfgang Horn aus Bad Grund besonders schätzt, der sich jedes Jahr am lyrischen Garten in Osterode beteiligt. Er möchte gern mit seiner Leserschaft diskutieren, was für ihn bei Lesungen oft zu kurz kommt. Ihm geht es auch um Ansichten und Erfahrungen, die in seinen Gedichten, Erzählungen und Aphorismen zum Ausdruck kommen. Sie treffen dann im Gespräch vielleicht auf ganz andere Meinungen und Erfahrungen – oder werden auch kritisiert. Bei Wolfgang Grund sind es vor allem die Aphorismen, die wie die Poesie in luftiger Parkatmosphäre ihre Kreise ziehen, weil sich für ihn manches auch stilistisch prägnanter auf den Punkt bringen lässt als in einem Gedicht. Aber da ist für ihn auch das Thema entscheidend oder in welcher Form er gerade Lust hat zu schreiben, wenn daraus keine Erzählung werden soll. So wie er jetzt spontan aus seiner Sammlung von Aphorismen zitiert. „Wir sehen oft den Wald vor lauter Bäumen nicht. Schlimmer aber ist, wir sehen auch den Menschen vor lauter Leuten nicht.“

Wolfgang Horn gehört zu den Gründungsmitgliedern des Vereins Lyrik lebt, wie auch Claudia Helena Dietrich, die von Berlin nach Herzberg übersiedelte, um mit Autorin und Herausgeberin Renate Maria Riehemann die lokalen literarischen Netzwerke als zweite Vorsitzende des Vereins zu stärken. Sie belebt die Harzregion auch nicht nur mit Erzählungen, Gedichten und Reisegeschichten literarisch, sondern auch mit Schreibsalons für kreatives Schreiben. Von vielen unerwarteten und immer auch inspirierenden Begegnungen berichtet die Diplom-Künstlerin und Poesiepädagogin, die sich als „passionierte Flaneuse“ beschreibt. Sei es beim Sammeln von Bildern, die später in ein Gedicht oder eine Erzählung fließen und auch dann, wenn sie Menschen jeden Alters mit den Möglichkeiten vertraut macht, ihre Gedanken auf kreative Weise zum Ausdruck zu bringen „Man lässt sich treiben beim Flanieren“, sagt sie, „es ist schweifen im allerbesten Sinne“.

Zwischen Autogrammwünschen und Kommentaren zu ihrem neuen Buch »Mischpoke, Kieze und Kiewief« rezitiert auch Claudia Helena Dietrich gern für lyrischen Gartenflaneure einen Ausschnitt aus ihrem Gedicht »Im Hochhaus«:

Ein Dichter wünscht sich ein Leben / inspiriert schlicht und kommod / doch in seinem Kopf / da schreien die Soldaten / wir bringen den Tod. / Der Nachrichtensprecher meldet erneut sich zu Wort.

Für eine ganze Reihe von AutorInnen ist der lyrische Garten in Osterode Neuland. Gastgeberin Renate Maria Riehemann möchte mit den schreibenden Gästen aus Hamburg, Berlin, Heidelberg, Hamburg und Bremen vor allem die lokale und regionale Literaturszene bereichern und vertraut auf den kreativen Input von Dichterinnen und Dichtern, die sich oft auch als Literaturkritiker:innen und KuratorInnen engagieren oder neben ihrer Schreibwerkstatt Literaturfestivals organisieren und Anthologien betreuen. „Wir sind tatsächlich so egoistisch“, sagt die Initiatorin der lyrischen Gartenkultur, „und wollen davon profitieren, dass wir die Dichter:innen hier her holen. Wir wollen einfach ein bisschen über den Tellerrand schauen und wenn sich das nachher so ergibt, dass das auch umgekehrt passiert, um so besser“.

Safak Saricicek gehört zu den Gastautoren, der nur manchmal in der luftigen Gartenkulisse des Kurparks anzutreffen ist, weil er auf seine Weise über den Tellerrand schaut und vor allem die Lesungen im Sitzungssaal der Stadthalle verfolgt.

Als „wundervoll“ beschreibt er die Atmosphäre beim poetischen Flanieren in Osterode mit den „unterschiedlichen Stimmen auf der Bühne“, die sich für ihn zum Teil diametral entgegenstehen und paradoxerweise sehr gut ergänzen. „Die Leute sind sehr aufgeschlossen, berichtet der türkische Autor, der in Heidelberg lebt. „Sie fragen dann, wenn sie meine Lyrik eher als kryptisch, surrealistisch oder schwerer zugänglich empfindet. Aber es geht ja auch nicht darum, wirklich alles 1:1 zu entschlüsseln. Die mannigfaltigen Möglichkeiten der Interpretation machen das ja gerade auch aus.“

So wie sich mit Wolfgang Horn über Weltbilder und ihre kunstvolle Form der Verdichtung nachdenken lässt und mit der passionierten Flaneuse Claudia Helene Dietrich über das freie Schreiben in Gedichtform, kommt man auch mit Safek Saricicek im lyrischen Garten im Gespräch ins Schwärmen. Sei es über magische poetische Momente oder die Frage, ob ein Gedicht sich eher spontan entwickelt oder über längere nachdenkliche Durststrecken. Alle Autorinnen erzählen gern über das Alltägliche und das Besondere in ihren Schreibwerkstätten, was sie inspiriert und literarisch bestürmt und wann sie einer Erzählung oder einem Roman den Vorzug vor einer poetischen Miniatur geben.

Im lyrischen Garten von Osterode blühen an diesem Tag nicht nur die literarischen Fantasien in Gedichten, Erzählungen und Aphorismen auf, sondern auch die Gesprächskultur im inspirierenden Miteinander. Dabei erfahren die BesucherInnen auch etwas über Existenzkämpfe in der literarischen Szene, dass das Schreiben zum Lebenselixier werden kann aber oft nur in Verbindung mit einem so genannten Brotberuf möglich ist. Dann ist es wieder an der Zeit zwischen Lesesaal und Parkgelände zu flanieren, in Büchern und Prospekten zu blättern oder nach einem magischen poetischen Moment Ausschau zu halten, wie ihn Safak Saricicek in seinem Gedicht über „verseuchte Fledertiere“ bekundet.

„eine mulde gibt es wo wir liegen können nackt wie sand / dein aug und mein aug ein steter überfall bis schmelze die farben / nähen eine taiga aus parabeln, streamen all unsre folgen mit einem nicken / gebet ewiger stromzufuhr, werden eingehen in suppen aus kristall“