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Deutsches Theater

Der Zauber des Theaters

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Die Requisite des Deutschen Theaters – ein Portrait
Porträt von Jana Kelterborn - Erschienen am 22.Juli 2022

Die Requisite des Deutschen Theater Göttingen – das ist nicht nur ein einzelner Raum, sondern gleich viele verschiedene. Vier Mitarbeitende teilen sich hier dreieinhalb Stellen und kümmern sich um alles, was auf der Bühne Verwendung findet und weder Ton oder Licht noch Möbelstück oder Wand ist.

Eine davon ist Sabine Jahn. „Hier wohne ich“, sagt sie und dreht sich in dem gemütlichen Raum um, der das Hauptquartier von ihr und ihren Kollegen ist – und Behausung vieler gefiederter, hölzerner, gegossener oder plüschiger Mitbewohner, die buchstäblich „Stück für Stück“ dazu kamen. Der Arbeitsplatz als Wohnzimmer? So wirkt das Zimmer mit dem großen Basteltisch, dem PC in der Ecke und den mit Postkarten bunt beklebten Regalen tatsächlich. Dies ist auch von großem Vorteil, denn Jahn, die seit 1990 als Requisiteurin arbeitet und zuvor eine Ausbildung zur Facharbeiterin für Textiltechnik absolvierte, berichtet von Arbeitstagen, die zehn Stunden oder noch länger sind. Morgens und abends finden Proben statt, die vorbereitet, betreut und nachbereitet werden müssen. Jeder der vier Requisiteure ist abwechselnd hauptverantwortlich für ein Stück. Die Kollegen arbeiten ihm zu. Ein besonderer Augenblick sei dann die Premiere des „eigenen“ Stückes, die natürlich auch eine große Entlastung bedeutet.

Die große Küche im Vorraum dient jedoch nicht der persönlichen Erholung: Grade heute Abend wird sie hier noch Pfannkuchen backen, verrät Sabine Jahn. Dies soll allerdings kein süßes Festmahl für die eigene Verköstigung werden, sondern ist gänzlich dienstlicher Natur: Für eine anstehende Aufführung werden essbare Requisiten benötigt. Vieles Andere werde am Basteltisch gefertigt – der jedoch bloß die Spitze des Eisberges professionellen Requisiteurenhandwerks ist. Das wird deutlich, wenn man die sich direkt neben ihm befindliche Wendeltreppe hinab schreitet. Unten in der Werkstatt der Requisite kann gebohrt und gesägt werden, geschnitten, getöpfert und kaschiert. Der zugehörige Materialfundus bietet an Stoffen, Hölzern und Formen alles, was sich eine Requisiteurin wünschen kann. „Manchmal ist es nötig, das Rad neu zu erfinden, um den Wünschen der Regisseure gerecht zu werden“, meint Jahn, die seit 1999 am Deutschen Theater beschäftigt ist und zuvor für die Requisite eines 5-Sparten-Hauses verantwortlich war. Noch vor Probenbeginn einer Inszenierung erhält sie eine Liste aller benötigten Requisiten. An ihr und ihren Kollegen liegt es dann, diese herzustellen – nicht selten ein nervenaufreibender Prozess, denn was für das Stück vorgesehen ist, kann sich im Laufe der Proben ändern. So soll ein Gegenstand manchmal plötzlich doch anders aussehen als geplant oder bereits mühsam begonnene Requisiten entfallen ganz. Gewöhnlich setzt sich das gesamte Team, das an der Aufführung beteiligt ist, jedoch 14 Tage vor der Premiere zusammen und bespricht, wie sämtliche Requisiten endgültig aussehen sollen. Gegebenenfalls werden dann noch letzte optische Veränderungen vorgenommen. So wird der Gegenstand, der schließlich Verwendung vor Zuschauern findet, über Wochen hinweg immer präziser. Trotz dieses gewohnten Ablaufes ist ihre Tätigkeit weit davon entfernt, langweilig zu werden, sagt Jahn. „Ich lerne immer noch dazu.“ Dies liege vor allem daran, dass Kunst der Inbegriff der Veränderung sei. Das Aufkommen neuer Materialien bringt bisher unbekannte Chancen und Herausforderungen mit sich, aktuell sei das vor allem die Möglichkeit des 3D-Drucks.

Dass Arbeiten in der Requisite eines Theaters vor allem Materialkunde bedeutet, wird weiter deutlich, wenn Sabine Jahn ihr persönliches Lieblingsrequisit präsentiert: Geschützt in einer mit Federn gepolsterten Schachtel verbirgt sich ein gläsernes Herz aus dem Stück „Klaras Verhältnis“. Ein gläsernes Herz? Nur beim Hinsehen. Befühlt man es, spürt man, dass dieser Eindruck trügt. Die rote Masse lässt sich leicht eindrücken. „Ich habe vom Regisseur die Aufgabe bekommen, ein Herz zu bauen, das aussieht, als sei es aus Glas, das an der Wand kleben bleibt, wenn man es dagegen wirft, und anschließend von selbst weghüpft,“ berichtet Jahn. Genau das ist ihr gelungen – dank einer Mischung aus den Stoffen Gelantine und Glycerin, deren optimales Verhältnis sie selbst ausgetüftelt und schließlich zusammengebraut und gefärbt hat. Auch auf den Nibelungenschatz, den sie selbst geschaffen hat, ist sie stolz: Sämtliche Goldbarren der in Bereitschaft lagernden Requisite hat sie in selbstgebauten Silikonformen aus Zahngips gegossen, bemalt und geprägt. Sie kommen aktuell im Stück „Der Ring des Nibelungen“ zum Einsatz. Hierbei war es wichtig, auf den Klang zu achten, den die einzelnen Stücke beim Gegegeinanderschlagen erzeugen. „Auf keinen Fall sollte das Gold nach Holz oder Plastik klingen.“ Um ein möglichst authentisches Geräusch zu erzeugen, sei unter anderem eine Recherche nach dem Gewicht realer Goldbarren notwendig gewesen.

In den Lagerstätten der Requisite auf dem Gelände des Deutschen Theaters verbergen sich weitere Schätze, zum Beispiel die lebensgroßen Schwenkpuppen, für deren Gesichter eng mit der Maskenbildnerei zusammengearbeitet wurde. In den Räumen dahinter türmen sich Kerzenständer; Glasflaschen, Äxte, Bilderrahmen, Kinderwagen, Globen und viele Dinge mehr. Die Schließung während der Lockdowns haben Jahn und ihre Kollegen genutzt, um hier kräftig aufzuräumen - ein ordentliches Stück Arbeit an Orten, an denen das 30 Jahre lang niemand getan hat. 

Aus allen Nähten platzen die Lagerstätten dennoch, was im Theater aber vollkommen berechtigt ist. Und Jahn bekräftigt, dass sie sich bestens auskennt und trotz des „Chaos“ weiß, was sie wo findet. Etwas, das im eigenen Wohnzimmer zuhause ja nicht immer unbedingt gegeben ist.

„Der Trend geht klar zu höherer Detailgetreue“, meint Jahn abschließend. Es werde von Regisseuren stärkere realistische Tiefe der Objekte gefordert, so ihre Beobachtungen. Der Nibelungenschatz sei schon einmal gebaut worden, aus Holz allerdings. Bis weit in den Zuschauerraum habe man damals hören können, dass die „Goldbarren“ bloß angemalte Klötze waren – heute undenkbar. Gute handwerkliche Arbeit sei eben notwendig für das, was Sabine Jahn den „Zauber des Theaters“ nennt: Zum Abschluss einer Vorführung lachen die Zuschauer, sind begeistert von dem, was ihnen geboten wurde. „Man merkt, wofür man die Arbeit gemacht hat“, sagt Jahn, und eilt davon, durch die Flure und Hallen der Requisite, „ihres“ Zuhauses.

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