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Ein Wachmacher, integriert mit vielen wichtigen Fragen über das Leben

Information
Rezension - Erschienen am 29.März 2014

Uraufführung im Jungen Theater

„Wirkt das Göttin-Gen noch heute?“ Diese Frage thematisiert das neue Theaterstück „Das Göttin-Gen – eine Stadt heilt sich selbst“, produziert von bodytalk, Analogtheater und dem Jungen Theater. Die Protagonisten wehren sich gegen das Eingeschlafen-Sein unserer Kleinstadt, denn Göttingen sei wie viele andere Kleinstädte ein Fall für „Kleine Stadt, kleines Haus, kleines Geld“ – Kurz: Öde. Es wird also gegen Festgefahrenheit, Versacken im Einheitsbrei, den grauen Alltag und Einöde gekämpft. Und gekämpft im wahrsten Sinne des Wortes. Die Schauspieler sind alles andere als leise auf der Bühne und rütteln das Publikum ordentlich wach. Verschiedene Musikstile, die das Stück begleiten, sorgen für Abwechslung. Mal Hardrock, mal eine Oper – die Schauspieler nehmen ihr Publikum mit in ihre Achterbahn der Emotionen.

Das Hinterfragen der bestehenden Verhältnisse - über den Tellerrand schauen/wie geht es weiter in Göttingen? - wird thematisiert. Haben wir nicht alle ein bisschen Schwung nötig? Das Stück möchte den Blick nach Innen, auf Göttingen und ihre Bewohner, wenden und Platz schaffen für eine neue, frische Brise Lebensgefühl.

Wo steht Göttingen in der Welt? Was macht Göttingen besonders? – Vor allem geht es in dem Stück um Identitätsfindung und Individualität. Mit viel Kreativität soll die Heilung der Bewohner unserer Stadt beginnen. Sie sollen aus ihrem Schlaf von „Angepasstheit, Karrierebewusstsein und Studien-Alzheimer“. Rausgerissen werden. Denn: Das Licht auf Göttingen sei erloschen, es gäbe keine Besonderheiten, die Welt schaue nicht mehr auf Göttingen seit Lichtenberg 1799. Also beginnen die fünf Protagonistinnen, die den fünf Universitätsmamsellen aus dem 18. Jh. Nachempfunden wurden, mit einer Lichttherapie und bestrahlen sich mit Neon-Röhren. Sie tanzen, springen, schreien, singen gelegentlich und nehmen das Publikum dazu mit. Das ganze Stück ist interaktiv, das Publikum wird immer wieder angesprochen und in die Handlung mit eingebaut – und das Publikum machte mit. Die Heilung der Stadt begann im Saal selbst, indem am Ende Zuschauer aus den Reihen ausgewählt und auf die Bühne geholt wurden. Sie sollten ihre Lieblings-Orte in Göttingen aufzählen. Es fielen Orte wie der Wall, der botanische Garten wurde mehrmals genannt und selbst das Deja Vu scheint eine Besonderheit Göttingens darzustellen.
Weitere Themen des Stückes waren unter anderem noch der Wechsel des Intendanten am Göttinger Theater und die damit zusammenhängende Veränderung in und um das Theater, sowie Veränderungen, die das Schauspieler-Team erwarten könnten. Die Themen Identität und Veränderung schienen den Autoren äußerst wichtig zu sein.

Ein anderes Thema war auch die Weiblichkeit in diesem Stück. Alle Protagonistinnen, waren weiblich – sollte das bedeuten, dass die anstehende nötige Revolution in Göttingen eine weibliche sein sollte? Das weiß man nicht, aber es passt zu Themen dieser Generation wie Frauenquote oder Feminisierungen von Begriffen wie zum Beispiel „EthnologInnen“.
Es fielen schmutzige Wörter („Fotze“) und viele Schüsse. Ist es das Ende einer braven Kleinstadtgesellschaft oder sollten die Schüsse den Tod der Göttinger Vergangenheit bedeuten und einen Neuanfang schaffen? Vielleicht sollte der Lärm auch zum Aufrütteln dienen.

Das wunderbare an dem Stück ist: Man merkt es hat einen hohen philosophischen Charakter. Es bittet um Mitarbeit und Einbindung und die Zuschauer zeigen Spaß an ihrer Integration. Unverständlich bleibt warum dem Publikum Kekse ausgeteilt wurden ebenso wie die Head-Line „I’m your Keks“. Gut angekommen sind die Kekse jedoch allemal.

Natürlich sind nicht alle Besucher hin und weg gewesen von so einer Integration in das Stück und doch konnte sich kein Besucher ein Schmunzeln oder herzliches Lachen bei diesem Power-geladenen Stück verkneifen. Es ist ein Wachmacher, integriert mit vielen wichtigen Fragen über das Leben. Also machen wir etwas aus unserer Kleinstadt oder sind wir wie jede andere? Hat Göttingen genug Individualität? Eine Frage, die sich jeder selbst stellen sollte: Wirkt das Göttin-Gen noch heute? – Das Stück hat seine aufweckende Wirkung mit viel Witz und Selbstironie nicht verfehlt.