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Das beste aller Theaterstücke

Information
Rezension - Erschienen am 6.April 2014

Premiere von „Candide oder: You are not in wonderland.“ im Jungen Theater

Wir leben doch in der besten aller Welten! Ein herrlicher Frühling liegt über Göttingen, die Eisdielen haben wieder auf, die medizinische Versorgung ist exzellent, das Hackfleisch günstig wie nie, die Bibliotheken sind öffentlich zugänglich, es gibt immer weniger Gewalt und Autounfälle, und als Student darf man kostenlos ins Theater.
Naja.

Andererseits könnte der warme Frühling Indiz für den Klimawandel sein, die Eisdielen sollen ja manchmal hygienisch bedenkliche Standards vorweisen, dann dieser Transplantationsskandal in der Uniklinik, und das mit dem günstigen Fleisch ist einem ja langsam auch nicht mehr geheuer, in den Bibliotheken verschwinden manchmal ziemlich teure, alte Bücher und das mit dem Kulturticket weist ja eigentlich auch nur darauf hin, dass es dem Kulturbetrieb in Göttingen nicht so richtig gut gehen kann...

Man kann es drehen und wenden: Am Optimismus scheiden sich die Geister. Ein Pessimist sei ein Optimist, der nachgedacht habe, heißt es. „Optimism is a person buying a lottery ticket“ prangt es an der Bühnenwand der aktuellen Inszenierung im JT – Indizien dafür, dass man sich als vernunftbegabtes Wesen etwas Unlogisches wie den Optimismus nicht mehr leisten kann?

„Candide oder: You are not in wonderland. Eine Reise um die beste aller möglichen Welten.“ lautet  der vollständige Titel des Stücks. Frei nach Voltaires Novelle „Candide oder der Optimismus“ (in der deutschen Übersetzung auch: „Candide oder die beste aller Welten“) kreist es um das Für und Wider einer optimistischen bzw. pessimistischen Weltanschauung.

Voltaire, dessen Konterfei den Zuschauer im Theater freundlich anlächelt, konzipierte seine Erzählung als sarkastische Antwort auf Leibniz´ Theorie, demnach wir in der besten aller möglichen Welten leben. Voltaires naive Hauptfigur Candide, sein Lehrer Pangloss, seine Geliebte Kunigunde und verschiedene weitere Begleiter erleben in dreißig Kapiteln allerhand Schreckliches (Sklaverei, Siechtum, Vergewaltigung, Naturkatastrophen), bevor sie schließlich sesshaft werden und in der gemeinsamen Arbeit einen Ausweg aus ihrem Dilemma (ihnen wurde stets gepredigt, die Vorhandene sei die beste aller Welten, vorgefunden haben sie aber quasi die Schlechteste) finden: „Lasst uns arbeiten ohne nachzudenken, das ist das einzige Mittel, das Leben erträglich zu machen.“

Einfach nicht darüber nachzudenken ist natürlich keine Haltung des Theaterschaffenden, dem es doch im besten Fall gelingt, dass sein Publikum das Erlebte noch lange mit sich im Kopf herum trägt. Und so erschaffen Alida Breitag und Robert Hartmann in ihrer Inszenierung eine Bühnenwelt, die sich ganz diesem Nachdenken, der Positionierung und der Reflexion verschreibt: Fröhlich wird das Publikum, das sich auf zwei Tribünen gegenüber sitzt, von Elisabeth-Marie Leistikow, Gintas Jocius und Robert Oschatz begrüßt. Der Ablauf des Abends wird erläutert: Jeder der drei Schauspieler übernimmt zehn Kapitel der Novelle, deren Überschriften auf stets wechselnden Schautafeln zu lesen sind. Während hauptsächlich einer der drei in der freien Bühnenmitte performt, sind die anderen beiden damit beschäftigt das Geschehen durch das Anbringen ausgedruckter Texte und Bilder an einer Wand assoziativ zu begleiten. Außerdem sorgt Regisseur Robert Hartmann mit Klavier, Keyboard und PC für Musik, zu der teilweise umgedichtete Popsongs, teils auch Nummern aus Leonard Bernsteins Musical „Candide“ zum Besten gegeben werden. Nebenbei köchelt eine westfälische Gemüsesuppe vor sich hin.

In der Bühnenmitte schlüpfen vor allem Oschatz und Jocius immer wieder in verschiedene Rollen, erleiden mit Candide die schlimmsten Schicksalsschläge, unterbrechen aber ihre Darstellung selbst für Zwischenbemerkungen und Reflexion, nur um dann erneut ihre verschiedenen Figuren mit Leben zu erfüllen. Diese zahlreichen Figuren – obwohl sie jeweils alle von einer Person gespielt werden – sind dank einzigartiger Stimme, Mimik und Gestik jede für sich ein unverkennbarer Charakter, während der ständige, ununterbrochene Wechsel von einem zum andern eine wahnsinnige Konzentrationsaufgabe für die Schauspieler darstellt, die Oschatz und Jocius mit vollem Körpereinsatz bewältigen. Die Handlung und ihr Text (übrigens von Breitag und Hartmann zusammen mit den Schauspielern entwickelt) ist dabei voll von aktuellen Bezügen, auch wenn diese nie namentlich (etwa als „Krimkrise“, „Syrienkonflikt“ oder „Obdachlose vor meiner Haustür“) zur Sprache kommen – vielmehr formen sich die „Denkanstöße“ im Kopf des Zuschauers zu einem erschreckend zeitlosen Bild von Krieg, Gewalt, Sklaverei und Siechtum zusammen.

Candide und seine Begleitung sind schließlich im sagenhaften El Dorado angelangt, als Leistikow die chronologische Orientierung an den dreißig Kapiteln der Novelle abbricht und in einem bombastischen, improvisiert wirkenden und absolut faszinierenden Schlussmonolog für sich, ihre Kollegen und die Zuschauer heraus zu finden versucht, was denn nun genau das Fazit ist, was wir heute noch aus Voltaires Novelle ziehen können. Und irrationalerweise sieht es am Ende eigentlich gar nicht so trübe aus.

Auch Regisseur und Dramaturgin gehen aus ihrem Projekt eher optimistisch als pessimistisch hervor: Voltaire vermittle einem in der heutigen Zeit, dass es eigentlich gar nicht nötig sei, dem besten aller Leben hinterher zu hechten – ein gutes Leben sei doch eigentlich auch schon ein Gewinn. Außerdem könne seine Sicht auf die Dinge ein Ansporn sein, die Welt zumindest „im Kleinen“ zu verändern: Statt zu resignieren und zu denken, dass man gegen die Übel der Welt machtlos sei, helfe der Diskurs über den Optimismus dabei, sich klar zu machen, dass es ja durchaus Dinge im Alltag gibt, mit deren Veränderung eine Verbesserung unserer Welt möglich ist.

Für mich zählt „Candide“ zu den besten und intensivsten Theaterstücken dieser Spielzeit. Der Besuch einer der weiteren Aufführungen sei daher wärmstens empfohlen, z.B. am 8.4., 17.4., 25.4., 2.5. (sowie weitere Termine unter www.junges-theater.de). Karten unter 0551 - 49 5015 oder hier online im Kulturbüro Göttingen.