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Parsifal – einer von uns, mit uns, unter uns

Information
Rezension - Erschienen am 2.Juni 2014

Premiere im Jungen Theater

Die durch und durch hypochondrische Kundry sitzt im Wartesaal einer Notaufnahme, trägt ein Schwanenkostüm und teilt ihrer Mutter immer neue Einfälle absurder Krankheiten per Telefon mit, bis ein schwarz gekleideter und am Ohr mit Blut beschmierter Parsifal die Notaufnahme betritt.

Das Bühnenbild dieser Parsifal-Adaption im Jungen Theater bestand aus drei kastenförmigen Sitzgelegenheiten, auf denen Parsifal und Kundry entweder in einer schlichten Pose saßen, oder im Falle Kundrys diese für akrobatische Einlagen nutzten. Um die zentral-positionierten Hocker waren einige Äste und Stämme aufgestellt, zwischen denen die jungen Musiker zusammen mit der Sängerin Ute Eisenhut das Bühnengeschehen musikalisch untermalten.

Zwei sich gegenüberstehende Zuschauertribünen, in deren Mitte sich das Bühnensetting befand, sorgten für eine äußerst intime Atmosphäre. Diese Intimität wurde nicht nur in dem Bühnenbild konstituiert, sondern durch eine nah am Zuschauer ansetzende Performance gestaltet, indem oft die Mittelgänge der Tribünen ausgenutzt und der gesamte Raum klanglich eingenommen wurde, wie es im Titel, Parsifal – einer von uns, mit uns, unter uns, schon anklingt.

In dieser Konstellation sollte sich das weitere Geschehen einer Nacht in der Notaufnahme entfalten, in dessen Verlauf ein sehr rational wirkender Parsifal Kundry von ihrer irrationalen Wahnvorstellung, in der sie immer neue absurde Krankheitsbilder erfand, erlöste. Damit übernimmt die Interpretation das übergeordnete Thema des wagnerschen Bühnenweihfestspiels und inszeniert sie als triviale Situation in einer Notaufnahme. Die Idee, den Parsifal als Patienten in einem Krankenhaus darzustellen, ist kein Novum und wirkte wohl nicht für jeden Zuschauer kohärent umgesetzt. Während das Bühnenbild in der Darstellung des archaischen Waldes der Gralsritter verblieb und ebenfalls die erdfarbenen Kostüme der Kinder dieses Bild unterstrichen, wurde eine moderne Situation mit klingelnden Handys, Zahnersatz und bewusst zeitgenössischer Umgangssprache erschaffen.

Ebenfalls der Ansatz, das Stück mit acht Kindern zu erarbeiten und sie als Musiker in das Bühnengeschehen mit einzubinden, schien nicht ganz aufzugehen. Ohne die Leistung der mitwirkenden Kinder nicht würdigen zu wollen, denn diese überzeugten durch große Aufmerksamkeit und Souveränität bei der musikalischen Untermalung, muss hier jedoch die Frage gestellt werden, wie der Stoff des Parsifals so aufbereitet werden kann, dass Kinder einen Zugang zu ihm finden und eine Familienvorstellung ihren Sinn erfüllt, sodass die Interpretation ihre Aussage generationenübergreifend vermittelt. So wirkten die teilhabenden Kinder zwar sehr aufmerksam dem Geschehen folgend, immer auf den nächsten Einsatz am Instrument wartend, doch welches der Kinder wird wirklich dem sperrigen Geschehen und den Dialogen näher gekommen sein? Hier stellt sich auch die Frage, an wen sich dieses Stück eigentlich richtet: An Kenner der wagnerschen Oper oder der mittelalterlichen Vorlage Wolfram von Eschenbachs, denn eine Erzählung war auf die dargebotene Weise kaum nachvollziehbar. Mit all diesen Fragen sollte diese Interpretation konfrontiert werden, wenn sie auf die wagnerschen Themen der Verführung/Keuschheit, Tod, Erlösung usw. eingehen möchte, aber gleichzeitig als  Familienvorstellung angekündigt wird.

Gleichermaßen wurden musikalische Motive aus Wagners Original übernommen, jedoch größtenteils so adaptiert, dass sie nur schwer rauszuhören waren und vielmehr als sphärisch-musikalisches Beiwerk Wirkmacht entfalten konnten. Damit zeigt sich auch in diesem Punkt, dass Kinder in das Geschehen auf der Bühne eingebunden werden sollten, den Bezug zur Musik jedoch nur schwerlich zu finden schienen, da die Musik sich bis auf wenige Abschnitte als äußerst abstrakt darstellte und keine weiterführende Funktion, als die der erwähnten sphärischen Untermalung des Bühnengeschehens einnehmen konnte. In der Beschreibung gibt sich dieses Stück als kinder- und familientauglich, jedoch ist die Rolle der Kinder bei der Aufführung räumlich sowie emotional als lediglich peripher zu bezeichnen.

All diesen Punkten steht die glanzvolle schauspielerische Leistung der Kundry (Constanze Passin) und des Parsifal (Gintas Jocius) entgegen, die in ihren Dialogen intensive Spannungsbögen entfalten konnten und die Zuschauer gebannt lauschen ließen, jedoch teilweise zu abrupt von dem gesungenen alter ego Kundrys (Ute Eisenhut) unterbrochen und aufgelöst wurden.

Für Kenner des Sujets trotz dessen ein wohl interessanter Abend, doch der Rest möge sich selbst eine Meinung bilden.