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Bewegende Theaterbilder

Information
Rezension von Tina Fibiger - Erschienen am 21.September 2014

Spielzeitstart am Jungen Theater mit dem Weltkriegsdrama „Im Westen  nichts Neues“

Der Erdhaufen auf der Bühne des Jungen Theaters erinnert an ein Massengrab. Doch schon bald fliegen die Fetzen aus geschreddertem Kork. Auch in den schwarzen Stiefeln, die aus dem Hügel hervor lugen, steckt noch ein Körper mit seiner Geschichte. Die Schauspieler graben sich frei für die Granatsplitter, das Getöse der Bomben und den Giftgasnebel. Sie werden sich später mit Amputationen quälen und mit offenen Wunden, die allmählich faulen, wild um sich ballern und verzweifeln, während Ängste und Traumata sie umklammert halten. „Die erste Granatem die einschlug, traf unser Herz“ schreibt Erich Maria Remarque über die jugendlichen Stürmer und Dränger, die sich die Schlachtbank des ersten Weltkrieges treiben ließen und keine Ahnung hatten, was ihnen da in ihrem Inneren explodiert. Da wirkt jedes Kapitel seines Romans „Im Westen nichts Neues“, das JT Intendant Nico Dietrich und sein künstlerischer Leiter Tobias Sosinka für ihre Bühnenfassung dramatisierten, wie einer diese Granatsplitter, die zu inoperablen Verletzungen führen.

Festgebunden an einem metallenen Bettgestell hängt Paul Bäumer. Ali Berber spielt den Schlachtfeldchronisten, der auch in Remarques Roman die Rolle des teilnehmenden Beobachters hat. “Manchmal wissen wir nicht, sind wir noch am Leben oder sind wir schon Tod“ flüstert die Stimme, die nun die Ereignisse wie einen surrealen Traum Revue passieren lässt. Die Kriegseuphorie, von der sich die jungen Gymnasiasten ebenso verführen ließen wie der Torfstecher,  und  wie sie auf das Kriegshandwerk gedrillt wurden. Die Frage, ob man einem Toten einfach seine Stiefel wegnimmt, weil der sie eh nicht mehr braucht, wird nur einmal gestellt. Der sterbende Freund muss über seinen Zustand belogen werden und wer in der Gaswolke durchdreht, braucht auch keine Maske mehr. Aus naiven Rekruten werden Mordmaschinen, die man bei Heimaturlaub hoch loben lässt und die für den kaiserlichen Frontbesuch adrett herausgeputzt werden.

Immer wieder fliegen die Korkfetzen, während sich in den Gesichtern die seelischen Verwerfungen spiegeln, die immer schwerer zu bändigen sind. Karsten Zinser, Eva Schroer und Linda Elsner spielen die Weggefährten des Kriegschronisten und deren Geschichten. Auch die von trauernden Müttern, Freundinnen und großmäuligen Zivilisten. Sie graben sich auch in die Feindbilder ein, die dieser Kriegsgeneration suggeriert wurden und erspüren in ihren vermeintlichen Gegnern die Schicksalsgefährten, denen die tröstenden Worte genau so wenig helfen. Auch die Erwachsenenwelt, wie sie Jan Reinartz und Agnes Giese als Arzt oder Kompanieführer, Krankenschwester und Hinterbliebene so pragmatisch repräsentieren, überlässt sie ihrem Schicksal.

Mit diesem symbolischen Gräberfeld und den Metallbetten, die zu Palisaden, Käfigen und Refugien werden, verzichtet Ausstatterin Susanne Rupert auf alles überflüssige Beiwerk für die kriegerische Kulisse. Es ist ein Raum für Nahaufnahmen von Körpern und Gesichtern, die sich auch dem nicht Mitteilbaren und dem Unbeschreiblichen stellen, das sie zwischen Schützengräben und Zählappellen heimsucht. Auf die Wirkung dieser Nahaufnahmen vertraut auch Nico Dietrichs Inszenierung  und auf ein realistisches Klima, in dem deutlich wird, das hier Situationen mit den Mitteln des Theaters nachgestellt werden, so anschaulich wie erschreckend, um dabei auch das Blutbad in den Köpfen sinnlich erfahrbar zu machen.

Es fließt kein Tropfen Kunstblut an diesem Abend. Es werden auch keine Horrorszenarien visualisiert, die den Schrecken des ersten Weltkrieges noch illustrativ bebildern. Nach einem letzten Röcheln werden die Körper von dem Metallrost gekippt.  Jedes Laken kann zum Leichentuch werden und jeder Spaten zur Waffe. Und wenn der Koch die nächste Henkersmahlzeit anschleppt, scheppern die Blechnäpfe bis sich der Lebenshunger mit dem nächsten Granatsplitter endgültig erschöpft.  Unter  dem Motto „Aufbrüche und Umbrüche“ ist Nico Dietrich in seine erste Spielzeit am Jungen Theater gestartet. Und auch wenn nach Remarques Roman ein Szenario der Zusammenbrüche und der Katastrophen Premiere hatte, ist das kein Widerspruch. Wie einen Vorhang lässt Nico Dietrich im Schlussbild seiner Inszenierung eine rote Fahne vor dem Trümmerfeld aufrollen: Symbolisch
für eine neue Zeitrechnung der politischen und sozialen Umbrüche aber auch
für ein Junges Theater in Aufbruchstimmung, das sein Publikum an diesem Abend mit viel Mut und großer Leidenschaft schon sehr bewegt hat.

Tina Fibiger