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Wind of change?

Information
Rezension - Erschienen am 5.Oktober 2014

Premiere von Helden wie wir. Zwei Fluchten aus Berlin Lichtenberg nach dem Roman von Thomas Brussig im Jungen Theater

Wind of change. Feuerzeuge. Die deutsche Flagge. Freudentränen. Umarmungen. Das hat man so alles schon mal gesehen und gehört. Tausend Mal. Und dennoch, Steffen Roll schafft es, das Publikum in seinen Bann zu ziehen, zu begeistern und zu fesseln. Er steht heute Abend, am Tag der deutschen Einheit, allein auf der ansonsten schlichten Bühne und spielt zwei Geschichten aus Ostberlin nach, die einander so nah und doch so fremd sind.

Zum einen ist da seine eigene Geschichte, die Geschichte des 12-jährigen Steffen Roll. Er wohnt zusammen mit seiner Familie gegenüber des Ministeriums für Staatssicherheit, bis sie sich entschließen, in den Westen, in die ,,schöne neue Welt“, zu fliehen. Es folgt eine Odyssee: Von Ostberlin nach Prag, zurück nach Ostberlin, dann über Magdeburg, Hannover, Göttingen und Gießen nach Frankfurt. Von dort letztendlich mit dem Flugzeug nach Westberlin. Das hätte mit der S-Bahn 20 Minuten gedauert, stellt Steffen Roll ernüchtert fest.

Auf der anderen Seite lernt der Zuschauer den Stasi-Offizier Klaus Uhltzscht kennen. Er hat sich sein Leben nicht ausgesucht. Immer nur das gemacht, was ihm gesagt wurde. Ohne zu fragen. Er ist nicht der, der er mal sein wollte. Er ist das Kind seiner Eltern, seiner Lehrer, der Gesellschaft, des Systems.

Die beiden Geschichten treffen erst aufeinander, als die Mauer fällt. Zum einen der junge Steffen Roll, überwältigt vor Glück. Die Sonne scheint ihm wärmend ins Gesicht. Auf der anderen Seite der Stasi-Offizier Klaus Uhltzscht, der die Welt nicht mehr versteht. Was wollen die Leute denn? Es geht ihnen doch gut! Sie sollen aus seinem Land verschwinden, diese undankbaren Verräter, sie werden schon noch sehen, was sie davon haben!

Steffen Rolls Spiel ist zum Teil sehr laut und schnell, überspitzt und bitter ironisch. Besonders überzeugend ist er aber vor allem in den stillen und nachdenklichen Passagen, in denen er echte Emotionen zeigt. Und obwohl hier seine eigene Geschichte erzählt wird, stellt er auch die andere Seite sehr verständnisvoll und ohne jegliche Schuldzuweisung dar.

Die Inszenierung von Nico Dietrich wirft Fragen auf. Essentielle Fragen. Was ist Freiheit? Vergessen wir nicht viel zu oft, wie dankbar wir für diese Freiheit sein sollten? Wer sind die Helden? Wer die Schuldigen? Fragen, an denen sich bis heute nichts geändert hat und die auch 25 Jahre nach dem Mauerfall immer noch aktuell sind.

Also ja, man hat das alles schon mal gesehen und gehört. Es ist wirklich nichts Neues. Aber muss es das?