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Kein Platz für Smalltalk

Information
Rezension von Tina Fibiger - Erschienen am 20.März 2015

Drei mal Leben von Yasmina Reza im Jungen Theater

Ein Keks nach dem Zähneputzen? Auf gar keinen Fall, erst reicht kein halber Apfel. Es wird wohl nix mit dem gemütlichen Familienabend von Sonja und Henri. Entsprechend explosiv ist die Atmosphäre auf der Bühne des Jungen Theaters, und das nicht nur, weil das Kind gerade pausenlos quengelt.

Für ihr Stück Drei mal Leben hat Yasmina Reza das bürgerliche Wohnzimmer erneut zur Kampfzone erklärt. Ähnlich wie in ihrer Erfolgskomödie „Gott des Gemetzels“ stehen mit Henris Vorgesetztem Hubert und seiner Frau Ines auch schon bald die passenden Kontrahenten vor der Tür, die für weiteren Aufruhr sorgen. Ihr Besuch war eigentlich für den nächsten Abend geplant und sollte Henris Karriere den dringend benötigten Auftrieb zu verschaffen. Die lang überfällige Publikation des Astrophysikers ist endlich fertig und müsste jetzt eigentlich als Aufsteigerbonus funktionieren.

Das schwarze Ledersofa, dass Karsten Zinser und Linda Elsner jetzt hektisch hin- und herschieben, ist gut gepolstert. Es muss auch einiges aushalten. Zwischen  Käsehäppchen, Fingerfood und Kindergebrüll ist kein Platz für Smalltalk. Auch von Jan Reinartz und Agnes Giese wird gestichelt, gelästert und taktiert, gern auch unsanft gedrängelt. Zwei Frauen im selben blauen Designerkleid. Das kann nicht gut gehen. Erst recht nicht wenn die Jüngere das Karrieremuttermodell repräsentiert und die Ältere als sozial engagierte Haufrau in der akademischen Oberliga punkten muss. Zwischen Henri und Hubert steht auch nicht alles zum Besten. Ich möchte ihn bewusstlos schlagen, brüllt Karsten Zinser, als das Kindergebrüll erneut einsetzt. Genau so gut könnte er Jan Reinartz meinen. Der hatte seinen Henri nämlich gerade mit der Nachricht auf ein Abstellgleis manövriert, dass das Thema seiner wissenschaftlichen Publikation scheinbar schon ein anderer bearbeitet hat.

Untereinander sind die Ehepaare ebenfalls großzügig mit Sticheleien und Gehässigkeiten, die mit zunehmendem Promillepegel umso bösartiger ausfallen. Sehr zum Vergnügen des Publikums, das auf der Bühne vier Schauspieler erlebt, wie sie ihre Figuren aus der Rolle fallen lassen und ein schaurig schönes Chaos anrichten. Doch damit ist der Abend noch längst nicht gelaufen, weil Yasmina Reza ihre Komödie um zwei Ehepaare und eine kleine Nervensäge kunstvoll variiert. Sie gönnt ihnen zwei weitere Versuche, den gemeinsamen Abend wenigstens ein bisschen harmonischer über die Bühne zu bringen.

Man sollte sich von dem anfänglichen Schmusekurs um Henri und Sonja nicht täuschen lassen und auch nicht von dem Eindruck dass die Gäste jetzt offenbar ebenfalls weniger zerstörerisch gestimmt sind. Beim dritten Versuch quittiert Henri die Nachricht seines Vorgesetzten schon fast mit Gelassenheit, während sich Hubert einmal mehr mit Sonja an einem weiteren intimen Sofatest versucht. Die Vorräte an Wein und Wodka sind schon reichlich dezimiert, wenn Regisseurin Christine Hofer die beiden Variationen eines verkorksten Abends ebenso turbulent und komisch ausufern lässt. Dabei verflüchtigt sich leider die Wirkung von Yasmina Rezas subtiler Dialogstrategie immer mehr. Ihre Figuren liegen ja weiterhin ständig auf der Lauer, auch wenn sie jetzt ihr Punktekonto scheinbar etwas netter aufrüsten. Aber hier genießt das Publikum vor allem die Slapsticks, wenn der Wodka nicht das Glas trifft und der Sprung auf das Sofa auch beim wiederholten Male zur Bauchlandung auf dem Bühnenboden wird. Auch Henris heiliger Bücherturm bekommt weiterhin Tritte ab, selbst wenn die jetzt eher versehentlich anmuten.

Ausstatter Dirk Seesemann hat ein Seil vor die Kampfzone gespannt, das immer wieder zur Stolperfalle wird, wenn sich die Paare ihrem wechselseitigen Schlagabtausch strategisch verheddern. Als Transportseil liefert es auch den nötigen Stoff zum Weitermachen. Von der Galerie aus verhindert Katharina Binder in der Rolle der eifrig bemühten stummen Forschungsassistentin mögliche Durststrecken mit einer stets gut gefüllten hölzernen Getränkekiste. Auf Abruf versteht sich, weil Christine Hofers Inszenierung von Drei Mal Leben sich auch als Versuchsanordnung versteht und als Spiel vom Fragen: Was wäre wenn das Kind nicht andauernd brüllen würde? Wenn die beiden Ehepaare vielleicht noch über harmonische Reserven verfügen und wenn das ständige Publizieren müssen den Wissenschaftsbetrieb nicht völlig vereinnahmen würde? Kurz vor dem Lallstadium bleibt von dieser Idee einer Versuchsanordnung natürlich nicht mehr viel an substanziellem Gesprächsstoff übrig. Yasmina Reza Figuren geben hier im Grunde auch keinen Anlass zu Einsichten, weil sie schon vor dem verkorksten Abend mit ihrem Lebens- und Alltagsfrust hadern. Auf der Bühne machen sie ihrer Wut dann halt endlich mal Luft. Ändern wird das nichts. Aber wenigstens das Kind ist am Ende ruhig gestellt, auch wenn die Erwachsenen die Fingerfood Reserven am liebsten ganz allein vernascht hätten.