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Navigator Luna Nord

Information
Rezension von Tina Fibiger - Erschienen am 6.September 2015

Linda Elsners Ermittlungsprozess am Jungen Theater

Die Familienstrukturen sind ziemlich kompliziert. Wann und warum welche Söhne und Töchter den Status Prinz oder Prinzessin erhalten oder wer dann die Rolle des Oberhauptes übernimmt. Linda Elsner hat offenbar kein Problem mit dem traditionellen Regelwerk ihrer fremden Angehörigen. Von da oben auf der Empore des Jungen Theaters klingt ihre Beschreibung auch noch so, als ob sie es mit den Komplikationen ihres Reiseabenteuers locker aufnimmt. Doch schon bald wird sie auf der Bühne von Zweifeln geplagt.

Es geht um das Leben eines unbekannten Großvaters und seinen Aufenthalt in Leipzig, dessen Spuren sie in ihrer Inszenierung am Jungen Theater verfolgt. Es geht dann auch um die Frage, warum er einfach von der Bildfläche verschwand, seine schwangere Freundin sitzen lies und sich in Togo dem herrschenden Regime anschloss, gegen das er ursprünglich opponiert hatte. „Ermittlungsprozess“ hat die Schauspielerin ihre dramatische Spurensuche genannt, denn es sind nur spärliche Dokumente, mit denen sie sich in ihrem Stück „Navigator Luna Nord“ auseinandersetzt. Um so mehr werden nun Vermutungen und Spekulationen zu möglichen Anhaltspunkten, was damals wohl passiert sein könnte und warum vieles davon jetzt noch nachwirkt. Zur Seite steht ihr dabei der Musiker Benjamin Pogoratos, der am Mischpult mit Sounds, Geräuschen und Klangbildern die Stimmungen, Ängste und Vorbehalte zum Ausdruck bringt, die dabei nicht so ohne weiteres zur Sprache kommen.

Immer wieder dreht sich hinter einem dunklen Schleier eine riesige Filmrolle, weil die Suchbilder einfach nicht klarer werden wollen sondern erst mal nur verwirren. Die Gestalt auf der Bühne kämpft mit den Nachwirkungen eines Malariamittels, das ihr diffuse Träume beschert. Sie ist genervt von ihren Mitfahrern auf der Fahrt zum Brüsseler Flughafen. Ihre Verwandtschaft in Togo terrorisiert sie mit Anrufen und Forderungen nach Geld und IT Zubehör. Doch schon in diesem Aufbruchchaos kommt es wieder zu flash backs.
Es sind fiktive Interviewsituationen, die die Schauspielerin mit diesem Jean imaginiert, wie das Gespräch mit einem Toten, für den sie auch die Antworten formulieren muss. Dass er ohne weiteres an ein DDR Visum gekommen ist, um in Leipzig Polizeiwissenschaften zu studieren, dass er die Familientradition verweigert hat und nicht Priester geworden ist und dass er seiner Ehefrau seine Affäre und seine uneheliche Tochter verschweigen musste.

Mit jedem Requisit, nach dem Linda Elsner in einem Sandbett gräbt, folgt sie einer weiteren Erzähl- und Erinnerungsspur. Sie greift nach einem Zeitungsartikel über die Machtverhältnisse in Togo mit den korrupten Seilschaften und dem kurzen demokratische Intermezzo. Oder sie wird sie zum Filmstatisten Jean der sich in der Science Fiction Produktion „Navigator Luna Nord“ auf geheime Mission begibt.

Es gibt keine Chronologie in diesem dramatischen Ermittlungsprozess, wenn die Schauspielerin von Hitze, Armut und Drogenkartellen erzählt, von einer hierarchischen Gesellschaft und von den Zuwendungen und Zugriffen ihrer afrikanischen Verwandtschaft. Wieder greift sie nach einem Paar Orangefarbener Kopfhörer, weil sich in einem Zeitungsarchiv auch das Foto eines diplomatischen Gastes aus Togo befand. Wohl gelitten schien in einem Kreis von DDR Sportschützen, anders als seine uneheliche Tochter, die sich als „Fitschi“ verspotten lassen musste. Auch in dem gesellschaftlichen Klima der früheren DDR Gesellschaft hat die Schauspielerin für ihr Stück ermittelt und zeigt es als groteske Stammtischparodie, wo die „Fitschis“ mit Sonne, Strand  und Südseezauber besungen wurden. Das reimte sich auch so schön auf all die Vorurteile gegen Kinder aus Mischehen und Beziehungen mit den Teilzeitbürgern aus den afrikanischen Bruderländern mit sozialistischen Ambitionen.

So wie die Filmrolle im Bühnenhintergrund immer angehalten, verdunkelt und dann erneut beleuchtet und bewegt wird, entwickelt sich auch Linda Elsners Spurensuche. Die Bilder und die Eindrücke rotieren, bis eine Einsicht sie Ausbremst, die nächste Frage sie dann erneut beschleunigt und sich ein weiterer dunkler Fleck in einer Familiengeschichte abzeichnet. Dieser bewegende Theaterabend macht viele dieser dunklen Flecken sichtbar, aber eben auch die Erkenntnis,  dass Deutungs- und Erklärungsversuche dabei manchmal versagen und die Suche nach Einsichten dennoch weitergeht.